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Psychiatrie fächerübergreifend (Subject) / Soziale Ängstlichkeit (Lesson)
wichtigste
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- Verlauf Kontinuierlicher Verlauf, Prävalenzen steigen mit dem Alter an Störungsbeginn: Jugend und im frühen Erwachsenenalter (75% erfüllten bis zum 15. Lebensjahr erstmals Kriterien) Bei Beginn vor dem 11. Lebensjahr mit depressiven und/oder Abhängigkeitsproblemen chronische Störung wahrscheinlich Abhängig von Lebensumständen: Anforderungen in der Schule: Prüfungen, Vorlesen, Referate Sozialkontakt: unstrukturierte Interaktionen mit Gleichaltrigen, Kontakt zum anderen Geschlecht
- Komorbidität Angststörungen untereinander hoch komorbid Ab dem Jugendalter ist eine weitere psychische Störung sehr wahrscheinlich · In der Gruppe der 12-17-Jährigen hohe Komorbiditäten mit: Somatoforme Störung: 41,2 % Depressive Störung: 29,4 % Substanzmissbrauch: 23,5 % Agoraphobie: 23,5% Zwangsstörung: 11,7 %
- Häufigkeit Lebenszeitprävalenz zwischen 3 (ECA)-13% (NCS) Punktprävalenzen (Bremer Jugendstudie, 1999): 12-13-Jährige: 0,5% 14-15-Jährige: 2,0% 16-17-Jährige: 2,6% · Mädchen 1,5-fach erhöhtes Risiko
- Klassifikation: Überblick synonyme Verwendung der Begriffe „soziale Phobie & „soziale Angststörung“ Soziale Phobie im ICD-10 und DSM-V nahezu deckungsgleich Drei Bezeichnungen in den Klassifikationssystemen: Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters (F93.2, ICD-10) Soziale Phobien (F40.1, ICD-10) Soziale Angststörung (DSM-V)
- Klassifikation: Gemeinsamkeiten Angst erstreckt sich auf Erwachsene und Gleichaltrige Vorhandensein sozialer Kompetenzen im Umgang mit vertrauten Personen deutliches Leiden in unvermeidbaren Situationen Vermeidungsverhalten
- Klassifikation DSM-V: Überblick Soziale Angststörung (Soziale Phobie) Angst vor fremden oder unvertrauten Personen UND Angst vor Bewertung und sozialer Hervorhebung mindestens 6 Monate
- Klassifikation: ICD-10: Überblick Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters (F93.2)- Angst vor fremden oder unvertrauten Personen- mindestens 4 Wochen Soziale Phobien (F40.1)- Angst vor Bewertung und sozialer Hervorhebung- keine Zeitangabe
- Abgrenzung & Unterschiede Prüfungsangst/ Leistungsangst Begrenzung auf Prüfungssituationen in Schule, Ausbildung, Studium & Ähnliches Emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters Kind hält sich zwar am häufigsten zu Hause auf, jedoch aus dem Grund des Sich-Nicht-Trennen-Könnens (nicht, weil es Sozialkontakte scheut) Phobische Störung des Kindesalters und spezifische Phobie Ängste sind auf spezifische Ereignisse, Objekte oder Personen begrenzt Ängste treten nicht immer in sozialen Situationen auf Generalisierte Angststörung des Kindesalters keine Begrenzung auf soziale (oder schulische) Situationen Sorgen sind nicht an soziale Hervorhebung und Bewertung gebunden Autismus-Spektrum-Störung soziale Isolation ist auf Desinteresse an Sozialkontakten zurückzuführen Elektiver Mutismus soziale Ängste können, müssen aber nicht mit elektiven Mutismus verbunden sein Sprachmerkmale (keine oder leise undeutliche Artikulation) treten nur am Anfang einer unvertrauten Sozialkontaktsituation auf nach einer Gewöhnungsphase in einer sozialen Situation tritt normales Sprechen auf Depressive Episode und Dysthymia sozialer Rückzug aufgrund von Antriebslosigkeit oder Interessenlosigkeit und nicht wegen erwarteter negativer Bewertung soziale Angststörung kann mit depressiven Merkmalen einhergehen Agoraphobie Angst vor großen Menschenmengen, nicht vor kleinen Gruppen wegen möglicher sozialer Hervorhebung eher Angst vor Kontrollverlust als vor peinlichem Verhalten (aber auch Merkmalsüberlappung)
- Risikofaktoren: internal Biologische Faktoren Zwillings- und Familienstudien weisen auf familiäre Häufung hin à familiäre Häufung Größe des tatsächlichen genetischen Einflusses zw. 30-50% geschätzt Assoziation mit Schüchternheit und sozialer Phobie bei Kindern bei mütterlicher Angststörung allgemein oder bei sozialer Phobie im Besonderen (Lieb et al., 2000) Kinder, deren Mutter an sozialer Phobie erkrankt ist, dreifach erhöhtes Risiko (hier allerdings auch soziale Faktoren) (Kendler et al., 1999) Psychische Faktoren Temperament Verhaltenshemmung (behavioral inhibition) als spezifisches Risiko für soziale Phobie Merkmal: Rückzugs- und Verweigerungsverhalten in fremder Umgebung wie auch gegenüber fremden Dingen und Menschen; sowohl behaviorale als auch physiologische Reaktionen; relativ stabil vorausgehende Verhaltenshemmung assoziiert mit Auftreten von Sozialer Phobie (Inzidenzrate liegt bei 22,2% bei Kindern mit Verhaltenshemmung) (Hirshfeld-Becker et al., 2007) wichtig: nicht alle Kinder mit Verhaltenshemmung entwickeln eine soziale Phobie (à Umwelt!) kognitive Faktoren hohe Selbstaufmerksamkeit negative Gedanken um Scham, Versagen und Ablehnung verstärkte Wahrnehmung körperlicher Symptome und Einschätzung als bedrohlich niedrige Erwartungen an eigene Leistung Alfano et al. (2006): sozial Ängstliche hatten niedrigere Erwartungen an ihre eigenen Leistungen und bewerten ihr eigene Leistung schlechter
- Risikofaktoren: external Innerfamiliäre Faktoren überbehütendes, kontrollierendes Erziehungsverhalten sowie Überbewertung von sozialen Normen extrem beschützendes und zurückweisendes Elternverhalten à Inkonsistenz (erlernte Hilflosigkeit) Mütter mit sozialer Phobie zeigen spezifische Erziehungsstile: ermuntern ihre Kleinkinder seltener, in Interaktion mit Fremden zu treten als gesunde Mütter --> bereits Kleinkinder zeigen weniger soziale Reaktion auf Fremde (Murray et al., 2007) Einzelkinder und Erstgeborene: höhere Tendenz bei Schüchternheit; Jüngere müssen mehr soziale Fähigkeiten erwerben, um mit älteren Geschwistern umzugehen (Asendorpf, 1986) Peerbeziehungen Ausschluss aus sozialen Beziehungen evtl. moderierende Wirkung auf Verlauf sozialer Ängste und auf Vermeidungsverhalten Gazelle & Rudolph (2004): ängstliche Kinder zeigten im Verlauf eines Jahres konstantes oder sogar steigendes Vermeidungsverhalten in sozialen Situationen, wenn sie weitgehend ausgeschlossen waren, bei verfügbaren Beziehungen entwickelten sie eher soziale Annäherungsverhalten Traumatische Erlebnisse Verlusterlebnisse, schwere psychische Störung der Eltern oder sexueller Missbrauch häufig in Vorgeschichte von Personen mit sozialer Phobie Nur 12% der Patienten mit sozialer Phobie hatten keine schweren traumatischen Erlebnisse in der Vorgeschichte (Bandelow et al., 1994)
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- Modelle von Angststörungen Klassische Konditionierung Die Zwei-Faktoren-Theorie der Vermeidung Lernen durch Beobachtung Rachmans Modell (1977) Das Krankheits-Vermeidungs-Modell (Matchett/ Davey,1991) Kognitive Modelle Psychoanalytisches Modell (nach Freud) Bindungsmodell ( nach Manassis & Bradley, 1994) Temperaments-Modell Integratives Modell: Biopsychosozialer Erklärungsansatz
- Klassische Konditionierung neutrale Reize rufen, wenn sie einmal mit Angst oder Schmerz verbunden waren, Angstreaktionen hervor Vorliegen einer oder mehrerer traumatischer Erfahrungen, bei denen die Verbindung zwischen Reiz und Angst gelernt wird Z.B. Schlag bei Greifen nach Spielzeug à Spielzeug wird gefürchtet und vermieden à Vermeidung des gefürchteten Objekts verhindert und reduziert Furcht Ausmaß der Furcht wird bestimmt durch die Anzahl, mit der die Verbindung zwischen dem Reiz und der emotionalen Reaktion wiederholt, und die Intensität, mit der die Emotion erlebt wird Ansatz geht zurück auf Untersuchung des „kleinen Alberts“ (Watson, Rayner, 1920) Albert (11 Monate) fürchtete sich vor lauten Geräuschen; Spielen mit weißer Ratte à Paarung mit lautem Geräusch bei Annäherung an Ratte à konditionierte Angstreaktion Generalisierung: Transfer einer gelernten Reaktion von einem konditionierten Reiz auf ähnliche Reize (z.B. Angst vor Hund übertragen auf mehrere Hunderassen) Diskriminierung: Reaktion auf einen ganz bestimmten Reiz Kritik: Meisten Menschen berichten keinen Zusammenhang zwischen Beginn der Phobie und einem traumatischen Ereignis (Davey, 1992; Menzies/Clarke 1993) Nicht durch direkte Erfahrung, sondern durch Beobachtungslernen (Menzies/Clarke 1993) Modell beruht teilweise auf dem Konzept, dass jeder neutrale Reiz durch klassische Konditionierung zu einem angstauslösenden Reiz werden kann, jedoch verteilen sich Ängste und Phobien nicht gleichmäßig auf alle Reize und Erfahrungen à Kinder und Jugendliche entwickeln v.a. Tierphobien oder Phobien, die mit Höhen, Donner, Feuer zusammenhängen --> legt gewisse biologische Prädisposition im Hinblick auf bestimmte Reize nahe
- Zwei-Faktoren-Theorie der Vermeidung Vermeidungsverhalten zentraler Mechanismus (Mowrer, 1969) Zwei Lernprozesse beteiligt: Klassisches Konditionieren --> Furchtreaktion Vermeidungsverhalten reduziert aversiven Erregungszustand (negativer Verstärker) Kritik: Solomon et al. (1953) Hunde lernen schon nach wenigen Durchgängen, einen, durch ein Lichtsignal angekündigten elektrischen Schlag, durch Sprung über Barriere in anderen Käfigteil zu vermeiden; ohne Anzeichen von Furcht --> Dissoziation von Furcht Vermeidung à kein geeignetes Erklärungsmodell
- Lernen durch Beobachtung Aversive Reaktionen auf Objekte oder Situationen werden dadurch erworben, dass beobachtet wird, wie ein anderer auf einen Reiz mit Angst oder im Rahmen einer Bedrohung reagiert Stellvertretende Erfahrungen können zusätzlich als Quelle von Selbstwirksamkeit fungieren (1982): Interaktion mit einem Reiz / Reaktion auf einen Reiz ist abhängig von der Erfolgs- oder Misserfolgserwartung der betreffenden Person Erwartungen bilden sich auf der Grundlage versch. Informationsquellen: vorherige Bewältigung ähnlicher Situationen, stellvertretende Erfahrungen, verbale Überzeugungen, emotionale Erregung (Bandura 1982) Ergebnisse von Studien zeigen, dass Kinder häufig die Ängste ihrer Eltern teilen (Emmelkamp, 1982) --> könnte jedoch auch an Informationsprozessen, genetischen Einflüssen und traumatischen Ereignissen liegen
- Rachmans Modell (1977) Rachman (1977) zufolge können Phobien über 3 verschiedenen Wege erworben werden: Direkte klassische Konditionierung Modell-Lernen Informations-/Wissensvermittlung Kleinknecht (1994) Zuschreibung von Blut-Verletzungs-Spritzenphobie bei Studenten 53% traumatische Konditionierungserfahrungen 16% Modell-Lernen 3 %Informationsvermittlung 27% nicht erinnern Menzies und Clarke (1993) Elternberichte zur Untersuchung von Wasserphobie der Kinder 56% kein Zusammenhang mit einer direkten Erfahrung oder Beobachtung/Information à bestand bereits bei erstem Kontakt 26% andere Familienmitglieder beängstigende Vorerfahrungen 2% direkte Konditionierung --> Angst kann sich auch ohne vorherige schlechte Erfahrung entwickeln
- Das Krankheits-Vermeidungs-Modell (Matchett/ Davey,1991) Ängste und Phobien hängen mit Ekelreaktion zusammen, deren adaptiver Nutzen die Prävention von Krankheitsübertragungen sein könnte Bezug: Tiere, die mit Verbreitung von Krankheiten oder Schmutz in Verbindung gebracht werden können In Verbindung steht auch das Konzept der Ekel-Sensitivität Matchett & Davey (1991) Ekel- / Kontaminationssensitivität: starker Zusammenhang zwischen Angst vor Tieren, die für gewöhnlich Menschen nicht angreifen oder ihnen schaden können (z.B. Ratten, Spinnen) und vor Tieren, die normalerweise als ekelerregend betrachtet werden (z.B. Schlangen, Schnecken)
- Kognitive Modelle Beck und Emery (1985): Personen mit Angststörungen neigen dazu, Gefahren in allen möglichen Situationen zu überbewerten Kognitive Verzerrungen (wie Fehlinterpretationen oder falsche Kausalzuschreibungen) à ängstliche Stimmung und fehlangepasstes Verhalten Gefährlich, da dazugehöriges Verhalten negative Kognitionen bestätigt Emotionale Reaktionen wesentlich abhängig von der Bedeutsamkeit, die den Umweltreizen zugeschrieben wird 2 Arten dysfunktionaler Informationsverarbeitung Automatische Gedanken: treten unmittelbar auf in Situation oder bei Erinnerung an Situation auf; nicht notwendigerweise rational, basieren oft auf falschen Grundannahmen Gedanken-Schemata: kognitive Strukturen, die grundlegende Regeln für die Auswahl, die Filterung und Kodierung der Information der Umwelt beeinflussen --> obwohl kognitives Modell Erkenntnisse über Angst erweitert haben, Vorsicht bei Anwendung auf Kinder und Jugendliche
- Kognitives Modell von Panikattacken (Clark, 1988) Grundlegende Fehlinterpretation gewisser Körperwahrnehmungen à führt zu vermehrter Angst Fehlinterpretierte Empfindungen: z.B. Zittern, Atemnot Hervorrufen durch pharmakologische Substanzen, bestimmte Ereignisse · 3 Prozesse, die einer Panikattacke vorausgehen können Periode erhöhter Angst, die durch gedankliche Vorwegnahme einer Attacke verursacht wurde Periode erhöhter Angst, der andere Faktoren zugrunde liegen Interpretation einer bestimmten Körperwahrnehmung auf eine angsterzeugende Art, ohne dass zuvor erhöhte Angst vorgelegen hätte à Fehlinterpretation als bevorstehendes Unheil · Aufrechterhaltung: Angst führt zu Hypervigilanz & wiederholter Überprüfung des Körpers auf Zeichen von Gefahr. Werden diese Zeichen wahrgenommen, werden sie als Beweis für ernste körperliche oder psychische Störung angesehen Vermeidungsverhalten erhält negativen Interpretationsstil des Patienten aufrecht
- Kognitive Theorie der Agoraphobie Salkovskis/Hackmann (1997) Angst entsteht, wenn die eigene Situation als bedrohlich erlebt wird Negative Bewertungen basieren auf vorgefassten Überzeugungen und Annahmen hinsichtlich der Situation, in der sich eine Person befindet · Überzeugungen können generalisiert („Die Welt ist ein sehr gefährlicher Ort“) angstspezifisch („Ich kann es nicht zulassen, Angst zu bekommen, da ich sonst Gefahr laufe, die Kontrolle zu verlieren“) symptomspezifisch („Wenn ich mich schwach fühle, heißt das, dass ich jeden Moment ohnmächtig werden kann“) sein Angst kann unangemessen hoch sein, wenn Person die Wahrscheinlichkeit einer Gefährdung und ihre Bedrohlichkeit überschätzt; bei gleichzeitiger Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten / Unterstützung von außen · 3 Prozesse des Fortbestehens negativer Überzeugungen physiologische Erregung selektive Aufmerksamkeit sicherheitssuchendes Verhalten Panik / panikartige Symptome führen häufig zu agoraphobischem Vermeidungsverhalten Personen mit wiederholt auftretenden Panikattacken haben Tendenz, bestimmte Körperempfindungen als Anzeichen einer drohenden Katastrophe zu interpretieren à Verhalten hängt eher mit Vermeidung gefürchteter Katastrophe zusammen als mit Angst selbst Sicherheitssuchendes Verhalten --> Subjektives Gefühl, sich vor potentieller Katastrophe geschützt zu haben --> Überzeugung „Katastrophe wurde durch mein Verhalten verhindert“
- Kognitives Modell der Sozialen Phobie (Clark, Wells, 1995) ausgeprägtes Bedürfnis, einen guten Eindruck zu hinterlassen Unsicherheit über Fähigkeit dazu diese manifestiert sich in negativen Gedanken über sie selbst in Verbindung mit sicherheitssuchendem Verhalten, um den Selbstwert zu schützen und eine negative Beurteilung der eigenen Person zu vermeiden Angstsymptome und negative Folgen des sicherheitssuchenden Verhaltens verstärken die verzerrte Selbstwahrnehmung Dysfunktionale Gedanken in phobischen Situationen selbst, aber auch vor der Situation in Form von Befürchtungen und Grübeln sowie nach der Situation à machen das Individuum anfällig für verschiedene Kognitionen und behaviorale Faktoren, die die Soziale Phobie aufrechterhalten · 3 Arten von Informationen Glaubenssätze über sich selbst („Ich bin dumm“) Vermutungen („Wenn ich nicht viel rede, dann werden die Menschen denken, dass ich langweilig bin“) Strenge Regeln („Ich muss immer etwas Interessantes sagen“) · 3 weitere Prozesse, die bei Aufrechterhaltung eine Rolle spielen (Wells, Clark, 1997) Eigenes Selbst als soziales Objekt: Verschiebung und Reduktion der Aufmerksamkeit. Situationen, die Soziale Phobie auslösen, werden anders als sonst wahrgenommen. Wahrnehmung äußerer Situationen wird ersetzt durch Konzentration auf innere Prozesse, in deren Zentrum das eigene Selbst steht Sicherheitssuchendes Verhalten wird eingesetzt, um gefürchtete Situationen abzuwenden. Tritt dann auf, wenn Vermeidung von Situationen, die Soziale Phobien hervorrufen, nicht möglich ist. Risiko vor sozialem Versagen und Demütigung reduzieren Kognitive und somatische Angstsymptome: Interpretation der körperlichen Symptome als Zeichen bevorstehenden Versagens in sozialen Situationen; Wahrnehmung sozialer Gefahren mit körperlichen Symptomen, führt zu Steigerung kognitiver und somatischer Symptome
- Psychoanalytisches Modell (nach Freud) Biologische Angsttheorie (Freud, 1895): Angst = Aufstauung und ungenügend Entladung von Libido Psychologische Angsttheorie (Freud, 1926): Angst als Reaktion auf innerpsychische Konflikte Angst entsteht als Reaktion auf Trauma oder äußere Gefahren Angsterregende Triebsituationen: eigentlich zwischenmenschliche Gefahrensituationen -als verboten empfundene Triebe machen Angst und werden verdrängt (Abwehrmechanismen: Verdrängung und Verschiebung) -Anhäufung äußerer und innerer Erregung: „Ich“ bin hilflos -Versagen der Abwehrmechanismen: frei flottierende Angst oder Panikattacken o Beispiel: Analyse des kleinen Hans mit einer Pferdephobie (Freud, 1909): Ungelöster und unbewusster ödipaler Konflikt (Hans begehrt seine Mutter sexuell und hat dadurch Schuldgefühle und Furcht vor Vergeltung durch Vater) Verschiebung: Diese Angst wird auf ein externales und vermeidbares Objekt verschoben (--> Pferd!) Vermeidung von Pferden = Vermeidung des intrapsychischen Konflikts
- Bindungsmodell ( nach Manassis & Bradley, 1994) Unsicherer Bindungsstil durch „Unaufmerksamkeit“ der Bezugsperson Internales Arbeitsmodell (= Vorstellung davon, wie Beziehungen funktionieren) beim Kind: „Meine Bedürfnisse werden von anderen nicht verlässlich erfüllt!“ --> Folgen: -Extreme Selbstgenügsamkeit (wenig zwischenmenschlicher Kontakt) -Oder ständige Suche nach Aufmerksamkeit (viel + fordernder zwischenmenschlicher Kontakt) Negative Reaktionen auf Verhalten des Kindes bestärken das verzerrte innere Arbeitsmodell Beeinträchtigung in der Entwicklung sozialer Kompetenzen + Vermeidungsverhalten à Teufelskreis Fazit: chronischer Zustand innerer Unsicherheit beim Kind --> Prädisposition für Angststörungen
- Temperaments-Modell Physiologische Prädisposition einer Verhaltenshemmung (= niedrige Reaktionsschwelle) Gehemmte Kinder = hohe Herzfrequenz + andere Anzeichen einer hohen Erregung Folge: starke Erregung à Unwohlsein in unbekannten Situationen à Vermeidung (dadurch auch kein Erlernen von Bewältigungsstrategien) à Teufelskreis Angststörung: verhaltensgehemmtes Kind ohne Bewältigungsstrategien ist neuer Situation ausgesetzt --> Überforderung + intensive Angstgefühle
- Integratives Modell: Biopsychosozialer Erklärungsansatz Schätzung des Einflusses genetischer Faktoren (Skre, Onstead, Torgersen, Lygeren & Klinglein, 2000): 30 – 50 % --> Problem: schwer von anderen familiären Einflüssen trennbar! · Biologische Faktoren: Verhaltenshemmung (behavioral inhibition) -Tendenz, auf neuartige Reize furchtsam zu reagieren -Schwierigkeiten, diese Furcht effektiv zu modellieren ABER: auch Umwelteinflüsse haben eine Wirkung auf die Ausprägung und Stabilität der Verhaltenshemmung · Psychische Faktoren Kognitive Informationsverarbeitung (--> erhöhte Aufmerksamkeitslenkung auf angstauslösende Reize) Aufmerksamkeits- und Kontrollprozesse (--> Automatische Gedanken): siehe kognitives Modell nach Clark & Wells (Abschnitt 6.3) · Soziale Faktoren Soziale Kompetenzdefizite Abwertung eigener sozialer Fähigkeiten Mütterliche Überfürsorge Belastete Mutter-Kind-Interaktion
- Klassifikation nach DSM-IV/V und ICD 10 --> Besonderheiten Angststörungskategorien können sowohl auf Kinder und Jugendliche als auch auf Erwachsene angewandt werden. Besonderheiten sind: ICD-10 Im ICD-10 werden die emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (F93.0), die Phobische Störung des Kindesalters (F)3.1), die Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters (F93.2) und die emotionale Störung mit Geschwisterrivalität (F93.3) unter der Kategorie „emotionale Störungen des Kindesalters“ geführt. DSM-IV Störung mit Trennungsangst war als einzige Angststörung im DSM-IV unter „Störungen, die gewöhnlich im Kleinkindalter, der Kindheit oder der Adoleszenz diagnostiziert werden“ zu finden. Im DSM-V besteht diese Unterscheidung nicht mehr.
- Störung mit Trennungsangst: Kernmerkmale Eine übermäßige und wiederkehrende Angst, die bei einer Trennung von zu Hause oder von Bezugspersonen entsteht. Eine solche Angst muss angesichts des Alters des Kindes und seines Entwicklungsstandes unangemessen sein. Trennungsangst ist normal im Alter von 7 Monaten bis durch das Vorschulzeitalter. Gekennzeichnet durch kognitive Verzerrungen (Furcht vor Verlust und Trennung) und Vermeidungsverhalten.
- Soziale Phobie (Soziale Angststörung): Kernmerkmale Eine ausgeprägte und anhaltende Angst vor sozialen Situation oder Leistungssituationen, in denen Peinlichkeiten auftreten können. Ängstliche Reaktion gegenüber sozialen Situationen Situation wird möglichst vermieden 75% der Betroffenen haben Ersterkrankungsalter zwischen 8 und 15 Jahren
- Generalisierte Angststörung: Kernmerkmal Exzessive Angst und Besorgnis über eine Reihe von Ereignissen, die ein Kind schwer kontrollieren kann.
- Selektiver Mutismus: Kernmerkmal Kinder tendieren in bestimmten Situationen still zu bleiben, während sie sich in anderen (sicheren) Situationen normal verhalten. Wird in der Regel bei Kindern zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr festgestellt. Wird oft anfangs als Schüchternheit betrachtet und das Ausmaß der Verhaltensweise wird erst deutlich wenn das Kind in die Schule kommt. Kinder beginnen kein Gespräch oder zeigen kein reziprokes Antwortverhalten. Oft bezieht sich der Mutismus auf die Schulsituation – Leistungen leiden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kind anfangs sehr still ist, jedoch behalten Kinder mit Selektiven Mutismus dieses stille Verhalten für Monate bei.
- Diagnostisches Vorgehen: Ideale Schritte der Diagnostik gemeinsames Erstgespräch mit Eltern und Kind Diagnostische Einordnung (einschl. Differentialdiagnostik mit Hilfe reliabler und valider standarisierten Verfahren) Medizinische Differentialdiagnostik zum Ausschluss organischer Ursachen Einsatz reliabler und valider Fragebögen & ev. Tagebücher Detailanalyse der angstauslösenden und –aufrechterhaltenden Bedingungen z.B. konkrete angstauslösende Reize, Reaktion auf körperlicher, kognitiver und Verhaltensebene, etc.)
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- Diagnostik: Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen manche Ängste sind normal in verschiedenen Entwicklungsphasen/Altersstufen --> Diagnostik, inwieweit Angst altersgemäß bzw. übermäßig ängstliches verhalten tritt teilweise nur in bestimmten Situationen auf--> genaue Analyse notwendig häufig große Diskrepanz zw. Angaben der Eltern und der Kinder -->Kombination mehrerer In formationsquellen und diagnostischer Methoden nötig
- Übersicht über gängige diagnostische Testverfahren KAT-II (Kinder-Angst-Test-II, Thurner & Tews); 9-15 J, SU SBB-ANG/ FBB-ANG (Fremdbeurteilungs-/ Selbstbeurteilungsbogen Angststörungen; Döpfner et al.: DISYPS-II); 4-18 J., SU & FU BAI (Beck-Angst-Inventar; Margraf & Ehlers); ab 12, SU SPAIK AFS DAI PHOKI
- Therapie: Leitlinien Psychoedukation von Patient*in, Eltern und Lehrer*in/Erzieher*in Kognitiv-behaviorale Therapie des Kindes/ des/r Jugendlichen Eltern- und familienzentrierte Interventionen Interventionen im Kindergarten/ in der Schule Interventionen in der Gleichaltrigengruppe Medikamentöse Behandlung