Kriminologie (Subject) / Vorlesung Prof. Höffler (Lesson)
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Im Rahmen der Blockveranstaltung Kriminologie HS20 an der Universität Luzern
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- Welcher Grundthese folgen die Kontrolltheorien? Grundthese der Kontrolltheorien ist, dass die Kriminalität die Folge der Schwächung der sozialen Einbindung des Individuums in die konventionelle Gesellschaft ist und zudem der Kriminelle eine niedrige Selbstkontrolle hat. Grundfrage: Warum ist man konform?
- Welche kriminalpolitische Implikation folgt aus der Control Balance Theorie und wieso. Nach Tittlewirkt sich (soziale) Kontrolle nur dann hemmend auf deviantes Verhalten aus, wenn sie ein gesundes Mittelmass findet. Es sollten also einerseits gesellschaftliche Strukturen angestrebt werden, in denen soziale Kontrolle und Selbstkontrolle im Sinne von HirschisBindungstheorie und Gottfredsonund HirschisGeneral Theoryof Crime entwickelt werden kann. Dies würde bedeuten, dass die klassischen Institutionen (unter anderem Familie, Schule) soweit gefördert werden müssen, dass sie effektiv Kontrolle auf das Individuum ausüben können. Andererseits impliziert die Theorie jedoch auch, dass diese Kontrolle begrenzt sein muss. Unterdrückung und steile Hierarchien, die Macht sehr ungleich verteilen, sind also zu vermeiden. Der Control Balance Theory nach reicht es also nicht, nur bestimmte Zielgruppen anzusprechen. Die Lebensrealität von Menschen muss insgesamt so gestaltet werden können, dass möglichst wenige Kontroll-Defizite und Kontroll-Überschüsse entstehen.
- Welche Kritikpunkte sind den Kontrolltheorien entgegenzuhalten? - Motivation sich abweichend zu verhalten, wird einfach vorausgesetzt; individuelle Gründe für ein abweichendes Verhaltenwerden außer Acht gelassen - Erklärung “rationaler” Kriminalitätsformen, v. a. Wirtschaftskriminalität?, Personen, die diese Form des Verbrechensbegehen, sind in der Regelgut in die Gesellschaft integriert - Resozialisierung / Besserung unmöglich nach der General Theory of Crime? („Selbstkontrolle bis zum 8. Lebensjahr ausgebildet und dann stabil“)
- Nennen und erklären Sie eine Kriminalitätstheorie, die die Willensfreiheit des Einzelnen in Bezug auf kriminelles Verhalten in den Fokus rückt. Nennen Sie eine Kriminalitätstheorie, bei der Willensfreiheit keine Rolle spielt. Rationale, oft auch als neoklassisch bezeichnete, Kriminalitätstheorien gehen von der Willensfreiheit des Individuums und somit von dessen persönlicher Verantwortung für das eigene Handeln aus. Hierin unterscheiden sie sich wesentlich von den ätiologischen Theorien, welche von einem Determinismus des Individuums sprechen (z.B. rein biologische Kriminalitätstheorie).
- Nennen und erklären Sie eine Kriminalitätstheorie, deren kriminalpolitische Implikation es ist, möglichst harte Strafen anzudrohen (abschreckendes Strafrecht). Nennen und erklären Sie eine Theorie, die dieser Implikation widerspricht. Nach der Rational-Choice Theorie muss das Strafrecht so konzipiert werden, dass konformes Verhalten so zu belohnen und gleichzeit kriminelles Verhalten so zu bestrafen ist, dass konformes Verhalten für den Einzelnen rationaler wird. Diese Theorie erfordert also ein Abschreckungsstrafrecht. Widersprochen wird die Implikation durch die Control Balance Theory von Tittle. Danach muss darauf geachtet werden, dass kein Kontroll-Überschuss entsteht. In diesem Zustand neigen Individuen zu autonomen Formen der Kriminalität.
- Für welchen Kriminalitätsbereich ist die Rational Choice Theorie am plausibelsten und wieso? Die Rational Choice Theorie ist vor allem im Bereich der Wirtschaftskriminalität am plausibelsten, da sie die in Chefetagen und Managerkreisen durchgeführten Kosten-Nutzen-Kalkulationen zugunsten devianter Handlungen als den Ursprung krimineller Machenschaften darzustellen vermag.
- Was ist an der Rational Choice Theorie zu kritisieren? Zu kritisieren ist die mangelnde Erklärungskraft für emotionale, triebgesteuerte Handlungen (wie z.B. Totschlag). Ausserdem sind moderne Varianten mit breitem Nutzen-Verständnis wenig aussagekräftig. Sie wirft Frage nach Sozialisationsbedingungen auf: Wieso ist etwas für Person A subjektiv nützlich aber nicht für Person B? Ebenfalls ist der Abschreckungseffekt harter Strafen empirisch nicht belegt. Viel wichtiger sind eine Entdeckungs- und Verfolgungswahrscheinlichkeit.
- Was ist – übertragen auf kriminelle Handlungen – unter Nutzen und Kosten einer Handlung im Rahmen der Rational Choice Theorie zu verstehen? Nutzen: Finanzielle oder sonstige wirtschaftliche Nutzen, psychische oder soziale Nutzen Kosten: Entdeckungs- und Verfolgungswahrscheinlichkeit
- Nennen und beschreiben Sie kurz 3 Ausprägungen von Kontrolltheorien. Bindungstheorie nach Hirschi: Hirschi geht davon aus, dass je stärker das Ausmaß sozialer Kontrolle und je dichter das Geflecht sozialer Bindungen sind, desto eher Personen sich normenkonform verhalten. Hirschi unterscheidet vier verschiedene Formen sozialer Bindung (social bonds) und deren Einfluss auf die soziale Kontrolle: Attachment (Bindung), Commitment (Verpflichtung), Involvement (Einbindung) und Belief (Überzeugung). General Theory of Crime nach Hirschi/Gottfredson: Diese Kriminalitätstheorie erklärt die Abwesenheit und nicht das Entstehen von Kriminalität. Dies führt sie auf Selbstkontrolle zurück. Verfügt ein Individuum über wenig Selbstkontrolle, und hat es die Gelegenheit zur Kriminalität, wird kriminelles Verhalten wahrscheinlicher. Da die Gelegenheiten zur Kriminalität weit verbreitet sind, ist mangelnde Selbstkontrolle als hauptsächliche Ursache von Kriminalität anzusehen. Control Balance Theory nach Tittle: Nach der Control Balance Theorie wird sowohl die Wahrscheinlichkeit mit der abweichendes Verhalten auftritt als auch die charakteristische Form der Abweichung bestimmt durch das Verhältnis der Kontrolle, der ein Mensch ausgesetzt ist, zur Kontrolle, die er selbst ausübt. Tittle unterscheidet zwischen der Control Balance, Kontroll-Überschuss und Kontroll-Defizit.
- Welche Kriminalitätstheorien beziehen sich auf die Mikroebene? - Rein (erb-)biologische Theorie - Biosoziale Theorie - Psychologische Theorie - Lerntheorie - Kontrolltheorie: Halt- und Bindungstheorie - Ökonomische Theorie/Rational-Choice Theorie
- Welche Kriminalitätstheorien beziehen sich auf die Makroebene? - Anomietheorie - Subkulturtheorie - Broken Windows Theorie - Lableling-/Etikettierungstheorie
- Was versteht man unter der Anomietheorie? Die Anomietheorie geht davon aus, dass Kriminalität die Folge einer Diskrepanz zwischen kulturell vorgegebenen (v.a. ökonomischen) Zielen und den von der sozialen Struktur bestimmten (beschränkten) Mitteln, diese Ziele zu erreichen, ist. Kriminalität entsteht m.a.W. durch das Auseinanderklaffen der als legitim anerkannten gesellschaftlichen Ziele und der reduzierten Zugangsmöglichkeiten zu den zur Erreichung dieser Ziele erforderlichen Mittel. Um mit diesem Druck umgehen zu können, findet ein individuelles Zurückgreifen auf einer der folgenden 5 Verhaltensmuster statt 1.KonformitätAkzeptanz kultureller Ziele und Anpassung an sozialen Wandel2.InnovationAkzeptanz kultureller Ziele, Nichtanerkennung legaler Mittel zur Erreichung der Ziele.3.RitualismusHerunterschrauben / Aufgabe der kulturellen Ziele und Beibehaltung legaler Mittel zur Erreichung dieser.4.RückzugAblehnung kultureller Ziele und legaler Mittel5.RebellionBekämpfung der Ziele sowie der Mittel mit dem Ziel, soziale Strukturen zu verändern.
- Was sind die kriminalpolitischen Implikationen der Anomietheorie? Mertons Anomietheorieverweist auf den viel zitierten Zusammenhang von Sozial- und Kriminalpolitik („Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik“, Franz von Liszt). Denn da ja Kriminalität in Form von Innovation (oder auch Rückzug und Rebellion) Ergebnis sozialstruktureller Ungleichheiten ist, muss es Aufgabe der Kriminalpolitik sein, diese aufzulösen. Ökonomisch schwächer gestellten Personen muss der Aufstieg in höhere Schichten ermöglicht oder ihnen zumindest bei einer entsprechend angemessenen Zielerreichung geholfen werden.
- Was ist an der Anomietheorie zu kritisieren? - erklärt eher Delikte wie Raub; weniger Mord im Affekt - erklärt wenig Kriminalität in Mittel- und Oberschicht, die eigentlich über ausreichend Mittel verfügen - keine Erklärung für unterschiedliche Reaktionen in atomischen Situationen: Person A reagiert mit Rückzug, Person B reagiert mit Innovation (=Kriminalität), wieso?
- Aus welchen Kriminalitätstheorien folgt, dass gute Sozialpolitik die beste Kriminalpolitik ist und wieso? Anomietheorie und Subkulturtheorie, weil beide davon ausgehen, dass Kriminalität Folge sozialer Ungleichheit ist. Gute Sozialpolitik kann die soziale Ungleichheit beseitigen.
- Beschreiben Sie die Subkulturtheorie. Die Subkulturtheorie nach Cohen geht davon aus, dass Kriminalität eine Folge des Zusammenschlusses von Jugendlichen zu so genannten Subkulturen ist, in denen normabweichende Wert- und Moralvorstellungen herrschen. Subkulturen sind dabei definiert als Unter- oder Antisysteme der Gesellschaft mit eigenen, oftmals im Widerspruch zu den Moralbegriffen der Gesamtgesellschaft stehenden Überzeugungen und Normen. Die Subkulturtheorie ist eine Kombination aus der Anomietheorie, Theorie der Neutralisationstechniken und Lerntheorie. Im Fokus steht die Entstehung der Kriminalität aus den Subkulturen heraus.
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- Was kann man an der Subkulturtheorie kritisieren? Eine entscheidende Schwäche birgt Cohens Theorie in ihrer eigenen Begrenzung auf Jugendkriminalität. Empirisch stützt sie sich lediglich auf Untersuchungen nordamerikanischer Straßengangs und Jugendbanden. Die Subkulturtheorie hat keine Geltung für die Kriminalität im Allgemeinen. Delikte aus der Wirtschaftskriminalität können zudem damit ebenso wenig erklärt werden wie Verbrechen durch die Mittelklasse oder beispielsweise durch Frauen.
- Was ist die Broken Windows Theorie, auf welchen Vor-Experimenten beruht sie (erklären)? Die Broken Windows Theorie geht davon aus, dass die Verwahrlosung und Vandalismus an einem Ort die Wahrscheinlichkeit von mehr Verwahrlosung an diesem Ort und von Delinquenz erhöht. Als Auslöser für kriminelles Handeln sehen Wilson und Kellingden städtebaulichen Verfall („urban decay“) wie z.B. zerbrochene Fenster (Broken Windows). Die Broken Windows Theorie ist eine ökologische Theorie, weil sie sich auf den geographischen Raum fokusiert, in dem sich Kriminalität ereignet. Die Theorie geht zurück auf das Experiment von Zimbardo im Jahr 1969. Er stellte jeweils in der New Yorker Bronx und dem Stadtteil Palo Alto in Kalifornien ein Auto mit abmontierten Kennzeichen und geöffneter Motorhaube ab. Im Stadtteil Bronx begannen die Bewohner bereits nach Minuten, verwertbare Teile des Autos abzumontieren und anschließend den Wagen komplett zu zerstören. Im Gegensatz hierzu blieb der PKW in Palo Alto unangetatst. Ein besorgter Passant schloss lediglich die geöffnete Motorhaube. Erst als Zimbardo in das Experiment eingriff und den Wagen mit einem Vorschlaghammer selbst demolierte, wurde auch in Kalifornienen das Auto von den Anwohnern schließlich ausgeschlachtet. Zimbardo schloss daraus, dass der Vandalismus zum einen auf eine sichtbare Vorbeschädigung zurückzuführen ist und zum anderen mit der Erfahrung mit sozialer Unordnung/Verwahrlosung im Stadtteil.
- Welche kriminalpolitischen Implikationen hat die Broken Windows Theorie? Das New Yorker Polizeimodell „Zero Tolerance” von William Bratton basiert auf der Broken Windows Theorie. Hiernach werden die kleinsten Vergehen wie z.B. öffentliches Urinieren, Drogenbesitz oder das Sprühen von Graffiti geahndet (qualify of life offenses). Dies soll zum Zweck der Prävention zeigen, dass auch größere Vergehen geahndet werden. In New York hatte diese Strategie in den 90ern einen großen Erfolg.
- Was kann an der Broken Windows Theorie kritisiert werden? - „Zero Tolerance“ unverhältnismäßig (kleine Vergehen hart zu bestrafen) - „Zero Tolerance“ unrealistisch: würden die Staatsanwaltschaften nicht 70 % aller Verfahren einstellen, wäre die Justiz schon längst aus Überlastung zusammengebrochen - ignoriert wirkliche Ursachen von Kriminalität an: Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Sozialisationsdefizite in der Famile
- Welches ist aus allen kennengelernten Kriminalitätstheorien Ihre bevorzugte Kriminalitätstheorie und weshalb? Individuelle Antwort
- Nenne Sie 5 klassische Kriminalitätstheorien und beschreiben Sie sie kurz (jeweils 1-3 Sätze). Beispiel: - Biologischer Ansatz: "geborener Verbrecher", erkennbar an körperlichen Auffälligkeiten (z.B. Schädelform) - Psychologischer Ansatz: Kriminalität als Folge von psychiatrischen/psychologischen Persönlichkeitsmerkmalen - Rational-Choice Ansatz: Kriminalität als Folge eines rationalen Abwägungsprozesses: Kriminalität hat mehr Vorteile als Nachteile - Broken Windows Ansatz: Verwahrlosung und Graffiti erhöhen die Wahrscheinlichkeit von weiterer Verwahrlosung wie auch von leichter Delinquenz - Anomie-Ansatz: Kriminalität als Folge einer Diskrepanz zwischen kulturell vorgegebenen Zielen und den von der sozialen Struktur bestimmten (beschränkten) Mitteln, diese Ziele zu erreichen
- Was sind der multifaktorieller Ansatz und die Entwicklungskriminologie? Auf welche Defizite der klassischen Kriminalitätstheorien reagieren sie? Der multifaktorielle Ansatz versucht möglichst viele Faktoren (biologische, psychische, soziale) in einer statischen Korrelation mit Kriminalität zu berücksichtigen (Risikofaktoren und Schutzfaktoren). Die entwicklungstheoretischen Ansätze fokusieren sich Anfang, Fortdauer und Beendigung krimineller Karrieren. Die Kriminalität ist nach der Entwicklungstheorie Folge eines im gesamten Lebenszyklus ablaufenden interaktiven Entwicklungsprozesses, der Beständigkeit, aber auch Veränderung enthält. Die klassischen Kriminalitätstheorien erklären nur Teile von Kriminalität, aber nicht alle. Ausserdem wurden sie von empirischen Befunden nur eingeschränkt gestützt. Der multifaktorielle Ansatz gibt Anwort auf diese Defizite.
- Wieso ist die Aussagekraft staatlicher Kriminalstatistiken begrenzt? Nennen Sie 3 Gründe. - Nur Ausschnitt der Kriminalität (Dunkelfeld!), Selektion v. a. bei Entdeckung und Anzeigeerstattung - Eher Tätigkeitsnachweis der Polizei - Auffälligkeitenbei strafrechtlich Registrierten nur Hinweis auf Kriterien der Selektion oder als Produkt der Sanktionierung - Keine Berücksichtigung des Verfahrensabschlusses („Eingangsstatistik“) - Erfassungs- und Übermittlungsfehler - Bei absoluten Zahlen Bevölkerungsschwankungen zu berücksichtigen - Vergleich mit früheren Jahren schwierig (ggf. Änderungen der Erfassung; Gesetzesänderungen)
- Was versteht man unter Dunkelfeld? Was unter Dunkelziffer? Dunkelfeld: nicht registrierte Straffälle Dunkelziffer: Verhältnis zwischen den registrierten und nicht registrierten Straffällen
- Wieso ist die Aussagekraft der kriminologischen Dunkelfeldforschung begrenzt? Nennen Sie 3 Gründe. Die Dunkelfeldforschung erfolgt vorwiegend durch Opfer-, Täter- und Informantenbefragungen. Probleme: - Validität: Richtigkeit der Angaben: Dramatisierung/ Untertreibung/Verweigerung/Erinnerungslücken - Deliktsverständnis (z.B. Graffiti wird nicht als Sachbeschädigung wahrgenommen) - Opferlose Delikte (z.B. Trunkenheitsfahrt/Steuerhinterziehung/Umweltstrafrecht) - Repräsentativität der Befragten-Stichprobe für Gesamtbevölkerung
- Welche Straftheorien gibt es (nennen), was besagen sie (erklären)? Man unterscheidet die absolute und relative Straftheorien. Bei den absoluten Straftheorien geht es darum, dass die Strafe Vergeltungscharakter hat. Die Schuld des Täters rechtfertigt die Sanktion. Bei den relativen Straftheorien rechtfertigt sich die Strafe durch die Verhinderung weiterer Straftaten (in die Zukunft gerichtet). Spezialprävention - Positiv: Auf Besserung und Resozialisierung ausgerichtet - Negativ: individuell abschrecken und sichern Generalprävention - Positiv: Verarbeiten von Vergeltungsbedürfnissen in der Allgemeinheit - Negativ: Abschreckung anderer Personen vor Delinquenz
- Was versteht man unter der positivistisch-ätiologischen Perspektive auf Kriminalität, was unter der konstruktivistischen? Bei der positivistisch-ätiologischen Perspektive geht man davon aus, dass das kriminelle Verhalten bzw. die kriminelle Persönlichkeit vorgegeben sind und auf Ursachen beruht (biologische, psychische und soziale Defizite). Bei der konstruktivistischen Perspektive geht man davon aus, dass das kriminelle Verhalten auf der sozialen Definition beruht, nicht primär in der Person des Täters.
- Erklären Sie die Begriffe Extremgruppenvergleich und Kohortenstudie. Extremgruppenvergleich: Es werden zwei Gruppen gebildet, deren Ausgang bereits bekannt ist, weil die Untersuchung retrospektiv ist. Eine Gruppe besteht aus Kriminellen, die andere Gruppe besteht aus Personen der Normalpopulation. Diese Gruppen werden miteinander verglichen (Drittvariablenkontrolle). Durch diesen Vergleich versucht man Ursachen für das Untersuchungsmerkmal (z.B. Inhaftierung, Kriminalität) zu finden. Kohortenstudie: Hier werden Stichproben ohne bekannten Ausgang gemacht, weil die Studie prospektiv ist. Es wird grosse Gruppen von Personen über einen gewissen Zeitraum beobachtet. Dadurch versucht man die Ursache-Wirkungs-Verhältnisse heraufzufinden.
- Nennen Sie Beispiele für Extremgruppen und Kohortenstudien. Extremgruppen: - Glueck/Glueck: Unraveling Juvenile Delinquency - Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung (Göppinger) Kohortenstudien - Philadelphia Birth Cohort Study - Cambridge Study in Delinquent Development - Freiburger Kohortenstudie - Bremer Längsschnittstudie
- Welche Vor-/Nachteile gibt es bei den Extremgruppen und Kohortenstudien (je 5 Punkte nennen)? Extremgruppen - Relativ unaufwendig durchführbar - datenschutzrechtlich unproblematisch - Drittvariablenkontrolle schwierig - Verzerrung durch Selektionseffekte - "Mittelfeld" der Kriminalität wird nicht adäquat erfasst - Korrelationen, nicht Ursachenzusammenhänge belegbar Kohortenstudien - sehr aufwendig; langjährige Untersuchungen mit periodischen Nachuntersuchungen - datenschutzrechtlich äussert schwierig - Drittvariablenkontrolle einfacher - Stichprobe aus "unverzerrter" Grundgesamtheit - sehr seltene Kriminalität wird nicht adäquat erfasst - Korrelationen, nicht Ursachenzusammenhänge belegbar
- Welche Methode wird in der Entwicklungskriminologie verwendet? In der Entwicklungskriminologie werden Kohortenstudien verwendet.
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- Erklären Sie die Begriffe Längsschnittstudie, Querschnittstudie, Zeitreihe, Panel, Prävalenz, Inzidenz. Längsschnittstudien erheben Entwicklungen (zeitl. Verlauf) der Ausprägung von Untersuchungsfragen (z.B. Verhalten, Einstellungen, strukturelle Merkmale wie Einkommen, Schulderfolg etc.). Es können also Veränderungen beobachtet werden. Querschnittstudien erheben Ausprägungen von Untersuchungsfragen nur zu einem Zeitpunkt. Es kann nur der jeweilige Zustand, jedoch keine Entwicklung beobachtet werden. Zeitreihenstudien sind wiederholte Erhebungen derselben Untersuchungsfragen mit strukturell gleichen, aber nicht mit denselben Untersuchungspersonen (z.B. Einstellung Jugendlicher in der 9. Klasse in aufeinanderfolgenden Jahren) = wiederholte Querschnittstudien Panelstudien sind wiederholte Erhebungen derselben Untersuchungsfragen mit denselben Untersuchungspersonen in aufeinanderfolgenden Jahren = Längsschnittstudie Prävalenz ist der Anteil der Personen auf einer Kohorte, die im Bezugszeitraum mindestens eine Straftat begangen haben bzw. mit einer registriert wurden. Inzidenz ist die Häufigkeit der Deliktsbegehung im Beobachtungszeitraum (d.h. Tatfrequenz).
- Was ist Korrelation, was Signifikanz, wieso kann man selbst signifikanten Korrelationen nicht immer vertrauen? Korrelation bedeutet de Zusammenhangstärke zwischen Variablen (z.B. Kriminalität-Arbeitslosigkeit). Signifikanz drückt aus, ob eine beobachtete Korrelation rein zufällig ist oder mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur in der Stichprobe, sondern auch in der Grundgesamtheit vorliegt. Es kann aber zu Scheinkorrelationen kommen.
- Erklären sie die Begriffe Modus, Median, Arithmetisches Mittel, Spannweite, Varianz und Standardabweichung. Der Modus ist der am häufigsten vertretene Wert. Der Median ist die Merkmalsausprägung, die die Anzahl der Fälle halbiert. Das arithmetische Mittel ist die Summa aller Merkmalsausprägungen geteilt durch die Anzahl der Fälle. Die Spannweite ist die Differenz zwischen dem grössten und kleinsten Wert. Die Varianz ist die Summe aus den jeweiligen quadrierten Abweichungen vom Mittelwert geteilt durch die Abzahl der Fälle. Die Standardabweichung ist die Wurzel der Varianz.
- In welchem Verhältnis stehen Kriminaltheorien und Kriminalprognose, wie unterscheiden sie sich? Die Kriminalprognose macht eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit künftiger Straffälligkeiten/Legalverhalten. Die Kriminalitätstheorie suchen nach einer Erklärungen für die Ursache der Kriminalität. Im Unterschied zu den Kriminaltheorien ist die Kriminalprognose prospektiv. Es geht um eine individuelle Betrachtung. Bei den Kriminalitätstheorien ist die Perspektive retrospektiv und es erfolgt nur eine generelle Betrachtung. Die Kriminalitätstheorie bilden den Ausgangspunkt für die Kriminalprognosen.
- Welche Straftheorie ist Grundlage der Kriminalprognose? Spezialprävention
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Geltung präventiver Strafzwecke und dem Bedarf an kriminologischem Wissen? Was würde sich für den Bedarf an kriminologischem Wissen ergeben, wenn die strafrechtlichen Sanktionen rein schuldbezogen verhängt werden würden? Um eine Kriminalprognose vornehmen zu können, braucht es kriminologisches Wissen. Ausgangspunkt ist die Spezialprävention. Durch die Einwirkung auf den Täter sollen künftige Straftaten verhindert werden (Prävention). Wenn das Strafrecht nur schuldbezogen wäre, bräuchte es keine Prävention weiterer Straftaten und damit auch kein kriminologisches Wissen. Die Kriminologie beschäftigt sich nicht mit der Frage der Schuld, weil es sich dabei um einen metaphysischen Begriff handelt.
- Welche Methoden der Prognose gibt es (nennen), was besagen sie (erklären; 1-3 Sätze)? Wie erfüllen die einzelnen Methoden jeweils die gesetzlichen Vorgaben der Kriminalprognose? Es gibt drei Methoden: - Intuitive Prognose: Bei der intuitiven Prognose existiert keine systematische Orientierung an wissenschaftlichen Theorien. Es erfolgt vielmehr eine gefühlsmässige Beurteilung der zu untersuchenden Persönlichkeit. Sie beruht auf subjektiver alltäglicher (Berufs-)Erfahrung und Menschenkenntnis nur einer einzelnen Person (des Beurteilenden). Die intuitive Prognose ist zwar einzelfallbezogen, jedoch nicht regelgeleitet, transparent oder nachvollziehbar. Die gesetzlichen Vorgaben werden dadurch nicht erfüllt. Jedoch ist die intuitive Prognose unerlässlich im Strafrechtssystem, um die Masse an Fällen zu bewältigen. - Statistische Prognose: Bei der statistischen Prognose erfolgt eine Berechnung der Straffälligkeitswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit der Häufung bei einem Menschen von Merkmalen, die mit der Rückfälligkeit statistisch korrelieren. Diese Art der Prognose hat eine wissenschaftliche Grundlage, weil sie theoriegeleitet ist. Die statistische Prognose basiert auf multifaktorieller kriminologischer Forschung. Dazu werden repräsentative Längsschnittstudien durchgeführt. Im Zentrum stehen überwiegend statistische-unveränderliche Prädikatoren (z.B. Alter, Scheidung der Eltern). Obwohl die statistische Prognose regelgeleitet, transparent und nachvollziehbar ist, fehlt die Einzelfallbezogenheit. Deshalb sind die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllt. Jedoch soll die statistische Prognose in Ergänzung zu anderen Methoden verwendet werden. Sie ist nur ein Baustein einer klinischen Gesamtbetrachtung. - Klinische Prognose: Heutzutage wird die klinische Prognose auf Grundlage empirischer wissenschaftlicher Befunde vorgenommen. Diese Art der Prognose ist hypothesengeleitet. Sie wird in statistische und dynamische Grunddimensionen unterteilt. Es erfolgt eine Gesamtbeurteilung des Einzelfalls. Als Unterstützung werden statistische Prognoseinstrumente eingesetzt. Die klinische Prognose erfüllt die gesetzlichen Vorgaben, jedoch ist die äusserst kosten- und zeitintensiv. Die klinische Prognose ist deshalb nur bei bestimmten schweren Entscheidungen durchführbar.
- Beschreiben Sie drei Probleme der Kriminalprognose. - Bei statistischen Prognosen bestehen Defizite in der Grundlage. Die Theoriefundierung des multifaktoriellen Ansatzes ist mangelhaft. - Bei der Erhebung von Prognosetatsachen kann es zu Fehlern kommen. - Die Validität ist nicht in jedem Fall gegeben. Bei Extremgruppen ist die Treffsicherheit hoch, jedoch besteht ein breites, unsicheres Mittelfeld. - Bei geringer Basisrate tritt häufig eine hohe Anzahl falsch-positiver Prognosen auf. Die betroffenen Personen werden dann zu Unrecht übermässig sanktioniert. - Prognoseirrtümer lassen sich nur schwierig erkennen, weil bei allen falsch-positiv Prognostizierten der Irrtum unsichtbar bleibt, da sie keine Chance haben, das Gegenteil der Prognose in Freiheit zu beweisen. - Es besteht die Gefahr der "self-fulfilling prophecy", die einen Rückfall gerade wegen der Prognose bewirkt.
- Was ist der "Actuarial Turn"? Unter dem Actuarial Turn versteht man die mathematische Wende im Strafrechtssystem Ende des 20. Jahrhunderts. Statt den Fokus vorwiegend auf einzelne Täter zu legen, wandte man sich statistischen Überlegungen anhand aggregierter Informationen über grosse Gruppen von Tätern zu.
- Nennen Sie Beispiele für mögliche Vorurteile des Strafrechtspflegepersonals gegenüber bestimmten Personen. Die Polizei kann bspw. einem Racial Profiling unterliegen, indem sie mehr Personen auf der Strasse überprüft, die fremdländisch aussehen (Hautfarbe etc.). Auch der Ort und die Zeit des Antreffens können Vorurteile hervorrufen.
- Was sind die Befunde der empirischen kriminologischen Forschung zur Annahme der spezialpräventiven Wirkung von Strafe? Was jene zur Annahme der generalpräventiven Wirkung von Strafe? Mittels Rückfallstudien und Vergleichsgruppendesign konnte in Bezug auf die spezialpräventive Wirkung festgestellt werden, dass sich die verschiedenen Sanktionsmöglichkeiten nicht unterschiedlich auf den Täter ausgewirkt haben (Austauschbarkeit der Sanktion). Ein Verzicht auf jugendstrafrechtliche Intervention (Diversion) führt zu keiner höheren Rückfälligkeit. Jedoch kann die Spezialprävention wirken, wenn der Täter eine auf ihn zugeschnittene Sanktions- und Behandlungsmöglichkeit erhält. In Bezug auf die Generalprävention wurde untersucht, wie bestimmte sich Sanktionierungsstragtegien auswirken. Ausserdem wurden Probanden über die Sanktionerwartung von bestimmten Handlungen gefragt. Es konnte festgestellt werden, dass es nur geringe empirischen Belege für die Abschreckungswirkung gibt. Die Abschreckungswirkung ist dagegen je grösser, je wahrscheinlicher der Täter entdeckt wird (Entdeckungswahrscheinlichkeit). Zudem sind die informellen Reaktionen des Umfeld massgebend. Je verwerflicher die Tat vom Umfeld eingeschätzt wird, desto abschreckender ist dies für potenzielle Täter.
- "Viel hilft viel" - harte Strafen schrecken ab. Welche Straftheorie verbirgt sich hinter dieser Aussage. Nehmen Sie Stellung zu dieser Aussage. Diese Aussage nimmt Bezug auf die negative Generalprävention. Es konnten keine empirischen Belege für die abschreckende Wirkung von Strafen festgestellt werden.
- Diskutieren Sie die methodischen Probleme der Sanktionsforschung! Versuchen Sie, Forschungsdesigns zu entwerfen, mit denen diese Probleme abgemildert werden könnten. Die Strafzwecke lassen sich nicht klar voneinander isolieren. Es besteht eine Ambivalenz der Strafwirkungen. Ausserdem verbleiben weitere Taten teilweise im Dunkelfeld. Befragungen der Täter nach ihren Legalverhalten nach der Sanktion führen zu unzureichenden Ergebnissen. Es ist mit Beschönigungstendenzen zu rechnen. Zudem kann in der Regel die Kausalität der Sanktion nicht genau nachgewiesen werden. Dazu bräuchte es eine experimentelle Untersuchungsanordnung. In der Praxis ist dies aus rechtlichen und ethischen Gründen nicht möglich, weshalb auf versuchsähnliche Untersuchungsanordnungen zurückgegriffen werden muss. Die Bildung einer aussagekräftigen Kontrollgruppe erweist sich häufig als äusserst schwierig. Bzgl. der spezialpräventiven Wirkung können Metaanalysen eingesetzt werden, bei denen die Ergebnisse einer Vielzahl von Primärstudien unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen methodischen Anlage mit statistisch-quantitativen Mitteln neu ausgewertet werden.
- Beschreiben Sie die verschiedenen Präventionsformen (primär, sekundär, tertiär) und was sie unterscheidet. Unter primärer Kriminalprävention werden diejenigen Massnahmen verstanden, die sich an die Allgemeinheit richten und auf die Beeinflussung der allgemeinen Ursachen der Kriminalität abzielen. Schwerpunkt ist die soziale und normative Kompetenz zur Konfliktbewältigung. Die primäre Prävention orientiert sich an der positiven Generalprävention. Zur der sekundären Kriminalprävention werden diejenigen Massnahmen gerechnet, die an bereits erkennbare Risiken und Gefährdungslagen anknüpfen. Die Massnahmen können sich an potentielle Täter, Opfer sowie kriminalitätsgefährdete Orte und Situationen richten. Die sekundäre Prävention orientert sich an der positiven Spezialprävention. Als tertiäre Kriminalprävention werden diejenigen Massnahmen bezeichnet, die sich an Personen wenden, bei denen sich das Risiko bereits verwirklicht hat (d.h. Straffällige). Das Ziel ist die Verhinderung von Wiederholungstaten.
- An welche Kriminalitätstheorien kann Prävention anknüpfen? Die entwicklungsbezogene Kriminalitätsprävention knüpft an die entwicklungskriminologischen Kriminalitätstheorien an. Die situationsbezogene Kriminalitätsprävention hat Anknüpfungspunkte bei der Broken Windows Theorie, Bindungstheorie und Rational Choice Theorie.
- Was ist kommunale Kriminalitätskontrolle? Welche Vor- und Nachteile hat sie? Die kommunale Kriminalprävention meint ein enger örtlicher Bezug der Massnahmen sowie Bürgerbeteiligung an der Kriminalprävention. Erforderlich ist die Vernetzung und Kooperationen aller Personen und Institutionen, die einen direkten oder indirekten Beitrag leisten können. Neben der Prävention von Kriminalität geht es um die Stärkung des Sicherheitsgefühls der Allgemeinheit. Vorteile: Die Kriminalität weist in der Regel eine starke lokale Bindung auf. Der Tatort ist oft mit dem Wohnort des Täters/Opfers identisch. Nachteile: Eine kommunale Kriminalprävention kann zu einer blossen Verlagerung der Kriminalität in den Nachbarstadtteil führen. Ausserdem muss darauf geachtet werden, dass keine Selbstjustiz durch Bürgerwehren geschieht.
- Auf welche Erkenntnissen der Sanktionsforschung baut gesamtgesellschaftliche Prävention auf? Die gesamtgesellschaftliche Kriminalprävention ist die Antwort auf die "nothing works" Ergebnisse der Sanktionsforschung. Dabei wurde festgestellt, dass die Sanktionen austauschbar sind. Deshalb wandte man sich von der Verhaltensbeeinflussung durch Strafe teilweise ab und suchte nach anderen Ansatzpunkten für die Verhinderung von Straffälligkeit.
- Seit wann gibt es einen verstärkten Fokus auf Prävention in Deutschland und wieso? Kriminalprävention ist in Deutschland erst in den 1990er Jahren zur einen breit diskutierten Thema geworden. Bis in diese Zeit hinein wurde die Prävention allein als Aufgabe der strafrechtlichen Kontrollorgane gesehen. Die Rolle des Opfers wurde vermehrt in den Vordergrund gestellt (Viktimologie). Die wichtigsten Triebfelder ergab sich indes auf dem Bewusstseit für die durch Kriminalität verursachten gesamtgesellschaftlichen Kosten. Kosten-Nutzen-Rechnungen legten nahe, nach Lösungen zur Verhinderung von Rechtsgutsbeeinträchtigungen zu suchen, die effektiver und kostengünstiger waren als der Einsatz der strafrechtlichen Instrumente.
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