2.1 Die Frage nach dem Anfang
Gordon Allport, von dem ein früher historischer Überblick der Sozialpsychologie stammt → 1908= Enstehung der SozPsy , da in diesem Jahr das erste Buch mit dem Titel "Social Psychology" veröffentlicht worden sei (Edward Ross) Andere Autoren ergänzten, dass im gleichen Jahr ein Buch mit dem Titel "Introduction to Social Psychology" von Williom McDougall erschienen ist → 1908 = Geburtsjahr der SozPsy Eine solche Datierung ist wilkürlich, zumal es schon vor 1908 schon Bücher mit dem Titel "Sozialpsychologie" gab. McDougall stellte in seinem Buch trieb- bzw. instinkttheoretische Grundlagen der Sozialpsychologie dar: Herdentrieb, Mütterlichkeit, Triebtheorien dieser Art hatten lange Bestand, sond heute allerdings ganz "out". Zur Begriffsgeschichte: Carlo Cattaneo (1801-1069) "psychologia sociale" Im deutschsprachigen Bereich: Lindner (1828-1887) der erste Autorm der 1871 den Begriff "Sozialpsychologie" im heutigen Sinne verwendete
2.2 Zwei Wurzeln? Völkerpsychologie und Massenpsychologie
2.2.1 Völkerpsychologie
Als eine der ältesten Wurzeln der Sozialpsychologie kann die Völkerpsychologie gelten. der deutsche Begriff der Völkerpsychologie geht auf Wilhelm von Humboldt zurück. Humboldt: Das Denken wird wesentlich von der Sprache bestimmt → verschiedene Völkerl würden durch ihre verschiedenen Sprachen verschiedene Weltsichten haben. = Whorf- oder Whorf-Sapir-Hypothese. Das Verdienst der Entwicklung einer wissenschaftlichen Völkerpsychologie = Lazarus + Steinthal Lazarus + Steinthal gründeten gemeinsam die "Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft", die kulturvergleichenden Untersuchungen dienen sollte. Mit dem Begriff der Völkerpsychologie verbindet sich heute allerdings meist die Vorstellung Wilhelm Wundts zehnbändiger "Völkerpsychologie", die in den Jahren 1900-1920, teils in mehreren überarbeiteten Auflagen, erschien. Aus methodischen Gründen teilte Wundt die Psychologie in die experimentelle PSychologie und die nicht-experimentelle arbeitende VölkerPsy ein Das Experiment sei zum Studium komplexerer, "höherer und damit auch sozialer Vorgänge ungeeignet. → Für Wundt blieb die Völkerpsychologie auf Beobachtung, Vergleich, Beschreinung und - was ihn selbst betraf - auf Schreibtischarbeit beschränkt. Themen der Völker Psy waren für Wundt: Sprache, Religion, Mythos, Recht, Kultur und Geschichte. Wundt ging von den Objektivationen des Zusammenlebens in Völkern aus und musste von diesen "Produkten" wie Sprache, Religion, Musik, Wirtschaft, Recht usw. immer wieder auf die Psyche der Individuen zurückschließen. Damit entfernte er sich von den Fragestellungen der Psychologie. Die Völkerpsychologie des alten Wilhelm Wundt hatte in der Psy nur wenig Resonanz, Die Wirkung der Völker Psy insgesamt auf die Entwicklung der Psychologie werden heute daher allgemein als vergleichsweise gering eingeschätzt. Eine Rezeption in den USA blieb aus - im gegensatz zu Wundts experimentalpsychologischem Programm. Allport hat sogar vermutet, dass zwischen der Völkerpsychologie und der späteren nationalsozialistischen Rassenideologie eine Verbindung bestand. Wissenschaftsgeschichtlich ist diese Auffassung nicht zu halten, In neuester Zeit hat sich Jüttemann für eine Neubewertung der Wundtschen Völkerpsychologie und Wundts geisteswissenschaftlicher Position stark gemacht.
2.2.2 Massenpsychologie
Neben der Völkerpsychologie wird auch die Massenpsychologie als ein Vorläufer der Sozialpsychologie gesehen. meist wird hierbei an die romanische Massenpsy gedacht. (in Frankreich), ursprung: Italien Der Kriminologe Scipio Sighele stellte sich die Frage nach der Zurechnungfähigkeit des einzelnen Menschen, der in "entgleisten" Menschenmenge zu solchen strafbaren Handlungen hingerissen wird, die dieser allein kaum begehen würde- Tatsächlich kam es in Italien zu einer entsprechenden Strafrechtreform, die mildernde Umstände für kriminelle Handlungen in Massen vorsahen. Tarde: ging es in Frankreich um juristische und kriminologische Fragen. Das gleichförmige Verhalten von (von ihm einzel gedachten) Menschen in Massen versuchte Tarde mit dem Begriff der Imitation zu erklären LeBon: stellte dem kritischen und vernünftigen Denken des Einzelnen die Masse gegenüber: Die Masse gleiche einem Kopflosen Tier, in der Massensituation würden Instikte deaktiviert, der Führer knete die Masse nach seinem Vorbild usw. die Leserschaft sonnte sich in dem Bewusstsein, die Masse, sind die anderen. LeBons Position war eher konservativ und in Ansätzen demokratiefeindlich. Manche Autoren, wie z.B. Sigmund Freud, haben sich eingehend mit LeBons Beschreibungen der Massen befasst. Für die Entstehung einer emp. SozPsy hatten die Ausführungen von Sighele, tarde, LeBon und anderen vergleichsweise wenig Wirkungen . Das lag vielleicht auch an der unklaren Begrifflichkeit bei LeBon; schon was eine Masse sei würde von ihm diffus beschrieben. Dazu kam, dass diese ältere Massenpsychologie bei Beschreibungen und Deutungen von Massenerscheinungen stehen blieb und nicht zur emp. Forschunf vordrang.
2.3. Frühe empirische Sozialpsychologie
Unter Sozialpsychologie wird heute weder die MassenPsy, noch eine kulturvergleichende VölkerPsy verstanden. Die moderne SozPsy geht eher auf frz. und amerikanische Soziologen zurück, die die Bedeutung der sozialen Umgebung für das Individuum beschrieben und der empirischen Forschung zugänglich machten. Cooley: führte den Begriff der Primärgruppe ein (primary group) Primäfgruppen sind durch direkten Kontakt von Angesicht zu Angesicht gekennzeichnet. Cooley bezeichnet sie als primär, weil sie für die Formung der sozialen Persönlichkeit fundamentale Bedeutung haben; als Beispiele nennt er die Familie, die Nachbarschaft, die Freundesgruppe der Kinder und die Arbeitskollegen. Häufig ist die Frage aufgeworfen worden, warum die SozPsy besonders in den USA zur ersten Blüte gelangen konnte. zu den Gründen gehörte: In einer Nation mit multikulturellem Hintergrund kommen eher Fragen nach der Bedeutung sozialer Normen und Gewohnheiten auf. Zudem war man in den USA recht ungezwungen bereit, soziale Einflüsse experimentell zu untersuchen. + zur Wende zum 20.Jhr gründete man zahlreiche Hochschulen , in denen Psy und damit auch SozPSy weitgehend von der Mutterwissenschaft Philosophie und Physiologie getrennt gelehrt wurde. Dabei stand die mögliche praktische Nutzanwendung oft im Vordergrund. Dem entsprachen die wissenschaftlichen Fragestellungen. eins der ersten Themen experimenteller SozPsy: Einfluss, den Anwesenheit anderer Personen auf die Leistung des Individuums hat. Auslöser derartiger Experimente: Beobachtungen im Sport → Personen erbringen höhere Leistungen, wenn sie gegen Wettbewerber antreten, als wenn sie nur gegen die Uhr kämpfen. Experiment zum Schrittmacherphänomen von Triplett.: Untersuchung der anregenden Wirkungen des Wettbewerbers auf die Leistungen des Einzelnen. sowohl die Social Facilitation-Forschung, als auch die Leistungsmotivationsfoschung berufen sich auf dieses frühe Experiment als "Klassiker" Die praktisch.psychologische Relevanz dieser Forschungsrichtung ist evident, und so sieht auch die Sportpsychologie in diesem Experiment einen Anfang ihrer experimentellen Forschung. Selbst wenn man heutige Maßstäbe anlegt, muss man wohl Tripletts Experiment als eins der ersten Experimente zur Thematik des sozialen Einflusses ansehen, aber wohl nicht als erstes. Ein beliebtes Foschungsthema dieser frühen Experimentalpsychologen = Suggestibilität durch den Versuchsleiter oder durch andere Pers. In ihrem Aufbau ähneln diese Versuche den späteren sozialpsychologischen Konformitäts- und Gehorsamkeitsexperimenten. (Alfred Binet, La suggestibilité) Debatte über den Wert von Hausaufgaben im Vergleich zu Arbeiten in der Schulklassensituation. → Psy und Päd in Deutschland stellten eine Reihe von entsprechenden Vergleichen an. Walter Moede: hat als erster eine ganze Serie von Experimenten experimenteller Psychologie mit Kindern durchgeführt: Untersuchte den Einfluss der Anwesenheit anderer auf die Leistung des einzelnen. Bedingt durch den ersten Weltkrieg konnten die Befunde erst 1920 zusammenfassend als kleines Buch mit dem Titel "Experimentelle Massenpsychologie. Beiträge zur Experimentalpsychologie der Gruppe" veröffentlicht werden. Moede fand bei mehreren aufgaben Leistungssteigerungen, die er auf Geltungsstreben und Äquivalenzgefühle, d.h. Bedürfnisse nach Gleichbehandlung, zurückführte. Sowohl mit seinen Experimenten als auch mit seinen Interpretationen setzte sich Moede in Widerspruch zu seinem Lehrer Wundt, der soziale Prozesse für zu komplex hielt, um sie experimentell erforschen zu können. Eine theoretische Durchdringung solcher Gruppenwirkungen gelang erst h. Allport. Allport stand unter dem Eindruck des Behaviorismus und versuchte in seinen Experimenten eine noch größere Kontrolle der Störvariablen zu erreichen als Moede. Allport wies - im Gegensatz zu Moede- seine Versuchspersonen an, nicht in Wettbewerb zu treten, den er interessierte sich für die "reinen" Wirkungen der Anwesenheit anderer. Leistungssteigerungen, die Allport fand, erklärte er mit sozialer Erleichterrung- social facilitation Nicht Gruppengeist oder Gruppenseele seien für die erzielten Leistungsveränderungen verantwortlich, sondern lediglich die Tatsache, dass bei der Arbeit andere Menschen zu hören und zu sehen sind. In seinem Lehrbuch der Sozialpsychologie stellte Floyd Allport eine behavioristische Sozialpsychologie dar, die für die Weiterentwicklung der Sozialpsychologie von großer Bedeutung werden sollte. Die Methode der Isolation unabhängiger Variablen, die Kontrolle von Störvariablen und die statistische Verrechnung der Messwerte der abhängigen Variablen bei Versuchs- und Kontrollgruppe ermöglichten das systematische Studium sozialer Prozesse. Allports behavioristisches Programm, das sich von älteren Konzepten wie dem der Massenseele zu befreien versuchte, war ein experimentell realisierbares Forschungsprogramm mit Langzeiotwirlungen . Aus heutiger Sicht führte Allports Programm allerdings zu einer Einengung der SozPsy- auch gegenüber der frühen frz. + amer. Sozialpsychologie. Die von Allport und seinen Schülern untersuchten Sozialbeziehungen sind bei näherer Betrachtung eigentlich weit entfernt von alltäglichen Gruppenprozessen. Theoretisch ist noch etwas anderes interessant: Hatte John B. Watson versucht , den Behaviorismus als Verhaltenswissenschaft ohne Begriffe wie "Bewusstsein" zu entwickeln, findet sich bei Allport genau dieser Begriff- Am Fall Allport bestätigt sich somit das, was man ohnehin dem Behaviorismus nachsagte: "Er wollte das Bewusstsein vertreiben, wurde es aber nicht los."
2.4 Erste Untersuchungen von Gruppenprozessen
In den USA blieb es nicht bei Social-Facilitation Experimenten. Moreno + Sherif + Lewin: Kleingruppenforschung als Kerngebiet der Sozialpsychologie. Der aus Österreich kommende Jakob Moreno hatte durch seine Techniken der soziometrischen Befragung Gruppenstrukturen sichtbar machen und in Form von Soziogrammen graphisch darstellen können. Der in der Türkei geborene Muzafer Sherif hatte in den USA und in Berlin studiert und ging in seiner Dissertation der Entstehung gesellschaftlicher Normen nach. Er ermittelte in Laborexperimenten mit Zwei- und Drei-Personen-Gruppen die Bildung von sozialen Gruppennormen. Lewin verließ Berln und emigrierte in die USA → führte in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre seine bahnbrechenden Experimente über den Einfluss autokratischer und demokratischer Führung auf die Gruppenatmosphäre in Jungengruppen durch. Die Fragestellung der Untersuchungen hatte biographische Hintergründe und war politisch und sozialpädagogisch motiviert. Die Befunde gaben Hinweise auf Gruppenführung, auf Erziehungswirkungen und auf gesellschaftliche Bedingungen insgesamt. Der von Moreno und Lewin benutzte Begriff der Gruppendynamik ( group dynamics) wurde zum Schlagwort für eine neue Wissenschaft. Zur Erforschung der Gruppenprozesse im Alltag leistete William Whyte einen wichtigen Beitrag, indem er durch teilnehmende Beobachtung die gruppendynamischen Prozesse in einer Bande von Jugendlichen verfolgte
2.5. Anfänge der Einstellungsforschung
Ein weiterer Bereich, das von vielen Autoren als Kernbereich oder Sozialpsychologie betrachtet wurde, war die Einstellungs- oder Attitüdenforschung Entwickung von Fragebögen, standardisierte Einstellungsskalen, persönlichkeitsdiagnostische Verfahren. Einstellungsskalen erwiesen sich in allen Bereichen der angewandten Sozialpsychologie als nützlich, besonders in der Vorurteils- und Stereotypforschung. Einen Höhepunkt erlebten die Einstellungs- oder Attitüdenforschung mit den breit angelegten Untersuchungen zur autokratischen Persönlichkeit. Frankfurter Institut befasst sich mit historischen und theoretischen Fragen der Autorität und Familie + Wechselwirkung zwischen autokratischer Erziehung in der Familie und dem politiscen System eines Landes. Diese sozialpsychologischen wichtigen Arbeiten konnten nur im exil veröffentlicht werden. Die Erfahrung mit dem Nazi-Deutschland ließen in den USA die Frage nach antidemokratischen Persönlichkeitszügen aufkommen. In den Studien zur Authoritarian Personality wurden daher u.a. Persönlichkeits- und Einstellungstests entwickelt, die auf Einstellungen wie generelle Vorurteilshaftigkeit (Ablehnung von Schwarzen, Juden, usw. ) hinwiesen. Wenngleich diese Studien aus methodischen Gründen bald Kritik fanden, wurde z.B. die aus diesen Studien hervorgegangene F-Skala ("F" von facism) ein der am häufigsten in der Einstellungsforschung verwendeten Messinstrumente, so besann man sich nach der deutschen Wiedervereinigung in der vergleichenden Jugendforschung auf die F-Skala und versuchte zu überprüfen, ob Jugendliche in den neuen Bundesländern antidemokratischere Tendenzen aufwiesen als Jugendliche im Westen. Der von Herbert Hyman 1942 geprägte Begriff der Bezugsgruppe (reference group) wies auf die Bedeutung sozialer Gruppen für den sozialen Vergleich, aber auch für den Erwerb von Einstellungen hin. Mit diesem beschreibenden Begriff war eine wichtige Beziehung zwischen Einstellungen und Gruppen hergestellt. SozialPsy hat in Fragestellungen und Methoden ganz unmittelbar von anwendungsorientierten Untersuchungen profitiert. Als Beispiel für diese Auffassung sei die Soziometrie benannt. Ursprünglich als Methode zur Erfassung von Strukturen in Gruppen erdacht, um diese Strukturen therapeutisch beeinflussen zu können, entwickelte sich die Soziometrie im Laufe der Jahrzehnte - durchaus mit Billigung und Unterstützung von Jakob Moreno selbst - zu einer differenzierten Forschungstechnik, der man den sozialpädagogischen Ursprung nicht mehr ansieht.
2.6. Sozialpsychologie in den ersten Jahren nach dem 2.Weltkrieg
Bales Kleingruppenforschung tritt in eine neue Phase: Kleingruppenprozesse wurden unter Laboratoriumsbedingungen detailliert untersucht, Dabei wurden Interaktionsprozesse registriert (Bales) der Einfluss einer Majorität auf das Urteil des einzelnen untersucht (Solomon E. Asch) Das Bedürfnis nach Kontakt mit anderen in bedrohlichen Situationen erfasst (Schachter) die Risikobereitschaft in Gruppen mit der von Einzelpersonen verglichen (Kogan & Wallach) Der Einfluss der Kommunikationsstruktur auf die Gruppenleistung ermittelt (Bavelas und Leavitt) Muzafer Sherif: Beziehungen zwischen Gruppen In drei ferienlagern wurden Konfliktsituationen zwischen Gruppen geschaffen und Maßnahmen zur Re-Intergration der verfeindeten Gruppen erprobt. Fitz Heider entwickelte : ein theoretisches Modell, das den Zusammenhang von Einstellungen und Sozialbeziehungen zum Ausdruck brachte. Veröffentlicht und rezipiert wurde dieses Balancemodell allerdings erst Jahre später (Heider) Leon Festinger: hatte mit seiner Theorie der kognitiven Dissonanz ein Modell entworfen, mit dem Einstellungsänderungen vorhergesagt wurden. Die Theorie der kognitiven Dissonanz war lange Zeit nicht nur in der Sozialpsychologie, sondern auch z.B. in der Markt- und Werbeforschung ein viel benutzter theoretischer Rahmen. Die 50er Jahre erscheien als große Zeit der Kleingruppenforschung . Ein nennenswerter Teil dieser Studie entstand aus praktischen Interessen.
2.7 Sozialpsychologie in Westdeutschland
Sozialpsychologie im heutigen sinne gab es in der NAchkriegszeit kaum. Das erste und einzige Institut für Sozialpsychologie zw. den Weltkriegen begründetet Willy Hellpach an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Es war eine Technische Hochschule und keine Uni + und es wurde in erster Linie angewandte Psychologie betrieben. → Hellpach ging es eher um sozialwissenschaftliche Arbeitspsychologie und um Humanisierung des Taylorismus als um sozialpsychologische Grundlagenforschung im heutigen Sinn. Bezeichnen für die Nachkriegszeit: gerade die angewandtsozialpsychologischen Arbeiten von Lewin wurden eher übersetzt und adaptiert als die grundlegenderen, theoretischen Aufsätze und Bücher. Aber auch diese wurden zum Teil eigentümlich interpretiert. Noch 1964 hat der Ganzheitspsychologe Albert Wellek mit kritischer Distanz Lewins erühmte Führungsstil-Untersuchungen so bewertet: Es ist Lewins Geniestreich, dass er den Amerikanern im Kinderexperiment, die Überlegenheit der Demokratie nachweist. Er entwickelt und kontrastiret pädagogische (gleich politische) "Führungsstile und zwar eben den demokratischen in Abhebung vor und über dem "autoritären"einerseits, dem anarchistischen andererseits - in einer goldenen oder dialektischen Mitte zwischen den beiden letzteren . Die Dynamik des Handlungsfeldes ist eine Eigendynamik, in der das Individuum mehr passiv als aktiv, mehr getragen als tragend und deshalb eher inhaltsarm erscheint - wiederum ein der amerikanischen Art von Kollektivismus entgegenkommendes Prinzip. Ein derartiges Zitat mit einer ganzen Reihe von Fehleinschätzungen und merkwürdigen wertungen lässt erkennen, dass ältere Psychologen wie Wellek das Verständnis für eine experimentelle Sozialpsychologie selbst zu dieser Zeit noch fehlte. Vielleicht fehlte Wellek auch die Einsicht, sozialpsychologische Forschung könne auch bei zentralen gesellschaftlichen Fragen zu Erziehung und Politik hilfreich sein. In der psychologiegeschichtlichen Forschung der letzten 30 Jahre ist mehrfach gesagt worden, dass es in der Psychologie nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland zu einer "Restauration" der Vorkriegsverhältnisse kam und zwar un Hinblick auf Dreierlei: Die Hochschulstruktur Die Lehrstuhlinhaber und Die Lehrinhalte für große Teile der akademischen Psychologe ist dies wohl zutreffend → das westdeutsche Universitätssystem wurde von den Besatzungsmächten (USA, England, Frankreich) nicht grundlegend verändert und nur ganz wenige Hochschullehrer der Psychologie wurden in den Entnazifizierungsverfahren aus ihren Ämtern entfernt. → Etliche, die zunächst amtsenthoben wurden, bekamen wenige Jahre später wieder Lehrstühle an Universitäten. Für praktisch tätige Psychologinnen und Psychologen galt die von Mattes und anderen Psychologen genannte Kontinuität nicht: Wehrmachtspsychologen gab es nicht mehr → neue Betätigungsfelder mussten erst gefunden werden und viele Personen mit psychologischer Ausbildung gingen in andere Berufsfelder. Einen Berufs-Boom für Psychologen gab es erst ab Mitte der sechziger Jahre mit dem Aufkommen der wichtigen Psychotherapei-Verfahren + Nachfrage nach Beratung und Therapie. Sutdierende wussten wenig über die Vergangenheit ihrer akademischen Lehrer → Kultur des gemeinsamen Beschweigens: Lehrende wie Lernende waren froh, dass die "dunkle" Nazi-Zeit hinter ihnen lag und sie schauten vorwärts. Viel gab es zu lernen und nachzuholen. Was die Lehre betrifft, so prüften die knapp 20 Hochschulinstitute "Völker- und Sozialpsychologie" nach der seit 1941 gültigen Diplomprüfungsordnung. An manchen Hochschulen verschwand der Begriff der Völkerpsychologie erst in den siebziger/achtiziger Jahren aus den Zeugnissen. wie weit wirklich Völkerpsychologie im Sinn von Wundt gelehrt und geprüft wurde, oder ob nicht an manchen Hochschulen inzwischen längst unter Völkerpsychologie auch Kulturanthropologie oder sogar moderne Sozialpsychologie zu finden war, wäre zu untersuchen. Sachverhalt, der heute schwer vorstellbar ist: Die Universitätsbibliotheken und Psychologischen Institutsbibliotheken verfügten über sehr geringe Mittel. Selbst große Institutsbibliotheken hatten bis in die 70er hinein keine einzige fremdsprachige psychologische Zeitschrift abonniert. Es fehlte an Devisen und bei der älteren Generation der Hochschullehrer fehlte es vermutlich auch an Einsicht: War Deutschland doch Jahrzehnte lang das Land gewesen, in dem die Psychologie entstanden und zur Blüte gebracht wurde, Studierende der Psychologie hatten es daher nicht leicht, sie nutzten zum Teil ergänzend die Bibliotheken der Amerika-Häuser. Und manche neue Entwicklung der Psychologie erarbeiteten sie sich selbst, so erinnerte sich z.B. Theo Herrmann, der bei Wellek studiert hatte: Pünktlich nach acht Semestern schloss ich mein Studium ab. Die- se vier Jahre waren voll von Erfahrungen gewesen, die weit über die Aneignung von Prüfungsstoff hinausreichten. Ich absolvierte, wie auch einige meiner Studienkollegen, sozusagen ein Doppel- studium: die uns angebotene Welleksche Ganzheits- und Struk- turpsychologie einerseits und die von uns selbst erarbeitete Psychologie des angelsächsischen „Mainstream“ andererseits.
2.7.1 Willy Hellpach: Sozialpsychologie in historischen Bezügen
Willy Hellpach war Politiker und politischer Journalist, hatte Medizin und bei Wundt in Leipzig Psy studiert begründete im Deutschen Reich das erste und einzige Institut für Sozialpsychologie. In der Nazi-Zeit musste sich Hellpach als überzeugter Demokrat zurückziehen. Er betätigte sich in dieser Zeit vor allem als Lehrbuchautor. Seine "Einführung in die Völkerpsy" passte er gleich nach dem Krieg an die neuen Verhältnisse an. An mehreren Hochschulen war dieses Buch Pflichtlektüre, wie auch die 3. auflage von hellpachs Lehrbuch der Sozialpsychologie, desser Erstauflage in das Jahr 1933 zurückreichte. Hellpach war seit 1926 Honorarprofessor. Nach 1945 war er wohl der einzige deutsche Psychologieprofessor, der "Sozialpsychologie" in seiner Stellenbezeichnung trug. Aber was er als Sozialpsychologe in Vplesungen referierte, deckte sich wohl mit dem Inhalt seiner Bücher: Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft als Sozialorganismus, Betrachtungen über den Einfluss des Klimas auf menschliches Handeln, Physiognomik und vieles mehr in einer sprachschöpferischen Darstellung, die schon damals als schwer verdaulich und spekulativ galt. Hellpach stand nicht der experimentellen Sozialpsychologie nahe. er bezog nirgendwo jene sozialpsychologische Arbeiten ein, die wir heute als Klassiker ansehen: Moreno, Lewin, Sherif, Bales usw. Liest man Hellpach heute, dann hat man den Eindruck, dass er diese Literatur nicht für wichtig hielt. Vielleicht war sie ihm unbekannt. Er war eher der große Redner: Viele seiner Hörerinnen und Hörer waren von seiner Universalbildung gefesselt. Hochgeehrt starb Hellpach 1955. Aus heutiger Sicht: Autoren wie Hellpach bewirkten, dass deutsche Studierende auch nach dem Krieg von einer modernen Sozialpsychologie abgehalten wurden. Leopold von Wiese: "Entdecker" von Moreno: rezensierte + setzte sich für die Übersetzung den Buches von " Who shall survive" ein Einige Jahre später entstand in Köln auf Betreiben von Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern das erste Institut für Sozialpsy an eine dt Universität Hans Anger hatte in den USA studiert, konnte in Köln ein gut ausgestattetes Institut ausbauen. Seine Ziele u.a. die Replikation " klassischer" sozialpsychologischer Experimente und die Weiterentwicklung von methodieschen Standards der Sozialpsychologie Auch an der Geschichte der Sozialpsychologie wan Anger interessiert. Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern dauerte es bis zum Anfang der sechziger Jahre, als mit der Expansion der Universitäten die ersten sozialpsychologischen Lehrstühle eingerichtet wurden, Hauptaktivität dieser neuen Institute war es zunächst, die amerikanische Sozialpsychologie aufzuarbeiten und zu erweitern.
2.7.2 Kriphal S.Sodhi: Rezeption der amerikanischen SozPsy gegen den Strom der Zeit
Kripal S.Sodhi: Inder, kam nach Berlin um bei Köhler Gestaltpsychologie zu studieren. Sodhis forschung lag im Bereich der Konformitätsforschung, der sozialen Wahrnehmung und der Stereotypforschung Hatte Auseinandersetzungen mit Wellek verwendete den Begriff der Sozialorganismen nicht, da die moderne ethnologische und soziologische Forschung die Gesellschaft schon lange nicht mehr als Organismus auffasse. Hiermit hatte Sodhi recht und die Episode macht deutliche wie schwer eine empirische Sozialpsychologie in Deutschland etabiliert werden konnte.
2.7.3 Peter R.Hofstätter: Populisierung sozialpsychologischer Themen
Fischer Lexikon Psychologie Gruppendynamik (eine Herausgabe von ihm) die beiden o.g. Werke weckten das Interesse an der Sozialpsy amerikanischer Prägung Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass selbst die Einrichtung von neuen Lehrstühlen für Sozialpsychologie auf die Überzeugungskraft von Hofstätters Büchern zurückging. Hofstätter war Heerespsychologe, lehrte in Graz und an Us-Universitäten er verstand sich nicht ausschließlich als Sozialpsychologe. Seone politische Vergangenheit und seine Tendenz zu rechtskonservativen Kreisen machten ihn zur Zeit der Studentenbewegung unbeliebt und trugen ihm Konflikte mit dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psy. ein. Die Affäre Hostätter hatte 1963 ihren Höhepunkt, als Hofstätter sich in Aufsätzen in der "Zeit" für winw Generalamnestie für NS-Verbrechen aussprach und sich u.a. wünschtem der Geschichtsunterricht in Schulen solle die letzten 30 oder 50 Jahre aus dem Unterricht ausschließen. Er war der erste dem es gelang, Fragen der SozPsy, Fragen der emp. psychologischen Forschungsmethoden und vieles mehr einem breiten Publikum vorzutragen.
2.7.4 Martin Irle und der Sonderforschungsbereich 24
Irle war sprecher des Sonderforschungsbereichs 24 "Sozialwissenschaftliche Entscheidungsforschung", der für die weitere Entwicklung der Sozialpsychologie in der BRD von erheblicher Bedeutung werden sollte. Als Anekdote kann man berichten, dass dieser Sonderforschungsbereich von Curt Sandig, einem Wirtschaftswissenschaftler initiiert wurde und im Senat der Hochschule alle anwesenden Psychologen gegen die Einrichtung stimmten, weil der Antrag zuvor mit ihnen nicht abgestimmt worden war. Der Sonderforschungsbereich gab mehreren Dutzend jungen Wissenschaftlern Gelegenheit zu experimenteller Forschung und zur wissenschaftlichen Qualifikation Gastproffessuren aus den USA und anderen Ländern führten zu Kooperationen und zu ca. 700 Publikationen im Kontext der (von Irle erweiterten) Dissonanztheorie und neuer Entscheidungstheorie Durch den Sonderforschungsbereich erhielt die deutsche Sozialpsychologie so einen kräftigen Schub in Richtung Internationalisierung. Irle war auch 1970 Mitbegründer der bis heute bestehenden Zeitschrift für Sozialpsy "Social Psychology" der Sonderforschungsbereich 24 in Mannheim und Forschungsaktivitäten einiger weiterer Lehrstühle bewirkten, dass die westdeutsche Sozialpsy langsam ein respektables Niveau bekam
2.8 Sozialpsychologie in der DDR
anders als in der BRD war in der DDR Sozialpsychologie nicht an allen Universitäten mit Diplomausbildung vertreten. Zunächst gab es einen sozialpsychologischen Schwerpunkt an der Humboldtuniversität in Ost-Berlin, wo Gottschaldt und Mitarbeiter seit 1954 sozialpsychologische Arbeiten zum Wir-Gruppen-Konzept, zu Führungsstilen nach Lewin usw. veröffentlichten. Gottschaldt war Gestaltpsychologe und so war auch dessen sozialpsychologische Forschung durch die Gestaltpsychologie und durch die Feldtheorie Kurt Lewins geprägt. Hans Hiebsch: Assistent an der Universität in Leipzig: einige Sozialpsy Arbeiten im pädagogisch-psychologischen Kontext. Friedrich Schiller Universität in Jena = Sozialpsy als Schwerpunkt Entscheidens für diese Veränderung waren eher externe Gründe: Gottschaldt wurde inzwischen als "bürgerlich" kritisiert und wechselte im Feb von der Humboldt-Uni unter abenteuerlichen Umständen an di Universität Göttingen in die Bundesrepublik Die Leitung in Berlin bekam daraufhin Friedhart Klix, so dass Hiebsch beauftragt wurde, in Jena die Leitung zu übernehmen und "soziologische" Forschungen aufzubauen. Während die erste Generation um Gottschaldt in Berlin in den Problemorientierungen Gottschaldts Theorien folgte, konnte die zweite Generation in Leipzig und Jena in theorien, Modellen und Methoden der amerikanischen Forschung folgen, wobei diese Forscher angaben "in ihnen theoretischen Grundannahmen einem marxistisch-leninistischen Ansatz zu folgen" Hiermit ist vor allem die Einführung in die marxisitische Sozialpsy von Hans Hiebsch und Manfred Vorwerg gemeint, das viele Auflagen erreichte und das
2.9 Eine europäische Entwicklung: Die EASP
Für die Entwicklung der akademischen Sozialpsychologie in Europa hatte die European Association of Experimental Social Psychology (EAESP) (heute: European Association of Experimantal Social Psychology, EASP) truf zum Aufbau der Sozailpsychologie in der BRD und DDR bei. Ein besonderes Verdienst war die Aufrechterhaltung und Herstellung von Arbeitsbeziehungen zwischen west- und osteuropäischen, auch zwischen west- und ostdeutschen Sozialpsychologen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs aus amerikanischer Perspektive musste nach dem zweiten Weltkrieg fast ganz Europa als Entwicklungsgebiet gelten, was die Sozialpsychologie betraf. Der amerikanische Sozialpsychologe John T. Lanzetta arbeitete Anfang der 60er Jahre zwei Jahre lang in London und hatte die Idee, ein Treffen europäischer Sozialpsychologen, die sich zum größten Teil nciht persönlich kannten zu organisieren