Testverfahren (Fach) / Wechsler Gedächtnistest – Revidierte Fassung (WMS-R) (Lektion)
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Wechsler Gedächtnistest – Revidierte Fassung (WMS-R) Härting, C., Markowitsch, H.J., Neufeld, H., Calabrese, P., Deisinger, K. & Kessler, J. (Hrsg.). (2000).
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- 1. Allgemeine Informationen • Deutsche Fassung der englischsprachigen Wechsler Memory Scale (WMS) • Erste Gedächtnis – Testbatterie im deutschsprachigen Raum mit breitem neuropsychologischem Anwendungsbereich • Klassifikation: Leistungstest im paper-pencil-Format • Anwendungsgebiet: Diagnostik des episodischen Gedächtnisses (verbale und nonverbale Erfassung von LZG und KZG und Aufmerksamkeit/ Konzentration) v.a. im unteren mnestischen Leistungsbereich o Rückschlüsse auf hirnorganisch-funktionelle Schädigungen ziehen o Entscheidungshilfen im diagnostischen Bereich und bei Rehabilitationsmaßnahmen • Einsatz bei fokalen Hirnschädigungen, Demenz, Epilepsie, Depression (15-74 Jahre) • Dem WMS-R liegt kein theoretisches Modell zu Grunde • er wurde auf Basis der klassischen Testtheorie konstruiert
- 2. Geschichte • Die erste Fassung der WMS wurde 1945 von David Wechsler veröffentlicht • 1987 erschien mit der WMS- revised eine überarbeitete Fassung der WMS in englischer Sprache o beinhaltete unter anderem neue Untertests, veränderte/neue Items o Normen und Eichstichproben wurden eingeführt • In deutscher Sprache wurde die WMS zum ersten Mal im Jahr 2000 veröffentlicht unter dem Namen „Wechsler Gedächtnistest“ • Seither erschienen: o 2000 1. Auflage Huber Verlag o 2004 2. Auflage Huber Verlag
- 3. Durchführung • Der WMS-R kann nur als Einzeluntersuchung durchgeführt werden • Dauer: 45 – 60 Min. mit verzögerter Wiedergabe (Langform) oder 30 Min. ohne verzögerte Wiedergabe (Kurzform) • Standardisierte Durchführung, Bewertung und Abbruchkriterien
- 4. Testmaterial • Handbuch mit Hinweisen zur Instruktion, Protokollbogen, Stimulusheft figurales Gedächtnis, Stimulusheft visuelle Paarerkennung, Testheft visuelle Paarerkennung A/B, 4 Stimuluskarten visuelle Wiedergabe, Blockspannenbrett • Zusätzlich wird benötigt: eine Uhr (mit Sekundenzeiger) und ein Bleistift
- 5. Testaufbau 13 Subtests Teil 1: Aufgaben mit unmittelbarer Abfrage o Information und Orientierung 16 allgemeine Fragen zur Person mit zeitlichen und örtlichen Orientierung Das Ziel ist, die Durchführbarkeit und Interpretierbarkeit des Tests zu beurteilen o Mentale Kontrolle Der Proband soll überlernte Reihen von Zahlen bzw. Buchstaben aufsagen 3 Aufgabentypen: Aufsagen des Alphabets/ Rückwärtszählen von 20 bis 1/ Zählen in 3-er Schritten o Figurales Gedächtnis Der Proband muss ein zuvor gezeigtes Muster aus einer Anzahl von Mustern wiedererkennen. 2 Aufgabentypen: 1 aus 3 ( Aufgabe 1) / 3 aus 9 (Aufgaben 2-4) o Logisches Gedächtnis I Der Proband soll zwei nacheinander vorgelesene Geschichten reproduzieren. o Visuelle Paarerkennung I Dem Probanden werden 6 Strichfiguren, die mit einer bestimmten Farbe gepaart sind, gezeigt. Anschließend werden die Strichfiguren alleine dargeboten und der Proband soll im Testheft auf die dazu gehörige Farbe zeigen. 3 x 6 Figur-Farbkombinationen (3 Durchgänge). o Verbale Paarerkennung I (Verbales Pendant zu dem vorherigen Test) Dem Probanden werden 8 Wortpaare vorgelesen, von denen er beim Nennen des ersten Wortes das jeweils zweite erinnern soll. 3 x 8 Wortpaare (3 Durchgänge). o Visuelle Wiedergabe I Dem Probanden werden 4 Stimuluskarten mit den Figuren für jeweils 10 Sek. dargeboten. Direkt im Anschluss soll er die jeweilige Figur aus dem Gedächtnis nachzeichnen. o Zahlenspanne Dem Probanden werden Zahlenfolgen mit wachsender Länge vorgelesen, die er im unmittelbaren Anschluss verbal wiederholen soll. 2 Aufgabentypen (Zahlenspanne vorwärts/Zahlenspanne rückwärts). o Visuelle Merkspanne Dem Probanden werden auf dem Blockspannbrett Folgen wachsender Länge gezeigt, die dieser im unmittelbaren Anschluss wiederholen soll.2 Aufgabentypen (Blockspanne vorwärts/Blockspanne rückwärts)
- 5. Testaufbau Teil II: Aufgaben mit verzögerter Abfrage o Logisches Gedächtnis II Der Proband soll sich an die beiden Geschichten aus Teil I erinnern und diese reproduzieren. o Visuelle Paarerkennung II Der Proband soll sich an die Figur-Farbkombination aus Teil I erinnern und diese zuordnen. o Verbale Paarerkennung II Der Proband soll sich an die Wortkombinationen aus Teil I erinnern und diese zuordnen. o Visuelle Wiedergabe II Der Proband soll sich an die zuvor gezeichneten Figuren aus Teil I erinnern und diese noch einmal zeichnen.
- 5. Testaufbau 13 Subtests Aus den 13 Untertests lassen sich 5 Gesamtindizes berechnen: o Verbales Gedächtnis : Logisches Gedächtnis, Verbale Paarerkennung o Visuelles Gedächtnis: Figurales Gedächtnis, Visuelle Paarerkennung, Visuelle Wiedergabe o Allgemeines Gedächtnis: Verbales Gedächtnis + Visuelles Gedächtnis o Aufmerksamkeit/ Konzentration: Mentale Kontrolle, Zahlenspanne, Blockspanne o Verzögerte Wiedergabe: Logisches Gedächtnis 2, Visuelle/ Verbale Paarerkennung 2, Visuelle Wiedergabe 2
- 6. Auswertung Übersichtlicher Protokollbogen Exakte Auswertungsanweisungen für die einzelnen Tests Auswertung der Untertests, Logisches Gedächtnis und Visuelle Wiedergabe schwierig -> detaillierte Hilfestellung zur Auswertung im Anhang Aufsummieren der gewichteten Untertest-Rohwerte zu den entsprechenden Index-Rohwerten Ablesen der Indexwerte in Normtabellen (Mittelwert 100, Standardabweichung 15) Dauer der Auswertung: ca. 10 Min.
- 7. Normierung • Normen für 7 Altersgruppen (15-19, 20-25, 26-34, 35-44, 45-54, 55-64 sowie 65-74 Jahre) • N = 210, ca. 30 pro Altersgruppe • Keine neurologischen oder psychiatrischen Vorerkrankungen • Stichprobe nach Alter, Bildung und Geschlecht geschichtet (statistisches Jahrbuch der BRD von 1995 als Grundlage) o Nur Alter und Bildung haben relevanten Einfluss auf die Normen • Gesonderte Normtabelle für Abiturienten, hier jedoch keine Trennung nach Altersstufen
- 8. Gütekriterien a. Objektivität • Durchführungsobjektivität o Genaue Durchführungsanweisungen o Beim Untertest Logisches Gedächtnis Einfluss des Sprachrhythmus des Versuchsleiters o Für Papier-Bleistift-Test gut • Auswertungsobjektivität o Genaue Auswertungsanweisungen bei allen Tests o Bei den schwierig auszuwertenden Tests Logisches Gedächtnis und Visuelle Wiedergabe zusätzliche, detaillierte Auswertungsbeispiele Studie mit 2 verschiedenen VL und 30 Untersuchungsprotokollen ergab sehr hohe Übereinstimmungen (r = .99 bzw. .97) in der Bewertung dieser Untertests • Interpretationsobjektivität o Ergebnisse durch Konvertierung in Werte mit MW = 100 und SD = 15 gut interpretierbar o Standardmessfehler angegeben o Kritischer Wert für signifikante Differenzen zwischen den Indizes angegeben Keine Rückschlüsse auf klinische Signifikanz o Hinweise zur Differentialdiagnostik
- 8. Gütekriterien b. Reliabilität • Retestreliabilität o Stichprobe mit 40 Probanden aus allen Altersgruppen o 6 Monate Zeitabstand o Reliabilitäten der Untertests mit rtt= 0.42 bis rtt= 0.83 und einem Median von 0.78 im niedrigen bis mittleren Bereich Vorsicht bei der Interpretation o Reliabilität der Indizes im mittleren Bereich, für Leistungstest relativ niedrig Index rtt Allgemeines Gedächtnis 0.88 Aufmerksamkeit/ Konzentration 0.80 Verbales Gedächtnis 0.81 Visuelles Gedächtnis 0.81 Verzögerte Wiedergabe 0.80 • Keine Angaben zur internen Konsistenz
- 8. Gütekriterien c.Validität • Klinische Studie mit 125 Probanden • Unterteilt in 7 homogene Läsionsgruppen, 1 diffuse Hirnschädigungsgruppe und 2 psychiatrische Gruppen (Depression und Alzheimer) • Die Daten des WMS-R belegen die in der Literatur dokumentierten Ähnlichkeiten zwischen bilateral-diencephal Hirngeschädigten und bilateral-frontal-basal Hirngeschädigten hinsichtlich Leistungseinbußen bei allen Gedächtnisindizes • Dissoziationen wurden gefunden: Patienten mit linker Läsion zeigten schlechtere verbale Fähigkeiten, Patienten mit rechter Läsion zeigten hingegen schlechtere visuelle Fähigkeiten im WMS-R • Differential-diagnostische Abgrenzung einer frühen Demenz und mnestische Beeinträchtigungen im Rahmen einer Major Depression ist möglich • Relevante Gedächtnisstörungen können mit Hilfe des WMS-R hinsichtlich ihres Schweregrads und auch ihrer Modalität (verbal vs. visuell) abgebildet werden
- 8. Gütekriterien d. Nebengütekriterien • Ökonomie: hoher Kaufpreis, Durchführungsdauer ist angemessen • Nützlichkeit: WMS-R ist der am meisten verbreitete Test zur neurologischen Differentialdiagnostik
- 10. Bewertung Positiv: • Wechsel zwischen verbalen und visuellen Leistungen • Verschiedene Subtests -> Mehrdimensionalität • Klare Anweisungen und Struktur des Tests • Ansprechendes Material • Übersichtlich gestaltetes Manual, das zusätzlich zur Anleitung noch eine Kurzanleitung beinhaltet (Klaiber, 2003; Stieglitz, 2000) • Vergleichbarkeit mit Ergebnissen aus Intelligenztests (IQ-Werte) • Deutschsprachige Version bezüglich fokal hirngeschädigter, degenerativ erkrankter Patienten und Epileptikern besonders aussagekräftig (Härting et al., 2004) • Gute Objektivität (Klaiberg, 2003) • Nützlichkeit für den klinisch-diagnostischen Bereich (Stieglitz, 2000) Negativ • Fehlende theoretische Fundierung • Bildung hat einen Einfluß auf die Testwerte, es liegen jedoch nur getrennte Normen für Abiturienten und nicht für andere Bildungsgruppen vor? • Fehlen klinischer Vergleichsstichproben • Reliabilitäten liegen nur im mittleren Bereich • Trennung von verbalem und nonverbalem Gedächtnis ist umstritten (Härting et al., 2004) • Keine Auswertungs- und Interpretationsbeispiele im Manual (Stieglitz, 2000) • Kleine Versuchspersonenanzahl der Eichstichprobe und der klinischen Stichprobe bei der Untersuchung der Validität (Klaiberg, 2003) • Es mangelt an Untersuchungen zur Validität • Hoher Kaufpreis: ca. 450 Euro • Sprachlastigkeit des Verfahrens (64% der erreichbaren Punkte lassen sich durch verbale Leistungen erbringen) (Härting et al., 2004)
