157
Soziologie (Subject) / Empirische Methoden der Soziologie (Lesson)
Advertisement
- Vor- und Nachteile der Befragung + subjektive Tatbestände (Wissen, Einstellungen, Wertorientierungen, Deutungen,Erwartungen) können am besten direkt erfragt und durch verbale Äußerungen derBefragten erfasst werden+ Erfassung von vergangenen Erfahrungen, Ereignissen, Situationen möglich+ Erhebung von Informationen über unzugängliche, nicht oder nur schwerbeobachtbare Situationen+ (scheinbar) leichte Handhabbarkeit - reaktive Erhebungstechnik: Interview als soziale Situation und Interviewereffekte- unter Umständen kognitiv anspruchsvoll für Befragte
- Unterscheidung nach der Art der Durchführung (Erhebungsmodus) (1) persönliches (mündlich, face-to-face) Befragung- mit Papierfragebogen (Paper and Pencil Interview, PAPI)- Computer Assisted Personal Interview (CAPI)(2) telefonisches Befragung (mündlich)- Computer Assisted Telephone Interview (CATI)(3) postalische Befragung (schriftlich, Selbstausfüller)- postalischer Papierfragebogen (Self-Administered Questionnaire, SAQ)(4) Online-Befragung (Websurvey)
- Unterscheidung nach Standardisierungsgrad: Wenig-/teilstandardisiert: Vorgehen: Eher induktives Vorgehen:- Exploration; Generierung vonHypothesen- Typisch für die qualitativeSozialforschung Wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis: Eher verstehen Orientierung an: Geisteswissenschaften Stichprobenziehung und –umfang: eher kleine Stichproben, meistens bewusste oder willkürliche Auswahl Geeignete Erhebungsmodi: meistens persönliche Befragung Datengrundlage: Nicht-numerisch Datenauswertung: Auswertung durch sinnrekonstruierende Verfahren
- Unterscheidung nach Standardisierungsgrad: Stark standardisiert Vorgehen: Eher deduktives Vorgehen:- Überprüfung von Hypothesen- Typisch für die quantitativeSozialforschung Wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis: Eher erklären Orientierung an: Naturwissenschaften Stichprobenziehung und –umfang: eher große Stichproben, meistens Zufallsstichproben Geeignete Erhebungsmodi: alle Datengrundlage: Numerisch Datenauswertung: Auswertung mittels statistischer Modellierung
- Unterscheidung nach Standardisierungsgrad: Wenig/teilweise standardisierte Befragung - wenig standardisierten Befragung: Interview ohne Leitfaden, Interviewer entscheidetselbst über Anordnung und Formulierung der Fragen Formulierung der Fragenorientiert sich an Bedürfnissen und Vorstellungen des Befragten (Prinzip desRelevanzsystems des Befragten) - teilweise standardisierten Befragung: Interview wird anhand vorformulierter Fragenstrukturiert („Leitfadengespräch“); keine Antwortvorgaben - Durchführung als Einzelinterview oder Gruppendiskussion - Versionen: fokussiertes Interview, narratives Interview, problemzentriertes Interview,Experteninterview
- Unterscheidung nach Standardisierungsgrad: Stark standardisierte Befragung - Frageformulierungen sind vorgegeben und daher identisch - i.d.R. werden feste Antwortvorgaben benutzt (Ausnahme: offene Fragen) - feste Reihenfolge der Fragen (Ausnahmen: Filterführung, Fragenrotation)
- Vor- und Nachteile wenig/teilweise Befragungen vs. stark standardisierte Befragungen Wenig/teilweise standardisierte Befragung Flexibilität im Umgang mit den Befragten hoch Gewinnung vertiefender Informationen über einzelne Befragungsteilnehmer viel Vergleichbarkeit der erhobenen Daten niedrig Notwendiges inhaltliches Vorwissen seitens des Forschers wenig Kosten- und Zeitaufwand (pro Interview) bei der Erhebung und Auswertung hoch Kontrolle der Erhebungssituation: Gefahren durch Interviewereffekte hoch Stark standardisierte Befragung Flexibilität im Umgang mit den Befragten niedrig Gewinnung vertiefender Informationen über einzelne Befragungsteilnehmer wenig Vergleichbarkeit der erhobenen Daten hoch Notwendiges inhaltliches Vorwissen seitens des Forschers viel Kosten- und Zeitaufwand (pro Interview) bei der Erhebung und Auswertung niedrig Kontrolle der Erhebungssituation: Gefahren durch Interviewereffekte niedrig
- Offene vs. geschlossene Fragen Offen Individualität vs. Vergleichbarkeit Individuelle Antworten, aber schwer vergleichbar Antwortmöglichkeit frei Antworten überlegter Einheitlichkeit des Erhobenen tendenziell Unvollständigkeit und Uneinheitlichkeit, Expressivität und Artikulationsfähigkeit der Befragten entscheidend Reziprozität des Arbeitsinputs Konstruktion leichter, Auswertung schwerer Arbeitskosten höher Rolle im Forschungsablauf eher bei geringem Vorwissen (Exploration) Geschlossen Individualität vs. Vergleichbarkeit vorgegebene Antworten, aber gut vergleichbar Antwortmöglichkeit vorgegeben/beschränkt Antworten unüberlegter Einheitlichkeit des Erhobenen Antwortmöglichkeit auf das Zentrale beschränkt, gleicher einheitlicher Stimulus für Befragte Reziprozität des Arbeitsinputs Konstruktion schwerer, Auswertung leichter Arbeitskosten geringer Rolle im Forschungsablauf eher bei ausreichendem Vorwissen
- Vor- und Nachteile einer Mittelkategorie bei Skala + Möglichkeit des Ausdrucks einer mittleren Ausprägung - Mehrdeutigkeit der Mittelkategorie: unklar, ob es sich um eine tatsächliche mittlereAusprägung handelt oder um Meinungslosigkeit (bedingt durch Tendenz zur Mittebei Unentschiedenen)
- Soziale Erwünschtheit (Fragebogen) systematische Verzerrung des Antwortverhaltens inRichtung des (subjektiv wahrgenommenen) Ortes sozialer Erwünschtheit (v.a. beiheiklen Fragen und Unsicherheiten über die Antwort) > Lösung 1: neutrale Frageformulierung, neutrale Interviewtechnik, z.B. Verzicht auf Suggestivfragen> Lösung 2: vollständige Anonymisierung der Antwort, z.B. Antwortübergabe im Kuvert, Randomized-Response-Technik
- Advertisement
- Nonresponse bei heiklen Fragen Befragte antworten nicht auf heikle Fragen >Lösung 1: entschärfende/ verharmlosende Formulierung bei heiklen Fragen (z.B. „eine Nebentätigkeitgehabt und dies nicht gemeldet“ statt „Schwarzarbeit“)> Lösung 2: oder Betonung der Selbstverständlichkeit (z.B. „Viele Haushalte haben Schulden...“)
- Hypothetische/Unzutreffende Situationen Befragte werden in Situationen versetzt bzw. zu Aspekten interviewt, die für sie nicht zutreffen > Lösung 1: Filterführung (technische Konstruktion einer „trifft nicht zu“-Kategorie)> Lösung 2: Fragen sollten nicht hypothetisch formuliert werden („Angenommen Sie wären …, …“), BEACHTE: Fragen über konkrete Zukunftspläne und Erwartungen sind erlaubt!
- Ex-post Rationalisierungen Gefahr nachträglicher Rationalisierungen bei retrospektiver Abfrage von subjektiven Variablen (z.B. Einstellungen) > Lösung: Fokus auf die Erhebung objektiver Sachverhalte („Fakten“) bei retrospektiven Fragen
- Erinnerungsprobleme und systematisch verzerrtes Antwortverhalten bei Retrospektivfragen „Heaping“ (=Runden der Datums-/Längenangaben), „Telescoping“ (=Hineinschieben gut erinnerter/positiver Ereignisse in die Referenzperiode), „Omission“ (=Auslassen unangenehmer Ereignisse) > Lösung 1: Verkürzung der Erinnerungszeitspanne> Lösung 2: Abfrage in Form eines Kalendariums> Lösung 3: Vorgabe von Erinnerungsunterstützung als Hinweise („clues“, z.B. konkrete Ereignisse im Lebenslauf der Befragten) und parallele Ereignisse („Anker“, z.B. historische Ereignisse)
- Ankereffekte Antwortverhalten durch vorgegebene Antwortkategorien beeinflusst > Lösung: Antwortvorgaben sollten ausbalanciert sein, d.h. alle möglichen Antwortmöglichkeiten sollten in gleichem Ausmaß verfügbar sein (evtl. auch offene Abfrage)
- Zustimmungstendenzen Neigung, eine gestellte Frage unabhängig von ihrem Inhalt positiv zu beantworten > Lösung 1: Split-sample Fragebogen mit unterschiedlichen Instrumentversionen> Lösung 2: Verwendung unterschiedlich gepolter („gedrehter“) Items in Item-Batterien
- Non-Attitudes Zwang zur Abgabe einer inhaltlichen Antwort durch vorgegebene Antwortkategorien trotz Meinungslosigkeit Lösung: explizite „Weiß nicht“-Kategorien bei den Antwortvorgaben oder als vorgeschalteteFilterfrage, damit auch Meinungslosigkeit (Non-Attitudes) geäußert werden kann (ACHTUNG: oftmals Überschätzung des Anteils Meinungsloser bei Filterfrage wegen negativer Signalfunktion)
- „Tendenz zur Mitte“ Tendenz von Befragten, bei mehrstufigen Skalen eher die mittleren Skalenpunkte auszuwählen als die Extremwerte > Lösung 1: Fragen möglichst konkret und präzise formulieren> Lösung 2: Antwortskalen mit gerader Anzahl an Kategorien eingesetzt werden> Lösung 3: ggf. Erhöhung der Anzahl der Kategorien
- Primacy Effekt überzufällige Auswahl der zuerst genanntenAntwortmöglichkeiten (v.a. bei visueller Präsentation der Fragen; Grund: dieersten Antwortalternativen werden einem tieferen kognitiven Prozessunterworfen; Befragte bleiben bei den ersten Kategorien visuell „hängen“)
- Recency Effekt überzufällige Auswahl der zuletzt genanntenAntwortmöglichkeiten (v.a. bei akustischer Präsentation der Fragen; Grund: dieletzten vorgelesenen Antwortalternativen werden besser erinnert; verstärktesAuftreten bei abnehmender Konzentration) > Lösung 1: Geringe Zahl an Antwortmöglichkeiten (ACHTUNG: nicht ausschöpfende Antwortkategorien!)> Lösung 2: offene Fragen einsetzen (ACHTUNG: Mit anderen Problemen verbunden!)> Lösung 3: Unfolding Tactic, d.h. Aufbrechen der Frage in eine Hauptfrage und differenzierte Folgefragen
- Fragebogen: Ordnung der Fragen Orientierung an der Spannungs- an der Konzentrationskurve des Befragten logische Reihenfolge der Module Fragen, die denselben Aspekt behandeln sollten nacheinander abgefragt werden Überleitungstexte bei Wechsel zu neuem Themenblock Ordnung: leicht -> schwierig -> heikel -> langweilig
- Halo-Effekt Befragte beziehen Aspekte aus vorangegangener Frage in die aktuelle Informationsverarbeitung ein -- Kontrasteffekte: Befragte versuchen, neue Informationen zu vermitteln → Abgrenzung zu bereits Gesagtem -- Assimilationseffekte: Befragte stellen Sinnzusammenhang her und/oder Erinnerungsaktivierung → Korrelation mit Vorfrage Maßnahmen gegen Haloeffekt - Fragebogensplit zur Abschätzung des Problems - Suggestiv wirkende Halo-Effekte vermeiden- Teilweise bewusster Einsatz von Reihenfolgeeffekten: Fragebogentrichter vom Allgemeinen zum Speziellen zum Abbau von Unsicherheit / Verweigerungsrisiken
- Interviewsituation: Soziale Interaktion im Interview - Künstlichkeit der Situation durch formalisierten Ablauf- instrumenteller Charakter der Befragung- asymmetrische Interaktion zwischen Interviewer und Befragten- folgenlose, unpersönliche Kommunikation unter Fremden in weitgehender Anonymität- zugesicherte Vertraulichkeit in der Regel Neutralität des Interviewers
- Interviewsituation: Voraussetzungen der Befragung (1)Kooperation der Befragten- unterschiedliche Motive der Befragten, an Interview teilzunehmen (z.B. Interesse am Thema, Kundtun der eigene Meinung)- Kooperation immer seltener Regelfall wegen des zunehmendes Missbrauchs von Befragungen für Werbezwecke durch die Privatwirtschaft(2) Norm der Aufrichtigkeit in Gesprächen mit Fremden- kultureller Kontext wichtig(3)„gemeinsame“ Sprache zwischen Interviewer und Befragten- Fragen und Antworten müssen von Befragten und von Interviewern in gleicher Weise interpretiert werden
- Intervieweffekte: Einfluss von Interviewermerkmalen - Anwesenheit des Interviewers aktualisiert Vergleichsstandards und signalisiert – abhängig von Fragestellung – soziale Erwünschtheit bestimmter Antworten- stärkere Effekte bei sensiblen Fragen und größerer sozialen Distanz zwischen Befragten und Interviewern- Extremversion: Interviewfälschungen Gegenmaßnahmen: - relativ geringe Interviewzahl pro Interviewer- angemessene Honorierung der Interviewer und Kontrolle der Interviewer zur Verminderung der Fälschungsanreize
- Intervieweffekte: Einfluss der Interviewsituation - Umgebungsmerkmale können Vergleichsstandards beeinflussen bzw. aktualisieren- wichtigster Fall: Präsenz Dritter während des Interviews („Anwesenheitseffekte“) Gegenmaßnahmen: - Einzelinterview - Methodensplit zur Abschätzung des Problems
- Intervieweffekte: Sponsorship-Effekte Kenntnis des Auftraggebers einer Studie beeinflusst Antwortreaktion und Teilnahmebereitschaft der Befragten Gegenmaßnahmen: - Nennung des Auftraggebers vermeiden, falls problematisch
- klassischer Pretest - Zielsetzung: Testen des Fragebogens unter möglichst realistischen Bedingungen (Befragte sind über Testcharakter der Interviews nicht informiert) - Fokus auf quantitative Messzahlen (z.B. Reaktionszeiten, Antwortverteilungen, etc.), aber auch qualitative Gruppendiskussionen mit Interviewern bzw. halbstandardisierte Fragebögen für Interviewer möglich - Interviewer hinterfragt Antworten der Befragten nicht - nach dem Interview: Berichten aller bei Durchführung der Interviews identifizierten Probleme und Auffälligkeiten („Pretest-Reports“, ggf. für jedes einzelne Interview)
- Kognitiver Pretest - Zielsetzungen: Kritische Kommentierung von einzelnen Fragen; Hinweise auf Missverständnisse; Benennung unangemessener und unverständlicher Frageformulierungen und unvollständiger Antwortvorgaben - Entweder in Form qualitativer Interviews oder Gruppendiskussion - Befragte sind über Testcharakter der Interviews informiert - Befragte werden - unabhängig von ihren Antwortreaktionen - gezielt durch Interviewer aufgefordert zu erklären:--wie ihre Antworten zustande kamen--wie sie Begriffe und Formulierungen einer Frage verstehen Techniken: -Probing: Nachfragen mit Ziel, mehr/präzisere Informationen vom Befragten zu erhalten, z.B. Frame of Reference Probing: „Woran dachten Sie bei dieser Frage?“ -Paraphrasing: Befragte sollen Frage in ihren eigenen Worten wiederholen -Think Aloud Interviews: Bei Formulierung der Antwort sollen Befragte laut äußern, wie sie die Frage verstehen und auf welcher Informationsbasis sie ihre Antwort formulieren. -Interaction Coding: zu jeder Antwort berichtet der Interviewer, ob es zu Reaktionen kam
- Beobachtung kontrollierte und systematische Erfassung von Beobachtungsinhalten (z.B. menschliche Handlungen) durch einen oder mehrere Beobachter Selektionsprozesse bei einer Beobachtung Eine wissenschaftliche Beobachtung unterscheidet sich von der Alltagsbeobachtung dadurch, dass die drei Selektionsmechanismen -selektive Zuwendung,-selektive Wahrnehmung und-selektive Erinnerung,von denen jede Beobachtung betroffen ist, standardisiert gelenkt werden. Vorteile: +bei Untersuchung von Verhalten nützlich +bei Untersuchung von komplexen Situationen +bei Unmöglichkeit von verbaler Auskunft oder wenn Forschungsinteresse auf nonverbale Kommunikation gerichtet ist Nachteile: - nicht geegnet für Untersuchung von Meinungen und Einstellungen, sowie soziodemografischen Merkmalen
- Advertisement
- Häufige Urteilsfehler durch Beobachter - Zentrale Tendenz: Verschobene Wahrnehmung extremer Ereignisse und entsprechende Vercodung in einer Mittelklasse - Neigung zu milde und großzügig zu urteilen(durch Persönlichkeitsmerkmale) - Einfluss der „ersten Eindrücke“ - Halo-Effekte: Verzerrung von Urteilen aufgrund eines besonderes Merkmals einer Person oder der Situation oder des „Gesamteindrucks“, was für alle weiteren Urteile leitend sind - Tendenz Beobachtungen nach einer implizit zugrungeliegenden „Theorie“ des Beobachters zu beurteilen - Schwieriges Schließen auf Absicht des Handelns, v.a. bei komplexen Vercodungen (z.B. „Lachen“ vs. „Person zeigt Solidarität“)
- Offene vs. verdeckte Beobachtung Entscheidung für eine verdeckte anstatt einer offenen Beobachtung, wenn - die Gruppe/Situation empfindlich gegenüber Beobachtungseinflüssen ist. - sozial missbilligtes, tabuisiertes oder kriminelles Verhalten (z.B. spezifische Sexualpraktiken, Übergriffe Polizei auf Bürger, Drogenkonsum, Verkehrsdelikte ...) untersucht werden soll. - um Machtausübungsprozesse geht und Verschleierungs- oder Rechtfertigungstendenzen anzunehmen sind.
- Teilnehmende Beobachtung Beobachter übernimmt eine aktive Rolle und wird Teilnehmer des Beobachtungsfelds; entweder offen oder verdeckt Voraussetzungen (1)Beobachtungsfeld muss Beobachter zugänglich sein; bei offener Beobachtung braucht man eine Erlaubnis (2)Das Beobachtungsfeld muss eine Rolle bieten, die der Beobachter übernehmen kann, ohne die normale Interaktion zu stören (3)Intensive Schulung des Beobachters: Rollenvorbereitung (4)Vorhaben muss forschungsethisch gerechtfertigt sein (vor allem bei verdeckt teilnehmender Beobachtung)
- Anwendungsbereiche für die teilnehmende Beobachtung Teilnehmende Beobachtung, wenn - das Untersuchungsinteresse auf Verhaltenssequenzen über einen längeren Zeitraum hinweg gerichtet ist - man einen umfassenden Einblick in komplexe soziale Situationen erhalten möchte - man Verhalten untersuchen möchte, das nur durch Teilnahme beobachtet werden kann - wenn wenig Vorwissen zum Untersuchungsgegenstand vorliegt (à zur Exploration und Generierung von Hypothesen)
- Probleme der teilnehmenden Beobachtung -Zugangsproblematik: Beobachter erhält keinen Zugang bzw. gewinnt nicht das Vertrauen von „Schlüsselpersonen“ -Beobachtereinfluss: Teilnahme kann beobachtetes Geschehen selbst beeinflussen (z.B. Aufmerksamkeit der Beobachteten richtet sich auf den Beobachter) -„Going native“: Tendenz zur Assimilation des Beobachters, d.h. die Distanz zu den Beobachtungsobjekte verringert sich / verschwindet à Einfluss auf Wahrnehmung -Rollenproblem: z.B. wenn die eigenen Vorstellungen des Beobachters mit den Anforderungen als Teilnehmer in Konflikt geraten -Selektive Erinnerung: Aufzeichnungen sind (vor allem bei verdeckter Beobachtung) häufig nur als Gedächtnisprotokoll möglich
- Nichtteilnehmende Beobachtung Beobachter nimmt nicht an Interaktionen der Beobachtungsobjekte teil; entweder offen oder verdeckt („Schlüssellochmethode“) Voraussetzungen (1)Begrenzte Zahl von Interaktionsteilnehmern (2)Bei offener Beobachtung: Gruppe muss unempfindlich gegenüber der Anwesenheit Beobachters sein (3)Intensive Beobachterschulung Vorteile +Erhalt von quantifizierbaren Ergebnissen +Vermeidung von „Multi-tasking“ +Bei Einsatz mehrerer Beobachter (eher möglich als bei teilnehmender Beobachtung) ist die Reliabilität der Ergebnisse kontrollierbar
- Anwendungsbereiche für die nichtteilnehmende Beobachtung Nichtteilnehmende Beobachtung, wenn - das Interesse eher auf kurze Handlungssequenzen bzw. Ausschnitte von Interaktionen gerichtet ist - die Beobachtung nicht auf einen umfassenden Einblick in komplexe Situationen abzielt - ein stärkeres Interesse an quantifizierbaren Ergebnissen vorliegt
- Beobachtungsschemata und ihr Strukturierungsgrad Vorstrukturierung des Beobachtungsprozesses, um die Gefahr der Selektivitätsverzerrung zu minimieren, d.h. die Objektivität und Reliabilität der Beobachtung zu erhöhen - Gering strukturiertes Beobachtungsschema: z.B. „Beobachtungsleitfaden“, der lediglich Gesichtspunkte auflistet, die der Beobachtende berücksichtigen sollte - Hochstrukturiertes Beobachtungsschema: Vorgegeben sind nicht nur die zu beobachtenden Merkmale, sondern auch die (jeweils relevanten) Kategorien der einzelnen Merkmalsdimensionen; setzt voraus: - Klare Vorstellungen über Untersuchungsgegenstand, damit sinnvolles Klassifizierungsschema für die standardisierte Protokollierung entwickelt werden kann - Aufzeichnungsschema sollte weder zu komplex (überfordert Beobachter) noch zu simpel sein (wichtige Aspekte nicht adäquat erfasst) - Intensive Beobachterschulung - Pretest Ziele der Strukturierung Bei einem stark strukturierten Beobachtungsschema weitest gehende Ausblendung subjektiver Einflüsse auf Seiten des Beobachters auf das Beobachtungsergebnis, d.h. hohe Durchführungsobjektivität (Intercoder Realibilität der Messung) Bei gering strukturierter Beobachtung liegt Selektion einzelner Ereignisse weitgehend im Ermessen des Beobachters (willkürliches Element) -> Bietet einerseits Raum für Spontanität, andererseits Gefahr der Selektivitätsverzerrung
- Feldbeobachtung Die natürliche Situation wird beobachtet, wobei, begründet durch Komplexität, nur ein Ausschnitt daraus erfasst werden kann Vorteile +Untersuchung langfristiger Effekte +Untersuchung von nicht von Forscher manipulierten Variablen +Untersuchung von komplexen sozialen Situationen, die im Labor nicht/nur schwierig erzeugt werden können +trägt eher dem Kriterium der externen Validität (hier: Generalisierbarkeit der Befunde) Rechnung, da die Künstlichkeit der Laborsituation umgangen wird
- Laborbeobachtung Der Beobachtete wird aus seiner natürlichen Umwelt herauslöst, mit dem Ziel mögliche Einflußfaktoren einzuschränken und das Auftreten unerwarteter Faktoren möglichst zu verhindern bzw. unter Kontrolle zu haben Vorteile +gezielte Vorgabe von Stimuli möglich +Kontrolle von Störfaktoren (interne Validität) +Möglichkeit der Kombination mit experimentellem Design: Zufällige Aufteilung der Beobachtungsgruppe in Experimental- und Kontrollgruppe -> Laborbeobachtung mit experimentellen Design durch hohe interne Validität (hier: Ausblendung von Störfaktoren) gekennzeichnet
- Inhaltsanalyse quantitatives Verfahren, das intersubjektiv nachvollziehbare inhaltliche und formale Aspekte eines Inhalts analysiert -> Mischform aus Datenerhebungs- und Datenanalyseverfahren Vorteile der Inhaltsanalyse +Nicht-Reaktivität+Vergangenheitsbezug: Beobachtung sozialen Wandels möglich+Vielfältigkeit des einer Analyse zur Verfügung stehenden Materials+Disziplinenübergreifende Verwendbarkeit
- Formen der quantitativen Inhaltsanalyse - Frequenzanalyse: Textelemente werden lediglich in Kategorien eines Klassifikationsschemas klassifiziert und nach der Häufigkeit ihres Vorkommens gezählt. - Valenz-/Bewertungsanalyse: Klassifikation von Inhalten durch die Angabe von Bewertungen, die im Zusammenhang mit der Nennung von Begriffen theoretisch interessant sind, z.B. „Steuerreform“ - Intensitätsanalyse: erfassen zusätzlich die Intensität von Bewertungen, z.B. auf einer Ratingskala - Kontingenzanalysen: Klassifikation auf Basis von Assoziationen; das Auftreten bestimmter sprachlicher Elemente wird im Zusammenhang mit anderen Begriffen analysiert, z.B. „Steuerreform“ zusammen mit „Umverteilung“
- Probleme der Inhaltsanalyse - Stabilität: inwieweit bleiben Inhaltsklassifikationen im Zeitverlauf stabil und unverändert („Intracoder-Reliabilität“)-- Gründe für Inkonsistenzen: Mehrdeutigkeiten im Text- oder Kategorienschema, Lernprozesse des Coders, Fehler des Coders - Wiederholbarkeit: Ausmaß, in dem gleiche Klassifizierungen des gleichen Textes durch verschiedene Coder vorgenommen werden („Intercoder-Reliabilität“)-- Gründe für Inkonsistenzen: kognitive Unterschiede zwischen den Codern, mehrdeutige Coderanweisungen, einfache Fehler der Coder - Genauigkeit: Übereinstimmung eines handcodierten Fragebogens mit einer bekannten Standardcodierung = härtester Zuverlässigkeitstest für Codierungen
- Nicht-reaktive Messverfahren Erhebungsmethoden, die eine Rückwirkung der Erhebung auf die Reaktion der untersuchten Personen weitgehend dadurch ausschließen, dass den Personen nicht bewusst ist, dass sie Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sind Beispiele: -Analyse von Verhaltensspuren (physische Spuren)-Nicht-reaktive Beobachtungen-Analyse laufender Berichte-Nicht-reaktive Feldexperimente
- Analyse von Verhaltensspuren Erhebung der Popularität von Gegenständen, Einstellungen, etc. Abnutzungsspuren: -Abnutzung der Teppichfliesen vor Ausstellungsexponaten -Abnutzung von Büchern in Präsenzbibliothek Ablagerungsspuren: -Analyse der programmierten Sender im Autoradio bei Werkstattbesuch-Analyse des Hausmülls (Essgewohnheiten, Alkoholkonsum, etc.)-Analyse von Graffiti, Tags, Parolen in Wohngebieten, Aufzügen, Toiletten
- Nicht-reaktive Beobachtung Äußerliche Erscheinungsmerkmale von Personen oder Objekten Studien zu Tätowierungen von Gefängnisinsassen, Kleidungsstile, Passantengespräche, Smartphoneverwendung, Autoaufkleber, etc. Interviewerangaben nach persönlicher Befragung: -Wohnumfeld-Wohnhaus (Alter, Zustand, etc.)-Wohnung (Einrichtungsstil, Geräteausstattung, etc.)-Merkmale des Befragten (Attraktivität, Kleidungsstil, Deutschkenntnisse, etc.)
- Analyse laufender Berichte Analyse in Industriegesellschaften kontinuierlich erstellter, zum Großteil öffentlich zugänglicher Berichte Mögliche Datenquellen: Mitgliederverzeichnisse von Vereinen oder Parteien, Börsenkurse, Haushaltspositionen in kommunalen Etats, Wahlkreisstatistiken, Polizeiberichte, Gerichtsurteile, Bibliotheksausleihen, Kündigungsraten, Krankmeldungen, etc. Forschungsbeispiele: -Wasserverbrauch und Fernsehsendungen-Einwohnermeldestatistiken/Personenstandsregister zur Untersuchung vorehelicher Geschlechtsbeziehungen in verschiedenen Gesellschaften
- Nicht-reaktive Feldexperimente Einstellungsmessungen gegenüber Gruppen/Organisationen in bestimmten lokal abgegrenzten Gebieten Forschungsbeispiele: -„Lost-letter-technique“: Wie viele frankierte „verlorene“ Briefe werden aufgegeben (Variation des Empfängers)-Kontaktanfragen in Partnerbörsen (Variation von Hautfarbe, Alter, etc.)-Einladungen zu Vorstellungsgesprächen (Variation des Geschlechts, Namens, etc.)-Einladungen zu Wohnungsbesichtigungen (Variation des Namens, Berufs, etc.)
- Probleme nicht-reaktiver Messverfahren Kaum klare Gütekriterien: Reliabilität, Validität Auswahlprobleme: Angabe der Untersuchungspopulation meist nicht möglich Selektivitätsprobleme: -Verfallszeiten von Spuren (etwa: Häufigkeit der Entfernung von Graffitis)-Verwendung von Spuren (etwa: Autoaufkleber) Rechtliche, ethische Probleme: -Abhören von Telefonen-Vortäuschung von Notsituationen, etc.
- Big Data Verschiedene Formen (zumeist umfangreicher) Datenquellen, die ursprünglich nicht für Forschungszwecke erhoben wurden. Beispiele: -Administrative Daten -Sensordaten-Social-Media Daten-Transaktionsdaten