41

Soziale Psychologie (Subject) / VL 12 (Lesson)

Sozialpsychologische Aspekte des Rechts

This lesson was created by sofiesfood.

Learn lesson

Advertisement
  • Recht: Wo können Sozialpsychologen beitragen? (5)  Methoden zur Wirksamkeitsüberprüfung von Interventionen   Rolle sozialer Normen oder naive Annahmen kritisch prüfen  Gruppenprozesse optimieren  Modelle sozialen Gedächtnisses und Schemata anwenden auf Forschung zu Augenzeugenberichten & Geständnissen  Grundlagenforschung zu emotionalen, peripherphysiologischen und psychologischen Prozessen beim Lügen nutzbar machen zur Lügendetektion 
  • Fehlerquellen des Augenzeugenberichts (3) verzerrte Wahrnehmung - Ignorieren unerwarteter, schemainkonsistenter Information Probleme der Speicherung, schemakonsistente Veränderung gespeicherter Informationen - Suggestive Vorbefragungen Inakkurate Dekodierung, Einflüsse beim Abruf-  Suggestivfragen  -  Quellenkonfusion 
  • Fehlerquellen bei der Wahrnehmung (4) Schlechte Wahrnehmungsbedingungen    Selektive und verzerrteWahrnehmung(z.B. Stereotype, Erwartungen)  Own-Race Bias (bessere Erkennungsleistung beider eigenen Ethnizität)    Waffenfokus 
  • Stereotypkonsistent Wahrnehmung  Weapon-Identification-Task (Payne, 2001) Virtual Reality Spiel: Man soll schießen wenn Waffe, manche ziehen auch nur Handy aus Tasche bei schwarzen schneller geschossen
  • Waffenfokus (2) Vorsicht: nicht verwechseln mit Waffeneffekt der Aggressionsforschung (Waffen als aggressive Hinweisreize: Berkowitz & LePage, 1974)  Bei Bedrohungssituationen, in denen eine Waffe zur Anwendung kommt, zeigen die Opfer anschließend sehr schlechte Identifikationsleistungen bezüglich des Gesichts des Täters. Details der Waffe und der Hand werden hingegen sehr genau erinnert. 
  • Augenzeugenbericht –Gedächtnis als passiver Speicher? Gedächtnis ist rekonstruktiv und sozial 
  • Rekonstruktives Gedächtnis (2) Eine Erinnerung ist nie eine exakte Wiedergabe der Ereignisse, sondern eine Rekonstruktion. Erinnerungslücken werden mit plausiblen oder allgemein gespeicherten Informationen gefüllt. Hier können irreführende oder suggestive Fragen die Erinnerung verformen 
  • Quelle von veränderten Gedächtnisinhalten Rekonstruktives Gedächtnis ist ein inhärent soziales Gedächtnis, weil es häufig andere Menschen sind, die im Rahmen von Befragungen oder Therapien unser Gedächtnis verändern 
  • Erkenntnis Elizabeth Loftus Fragen und falsche Informationen führen zu verzerrten Erinnerungen oder sogar „Erinnerungen“ an nie erlebte Ereignisse 
  • Experiment Lotus Palmer Versuchsteilnehmer sahen kurze Filmsequenzen mit Autounfällen, Danach ein Fragebogen über Details, der folgende Frage enthielt: o “Wie schnell fuhren die Autos,als sie...?” -  sich berührten (contacted) -  aneinanderstießen (hit each other)  zwei Wochen später wurde nach zerbrochenem Glas gefragt, umso aggressiver das Verb in der Frage, umso mehr ja (14 vs 32%)
  • Advertisement
  • Loftus, Miller, & Burns, 1978 Probanden sehen 30 Dias über Unfall   UV: eine von 20 Fragen variiert: o Fuhr ein anderes Auto am roten Datsun vorbei während es am Stop-Schild hielt? o Fuhr ein anderes Auto am roten Datsun vorbei während es am Vorfahrt gewähren- Schild hielt?  AV: Welches der beiden Dias wurde Ihnen präsentiert? 
  • Ergebnis Loftus, Miller, & Burns, 1978 Ohne fehlinformation lagen 75% der Personen richtig, mit Fehlinformation 41%
  • Recovered Memories Erhitzte Debatte um zahlreiche Fälle, in denen jungen Frauen in Therapiesitzungen Erinnerung an sexuellen Missbrauch während ihrer Kindheit „wiederentdeckt“ haben 
  • Problem von „aufgedeckten“ Erinnerungen (3) Therapiesetting erfüllt alle Merkmale, die als Risikofaktoren für suggestive Falscherinnerungen identifiziert wurden -  Belohnung von Falschaussagen (Aufmerksamkeit)  -  Therapie als Sinnsuche –Attribution auf vergangenen Missbrauch liefert schlüssige Erklärung für Leiden auslösendes „So-Sein“  -  Aktive Ermunterung von Konfabulationen (freies Assoziieren, Traumdeutung,...) 
  • Empirischer Beitrag Lotus Erinnerungen können implementiert werden durch Suggestivfragen   Lost-in-the-Mall-Studie -  Probanden werden zu ihrer Kindheit befragt und mit tatsächlich Geschehenem konfrontiert, sowie der (falschen) Aussage, sie seien als Kind verloren gegangen -  Befund: Probanden erinnern sich lebhaft an Ereignis   Kritik: -  Unethisch -  jedes Kind war mal in der Mall verloren 
  • Erkenntnistheoretisches Problem aufgedeckte Erinnerungen könne entweder falsch oder erlebnisbasiert sein
  • Zuverlässigkeit von Augenzeugen: Probleme Augenzeugenberichten wird von der Polizei und vor Gericht viel Gewicht beigemessen  Augenzeugenberichte sind eher unzuverlässig  Die subjektive Sicherheit von Augenzeugenberichten zeigt nur einen sehr schwachen Zusammenhang mit ihrer Zuverlässigkeit  (r~.20)
  • Personenerkennung bei Gegenüberstellungen (r ~ .25) o aber: Korrelation ist um so höher, je leichter die Frage 
  • Zuverlässigkeit von Gegenüberstellungen Identifizierungen bei Gegenüberstellungen sind genauer wenn sie schnell (innerhalb von 10- 12s) erfolgen  Bei hoher Erkennungsgeschwindigkeit und Erkennungssicherheit kann Genauigkeit der Identifizierung bis 90% betragen 
  • Methodische Probleme von Identifizierungen(Busey & Loftus, 2007) (4) Unähnliche Personen reduzieren die funktionale Anzahl von „Füllitems“  In Helligkeit, Größe oder Gesichtsausdruck abweichende Fotos suggerieren, dass es sich um den Schuldigen handelt    Beeinflussung durch den Untersucher, wenn der Beschuldigte bekannt ist  Unbewusste Übertragung: Zeuge erkennt Verdächtigen wieder, der aber nicht am Tatort gesehen wurde 
  • Falsche Identifizierungen Relative Judgement Theory: Wenn der Verdächtige bei der Gegenüberstellung nicht anwesend ist, wird die nächst-ähnliche „Füllperson“ gewählt 
  • Untersuchungen Wells zu falscher Identifizierung (2) 54% Zeugen, die den anwesenden Schuldigen erkannt hätten, wählen Füller, wenn der Schuldige nicht im line-up war    21% keine Identifizierung bei Anwesenheit des Schuldigen stieg nur auf 32% bei Abwesenheit 
  • Verbesserung von Gegenüberstellungen Empfehlungen von Wells et al. (1998) (4)  Untersucher weiß nicht, wer der Verdächtige ist (Doppelblind-Versuch)  Dem Zeugen wird gesagt, dass der Untersucher nicht weiß, wer der Verdächtige ist  Die „Füller“ haben keine hervorstechenden Merkmale und entsprechen gleich stark der Beschreibung von Tatzeugen   Klare Erfassung der Entscheidung durch den Zeugen vor feedback 
  • Verbesserung von Gegenüberstellungen  Sequenzielle Gegenüberstellung - es wird nacheinander immer nur eine Person gezeigt  Dual Line-up - 1. Line-up ohne und 2. Line-up mit Verdächtigem  Sequenzielle Gegenüberstellung per Video -  adäquatere Auswahl von Füllern -  billiger und logistisch einfacher 
  • Relevanz inkorrekter Augenzeugenberichte: The InnocenceProject   Seit 1992, 349 Fälle von fälschlich Verurteilten, deren Unschuld später zweifelsfrei durch DNA-Evidenz nachgewiesen wurde    70% Angehörige ethnischer Minderheiten 
  • Falsche Geständnisse entstehen durch (3) Druck / Wunsch von Dritten Spontan durch Verhörtechniken der Polizei
  • 3 Typen von falschen Geständnissen Freiwillig falsches Geständnis - Verdächtiger ist persönlich motiviert, ohne Druck von außen Falsches Geständnis auf Grund von Zwang (Coerced-compliant false confession) - Verdächtiger gesteht um stressvoller Situation zu entgehen, sich angebotene Vorteile zu sichern, oder angedrohte negative Konsequenzen des Nicht-Gestehens zu vermeiden Erzwungen-internalisiertes falsches Geständnis - Verdächtiger wird von der Polizei überzeugt, die Tat begangen zu haben, obwohl er sich nicht daran erinnert 
  • Falsche Geständnisse im Labor Experiment von Kassin & Kiechel (1996) Vp tippt Zahlen auf PC, wird instruiert nicht die ALT-Taste zu drücken. PC hängt sich auf, Vp wird beschuldigt, ALT-Taste gedrückt zu haben (was nicht stimmt)  UVS: hohe/niedrige Diktiergeschwindigkeit Zeuge bestätigt (nicht) das Drücken ALT AVS: gestehen, glaube tat wirklich begangen zu haben, konfabulieren von Einzelheiten zur Tat
  • Ergebnis Falsche Geständnisse im Labor Experiment von Kassin & Kiechel (1996) Hohe Rate falscher Geständnisse  (100% schnell, 89% langsam) Einfluss von zeitdruck und falscher Zeugenaussage Kritik: keine negativen Konsequenzen für VPN, Aber: Horeselenberg et al. (2003) replizierten Ergebnisse in Studie mit Bestrafung (Verlust des Vp- Geldes 
  • 3 Techniken Lügen zu erkennen Pinocchio Modell -> Erkennen Lügenindikatoren Stress/Emotionsmodell -> Affekt verrät las Lüge durch Lüge Stress und Angst Kognitionsmodell -> kognitive Überforderung weil man sich Details ausdenken muss, dadurch fehler, Inkonsistenz
  • Advertisement
  • Analyse ob Menschen Lügner erkennen Wie untersucht man diese Frage empirisch? 10-30 Videoaufnahmen von Personen die Lügen oder die Wahrheit sagen Probanden entscheiden, ob Wahrheit oder Lüge Ergebnis über viele Studien hinweg: 54% Treffer (kaum über Ratewahrscheinlichkeit)
  • Können Polizisten Lügner identifizieren? Nicht besser als Laien, auf Zufallsniveau , Polizisten überschätzen ihre Fähigkeit Lügen zu erkennen 
  • Realistische Studie mit Polizisten: Vrij und Mann Untersuchungen von Pressekonferenzen in GB, in denen Angehörige um Hilfe bei der Suche nach vermissten Personen bitten -Angehörige wurden später selber als Mörder überführt oder nicht Ergebnis: holländische Polizisten konnten Lügner nicht erkennen (50% Treffer) 
  • Gibt es echte Experten für die Erkennung von Täuschung? Es gibt vielleicht sehr wenige Experten, die Lügen recht zuverlässig erkennen können, aber wir wissen nicht wie, können diese Fähigkeit nicht trainieren, und damit ist dieser Ansatz für die Praxis (im Strafverfahren) unbrauchbar! 
  • Polygraphie („Lügendetektion“) Nutzung periphärphysiologischer Erregungsmuster (Hautleitfähigkeit, Herzrate, Blutdruck, Atemfrequenz, etc.) 
  • Zwei wichtige Verfahren  Kontrollfragentechnik  Tatwissenstechnik 
  • Kontrollfragentechnik Verfahren zielt auf direkte Überprüfung der Verneinung des Tatvorwurfs durch den Beschuldigten    Vorgabe von mindestens drei Paare von unspezifischen Kontrollfragen und konkret auf den Tatvorwurf gerichtete relevante Fragen   Annahme: unschuldige Personen reagieren physiologisch stärker auf die Lügen evozierende Kontrollfragen, schuldige Personen stärker auf relevante Fragen  Diagnose: Täuschung, keine Täuschung, unentscheidbar  Physiologisches Aktivierungssystem: Defensivreaktion 
  • Hohe Trefferquote bei Schuldigen, aber viele Unschuldige werden zu Unrecht für schuldig gehalten Kontrollfragentest
  • Tatwissenstechnik Verfahren zielt auf indirekte Überprüfung ob der Proband als Täter in Frage kommt  Annahme: Täter besitzt spezifisches Wissen über den Tatort und die Umstände der Tat, Unschuldige nicht  Proband wird mit einer Reihe von Items konfrontiert, die für den Unbeteiligten gleichwertig sind. Für den Täter sind jedoch tatbezogene Stimuli herausgehoben („Welche Farbe hatte die Unterwäsche des Vergewaltigungsopfers  a) gelb, b) blau, c) weiss, d) schwarz, e) rot, f) grau?“)  Wenn Proband bei mehreren Fragen systematisch auf tatbezogene Stimuli reagiert, sinkt die Zufallswahrscheinlichkeit positiver Reaktionen sehr schnell (bei 5 Fragen mit 5 Antworten weit unter 0.1 %)    Physiologisches Aktivierungssystem: Orientierungsreaktion 
  • zu viele Schuldige werden für unschuldig befunden Tatwissenstest
  • Aktuelle Rechtsprechung zur Polygraphie  Grundsatzurteil des BGH 1998 (gestützt auf mehrere psychologische Sachverständige) stellt fest, dass die Kontrollfragentechnik und der Tatwissenstest unzulässige Beweismittel im Hauptverfahren darstellen.   Tatwissenstest könnte aber z.B. bei der polizeilichen Ermittlung verwendet werden - (wird allerdings in D kaum angewendet (aber in Japan))