27
sozialstrukturanalyse (Subject) / 8 Erwerbstätigkeit (Lesson)
Advertisement
- Modell der Sozialstrukturmodernisierung ) Immer mehr Menschen werden erwerbstätig (insbesondere Frauen).– Moderne Gesellschaften sind „Arbeitsgesellschaften“. Eigene Erwerbstätigkeit ist diewichtigste Quelle des Lebensunterhalts, der Kontakte zu Mitmenschen, des Ansehens,des Selbstrespekts, der Identität. Erwerbslosen droht, dieses zu verlieren (Hradil 2004:168).(2) Im historischen Zeitablauf dominieren unterschiedlicheWirtschaftssektoren:– primärer Sektor (Agrargesellschaft),– sekundärer Sektor (Industriegesellschaft),– tertiärer Sektor (postindustrielle Gesellschaft)(3) Wirtschaftleistung (Bruttosozialprodukt) und Wohlstand(Volkseinkommen) wachsen(4) Wichtiger Indikator der Modernisierung ist der Grad der Tertiärisierung,also der Anteil der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich (Hradil2004: 184).
- Erwerbspersonen Erwerbstätige + ErwerbsloseNachfrage nach Arbeit auf dem Arbeitsmarkt
- Nichterwerbspersonen Personen, die nicht erwerbstätig und nichterwerbslos sind; suchen keine Erwerbstätigkeit
- Erwerbstätige Personen, die wenigstens eine Stunde fürLohn oder sonstiges Entgelt irgendeinerberuflichen Tätigkeit nachgehen bzw. ineinem Arbeitsverhältnis stehen, selbständigein Gewerbe oder eine Landwirtschaftbetreiben oder einen freien Beruf ausüben.Angebot an Arbeitsplätzen, befriedigteNachfrage nach Erwerbstätigkeit[41,9 Mill. Erwerbstätige im Oktober 2012]
- Erwerbslose (Teilmenge der Erwerspersonen) Personen ohne Erwerbstätigkeit, die sich inden letzten vier Wochen aktiv um eineArbeitsstelle bemüht haben und sofort, d.h.innerhalb von zwei Wochen, für die Aufnahmeeiner Tätigkeit zur Verfügung stehen. EineTeilgruppe der Erwerbslosen sind dieArbeitslosen.Erwerbs- und Arbeitslose verkörpernunbefriedigte Nachfrage nach Erwerbstätigkeit[2,24 Mill. Erwerbslose im Oktober 2012]
- Arbeitslosenquote (Formel) Arbeitslose /(alle erwerbsttigen+ Arbeitslose) *100
- Arbeitslosigkeit in Deutschland • Westdtschl.: 60er Jahre bis 1973 (Ölpreisschock) Vollbeschäftigung• Ab 1974: Arbeitslosigkeit steigt wegen zunehmender Nachfrage nach Erwerbsarbeit (geburtenstarke Jahrgänge, mehr Frauen wollten erwerbstätig sein, Flüchtlinge, Asylbewerber und Aussiedler) • Risikogruppen:– Jüngere, selten langzeitarbeitslos– Ältere– Ausländer– Personen ohne Ausbildung
- Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit in Westdeutschland 1960-2000 In Westdeutschland durch Zahl der Erwerbstätigen seit 1960 gestiegen Dagegen Ostdeutschland: Im Jahr 2000 6,6 Mill. Erwerbstätige, 1,2 Mill. wenigerals 1991.
- Arbeitslosigkeit, neoklassisches Modell Arbeitslosigkeit Folge eines Marktungleichgewichts von Angebot undNachfrage; Marktgleichgewicht wird durch Preis, also Lohnhöhe, bestimmt.Arbeitslosigkeit ist Folge überhöhter Löhne. Wenn Arbeitgeber für einebestimmten Preis keine Personen einstellen, wird der Preis so langereduziert bis Arbeitgeber einstellen oder bis ein Lohniveau unterschrittenwird, zu dem Personen überhaupt zur Arbeit bereit sind (reservation wage,Anspruchslohn).– Dauerhafte Arbeitslosigkeit ist Folge externer Schocks (Ölpreisschock) oderinstitutioneller Eingriffe in den Arbeitsmarkt (Staat, Gewerkschaften), die denPreis der Arbeitskraft erhöhen (Steuer, Sozialabgaben, Flächentarife etc.)
- Arbeitslosigkeit, Keynes Arbeitslosigkeit ist Folge einer geringen Güternachfrage; dies führt zuAbsatzschwierigkeiten, es kommt zum Beschäftigungsabbau und zuKonkursen; Staat soll investieren, Löhne sollen wegen der Binnennachfragenicht zu stark sinken
- Advertisement
- Strukturelle Arbeitslosigkeit – Der Faktor „Arbeit“ ist nicht homogen (z.B. Vielfalt beim Humankapital); esist nicht sinnvoll, von der Nachfrage nach der Arbeit zu sprechen. Beieinigen Berufen gibt es z.B. einen Arbeitskräftemangel.– „mismatch-Arbeitslosigkeit“: fehlende Passung zwischen Angebot undNachfrage bei bestimmten Berufen und Qualifikationen (z.B. geringeNachfrage nach einfachen Dienstleistungen)– Faktoren Kapital und Arbeit sind räumlich nicht beliebig mobil
- 3 Sektoren (einteilung) • Produktion lässt sich in drei Sektoren einteilen:– Primärer Sektor: Gewinnung unmittelbar lebensnotwendiger Güter- Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei– Sekundärer Sektor: Produktverarbeitung, Güter, die wenigerlebensnotwendig sind- Industrie, Handwerk– Tertiärer Sektor: Dienstleistungen, Güter zur Befriedigung vonLuxusbedürfnissen und Bequemlichkeiten- Handel, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung, Bildung, Wissenschaft,Beratung, Sozial- und Gesundheitswesen
- 3 Sektoren -These – In allen Gesellschaften verlagert sich die Produktion im Laufe derhistorischen Entwicklung vom primären über den sekundären auf dentertiären Sektor.– Die Drei-Sektoren-These behauptet also einen Übergang von derAgrargesellschaft, über die Industriegesellschaft zurDienstleistungsgesellschaft („postindustrielle Gesellschaft“).
- Erklärungen der 3 Sektoren These • Erklärung durch Nachfrageänderungen, technischen Fortschritt, Produktivitätssteigerungen:Wenn Wohlstand wächst, verschieben sich Bedürfnisse zu weniger lebensnotwendigenGütern• Technischer Fortschritt– Erster Sektor: mittlere Steigerung der Produktivität möglich– Zweiter Sektor: hohe Steigerung der Produktivität möglich– Dritter Sektor: geringe Steigerung der Produktivität möglich• Übergang vom ersten zum zweiten Sektor:– Techn. Fortschritt hat Nahrungsmittelproduktion gesteigert, Arbeitskräfte freigesetzt– Nachfrage verschiebt sich auf industrielle Güter, landwirtschaftliche Arbeitskräftewandern in die Fabriken und Städte• Zweiter Sektor: Große Produktivitätsfortschritte durch Rationalisierung, Mechanisierung;• Übergang vom zweiten zum dritten Sektor:– Nachfrage wird übererfüllt; neue Bedürfnisse nach Dienstleistungen entstehen, die sichimmer weiter differenzieren; Wechsel von Arbeitskräften in dritten Sektor; „Hungernach Tertiärem“ (Fourastié) ist unstillbar• Dritter Sektor: kann immer mehr Beschäftigte aufnehmen
- Gründe für das Anwachsen der Dienstleistungsgesellschaft: – Menschen fragen immer mehr Dienstleistungen nach– Es werden viele Arbeitskräfte zur Ausführung von Dienstleistungen benötigt– Arbeitskräfte, die im primären oder sekundären Sektor nicht mehr benötigtwerden, müssen in den Dienstleistungssektor wechseln– Tätigkeiten im Dienstleistungssektor entsprechen den Neigungen der meistenMenschen mehr als Tätigkeiten in der Landwirtschaft oder imProduktionssektor– Wachsende Komplexität moderner Gesellschaften erfordert immer mehrDienstleistungen wie Planung, Koordination, Steuerung und Kontrolle(„systemisch-sozialer Ursachenkomplex“, vgl. Geißler 2014: 191)
- 3 Gesellschaftstypen • Agrargesellschaft (mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet imprimären Sektor):– Besitz von Land, das mit menschlicher und tierischer Muskelkraft bearbeitetwird• Industriegesellschaft (mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet imsekundären Sektor):– Dominanz der Maschine, Mensch ist in Funktionszusammenhängeeingespannt• Postindustrielle Gesellschaft (mehr als die Hälfte der Erwerbstätigenarbeitet im tertiären Sektor):– Wissen ist wichtigste Produktivkraft
- Messproblemen der Wirtschaftssektoren Den drei Sektoren können zugeordnet werden:– Tätigkeiten– Arbeitsplätze und Berufe– Erwerbstätige– Betriebe, Unternehmen• Häufig werden Unternehmen nach dem Produktionszweck denSektoren zugeordnet. Da Betriebe im sekundären Sektor auchDienstleistungstätigkeiten umfassen, wird die Tertiärisierung derGesellschaft dadurch unterschätzt.
- Arten der Dienstleister • Man kann unterscheiden:(1) Produktionsbezogene Dienstleistungen (bezogen aufGüterproduktion und Verteilung von Gütern)(2) Verbraucherbezogene Dienstleistungen (werden unmittelbar vomLetztverbraucher in Anspruch genommen, z.B. Bildung,Information, Unterhaltung etc.)• Berücksichtigt man nur (2), dann wäre Deutschland noch eineIndustriegesellschaft (1981 traf das nur auf 39% der Erwerbstätigenzu), berücksichtigt man (1) und (2), ist der Begriff industrielleDienstleistungsgesellschaft angemessen.
- Angestellte und Beamte • 2011 waren 78% aller Angestellten im tertiären Sektor tätig• Angestelltenanteil in Industrie und Handwerk im Jahr 1950 12%, imJahr 2011 43% (Tertiärisierung des sekundären Sektors)• Zunahme der Angestellten im öffentlichen Dienst (1950: 27%, 2011mehr als 50%)
- • Sind Angestellte angesichts der Vielfalt ihrer Funktionen, Qualifikationen und Arbeitssituationen als Schicht zu begreifen? – Soziologie hat Probleme, Angestellte als Berufsgruppe, Schicht oder Klasse zubestimmen („gesellschaftliche und politische Unbestimmtheit“)– Bilden Angestellte einen eigenständigen „neuen Mittelstand“ oder sind sie Teil derlohnabhängigen „Arbeiterklasse“ ?• Dahrendorf: Angestellte und Beamte können in zwei Schichtengegliedert werden: „falscher Mittelstand“ (Status wie die Arbeiter) sowiedie Dienstklasse in der oberen Hälfte der Hierarchie• Geißler teilt die Angestellten in zwei bzw. drei Schichten auf undbezeichnet diese als ausführende Dienstleistungsschicht und alsmittlere/obere Dienstleistungsschicht (Differenzierung undPolarisierung der Angestellten)
- Ausführende Dienstleistungsschicht Ausführende Tätigkeiten, statusmäßig untere Teil der Dienstleistungsberufe• Deutschland: 13% der Bevölkerung gehören der Schicht der einfachenAngestellten/Beamten an (2011)• Berufe der einfachen Angestellten/Beamten: ausführende Tätigkeiten wieKellner, Briefträger, Tankwart, Verkäufer, Lagerist, Pförtner, Schreibkraft• Quantitativ kleine Gruppe, von Rationalisierung betroffen, Selbstzuordnungzur Mittelschicht, Arbeits- und Lebensbedingungen in großer Nähe zurArbeiterschaft• Geringes soziales Ansehen und Prestige• 1950/1960 sind Privilegien der Angestellten im Vergleich zu Arbeiternweggefallen (längerer Urlaub und Kündigungsschutz, Monatsgehalt imGegensatz zum Stunden- oder Akkordlohn etc.)
- Mittlere /Obere Dienstleistungsschicht • Etwa zwei Drittel der Angestellten und fast alle Beamten lassen sichder mittleren/oberen Dienstleistungsschicht zuordnen• Darunter fallen– Mittlere und leitende Angestellte– Mittlere und höhere Beamte
- mittlere und leitende Angestellte Trotz arbeits- und sozialrechtlicher Einebnungen haben mittlere/obereDienstleistungsschichten im Vergleich zu Arbeitern ihre privilegierteSoziallage erhalten– Viele (neue) qualifizierte Arbeitsplätze mit relativ hohem Grad anSpezialisierung, Komplexität, Autonomie und Arbeitszufriedenheit– Tätigkeiten im Erziehung- und Sozialwesen, in Planungs-, EntwicklungsundMarketingabteilungen, Kreditinstitute, Versicherungen, technischeAngestellte– Entlastung von körperlichen Anstrengungen wird durch hohe psychischeBelastungen erkauft– Höherer Status, höherer Lebensstandard als Arbeiter– Selbstverständnis: Mitte der Gesellschaft, z.T. auch Oberschicht– „Mentalität“: geringere „Distanz“ zu Arbeitgebern als bei Arbeitern– Eher individualistische als solidarische Formen der Interessendurchsetzung
- Beamte Beamte– Personen, die in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis des Bundes,der Länder, der Gemeinden und sonstiger Körperschaften des öffentlichenRechts stehen (Statistisches Bundesamt)– Beamtenschaft als sozialer Stand lange historische Tradition (älter alsAngestelltenschicht oder Klasse der Industriearbeiter), setzen staatlicheHerrschaft durch– Besondere Gruppe innerhalb der Dienstleistungsschicht- Verfassungsrechtlich garantierter rechtlicher Sonderstatus- günstige Sozialversicherung, absolute Arbeitsplatzgarantie- überdurchschnittliche Qualifikationen (und dadurch auch Einkommen)– Man unterscheidet je nach Qualifikation Laufbahnen: einfacher, mittlerer,gehobener und höherer Dienst
- Öffentlicher Dienst Wachstum desöffentlichen Dienstesbis in die 1980er JahreWachstum der Beamtenschaftbis in die 1990er Jahre, danndeutlicher Rückgang („schlankerStaat“, Privatisierung von Postund Bahn)
- Aufgaben der Beamten Funktionswandel bzw. -erweiterung des Staates, Weiterentwicklungdes liberalen Rechtsstaates zum sozialen Wohlfahrtsstaat– Staat beschränkt sich immer weniger auf traditionelle Sicherungs- undOrdnungsfunktionen, sondern übernimmt immer häufiger soziale Vor- undFürsorgeaufgaben– Enorme Expansion von Bildung und Wissenschaft– Aufgabenerweiterung der Beamten, insbesondere im Bereich Bildung undForschung und soziale Für und Vorsorge– Gut die Hälfte der Beamten sind „bürokratische Helfer der politischenMachtelite“, die große Gruppe der Lehrer, Dozenten und Wissenschaftlerhat größeren Abstand zum politischen System
- Mentalität der Beamten • Einige Bestandteile des klassischen „Beamtenethos“ (Beruf als„Dienst“, Treue gegenüber Dienstherrn u.ä,) sind zurückgedrängtworden• Selbstverständnis der Beamten ist durch zunehmendePublikumsorientierung gekennzeichnet• Trotz der Verpflichtung zu einer gewissen „politischen Askese“: Beamteengagieren intensiver in Parteien, Verbänden, Bürgerinitiativen alsandere Berufsgruppen; überproportionale Vertretung von Beamten inParlamenten