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Diagnostik I (Fach) / Diagnostik I (Lektion)

Diagnostik I

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  • Situation, Handlungsfeld bei der Beurteilung von Normalität - Situative Aspekte sind bei der Beurteilung von Normalität zu berücksichtigen - Bspw. ist absolut euphorisches, aggressives Verhalten (sich küssen, umarmen, Trikots zerreißen etc.) bei einem Fußballspiel normal, während es am Arbeitsplatz oder auf einem Kongress eher abnorm wäre
  • Auftretenszeitpunkt von Verhaltens- und Erlebensweisen bei der Beurteilung von Normalität - Bewertung wird auch bestimmt durch den Auftretenszeitpunkt, d.h. den Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen - Bspw. ist extremes Verhalten nach kritischen Lebensereignissen normal, nach einer gewissen Zeit aber abnormal - Diese Beurteilung ist aber meist sehr willkürlich und variiert je nach den Bezugssystemen der betroffenen Personen und der Fachleute
  • Bewertungssysteme der Umwelt bei der Beurteilung von Normalität - In die Beurteilung wird zudem die Umgebung im weiteren Sinne und die Schichtzugehörigkeit miteinbezogen - Bspw. ist auf dem Bau Biertrinken am frühen Morgen normal, während es in einer großen Firma abnormal wäre  
  • Bewertungssysteme von Fachleuten bei der Beurteilung von Normalität - Die letzte Entscheidung darüber, ob Verhaltens- und Erlebensweisen als abnorm gelten, fällt meistens der Fachmann - Die Schlussfolgerungen der Fachleute über die Normalität können jedoch beträchtlich variieren und hängen von vielen Faktoren ab : Vorinformationen, Ausbildungsstand, schulische Ausrichtung, persönliche Wertesysteme, Persönlichkeit und dadurch beeinflusste Empathie, Kenntnisse über bestimmte Symptome und Therapien, Institution, verfügbare Zeit, Kontrasteffekte durch vorausgehende Tätigkeiten etc. Fachurteil wird auch beeinflusst durch Beruf, Schicht, Rolle und Äußerungsfreudigkeit des Patienten und seinen Angehörigen
  • Wozu dienen statistische Normen? - Testeichung und Normierung dienen dazu, die individuellen Testrohwerte vergleichbar und damit erst interpretierbar zu machen - Für den Diagnostiker ist es primär wichtig, zu wissen, ob das Testergebnis eines Kandidaten über- oder unterdurchschnittlich ist und wie weit es vom Durchschnitt abweicht (Das sieht man einem Testergebnis (Rohwert) nicht an, man muss deshalb den individuellen Messwert mit der Rohpunktverteilung einer Vergleichsgruppe in Beziehung setzen
  • Was muss der Testautor machen, um die individuellen Testergebnisse miteinander vergleichen zu können? - Er muss den Anwendungszielen des Tests entsprechend die Rohwerteverteilungen ganz bestimmter Normpopulationen erheben (Testeichung) - Er muss die Rohwerte in Normwerte umrechnen (lineare oder nonlineare Transformation) - Er muss die gewonnenen Normen in Tabellenform den Benutzern zur Verfügung stellen --> Interpretation von Testrohwerten gilt immer nur mit Bezug auf die jeweilige Normpopulation (Testautor muss ausreichend viele Normen zur Verfügung stellen)
  • Welche Normen sind im jeweiligen Testbereich üblich? - Bei Leistungstests sind Altersnormen und Normen je nach schulischer Vorbildung Standard - Bei Persönlichkeitstests sollten geschlechtsspezifische Normen vorhanden sein - Tests aus dem klinischen Bereich sollten unterschiedliche klinische Gruppen (z.B. Neurotiker, Alkoholiker) aufweisen
  • Im Interesse der Testanwender sollten Testautoren neben der Aktualität und einer ausreichend großen Eichstichprobe (Differenzierungsfähigkeit) folgende Qualitätsanforderungen beachten : - Reichhaltige und bedarfsentsprechende Normen (besser: Differentielle Normen) - Vergleich eines Rohwertes mit der Vergleichsgruppe muss fair und informativ sein Beispiele für bedarfsorientierte Normen : - Alters- und Schulnormen bei Leistungstests - Geschlechtsspezifische Normen bei Persönlichkeitstests Zusätzlich kann der Verwendungszweck des Tests ganz bestimmte Normen verlangen, z.B. Berufsgruppen, von klinischen Gruppen oder ethischen Gruppen Separate Gruppennormen machen aber nur Sinn, wenn sich die gruppenspezifischen Rohwertverteilungen statistisch nachweisbar unterscheiden
  • Drei Hauptarten von Normen (1) Äquivalenznormen (2) Variabilitätsnormen (3) Prozentrangnormen
  • Äquivalenznormen Hier wird ein individuelles Testergebnis mit der durchschnittlichen Leistung einer bestimmten Gruppe verglichen (1) Binet und Simon setzten das Intelligenzalter in Beziehung zum Lebensalter (Differenzbildung)                                                                   Nachteil = Eine negative Differenz von 2 Jahren bedeutet bei einem 5-jährigen Kind ein wesentlich größeres Defizit als bei einem 12-jährigen (2) Berechnung des Intelligenzquotienten (IQ) nach Stern   Nachteil, dass mit steigendem Lebensalter der IQ rechnerisch abnimmt Abweichungs-IQ von David Wechsler : IQ = 100+15*z (3) Grade-Norms bei Schulfortschritt-Tests in den USA - Der Test wird an einer Reihe von Schulklassen geeicht und für jeden Jahrgang ein Leistungsdurchschnitt errechnet, nach dem der einzelne Schüler eingestuft wird
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  • Variabilitätsnormen (Abweichungsnormen) Der Normwert (z) wird aus individuellem Testrohwert sowie Mittelwert und Streuung (Variabilität) der Rohwerte der Vergleichsgruppe (Normstichprobe/Eichstichprobe) berechnet. Ausgehend von dieser z-Transformation normalverteilter Rohwerte in z-Werte können weitere Standardnormen berechnet werden. Beispiele: Abweichungs-IQ von Wechsler (IQ=100+15*z), Sten, z, Centile, Z, Stanine, T-Werte, Schulnoten
  • Prozentrangnormen - Der Wert eines Resultates wird durch den Platz ausgedrückt, den es in der Rangreihe einer großen Zahl von Resultaten im selben Test einnimmt - Prozentrangskale ist in der Mitte gestaucht und an den Enden gestreckt - nicht "linear" sondern "flächen-transformierte Skala", d.h. sie gibt die Flächenanteile der Normalverteilungskurve wiede
  • Zwei verschiedene Verfahren bei der Umrechnung von Rohwerten in Normwerte (1) Lineare Transformationen von Testwerten in Normwerte - Abweichungswertetransformation = Äquivalenznormen - Standardwertetransformation = Variabilitätsnormen (2) Nonlineare Transformation von Testwerten in Normwerte
  • Abweichungswertetransformation (Äquivalenznormen) (Lineare Transformationen) - Äquivalenznormen zeigen an, ob ein Testergebnis über- oder unterdurchschnittlich ist - Äquivalenznormen orientieren sich an den Mittelwerten von Gruppen - Bsp.: Intelligenzalter im klassischen IQ von Stern ist eine solche Äquivalenznorm - i.d.R. nur dort verwendet, wo Gruppen getestet werden sollen, die sich nach einem quantitativ abgestuften Merkmal unterscheiden und wo gleichzeitig Gesamtnormen nicht notwendig oder nicht sinnvoll sind - Typisches Beispiel: Grade-Norms bei Schulfortschritt-Tests
  • Standardwertetransformation = Variabilitätsnormen (Lineare Transformationen von Testwerten in Normwerte) - Standardnorm bedeutet, dass diese Art von Normen über die Standardnormalverteilung ermittelt wurde, also über die Verteilung, die als linearer Verrechnungsmaßstab für normale Rohwerteverteilungen verschiedener Tests am besten qualifiziert ist - z-Verteilung - Z-Wert - Stanine Skala - Sten-Wert-Skala - T-Wert Äquivalente  
  • Stanine Skala (und Sten) (Standardwertetransformation) - Bei der Stanine Skala wird eine Normalverteilung, ausgehend vom Mittelwert, nach links und rechts längs der Horizontale in 9 gleich große Abschnitte aufgeteilt - Stanine (und Sten) erlauben nur ganzzahlige Normwerte, d.h. durch die Verwendung der Stanine-Norm geht Information verloren, weil die Skala die Rohwerte nur in grobe Klassen einteilen kann - Sten-Wert-Skala mit einem M=5,5 und s=2 ; Verwendung bspw. beim 16-Persönlichkeitsfaktorentest
  • Feinnormen oder Grobnormen bei der Standardwertetransformation? - Je irreliabler der Test, umso gröber muss die Testskalierung der Normen sein - Feinnormen (z.B. z-Werte und Prozentränge) mit vielen eng beinander liegenden Werteabstufungen oder Grobnormen (z.B. Centile und Stanine-Werte)? - Feinnormen suggerieren hohe Messgenauigkeit und Unterscheidungsfähigkeit, Grobnormen geringe. - Die Entscheidung, wie fein oder grob die Skaleneinteilung sein muss, liegt daher eigentlich nicht im Ermessen des Testautors, sondern die hängt von der Testreliabilität und von der Streubreite der Rohwerte ab
  • Nonlineare Transformation von Testwerten in Normwerte Prozentrangtransformation = Prozentränge - Der Wert eines Resultates wird durch den Platz ausgedrückt, den es in der Rangreihe einer großen Zahl von Resultaten im selben Test einnimmt - Vorteil = vollkommen eindeutig & sehr leicht verständlich                               Erzielt jemand in einem Test einen PR von 80, heißt das, 80% der Personen vergleichbarer Art schlechtere oder gleich gute Resultate haben und nur 20% bessere. - Nachteil = Abstände zwischen den benachbarten Prozentrangplätzen sind nicht gleichwertig, d.h. Prozentränge vergrößern die tatsächlichen Testwertunterschiede dort, wo die Verteilung ihre größte Dichte hat und verkleinern sie in den Bereichnen geringerer Dichte. - Prozentrangnorm ist keine lineare, sondern eine Flächentransformation der Rohwerteverteilung, die den Unterschied zweier Rohwerte vergrößert oder verkleinert, je nachdem, ob sich diese Rohwerte im mittleren oder im extremen Bereich der Verteilung befinden - Die Prozentrangnormen lassen die individuellen Testunterschiede im mittleren Bereich in einem Maße hervortrete, wie sie gar nicht vorhanden sind, und nivellieren diese Unterschiede in den extremen Bereichen selbst dann, wenn sie de facto deutlich bestehen - Prozentrangnormen können (im Gegensatz zu Standardnormen) von jeder beliebigen Verteilung berechnet werden
  • Durchschnittsbereiche für den Leistungs- und Persönlichkeitsbereich - Individuen, welche vom Mittelwert jeweils um mehr als zwei Standardabweichungen abweichen, werden überwiegend als "abnorm" (im pathologischen Sinne) beurteilt - In der Persönlichkeitsdiagnostik (mit Ausnahme des MMPI) wird bereits eine Abweichung von mehr als einer Standardabweichung vom entsprechenden Mittelwert als "signifikant", "auffällig" oder "über-bzw. unterdurchschnittlich" bewertet - In der Leistungsdiagnostik wird sehr oft anstelle der mittleren 68,2% die zwei Standardabweichungen umfasst, mit den mittleren 50% einer Verteilung gearbeitet (25%-75%); Demnach wird bspw. eine Konzentrationslistung über 75% als überdurchschnittlich interpretiert ---> Man muss den Durchschnittsbereich, auf den man sich bezieht, immer angeben ---> Mit statistischen Methoden kann jedoch nicht entschieden werden, welche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen als gesellschaftlich oder klinisch relevant anzusehen sind ---> Der diagnostisch tätige Psychologie sollte Leistungsmerkmale oder Persönlichkeitszüge immer im größeren Kontext sehen - Ob ein Verhalten abnorm bzw. behandlungsbedürftig zu werten ist, lässt sich sicher nicht nur aufgrund statistischer Normen entscheiden sondern muss in da Gefüge individueller und sozialer Normvorstellungen eingebettet werden ---> Laien urteilen oft typologisch (biomodale Merkmalsverteilung), was sich leider auch oft in der Psychopathologie finden lässt (z.B. Psychotiker vs. Gesunder ohne "fließende Übergänge") - Statistische Betrachtungsweise geht i.d.R. von einer kontinuierlichen Verteilung der Merkmale aus ; eher dimensional
  • Normierung (Eichung) - Erstellung eines zahlenmäßigen Bezugssystems, mit dessen Hilfe individuelle Testwerte mit den Testwerten einer Referenzpopulation verglichen werden können - Diese Vergleichswerte (Testwerte der Eichstichprobe) bezeichnet man als Normen
  • Funktionelle Normen - Sie definieren "normal" als den "einem Einzelwesen hinsichtlich seiner Zielsetzungen und Leistungen gemäßen Zustand" - Funktionale Normen sind also erwartete Regelmäßigkeiten in Hinblick auf Leitungen, Verrichtungen und Fähigkeiten - Funktionale Normen basieren auf den Erfahrungen, die mit den auf bestimmte Ziele gerichteten Aktivitäten von Personen in verschiedenen situativen Kontexten gesammelt worden sind - stüzten sich dabei einerseits auf statistische Befunde über die WSK von Verhaltenssweisen von Personen in einem bestimmten Kontext und sind andererseits davon abhängig, wie die Zusammenhänge zwischen den Einzelereignissen erklärt werden. - Extremwerte sind bei funktionaler Betrachtungsweise nicht erwünscht
  • Soziale, ideale und subjektive Wertnormen - Wertnormen bekommen Bedeutung, wenn es um die Diagnose von Eigenschaften oder Verhaltensweisen geht, die in der Gesellschaft als ideal und erstrebenswert gelten, oder in einer Gesellschaft auf Ablehnung stoßen - Die ideale Norm definiert einen Zustand der Vollkommenheit, dessen Erreichung manchmal als möglich, aber immer als erwünschenswert betrachtet wird (Aufforderungscharakter bzgl. des Verhaltens des Individuums) - Besonderheit = Psychologische Werturteile verurteilen nicht die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen in Kategorien wie "gut" und "böse", sie sind nur relativ, nicht absolut - Werturteile beziehen sich also auf bestimmte Tätigkeiten, Verhaltensweisen oder Wirkungsbereiche und sind wertvoll für bestimmte Adressaten, ohne Anspruch auf eine allgemein Verbindlichkeit zu erheben - Wertnormen gehen auf Kriterien der Gesellschaft und ihrer Teilsysteme zurück, wobei tolerierte Abweichungen und Sanktionen mehr oder weniger festgelegt sein können - Mit ganz wenigen Ausnahmen können die gesellschaftlichen Normen als stark vom Zeitgeist, von der Kultur und der sozialen Schicht geprägt gelten - Konventionen beziehen sich auf praktische Vereinbarungen
  • Aus der Entstehungsgeschichte psychologischer Tests lassen sich grundsätzlich zwei Arten von Verfahren nennen : (1) Psychometrische Verfahren (auch normorientierte Tests) erfassen psychische Merkmale quantitativ und relativieren die Testwerte am Durchschnitt (Norm) einer Vergleichsstichprobe (Normstichprobe), um Unterschiede zwischen verschiedenen Personen (interindividuelle Differenzen) oder einer Person zu verschiedenen Zeitpunkten (intraindividuelle Unterschiede) objektivieren zu können (2) Projektive Verfahren