Einführung in die qualitative Sozialforschung (Subject) / Wissenschafts- und Erkenntnistheorie 2 (Lesson)

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Jörg Strübing

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  • "Erklären" als einheitswissenschaftliche Position - CARL G. HEMPEL: Notwendigkeit einer methodologischen Einheit emprischer Wissenschaften --> Erklären = Zurückführen von Phänomenen auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten unter Explikation der Randbedingungen > In Form von Syllogismen: dreischritte Schlüsse vom Allgemeinen auf das Besondere > Modell begründet wissenschaftliche Geltungsansprüche (auch für Geisteswissenschaften) --> Wenn Erkenntnis nicht zu Erklärungen auf Basis allgemeiner Gesetzesmäßigkeiten führt, haben wir es nicht mit Wissenschaft zu tun.   
  • 4 Bedingungen für adäquate wissenschaftliche Erklärungen (Hempel&Oppenheim)   1. Explanandum muss logische Folge des Explanans sein 2. Explanans muss allgemeine Gesetze enthalten, die für die Herleitung des Explanandus erforderlich sein müssen 3. Explanans muss empirischen Gehalt besitzen 4. Sätze, die das Explanans bilden, müssen wahr sein   Explanans = Gesetze + Randbedinungen Explanandum = zu erklärendes Phänomen  
  • Deduktiv-nomologische Erklärungen - Explanans:  1) Gesetz (All-Aussage)  Wenn Konkurrenz, dann Ausländerfeindlichkeit 2) Randbedingungen In Gesellschaft X besteht Konkurrenz   - Explanandum:  zu erklärendes Phänomen  In Gesellschaft X existiert Ausländerfeindlichkeit --> rein logische Struktur, keine Aussage über Funktionalitäten
  • Erklären vs verstehen? Eine alte Kontroverse - Streit: Methodendualismus vs. Methodenmonismus > Kann es methodologisch eine einheitswissenschaftliche Perspektive geben? > oder: Sozial- und Geisteswissenschaften von Naturwissenschaften zu unterscheiden? - Droysen und Dilthey --> methodendualistische Position verstehenden Deutens > Verstehen: "Wir nennen den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein inneres erkennen: verstehen."
  • Probleme deduktiv-nomologischer Erklärungen - Funktionieren nur, wenn Gesetze existieren - Gesetze = unendlichen Geltungsanspruch (im Rahmen der spezifischen Randbedinungen) - Erfahrbare soziale Welt hat keine Gesetze  --> hypothetische, probalistische Erklärungen
  • Probleme von Verstehen in der methodendualistische Perspektive - Sozialwissenschaftliche Handlungserklärungen bedürfen immer auch einer empirisch-kausalen Verknüpfung zwischen Sinn und Handeln - Schluss von manifesten Handeln + Ergebnissen --> Der gemeinte Sinn wird uns erst durch einen (tatsächlich oder antizipierten) handlungspraktischen Nachvollzug zugänglich > Diltheys Intention
  • Was sind Erklärungen? - Antworten auf Warum-Fragen - wissenschaftlich angemessene Erklärungen: > deduktiv-nomologisch > induktiv-statistische  > abduktive Erklärungen - Unterschied: (empirische) Kausalerklärungen & (vorempirische)logische Erklärungen
  • Induktiv-statistische Erklärungen - Explanans 1) Gesetz G1: Wahrscheinlichkeitsaussage 87% aller Langzeitstudierenden verdienen mindestens 50% ihres Unterhalts selbst. 2) Randbedingung: Studentin X verdient mindestens 50% ihres Lebensunterhalts selbst.   - Explanandum: zu erklärende Phänomen Studentin X studiert seit 14 Semesters  (Nominaldefinition=Langzeitstudierende)
  • Probleme der I-S-Erklärung - nicht verifizierbar (wegen All-Aussage) - auch nicht falsifizierbar  - nicht als Erklärung anerkannt, sondern als Begründung - unverzichtbares Mittel aus pragmatischer Perspektive
  • Lösung der Probleme der I-S-Erklärung --> Gesetz der großen Zahl Gesetz der großen Zahl der Wahrscheinlichkeitstheorie - ein statistisches Gesetz hat zwar für ein einzelnes Ereignis keine emprische Konsequenz --> Bei einer zufälligen Auswahl von voneinander unabhängigen Realisationen, die Wahrscheinlichkeit gegen null geht, dass die relativen Häufigkeiten der durch das Gesetz postulierten Konsequenzen von den durch das Gesetz vorgegebenen Auftretenswahrscheinlichkeiten abweichen, wenn die Zahl der Realisationen immer größer werden Wikipedia: "Die relative Häufigkeit eines Zufallsergebnisses nähert in der Regel der Wahrscheinlichkeit dieses Zufallsergebnisses an, wenn das zu Grunde liegende Zufallsexperiment immer wieder unter denselben Voraussetzungen durchgeführt wird. 
  • Prinzip und Praxis: unvollständige Erklärungen - 3 Formen unvollständiger Erklärungen - praktisch wird häufig vom D-N-Modell der Erklärung abgewichen - 3 Formen unvollständiger Erklärungen 1) Ad hoc (hypothetische) Erklärungen: Erklärung singulärer Ereignisse mit Hilfe empirisch noch unbestätigter "Gesetze" --> Problem: Beliebig viele passende Theorien mit niedrigem Informationsgehalt 2) Partielle Erklärungen: Ableitung verschiedener Ereignisse aus einer unpräzisen Dann-Komponente --> Problem: Hypothese nicht mehr eindeutig falsifizierbar 3) Erklärungen mit impliziten Gesetzen: Empirische Ergebnisse werden als Kausalzusammenhang interpretiert --> Problem: Konstruktion falscher Zusammenhangsmodelle auf Basis von Scheinkorrelationen 
  • Weitere Probleme mit Erklärungen - Wie kommt eigentlich neues Wissen zustande? (3) > induktive und deduktive Schlüsse sind nicht in der Lage neues Wissen zu generieren > Falsifikation bestehender empirischer Aussagen, aber nicht die Formulierung neuer empirischer Aussagen > Realität der Gesellschaft = ständig im Fluss --> neue Erklärungen werden für neue Phänomene benötigt
  • Entdecken und begründen (Hans Reichenbach) - Wissenschaft - Reichenbachs Unterscheidung - Wissenschaft: Generierung neuen Wissens (Entdecken) + Behauptung der Gültigkeit dieses Wissens (Begründung)   - Reichenbach unterscheidet: > Entdeckungszusammenhang > Begründungszusammenhang > Verwendungszusammenhang --> KEINE Trennung von zeitlichen Phasen
  • Entdecken und Begründungen - Gegenstand der Erkenntnistheorie - Schwerwiegende Behauptungen - Gegenstand der Erkenntnistheorie: Begründungszusammenhang --> mit den Mitteln der Logik zu analysieren ist - 3 schwerwiegende Behauptungen: 1) Entdeckungszusammenhang soll/kann nicht Gegenstand der Erkenntnistheorie sein 2) Entdecken ist ein vor- oder außerlogischer Prozess 3) Die Alternative zur Erkenntnislogik ist die Behandlung von Entdeckungen als psychisches Phänomen
  • Was ist eine Hypothese? (4) Eine Hypothese besteht mindestens aus: 1) Angabe ihres Geltungsbereichs (immer oder überall) 2) Angabe eines Objekt- oder Individuenbereichs (schwangere Frauen unter 30, Kinder...) 3) Allquantor (Für alle x gilt), mit dem die Geltung der Aussage für alle Objekte des Objektbereichs behauptet wird 4) Zwei Prädikaten oder Eigenschaften der zum Objektbereich zählenden Akteure   Beispiel: Für alle kolumbianischen Kaffepflanzer gilt: Je tiefer sie im Urwald wohnen, desto mehr Kinder haben sie. 
  • Logik des Hypothesentests - D-N-Schema liegt dem Hypothesentests zugrunde - Gegeben: Wenn Kunden in Fachgeschäften aggressiv verhandeln, dan erzielen sie bessere Preise. - Gesucht: Situationen, in denen Wenn-Komponente als Randbedingung empirisch vorliegt > Aggressiv verhandelnde Kunden in Fachgeschäften - Beobachtet: Ob aus Dann-Komponente ableitbare Sachverhalte tatsächlich auftreten > Erzielen sie bessere Preise? 
  • Korrespondenztheorie der Wahrheit - Eine empirische Aussage ist wahr, wenn sie mit einem beobachtbaren Sachverhalt übereinstimmt (Alfred Tarski) --> Definiert, wann eine empirische Aussage als wahr gelten soll (axiomatische Setzung) --> Probleme der Überprüfng und Begründung werden von der Korrespondenztheorie nicht berührt
  • Korrespondenztheorie der Wahrheit (Alfred Tarski) - Eine empirische Aussage ist wahr, wenn sie mit einem beobachtbaren Sachverhalt übereinstimmt (Alfred Tarski) --> Definiert, wann eine empirische Aussage als wahr gelten soll (axiomatische Setzung) --> Probleme der Überprüfng und Begründung werden von der Korrespondenztheorie nicht berührt
  • Korrespondenzregeln - Festlegung, welcher beobachtbare Sachverhalt als Indikator für einen theoretisch gemeinten Sachverhalt gelten soll --> Zuordnung von Indikatoren zu Begriffen - NICHT identisch mit Definition des theoretischen Begriffs --> Vermutung eines wirkichen Zusammenhangs zwischen Indikator und Begriff
  • Das Basissatzproblem (Popper) Basissätze: Protokollsätze über Beobachtungen --> Basis für Versuche der Falsifikation von Theorien "besagt, dass die empirisch gewonnene Beobachtungssaussage 'wahr' sein muss, damit aus ihrem Vergleich mit dem theoretisch abgeleiteten potentiellen Falsifikator/Konfirmator eine Schlussfolgerung auf die 'Wahrheit' der Hypothese begründet werden kann."
  • Popper zu Basissätzen und Konvention - Prüfung der Theorie geht aus Basissätze zurück --> werden durch Festsetzungen anerkannt - Anforderungen an Basissätze 1) aus intersubjektiv beobachtbaren Ereignissen gewonnen werden 2) untereinander widerspruchsfrei 3) Berücksichtigung des state-of-art der jeweiligen wissenschaftlichen Fachdisziplin
  • Der Werturteilsstreit - Welchen Einfluss sollen oder dürfen Werte auf wissenschaftliches Arbeiten haben? - Sollen wissenschaftliche Ergebnisse + Prozesse --> frei von wertenden Bezugnahme (ethisch-morgalischer Zielbestimmung) sein? - Für die Akzeptierung einer Theorie --> auch andere Gründe? (außer Übereinstimmung mit Realität)
  • Max Webers Position des Werturteilsstreits - jede wissenschaftliche Beschreibung unf Erkärung ist notwendig wertend (außer die Forscherin wählt unter unendlicher Zahl möglcher Fragestellungen eine bestimmte) - Beschreibungen und Erklärungen von Tatsachen --> objektiv nachvollziehbar, NICHT von Wunschvorstellung des Wissenschaftlers beeinflusst - aus Seins-Aussagen folgen keine Sollens-Aussagen - Wertungen können Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit sein
  • Werturteilsstreit: Kritik an Weber (4) Kritiker verweisen auf die besondere Struktur des sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbezugs - Forscher sind immer Teil des Forschungsgegenstandes --> können nicht neutral sein - Begriffe in Protokollsätzen implizieren wertende Bezugnahmen auf unseren Gegenstand - Unterscheidung von beschreibenden und wertenden Ausagen nicht möglich - Wahrheit einer Aussage bezieht sich auch auf wertende Vorstellungen (+ übereinstimmung mit der Realität)
  • Können Aussagen wahr sein? (3 Aspekte) - Logisch wahr dh. in sich nicht widersprüchlich - Empirisch wahr sprachliche Aussagen stehen in Übereinstimmung mit in ihnen angesprochenden Aspekten der Realtität  - Pragmatisch wahr Aussage ist sinnvoll oder zweckmäßig im Hinblick auf ein bestimmtes Handlungsziel
  • "Wahrheit" im kritischen Rationalismus - in dem von uns skizzierten Aufbau der Erkenntnislogik  --> auf 'wahr' oder 'falsch' verzichten --> logische Überlegungen über Ableitbarkeitsbeziehungen - Basissätze --> Anerkennung als konventionellen Entschluss  --> anerkannte Sätze als Festlegung
  • Der Positivismusstreit - analytische Wissenschaftstheorie Strenge Trennung von Begründungszusammenhang und Entdeckungs- und Wertungszusammenhang - Frankfurter Schule Methodendualismus Parteilichkeitspostulat - Popper Annerkennund des Wertfreiheitspostulat für Begründungszusammenhang