126
Sprachwissenschaft (Fach) / Variation und Wandel (Lektion)
Anzeige
- Begriff Varietät = aktuelle Erscheinungsform historischer EinzelspracheEs gibt verschiedene Sprach(gebrauchs)formen (mit z.B. phonologisch-phonetischen Eigenschaften, syntaktische, morphologische Unterschiede)
- Definition- und Abgrenzungsprobleme bei Varietät · Varietäten sind nicht homogen· Einzelne Varietäten kann man wieder aufteilen (z.B. Varietät Oberösterreichisch)· Beispiel: ÖSD als Varietät für „Paradeiser“, DSD als Varietät für „Tomate“
- Was ist ein Soziolekt? betrifft die sozialen Faktoren: Schicht/ Klasse, Alter, Geschlecht, Beruf, Gruppe, Rolle, Situation
- Was ist ein Dialekt? = räumlich definierbare Varietät; Abstufungen: Standardsprache –> Umgangssprache à Dialekt)
- Was ist ein Register? Register:= die durch bestimmte Kommunikationssituationen erwartende Formen des Sprachhandels (d.h. Sprechweisen und Schreibweisen grammatikalisch und lexikalisch angepasst an die Sprechsituation); z.B. Fachsprache
- Was ist ein Stil? = individuelle Variationsmöglichkeit bei der Durchführung sprachlicher Handlung; Auswahl der Kommunikationsmittel; z.B. formell/ informell
- Was ist ein Repertoire? = Die Gesamtheit an Varietäten, Soziolekte, Dialekte, Stile, Register,…; (=„Mehrsprachigkeit“)
- Was ist ein Idiolekt? = gesamter zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebenen Sprachbesitz eines Individuums (-> personenspezifisch) + die damit verbundenen typisch sprachlichen Verhaltensweisen
- Was macht eine Sprachgemeinschaft aus? · Gruppe von Sprecher/-innen· Besitzen dieselbe Sprachvarietät· Haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
- Was ist die Norm? = Erwartungshaltung von Sprechern (allgemein gültig)
- Anzeige
- Norm vs. Gebrauchsnorm · Norm = schriftlich festgelegte (=kodifizierte) Regeln· Gebrauchsnorm = durchschnittlicher Sprachgebrauch, der durch die Kommunikation erlernt wird Seit 1902 findet Normierung in der Schreibung statt
- Was versteht man unter Standarddeutsch / Hochdeutsch? · Norm des öffentlichen Sprachgebrauchs· Zweck: um überregionale Kommunikation zu erleichtern· Dennoch gibt es innerhalb des überregionalen Standarddeutsch „nationale Varianten“ bzw. „nationale Varietäten“· Vor allem durch den Einfluss der Medien kam es in den letzten 100 Jahren zu Veränderungen der Aussprachenormen
- Was ist eine Variation? = die Möglichkeit unterschiedlicher Realisierungen einer Sprachsystemeinheit in einer konkreten Äußerung (= Vielfalt sprachlicher Varianten)
- Was versteht man unter Code Switching? = Sprachwechsel in der Rede
- Was versteht man unter Lernervarietäten? = unvollkommene Beherrschung der Zielsprache unter Beibehaltung von Elementen der Ausgangssprache
- Was versteht man unter Mischvarietäten? Mischungen verschiedener Sprachen
- Nenne die Ebenen der Variation? Einzelnes Sprachsystem ergibt sich nur bei Beschränkung auf eine/einen… · Bestimmte Zeitspanne (synchronisch)· Bestimmte Region (syntopisch)· Bestimmte Sozialschicht von Sprechern (syntrastisch)· Bestimmter Typ von Sprechsituation oder bestimmter Sprechstil (sysituativ/ synphasisch)
- In welchen Dimensionen kann Sprache variieren? · In der Zeit (diachronisch)· Regional, im Raum (diatopisch)· Nach Sozialschichtung der Sprecher (diastratisch)· Nach Situationstypen der Sprechhandlungen (diasituativ/diaphasisch) In Wirklichkeit ist Sprachsystem komplexer, verläuft mehr Dimensionen à daher gibt es bis heute keine Gesamtsystematik.
- Was bedeutet Plurizentrik? Plurizentrische Sprache = eine Sprache mit mehreren Standardvarietäten (also nicht Dialektvarietäten!)Das Sprachgebiet einer plurizentrischen Sprache erstreckt sich meist über Staatsgrenzen hinaus.Beispiel: Die deutsche Sprache ist plurizentrisch. z.B. wird in manchen Regionen die Variante „Hubschrauber“ verwendet, in anderen Regionen die Variante „Helikopter“.
- Was versteht man unter Pluralität? Sprachwissenschaftler plädieren, den Begriff „Pluriarealität“ anstatt des Begriffs „Plurizentrik“ zu verwenden.Begründung: Vorkommen von vielen der als standardsprachlich geltenden Varianten in verschiedenen, zum Teil auch nicht zusammenhängenden Gebieten des deutschen Sprachraums.
- Was versteht man unter Diglossie? = Vorkommen von zwei Varietäten einer Sprache oder zwei Sprachen (= Bilingualismus)Häufig wird Diglossie folgendermaßen beschrieben: Diglossie bestehe darin, dass zwei Varietäten einer Sprache, die ein unterschiedliches Prestige haben, je nach Situation verwendet werden.Auch die Verwendung von zwei verschiedenen Sprachen kann als Diglossie bezeichnet werden.
- Was versteht man unter Diaglossie? = die regionale Zwischenform zwischen Dialekt und Standardsprache (= Dialektstandardkontinuum)Erwerb: Im Alltag erwirbt man Zwischenformen, in Bildungssituationen eher Standardsprache (auch Zwischenformen treten unbewusst manchmal in Bildungssituationen auf).Es besteht ein sogenanntes „Kontinuum der Abstufung (Variation)“ zwischen ausgeprägtem Dialekt und Standarddeutsch.
- Prestige-Sprache in historischer Hinsicht Zur Zeit Luthers gab es viele einzelne Fürstentümer, es gab keine zentrale Macht und die Marktgrenzen markierten die Varietätengrenzen sowie die territorialen Grenzen markierten die Sprachgrenzen.Die Kirchen-, Unterrichts-, Bildungs- und Literatursprache im protestantischen Raum orientierten sich an die zunehmend konsequente und systematische Sprache der Luther-Drucke.Mit der Trennung von Protestanten und Katholiken verstärkten sich konfessionelle Sprachgegensätze.Folge des Buchdrucks war, dass es zur überregionalen Verbreitung der Lutherbibel und seiner Sprachform kam.
- Was ist Vertikalisierung? Vertikalisierung => es gab eine sprachliche Orientierung nach einer gehobenen Prestigevarietät In der frühen Neuzeit kam es im gesamtdeutschen Sprachraum jedoch zu keiner Vertikalisierung. Gründe dafür waren: politische, konfessionelle Gegebenheiten à Deutschland war ein plurizentrisches geopolitische Gebilde.In Adelskreisen sprach man bis weit in das 18. Jahrhundert nicht die Landessprache, sondern Französisch.Fast ausschließlich bürgerliche Gebildete (Schulmeister, Literaten, Geistliche) an verschiedenen Orten bemühten sich um eine deutsche Schriftsprache mit geregelter Orthographie; Ziel war es, eine deutsche Literatursprache zu etablieren und zu legitimieren. Dabei gab es sogenannte „Sprachvorbilder“:o Regionalsprachen (vor allem das Ostmitteldeutsche)o Einzelne Autoren (vor allem Martin Luther)o Angesehene Institutionen (z.B. Wiener Hofkanzlei)o Den in Grammatiken dargestellten und begründeten Leitlinien
- Was ist das Geltungsareal? = Gebiet, in dem bestimmte Schreibform gebräuchlich ist.Die Variante muss über eine hinreichende Verbreitung verfügen, um als „Kandidat“ für den überregionalen Ausgleich in Frage zu kommen.
- Was versteht man unter Landschaftskombinatorik? Davon spricht man, wenn die Variabel in mindestens zwei Schreiblandschaften verwendet wird.z.B. gehen das Ostoberdeutsche und das Ostmitteldeutsche oft konform (à = ‚osthochdeutsche Landschaftskombinatorik‘)
- Was versteht man unter Geltungshöhe? betrifft das Prestige, das einer Variable zukommt.Sprachformen, die ein gehobenes Sozialprestige hatten, wurden eher verbreitet.
- Was versteht man unter Strukturprinzip? Eine innersprachliche strukturelle Disposition muss gegeben sein, damit sich eine Variable über ihren angestammten Geltungsbereich hinaus durchsetzen kann.
- Wie erfolgt Sprachbetrachtung? Sprachbetrachtung erfolgt diachron (= Blick auf den Wandel der Sprache (zwischen synchronen Zeitschnitten; Blick auf die Entwicklung der Sprache) oder synchron (= Rekonstruktion historischer Sprachstufen – Blick auf die Beschreibung von Sprachzuständen)
- Was ist starker, schwacher, schneller und langsamer Wandel? Starker Wandel: Wandel vieler Einheiten und RegelnSchwacher Wandel: Wandel weniger Einheiten und Regeln Schneller Wandel: viele Einheiten und Regeln ändern sich innerhalb einer ZeiteinheitLangsamer Wandel: wenige Einheiten und Regeln ändern sich innerhalb einer Zeiteinheit
- Anzeige
- Faktoren für raschen bzw. langsamen Sprachwandel · Kodifizierung (=schriftliche Festlegung von Regeln des Sprachsystems):-> fehlende Kodifizierung führt zu schnellerem Sprachwandel· Wortschatz ist stärker vom Wandel betroffen als das grammatische System.· Einzelne Sprachebenen sind dem Wandel unterschiedlich intensiv ausgeprägt.· Sprachkontakt unter Einfluss anderer Sprach(varietät)en
- Nennen die 5 Erklärungsansätze für Sprachwandel o Synchronische Sprachforschung Betrachtung der allgemeinen und historischen Regelno Diachronischer Sprachforschung Tendenz zu unendlicher RegressionOft keine Erklärungsansätze, warum sich Sprache verändert hato Sprache als Naturgegenstand/ Artefakto Sprachsysteminterne ErklärungenSprache gilt als autonomes System mit eigenen GesetzenGeht nach dem Ökonomieprinzip: kurz und knappPrinzip der größtmöglichen Differenziertheit: präzise und differenzierte Sprachausdrückeo Sprachsystemexterne ErklärungenBlick auf die SprecherVeränderung der Gesellschaft, der sozioökonomischen Verhältnisse und der kommunikativen Bedürfnisse führt zu Sprachwandel
- Nenne die sprachgeschichtliche Sprünge. „Sprünge“:o Althochdeutsch 750 – 1050 n. Chr.o Mittelhochdeutsch 1050 – 1350 n. Chr.o Früh-Neuhochdeutsch 1350 – 1650 n. Chr.o Neuhochdeutsch 1650 – Gegenwart
- Nenne 4 allgemeine Punkte zur althochdeutschen Sprache · Einfluss der lateinischen Sprache auf das Althochdeutsche· Erste deutsche Texte entstanden im 8. Jahrhundert n. Chr.· Einfluss der Christianisierung· Gebrauch: Althochdeutsch mündlich; Latein schriftlich
- Nenne 4 Merkmale des Wortschatzes der AHD Sprache o Lateinunterrichto Neue Wörter: aus lateinischer Sprache (à Lehnübersetzungen)o Verdrängung alter Wörtero Übersetzungen von Dichtungen
- Nenne 2 Merkmale zum Sprachsystem der AHD Sprache o Entwicklung der Schrift à es gab allerdings noch keine geregelte Orthographieo Phonologische Entwicklung von p,t,k à 2. Lautverschiebung z.B. p > pf
- Nenne 5 Merkmale zur AHD Morphologie + Syntax o Deutliche Endungeno Analytische Formen (z.B. bestimmte Artikel bei Substantiven)o Nur 2 Tempora (Präsens, Präteritum)o Wortstellung: oft sehr frei, vom Lateinischen beeinflusst)o Hypotaxe (= Unterordnung von Nebensätzen unter Hauptsätzen; zur Verknüpfung werden oft Konjunktionen gesetzt)
- Nenne 3 Merkmale zum AHD Lautsystem o Entstehen des i-Umlautso neue Phoneme in der Sprache entstehen: ä, o, ö, ü(Wechsel von Umlauten, deutlichere Markierungen der Pluralformen)o Entstehen des Primär- und Sekundärumlauts
- Nenne 3 allgemeine Merkmale des MHD · Einfluss der französischen Sprache auf Mittelhochdeutsch· Entwicklung des Rittertums und des städtlichen Bürgertums· Ostkolonisation
- Nenne 3 Merkmale des MHD Sprachsystems o Schwächung der unbetonten Nebensilbenvokale (= Nebensilbenabschwächung)a,âe, êi, î > e [Ə]o, ôu, û o Entstehen des sch-Lauts: sk > scho Auslautverhärtung z.B. Stoup, stoubes, staub
- Nenne 2 Merkmale zur Orthografie des MHD o Noch keine Normo „Schreibe so wie du sprichst“
- Nenne 6 Merkmale zur Morphologie und Syntax des MHD o Vom synthetischen zum analytischen Satzbauo Mehr Verwendung von Substantivartikelno Einsatz von Subjektpronomeno Einbürgerung des Passivso Neue Zeitformen entstehen: Plusquamperfekt, Futur à es gibt nun schon folgende Zeiten: Präsens, Präteritum, Plusquamperfekt, Futuro Satzkomplexität nimmt zu- Stellung des Verbs ist verfestigt- In Nebensätzen haben gleiche Konjunktionen unterschiedliche Funktionen
- Nenne 8 allgemeine Merkmale zum FNHD · Städte und Bürgertum: entwickeln sich erst (nur ca. 10% der Bevölkerung wohnen in der Stadt)· Zerfall des alten Reichgebiets· Zeit der Reformation und Gegenreformation führt zur Verbreitung der Bibel durch den Einfluss von Luther· Es entstanden Kanzleien und somit deren Streben nach Vereinheitlichung von Dialekten· Entwicklung des Papier- und Buchdrucks à Buchdruck ist zur Normierung der Sprache erforderlich· Regionale Sprachvarietäten entstehen· Zusammenhang zwischen Deutsch und Latein:o Latein wurde als Schriftsprache (Flugzeitschriften, Propagandaliteratur, Prosatexte) und Bildungssprache eingesetzt · Entwicklung im Wortschatz:o Lateinischer Einfluss: Fachbegriffe, Entlehnungeno Eine „Mischsprache“ entstand
- Nenne 6 allgemeine Merkmale zum NHD · Um 1900 n. Chr. kam es zu einer Vereinheitlichung in Orthographie und gesprochener Sprache· Neue Begriffe entstehen (z.B. „Industrie“, „Maschine“)· Es kommt zu einem Bedeutungswandel von manchen Wörtern· Die klassische Literatursprache dient als Vorbild und als nationale Hochsprache· Es kommt zur Verbreitung der standardsprachlichen Norm durch Zeitungen, Schulunterricht, …· Englischer Einfluss auf die deutsche Sprache
- Nenne 4 Merkmale zur morphologischen und syntaktischen Veränderung des NHD o Normierung der Orthographie und Regelung der Ausspracheo Weitere Vereinfachung der Flexiono Entwicklung vom synthetischen zum analytischen Sprachbauo Variation im Satzbau: Entstehen des Klammersatzes
- Was ist der Lautwandel? Lautwandel = Wandel in der Aussprache einzelner Äußerungen (phonetischer Wandel) oder des gesamten Aussprachesystems (phonologischer Wandel)
- Welche Arten von phonologischem Wandel gibt es? Arten von phonologischem Wandelo Phonemverschiebung: mhd. /y/ > nhd. /oi/ mhd. vriunt > nhd. Freundo Phonemzusammenfall: mhd. /u:/ und /ou/ > nhd. /au / Mhd. boum > nhd. Baumo Phonemspaltung: ahd. /u/ > mhd. /u/ und /y/ ahd. burg > mhd. burc ahd. wurfil > mhd. Wrfel
- spontaner vs. kombinatorischer Lautwandel Spontaner Wandel: Lautwandel ist unabhängig von der lautlichen Umgebung mhd. mîn niuwes hûs mein neues haus (fnhd. Diphthongierung)Kombinatorischer Wandel: Lautwandel ist abhängig von der lautlichen Umgebung ahd. gast - gesti (i-Umlaut)
- Von der Silben- zur Wortsprache Lautwandel im Deutschen vollzieht sich grundsätzlich von einer Silben- zu einer Wortsprache.Wortsprache: phonologische Wörter als zentrale Kategorie (hörerfreundlich) > wortoptimierend (phonologisches Wort = wortwertige Morpheme, Stämme, konsonantisch anlautende Derivationssuffixe, fast alle Derivationspräfixe) z.B. Hund(e)Silbensprache: Silbe als zentrale Kategorie (Sprecherfreundlich) > silbenoptimierend (ideale Silbe: CV.CV > einfache Aussprache, bspw. Mama, Papa), strikte Gltigkeit der Sonoritt, einheitliches Vokalsystem
- Regelmäßigkeit des Lautwandels Lautwandel findet normalerweise systematisch statt, Lautvariation ist normalerweise regelmäßig.o Ausnahmen: z.B. Berlin: ik, aber machen und gebrochen