Einführung (Fach) / VL 8 Klinische Psychologie (Lektion)

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VL 8

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  • Klinische Psychologie Klinische Psychologie beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung gestörten Verhaltens. Klinische Psychologen sammeln systematisch Informationen um die Phänomene, die sie untersuchen zu beschreiben, vorherzusagen, zu erklären und schließlich zu behandeln.
  • DEFINITION gestörtes Erleben und Verhalten  keine allgemeingültige, aber Gemeinsamkeiten auffindbar Gestörte Erlebens- und Verhaltensmuster sind solche,  die in einem bestimmten Kontext deviant oder abweichend sind – d.h. anders, extrem, ungewöhnlich, vielleicht sogar bizarr –  die die jeweilige Person belasten oder ihr unangenehm sind – sie also unter Leidensdruck setzen –  die sie beeinträchtigen oder so störend oder dysfunktional werden, dass die betroffene Person alltägliche Handlungen nicht mehr konstruktiv verrichten kann  durch die sich die Person und andere möglicherweise gefährdet.
  • Rolle der Gesellschaft:  Begriff „Störung“ ist relativ, d.h. abhängig von den Normen und Werten einer Gesellschaft.  Letztlich wählt jede Gesellschaft die allgemeinen Definitionskriterien und interpretiert sie dann, um danach im Einzelfall zu beurteilen, ob etwas als normal oder gestört gilt.  psychiatrischer Theoretiker Thomas Szasz: Gesellschaften erfinden den Begriff der psychischen Störung um damit ihre Versuche zur Kontrolle oder Änderung von Menschen, die angeblich die soziale Ordnung bedrohen, zu rechtfertigen. In Extremfällen diene es als Rechtfertigung diese Personen aus der Gesellschaft zu entfernen.  die meisten Theoretiker stimmen zu, dass Begriffe wir „gestörtes Erleben und Verhalten“ schwer zu fassen sind , da sie eng mit den gesellschaftlichen Werten und Institutionen verquickt sind.
  • TIEFENPSYCHOLOGISCHES MODELL  postuliert unbewusste, innere Konflikte der Menschen  Verhalten einer Person, ob normal oder nicht, wird in hohem Maß von grundlegenden psychischen Kräften bestimmt, deren sich die Personen nicht bewusst sind.  Konzentration auf die Erfahrungen in der Vergangenheit des Klienten, da psychische Konflikte in der frühen Eltern-Kind-Beziehung und in traumatischen Erfahrungen der ersten Lebensjahre wurzeln.  psychodynamische Modell geht auf Sigmund Freud (1856-1939) zurück.  allgemeine Theorie der Psychoanalyse: Vorstellung, dass unbewusste Konflikte für alle Formen des Verhaltens verantwortlich sind. Konflikte zwischen den drei unbewussten, dynamischen Kräften: ES, ICH und ÜBER-ICH, die die Persönlichkeit bilden und gemeinsam Denken und Emotionen und Verhalten formen.  Behandlung: frühe Traumata und die daraus entstandenen Konflikte frei zu legen  Techniken: freie Assoziation, Interpretation von Widerständen, Übertragungen und Träumen.
  • HUMANISTSICH-EXISTENTIELLES MODELL  betont die Rolle der Werte und Wertentscheidungen für die menschliche Individualität und Erfüllung  konzentriert sich auf die menschliche Fähigkeit, sich Problemen wie Werte, Sinn und Entscheidungsfreiheit zu stellen und sie in das Leben zu integrieren.  Annahme, dass Menschen sich selbst verwirklichen wollen.  Gestörtes Verhalten: wenn dieser Drang, sich selbst zu verwirklichen, behindert wird  Gesprächstherapeuten (Carl Rogers 1902-1987) versuchen während der Behandlung ein Klima der Unterstützung zu erzeugen, in dem sich Klienten selbst erkennen und akzeptieren können.  Gestalttherapeuten (Fritz Perls 1893-1970), benutzen aktivere Techniken (Frustration, Rollenspiel), dami
  • SOZIOKULTURELLES MODELL  Auswirkungen von Gesellschaft und Kultur auf das individuelle Verhalten  gestörtes Verhalten: soziale und kulturelle Kräfte, die auf dysfunktional auf ein Individuum einwirken.  Konzentration auf die Familienstruktur und –kommunikation (Virginia Sartir 1916-1988): Familie ist ein System aus interagierender Teile, in dem Struktur, Regeln und Kommunikationsmuster die Familienmitglieder zu gestörtem Verhalten zwingen können. z.B. kein Zusammenhang zwischen gezeigtem Verhalten und dem, was Gesagt wird  Konzentration auf soziale Netzwerke, demographische Merkmale etc. (niedrige sozioökonomische Bedingungen können psychische Störungen wahrscheinlicher machen und auch verstärken)  Therapieformen: Gruppentherapie, Familientherapie, Paartherapie
  • LERNTHEORETISCHES MODELL  oder verhaltenstherapeutische Modell  befasst sich mit eingeschliffenen Verhaltensweisen und wie sie erlernt werden (Verhalten einer Person lässt sich aus den Lerngesetzen ableiten)  drei Arten des assoziativen Lernens: klassische (zeitliche), operante (Belohnung) Konditionierung und Modelllernen  Verhaltenstherapie: aufrechterhaltene Faktoren des gestörten Verhaltens werden identifiziert und mittels verschiedener Techniken verändert  z.B. Systematische Desensibilisierung (Joseph Wolpe 1915-1997): schrittweises Verfahren, erfolgreich bei Phobien, Patienten erstellen eine Angsthierarchie von angsterfüllten Situationen, befinden sich in einem entspannten Zustand und stellen sich schrittweise die Situationen der Angsthierarchie vor (in sensu), solange bis keine Angst mehr empfunden wird. Auch in vivo möglich.
  • KOGNITIVES MODELL  Denkprozesse und –inhalte, die dem Verhalten zugrunde liegen.  Inhalt und Prozess des menschlichen Denkens müssen verstanden werden, wenn man menschliches Verhalten verstehen will.  gestörte Erlebens- und Verhaltensmuster: durch kognitive Probleme, wie fehlangepasste Annahmen, negative Gedanken, unlogische Denkprozesse.  Therapie: Klienten sollen diese dysfunktionalen Gedanken erkennen und ändern.  eine der häufigste Methoden (v.a. bei Depression erfolgreich): kognitive Restrukturierung (Aaron Beck 1921-) – dysfunktionale Gedankengänge werden aufgedeckt, in Frage gestellt und neu belegt
  • BIOLOGISCHES MODELL  organische Prozesse sind der Schlüssel zum menschlichen Verhalten  ein umfassendes Verständnis der psychischen Funktionen müsse die Aufklärung der biologischen Grundlagen einschließen.  psychische Störungen: durch anatomische oder biochemische Probleme im Gehirn (kann Folge genetischer Übertragung sein)  Therapie: physische und chemische Methoden zur Behandlung, am häufigsten Medikamente, weniger oft Elektrokrampftherapie und nur in seltenen Fällen Psychochirurgie
  • DIATHESE-STRESS-MODELL  alle Modelle inhaltlich weit voneinander entfernt, aber heute erklären sie oft gemeinsam Störungsbilder und wie es dazu kommt. Diathese-Stress-Modell verbindet einzelne Modelle miteinander  Diathese: biologische, psychische und soziokulturelle Prädispositionen  Stress: Episoden mit schwerem psychischen Stress ausgesetzt  psychische Störungen werden nur ausgebildet und beibehalten wenn beides zutrifft Beispiel: Depression  genetische Belastung, Störung im Neurotransmitterhaushalt = prädisponierender Faktor (Diathese)  einschneidender Verlust = auslösender Faktor (Stress)  Denkfehler = aufrechterhaltender Faktor.
  • VORAUSSETZUNG FÜR UNTERSUCHUNGSMETHODEN  standardisiert (Testwert ist dann aussagekräftig, wenn wir ihn mit den Werten vergleichen können, die andere Leute bei demselben Test erreicht haben)  reliabel (Maß der Konsistenz, ein guter Test führt in der gleichen Situation zu den gleichen Ergebnissen)  valide (Test soll auch das messen, was er messen soll, also gültige Ergebnisse bringen) sein, um nützlich zu sein.  Klinische Praktiker interessieren sich für ideographische, also personenspezifische Informationen über ihre Klienten. Sie versuchen die Probleme ihrer Klienten mit Hilfe der klinischen Untersuchung und der Diagnostik zu bestimmen.
  • KLINISCHES INTERVIEW  Praktiker kann mit dem Klienten interagieren und sich einen allgemeinen Eindruck verschaffen, was für einen Menschen er vor sich hat.  strukturiert oder unstrukturiert  oftmals erster Kontakt: erfragen detaillierte Informationen über die gegenwärtigen Probleme und Empfindungen des Klienten, seine Lebensumstände und Beziehungen und seine persönliche Geschichte, Auch prüfen der Erwartungen des Klienten an die Therapie und die Motive seines Kommens.  schließlich je nach Orientierung (siehe Paradigmen): spezifische Fragen
  • KLINISCHE TESTS  projektive Tests (z.B. Rhorschach-Test): Probanden sollen vage Stimuli wie Tintenkleckse oder mehrdeutige Bilder interpretieren  Annahme, dass bei ungenauen Stimuli Aspekte der eigenen Persönlichkeit in die Aufgabe projiziert werden, die Aufschluss über die Wünsche und Bedürfnisse des Klienten liefern (kommen bei tiefenpsychologischen Klinikern zum Einsatz)  Selbstbeurteilungsfragebögen (z.B. Persönlichkeitsfragebögen)  Psychophysiologische Tests (z.B. Biofeedback)  Neuropsychologische Tests (z.B. EEG oder CT)  Intelligenztests
  • KLINISCHE BEOBACHTUNG  natürliche Beobachtung: in vivo – Klienten werden in ihrer Alltagsumgebung beobachtet. Interaktionen zwischen Eltern und Kindern, unter Geschwistern, zwischen Lehrern und Kindern  strukturierte Beobachtung: in Praxis oder Labor – Eltern-Kind-Interaktionen, Ehepaare bei Auseinandersetzungen  Selbstbeobachtung: Probanden beobachten sich selbst und zeichnen bestimmte Verhaltensweisen, Gefühle oder Kognitionen in ihrem Alltag sorgfältig auf.
  • KLINISCHE DIAGNOSTIK  Kliniker bündeln die gesammelten Informationen zu einer Diagnose des Problems der Person.  Ein Klassifikationssystem führt anerkannte Störungen auf und beschreibt deren charakteristische Symptome.  treten bestimmte Symptome regelmäßig gemeinsam auf (eine Symptomgruppe heißt Syndrom) und folgen diese einem bestimmten Verlauf, bilden diese Symptome eine bestimmte psychische Störung. Wenn Menschen eine bestimmte Symptomgruppe und deren Verlauf zeigen, werden sie dieser Kategorie zugeordnet.  Emil Kreapelin (1883): erstes Klassifikationssystem, basierend auf tausenden von Fallstudien von Patienten psychiatrischer Krankenhäuser. Identifizierte Syndrome und ordnete jedem eine anscheinende Ursache und einen vermutlichen Verlauf zu.  Grundlage des psychologischen Teils des Klassifikationssystems, das heute von der WHO verwendet wird: International Classification of Diseases ICD-10 (medizinische und psychische Störungen – in klinischer Praxis) und das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-V – in klinischer Forschung)