Einführung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie (Fach) / VL 1 + 2 + 3 (Lektion)

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  • Sicherungsfragen (Körperlich vegetative Symptomatik) - Kardiale Symptome - Appetit/Durst & Erbrechen - Wasserlassen & Stuhlgang - Gewichtsverlauf - Schlaf - Regelmäßig eingenommene Medikamente
  • Relevante Informationen bei Anamnese (Aktuelle Anamnese) - Aktuelle & Komorbide Symptomatik - Verlauf & Fluktuation von Symptomen - Beginn (+ situativer Kontext) & Intensität - Reaktion der Umwelt - Leidensdruck - Bisherige Therapiemaßnahmen
  • Relevante Informationen bei Anamnese (Eigenanamnese) - Frühe kindliche Entwicklung (Prä-, Peri- & Postnatal) - Frühere Erkrankungen - Kleinkinder-/Vorschulzeit, Schule und Beruf - Soziale Situation, Aktivitäten, Hobbies & Interessen - Sexualität - Entwicklungsstand - Konsum/Einstellung bzgl. Genussmittel
  • Relevante Informationen bei Anamnese (Familienanamnese) - Unmittelbare Familie (Alter, Beruf, Erkrankungen, Besonderheiten) - Geschwisterkonstellationen - Sozioökonomischer Status - Gesprächseindruck
  • Exploration Psychiatrisches Untersuchungsverfahren mit dem Ziel der Informationsgewinnung über die Art und Weise psychiatrischer Abläufe. Methode: Erfassen psychischer Einzelfunktionen
  • Psychische Einzelfunktionen (Überblick) - Erscheinungsbild & Psychomotorik - Bewusstseinslage & Orientierung - Denken (Formale & Inhaltliche Denkmuster) - Stimmung & Affekt - Mnestische Funktionen (Gedächtnis) - Wahrnehmung - Ich-Störungen
  • Psychomotorik (Dynamischer Gesamteindruck) Gesamtheit von Antrieb, Ausdrucksverhalten, Sprache und Stimmlage Inkludiert ebenfalls Benehmen, Umgangsformen und Kontaktverhalten
  • Bewusstseinslage (Indikatoren) Mindestens 5 nennen! Bewusstseinsklar, Wach, Delirant, Eingetrübt, fluktuierend, hypervigil, schläfrig, somnolent, stuporös
  • Welche Implikationen hat ein getrübter Bewusstseinszustand? Hinweis auf intoxikation oder andere körperliche Ursachen --> Kein klassisches Symptom psychischer Störungen
  • Weitere psychopathologisch relevante Bereiche - Neuropsychologische auffälligkeiten - Intelligenz - Sexuelle Aktivität - Suizidalität
  • Multiaxiales Klassifikationssystem für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters( MAS) --> Überblick der Achsen Achse I = Klinisch psychiatrisches Syndrom Achse II = Umschriebene Entwicklungsstörungen Achse III = Intelligenzniveau Achse IV = Körperliche Symptomatik  Achse V = Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände Achse VI = Psychosoziales Funktionsniveau
  • Achse I (MAS) Klinisch psychiatrisches Symptom --> Diagnose/Störungsbild nach ICD-10 kodiert
  • Achse II (MAS) Umschriebene Entwicklungsstörungen --> Vorliegen von Auffälligkeiten hinsichtlich des anzunehmenden EntwicklungsniveausAusnahmen: Unzureichende Schulbildung, Beeinträchtigung der Intelligenz, sensorische behinderung, neurologische Krankheiten
  • Achse III (MAS) Intelligenzniveau (Angabe nicht nur, wenn unterdurchschnittlich) Staffelung: IQ > 127: Sehr hoch IQ = 115 - 126: HochIQ = 85 - 114. NormalbereichIQ = 70 - 84: NiedrigIQ < 69: Intelligenzminderung
  • Achse IV (MAS) Aktuelle Körperliche Symptomatik (auch mehrere Kodierungen zulässig)  SVV läuft als X-Kodierung auf dieser Achse
  • Achse V (MAS) Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände innerhalb der letzten 6 Monate  Auflistung von c.a 40 Belastungsfaktoren mit nachgewiesen ungünstigen Auswirkungen
  • Belastungsfaktoren (Psychosozial) Mind. 5 nennen! - Abnorme intrafamiliäre Beziehungen - Psychische Störung (abweichendes Verhalten/Behinderung) in der Familie - Inadäquate/Verzerrte intrafamiliäre Kommunikation - Abnorme Erziehungsbedingungen (Bspw. Alleinerziehend) - Abnorme unmittelbare Umgebung - Akute belastende Lebensereignisse - Gesellschaftliche Belastungsfaktoren - Chronische zwischenmenschliche Belastung in Zusammenhang mit Schule/Arbeit - Belastende Lebensereignisse/-situationen infolge der Verhaltensstörung/Behinderung eines Kindes
  • Achse VI (MAS) Ausmaß der Beeinträchtigung der psychosozialen Anpassung des Kindes in drei Lebensbereichen --> Beurteilung auf zehnstufiger Skala Bereiche:  Beziehungen zu Familienangehörigen, Gleichaltrigen & ErwachsenenBewältigung sozialer SituationenSchulische & Berufliche AnpassungInteressen & Freizeitaktivitäten
  • Formen von Essstörungen (Überblick) Anorexia Nervosa (+ Atypisch) Bulimia Nervosa (+ Atypisch) Essattacken bei anderen psychischen Störungen (Eigentlich noch Binge-Eating/Purging)
  • Risikogruppen für Anorexia Nervosa Tänzer (Bsp. Ballett) Models Sportler (v.A. Sportarten wie Turnen)
  • Anorexia Nervosa (Diagnostische Kriterien) - Gewicht 15% unterhalb des Norm-BMI (Altersperzentil < 10) - Selbstherbeigeführter Gewichtsverlut - Körperschemastörung - Endokrine Störung --> Amenorrhoe - Reversible Störung der pubertären Entwicklung, falls Beginn vorpubertär
  • Psychopathologische Merkmale der AN (Mindestens 5 nennen) - Krankheitsverleugnung - Körperschemastörung & Niedriger Selbstwert - Verlust der Wahrnehmung des Hunger-/Sättigungsgefühls - Alexythymie = Verlust des Lesens und Ausdrucks von Gefühlen - Einschränkung von Interessen & Verlust sozialer Bezüge - Depressive Stimmungslage - Essrituale & Zwanghaftes Denken - Geringes Interesse an Sexualität - Übersteigertes Leistungsstreben
  • Sichtbare Symptome (AN) - Trockene/Schuppige Epidermis - Laugobehaarung (Flaum) - Akrozyanose (Blaue Finger + Zehen) --> Verengung der Akryolen durch Kälte wegen geringen Stoffwechsels - Haarausfall - Speicheldrüsenschwellung - Minderwuchs + Verzögerte Pubertät (falls präbubertär)
  • Gemischte Symptome von Essstörungen - Pseudoatrophia Cerebri --> Reversibles Schrumpfen der Hirnmasse - Ösophagitis (Entzündung der Speiseröhre --> v.A. bei BN) - Veränderungen des EKG (Bradykardie + Hypotonie) - Osteoporose - Komplikationen durch Laxanzienabusus
  • Risikofaktoren der AN (Individuell) - Störungen der Selbst-/Körperwahrnehmung - Persönlichkeitsfaktoren (Angepasst-Perfektionistisch, Abhängig) - Adipositas
  • Risikofaktoren der AN (Familiär) - Essstörungen in der Familie - Alkoholismus/Affektive Störungen - Familiäre Beeinträchtigung der Autonomieentwicklung
  • Risikofaktoren der AN (Kulturell) - Schlankheitsideal - Zugehörigkeit zu High-Risk-Groups
  • Ätiologische Faktoren - AN (Genetisch) - Vulnerabilität des serotonergen Systems - Vermutlich genetisch vermittelt (Zwillingsstudien + Erhöhtes Risiko für weibliche Verwandte ersten Grades)
  • Ätiologische Faktoren - AN (Soziokulturell) - Risiko in westlichen Kulturen größer - Einwanderer als Risikogruppe - Risikogruppen mit ausgeprägtem Schlankheitsideal
  • Ätiologische Faktoren - AN (Familiär) - Leistungsorientierung - Auffälliges Essverhalten - Anerkennung -Partnerkonflikte oder Suchtverhalten - Bindungs-/Beziehungsstörungen - Überprotektiv - Belastung mit psychiatrischen Erkrankungen
  • Differentialdiagnosen (AN) - Depression (auch komorbid) - Zwangsstörung (auch Komorbid) - Somatisierung -Schizophrenie - Reaktiver Appetitsverlust - Körperliche Erkrankungen: Bsp. Diabetes mellitus
  • Behandlungsziele (AN) - Gewichtsnormalisierung - Psychoedukation - (Wieder-)Erlernen angemessenen Essverhaltens - Reduktion irrationaler Einstellungen zu Nahrung, Gewicht & Aussehen - Behandlung individueller Problembereiche (ggf. Komorbidität)
  • Symptombezogene Therapiemaßnahmen bei AN - Vereinbaren eines Zielgewichts (BMI mind. zwischen 10. und 25. Altersperzentil) - Regelmäßige Wiegetermine (+ Dokumentation) - Vorgabe eines Essensplans --> Später gemeinsames Erarbeiten - Führen von Essprotokollen - Erlernen von Essregeln - Abbau von Gewichtsreduktionsmaßnahmen
  • Kriterien für stationäre Behandlung (AN) (Mindestens 5 nennen) - Starker Gewichtsverlust (>25%)- Somatische Komplikationen- Depression & Suizidgefährdung- Statische pathologische Familieninteraktion- Soziale Isolation- Stark eingeschränkte körperliche/kognitive Leistungsfähigkeit (--> Pseudoatrophia Cerebri)- Scheitern ambulanter Behandlungsversuche
  • Stationäres Behandlungsschema der AN (Phasen - Überblick) Phase 1: Somatische Kontrolle & Vertrauensbildung (Notfall-Gewichtsnormalisierung) Phase 2: Fremdgesteuerte Gewichtszunahme Phase 3: Selbststeuerung der Nahrungsaufnahme Phase 4: Schwerpunkt Familie und soziales Umfeld Phase 5: Ambulante Nachbetreuung
  • Stationäre Behandlung der AN (Phase 1) Somatische Kontrolle & Vertrauensbildung (Notfall-Gewichtsnormalisierung) --> Höchste Abbrecherquote
  • Stationäres Behandlungsschema für AN (Phase 2) Fremdgesteuerte Gewichtszunahme
  • Stationäres Behandlungsschema für AN (Phase 3) Selbststeuerung der Nahrungsaufnahme
  • Stationäres Behandlungsschema der AN (Phase 4) Schwerpunkt Familie & Soziales Umfeld
  • Stationäres Behandlungsschema der AN (Phase 5) Ambulante Nachbetreuung
  • Prognostische Faktoren (AN) Günstig: Früher Beginn, hysterische Persönlichkeit, konfliktarme Beziehung, kurzer Krankheitsverlauf, hoher Sozialstatus, stetige Gewichtszunahme Ungünstig: Erbrechen, bulimische Symptomatik, hoher Gewichtsverlust, langer Krankheitsverlauf, prämorbide Auffälligkeiten, schnelle Gewichtszunahme
  • Diagnostische Kriterien ICD-10 (BN) - Andauernde Beschäftigung mit Essen & Heißhungerattacken (Verzehr Großer Mengen an Nahrung in kurzer Zeit) - Kompensationsverhalten (Purging)  - Krankhafte Furcht vor dem Dick werden - Häufig AN in der Vorgeschichte
  • Bulimischer Kreis Pursuit of Thinness (Lösugnsversuch persönlicher Konflikte durch Kontrolle von Nahrungszufuhr/Gewicht) --> Malnutrition (indiv. suboptimales Gewicht) --> Fressattacken (Physiologische Gegenregulation + Spannungsreduktion) --> Psychische Labilisierung)
  • Risikofaktoren (BN) Individuell = Störung der Selbst-/Körperwahrnehmung, Adipositas, chronische körperliche Erkrankung (bspw. Diabetes Mellitus) Familiär = Essstörungen, Alkoholismus, affektive Störungen, familiäre Beeinträchtigung des Bindungsverhaltens Kulturell = Schlankheitsideal, Zugehörigkeit zu High Risk Peer Group
  • Differentialdiagnosen (BN) - Depression- Schizophrenie- Borderline- Essattacken bei belastenden Ereignissen- Körperlich: Tumore des ZNS, Affektion des oberen Gastrointestinaltrakts, Kleine-Levin-Syndrom
  • Kriterien für die stationäre Behandlung (BN) - Chronifizierender Verlauf- Somatische Komplikationen- Depression + Suizidgefährdung- Soziale Isolation- Drogenabusus + Delinquenz- Statiche pathologische Familieninteraktion- Scheitern ambulanter Behandlungsversuche
  • Behandlungsschwerpunkte der BN (Phasen - Überblick) Phase 1: Diagnostik + Vertrauensbildung (Esstagebuch, Erarbeitung eines Verhaltens-/Gewichtsplans, therapeutische Kontaktaufnahme) Phase 2: Verhaltensstabilisierung (erarbeitung problematischer Bereiche, intensive Einzelpsychotherapie, Einbeziehung von Station/Familie) Phase 3: Schwerpunkt Familie & soziales Umfeld (Familientherapie, schrittweiser Einbezug des sozialen Umfelds) Phase 4: Ambulante Nachbetreuung (Bsp. Gruppentherapie + Selbsthilfegruppe)
  • Prognostische Faktoren (BN) Günstig: Früher Beginn, hysterische Persönlichkeit, konfliktarme Beziehung, kurzer Krankheitsverlauf, hoher Sozialstatus Ungünstig: Begleitender Drogenabusus, Borderline-Persönlichkeit, große Gewichtsschwankungen, Anorexie in Vorgeschichte, soziale Isolation
  • Verlauf/Prognose für BN - Häufigste Rückfälle in den ersten Monaten - Langes Persistieren auffälligen Essverhaltens trotz Gewichtsstabilisierung (Prognose Adoleszent besser als erwachsen) - Nach 10 Jahren --> 3/4 mit adoleszenter AN geheilt - Nach 5 - 10 Jahren --> 1/4 der PatientInnen noch vollbild der BN - Häufig Entwicklungen von Komorbiditäten
  • Definition von Zwang Wiederkehrende/Anhaltende Ideen, Gedanken, bildhafte Vorstellungen, Handlungen oder Impulse, die... - Vom Patienten als unsinnig erlebt werden (Ich-Dyston)- Den normalen Denk-/Handlungsverlauf hemmen oder beeinträchtigen- Sich dem Patienten imperativ aufdrängen, ohne dass er sich davon befreien kann