34
Ernährung in besonderen Lebenssituationen (Subject) / 6. Ernährung im Alter (Lesson)
Advertisement
- Altern ... ist im Gegensatz zur Phase der Entwicklung mit einer stetigen irreversiblen Abnahme körperlicher Funktionen und einer Häufung von Funktionsstörungen verbunden.... verläuft in allen Individuen einer Art in der gleichen Richtung, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß.
- Differenzierung des Begriffs ‚Senioren‘ Senioren = Altersgruppe > 65 Jahre Unterteilung nach Lebensjahren:Betagte 65-74 jährigeHochbetagte > 75 jährigeHöchstbetagte > 90 jährigeLanglebige >100 jährige Unterteilung nach Funktionserhalt:“go goes” unabhängige Ältere“slow goes” Hilfsbedürftige“no goes” Pflegeabhängige
- Sinnesveränderungen Abnahme von Appetit Durstempfinden Geschmack Geruch Sehen Hören
- Regulation der Nahrungsaufnahme • Geschmacks- und Geruchssinn ↓• Altersanorexie: Appetit ↓• Fehlender Ausgleich der Nahrungsmenge nach Phasen erhöhter bzw. erniedrigter Zufuhr
- Körpergewicht nach Underfeeding Körpergewichtsverlust nach Underfeeding wird im Alter nicht mehr kompensiert
- Gastrointestinaltrakt • Durchblutung ↓• Zellerneuerungsrate Schleimhäute ↓• Magen und Darmmotilität ↓• Enzymsekretion/Bikarbonatsekretion ↓Dennoch: Erhalt der Verdauungsleistung bei üblicher NahrungsmengeAusnutzung von Fett, KH, Protein, fettlösl. Vitaminen und Carotinoiden ist gegeben
- Häufig auftretende Erkrankungen des GIT Atrophische Gastritis:• Kennzeichen:– Sub/Anacidität des Magensafts– Pepsinsekretion ↓– Synthese des Intrinsic Factors ↓• Ursache: Atrophie des Schleimhautgewebes• Folgen:– Bioverfügbarkeit von Vit. B12 ↓• Neurolog. Sekundärerscheinungen bei chron. Gastritis möglich• Therapie: 100 μg Cobalamin/d bei chron. Gastritis– Bioverfügbarkeit von Ca, Fe ↓ (Absorption pH-abhängig)– Bakterienwachstum im Duodenum ↑• Prävalenz: 32 % bei 74- bis 80-jährigen Obstipation:• Ursachen:• Abnahme der Sensibilität im Enddarm• Geschwächte Muskulatur• Folge: Defäkationsreflex ↓• Mögliche Risiken:• Häufigkeit von Divertikulose ↑• Häufigkeit von Divertikulitis ↑• Prävalenz: 25 – 50 % der älteren Bevölkerung
- Wasserhaushalt • Durstempfinden ↓• Reduzierte Nahrungsmenge (Bildung von Oxidationswasser ↓)• Konzentrationsfähigkeit der Niere ↓ (Urinvolumen ↑)• Gesamtkörperwassergehalt ↓ --> Exsikkose – Risiko ↑
- Folgen von Flüssigkeitsmangel • Leistungsminderung• Obstipation• Verwirrtheitszustände• Infektionen• Veränderte Medikamentenwirkung• Kreislaufversagen• Nierenversagen
- Körperzusammensetzung • Fettfreie Körpermasse ↓• Körperwasser, Knochenmasse, innere Organe, Muskelmasse• Differenz 3. - 8. Lebensdekade: ♀: -40%, ♂: -45%• Risiko altersassoziierte Sarkopenie ↑• Körperfett ↑ Umverteilung zu zentralen Speichern (intraabdominal)
- Advertisement
- Sarkopenie = altersbedingte Abnahme der Muskelmasse ab den 50 Lj. 0,5 – 2% pro Jahr Muskelkraft ↓ um 30-50 % zwischen dem 30. und 80. Lj. Reserven an AS und Glykogen ↓ Stabiles KG kann instabile Körperzusammensetzung verbergen
- Folgen Sarkopenie Muskelkraft ↓ Mobilität ↓ Behinderung ↑ Sturzrisiko ↑ Grundumsatz ↓ Energiebedarf ↓ --> Risiko für Nährstoffdefizite ↑ Reserven an Aminosäuren & Glykogen ↓ Stressbewältigung ↓ Anfälligkeit für Mangelernährung ↑
- Vitamin D-Synthese Bedarfsdeckung über die Nahrung bei herkömmlichen Gewohnheiten nicht möglich Zusätzlicher Risikofaktor Alter:• Fähigkeit zur kutanen Synthese ↓• Immobilisation Aktivität im Freien ↓→ Endogene Synthese ↓⇒ 25-OH-D Spiegel ↓Osteoporose- und Sturzrisiko ↑
- Physiologische Veränderungen machen im Alter vulnerabel gg.über Ernährungsproblemen • Regulation Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ↓ - Gewicht ↓- Mangelernährung ↑ (sog. ‚Altersanorexie‘) • Muskelmasse/kraft ↓ - Glycogen- & AS- Speicher ↓ Infektanfälligkeit ↑- Sturzrisiko ↑- Mobilität ↓ • Durstempfinden ↓ Urinkonzentrationsfähigkeit ↓ - Dehydratation • Kutane Vitamin D-Synthese ↓ - Vitamin D-Mangel- Sturz/Frakturrisiko ↑
- Energieumsatz im Alter Generell nimmt der Grundumsatz mit zunehmendem Alter ab⇒ Grundumsatz ↓ Häufig tritt zusätzlich Bewegungsmangel auf⇒ PAL ↓ ⇒ Energieumsatz ↓
- Richtwerte für die Energiezufuhr > 65 J. Mann: 2300 kcal Frau: 1800 kcal
- Energie- und Nährstoffbedarf im Alter Energiebedarf ↓Nährstoffbedarf ↔ ⇒ Bedarf an Nährstoffdichte ↑
- Empfehlungen für die Ernährung im Alter Vgl. 10 Regeln der DGE für vollwertige Ernährung Besondere Bedeutung aufgrund erhöhter Vulnerabilität:• Bedarfsangepasste Energiezufuhr• Bevorzugte Auswahl nährstoffdichter Lebensmittel• Ausreichende Flüssigkeitszufuhr• Ballaststoffreiche Lebensmittel• Körperliche Bewegung im Freien – bei Immobilität Vitamin-DSubstitution• Regelmäßigkeit beim Essen und Trinken• Individuellen Gesundheitszustand berücksichtigen
- Merkblatt zur täglichen Lebensmittelauswahl Mindestanforderungen: Tägl. 1 warme Mahlzeit Tägl. 1 Stück Obst Tägl. 1 Portion Gemüse und Salat Tägl. 1 Glas Milch und Joghurt, Quark oder Käse Tägl. 1,5 - 2 L Flüssigkeit Tee, Säfte, Sprudel, Suppe Mehrmals pro Woche 1 Stück Fleisch, Fisch oder 1 Ei Regelmäßige Bewegung im Freien!
- Parameter des Ernährungszustands - Anthropometrie Gewicht:• Grenzwerte Gewichtsverlust:– > 5% in 3 Monaten– > 10% in 6 Monaten• Grenzwerte BMI:(ggf. Kniehöhe/Armspanne als Surrogatmarker für die Größe)– Grenzwert für Malnutrition: < 20 kg/m2 – Überwachungsbereich: 20 – 24 kg/m2 Wadenumfang (WU):• Zur Muskelstatusüberprüfung• = Klin. Indikator Sarkopenie/ funktionale Selbstständigkeit• Geschlechtsunspezif. Grenzwert: < 31 cm
- Parameter des Ernährungszustands Biomarker im Blut Norm; Mangel - mild; Mangel - mäßigAlbumin (g/L) 35 - 52; 30 - 35Gesamt-Cholesterin (mg/dl) 160 - 200; < 160; < 120Transferrin (g/L) 2,5 - 3,6; 1,8 – 2,5; 1,5 – 1,8RBP (mg/L) 26 - 76; < 20Zink (μmol/L) > 10,7; < 10; < 8Vit. B12 (pg/ml) 210 - 910; < 200; < 150 (schwer)Folat (ng/ml) 3,5 - 15; < 3,5Erythrozyten Folat (ng/ml) 250 - 500; < 250
- Klinische Symptome bei NST-Mangel Symptom; Möglicher NährstoffmangelÖdeme; ProteinAnämie; Eisen, Vit. B12, FolsäureErhöhte Blutungsneigung; Vitamin KVerzögerte Wundheilung; Protein, Zink, PantothensäureEuthyreote Struma; JodDesorientiertheit, Verwirrung; Vit. B1, B2, B12, Wasser Unspezifische Symptome, die Indikatoren für einen NSTMangel sein können (aber nicht müssen)
- Abgrenzung der Mangelernährung Generalisierte Mangelernährung (Unterernährung) ⇒ Mangel an Energie Spezielle Mangelernährung (Nährstoffmangel) ⇒ Mangel an einzelnen Nährstoffen
- Protein-Energie-Mangelernährung (PEM) Klinisches Erscheinungsbild der PEM im Alter:Oligosymptomatisch und unspezifisch⇒ Diagnostik kann leicht fehlgeleitet werden
- Mangelernährung - Ursachen im Alter Krankheiten: Malabsorption/Maldigestion Erhöhter Energiebedarf Sonstige Medikamenteneffekte: Körperl. FunktionseinschränkungenGeistige BeeinträchtigungPsychische ProblemeSozioökonomische FaktorenAllgemeinzustand ⇒ Ursachen für ME sind vielfältig, multifaktoriell und individuell unterschiedlich
- Folgen der Mangelernährung im Alter • Verlust von Muskelkraft, allgemeine Schwäche, Dekubitusrisiko, Sturz- und Frakturrisiko, Muskelfunktionseinschränkungen (v.a. Atemmuskulatur), etc.• Erhöhte Infektanfälligkeit • Erhöhte Komplikationsrate / verlängerter Krankenhausaufenthalt• Erhöhte Rehospitalisierungsrate• Erhöhte Morbidität und Mortalität Unbeabsichtigter Gewichtsverlust→ Proteinkatabolie⇒ ‚Nutritional Fraility‘
- Entwicklung von Mangelernährung Stadium 1RisikofaktorenStadium 2Nahrungsmenge ↓ und/oder Bedarf ↑Stadium 3Ernährungszustand ↓• Klinisch, anthropometrisch, biochemischStadium 4Gesundheitszustand ↓• Funktionen, Morbidität, Mortalität
- Ernährungssituation gesunder Senioren in deutschen Privathaushalten ⇒ Ernährungszustand: Trend zu Übergewicht⇒ Regelmäßige Mahlzeiten, tgl. warme Mahlzeit⇒ LM-Auswahl: Täglicher Verzehr hochwertiger Lebensmittel, aber• zu viel tierische Produkte• zu wenig Obst, Gemüse und Fisch⇒ Nährstoffe mit unzureichender Zufuhr:Ballaststoffe, Calcium, Vit. D, (evtl.) Folsäure
- Ernährungssituation von Senioren in Privathaushalten mit Pflegebedarf ⇒ Ernährungszustand:• Geringe Prävalenz von Untergewicht• hohe Prävalenz von Übergewicht• aber laut MNA 15% ME & 56% Risiko für ME⇒ LM-Auswahl: Täglicher Verzehr hochwertiger Lebensmittel, aber• zu viel tierische Produkte• zu wenig Obst, Gemüse⇒ Nährstoffe mit unzureichender Zufuhr:Ballaststoffe, Vit. D, Folsäure
- Ernährungssituation älterer Menschen in stationären Einrichtungen • Ernährungszustand:– 11% Mangelernährung– 49% Risiko für ME• Bemühung der Einrichtungen– altersgerechte Kost anzubieten– Geschmacksvorlieben, Kaustörungen zu berücksichtigen• LM-Auswahl:– Obst, Gemüse und Vollkornprodukte werden nicht/in wesentlich zu geringen Mengen verzehrt– Gute Eignung und Akzeptanz von Milchprodukten– Süße, fettreiche Lebensmittel gut akzeptiert (= Energie ↑, Nährstoffe ↓)• Große Streubreite in der Nährstoffversorgung• Versorgung mit Vitamin D problematisch Anstieg der Prävalenz von ME mit zunehmender Pflegebedürftigkeit
- Advertisement
- Therapie der generalisierten ME a. Regelmäßige Erfassung des Ernährungszustandsb. Ernährungstherapie:1. Behandlung der Grunderkrankung (Kausaltherapie)2. Behebung/Vermeidung weiterer zugrunde liegender Ursachen3. Ernährungsintervention: Steigerung der Nahrungsaufnahme• 1. Ziel: Vermeidung weiteren Gewichtsverlustes• 2. Ziel: Gewichtszunahme
- Steigerung der Energie- und Nährstoffzufuhr Optimierung der Ernährungspflege Optimierung des Nahrungsangebots
- Take Home Message · Physiolog. Altersveränderungen machen den Organismus anfälliger für Mangelernährung· Energiebedarf bei konstantem NST-Bedarf verringert ⇒ Bedarf hoher NST-Dichte!· Mangelernährung im Alter multifaktoriell verursacht, v.a. assoziiert mit Krankheiten und Risikofaktoren· Prävalenz für Mangelernährung nimmt mit Pflegebedürftigkeit zu· Regelmäßige, situationsangepasste Erhebung des Ernährungszustandes zum Erhalt oder ggf. Verbesserung des Allgemeinzustandes· Gezielte, individuelle Interventionen zur Prävention und Therapie von Mangelernährung notwendig· Versorgung mit Folsäure, Ballaststoffen, Vitamin D unabhängig von Pflegebedürftigkeit unzureichend
- Mini Nutritional Assessment (MNA) Bereiche:Anthropometrie, Allgemeinzustand, Ernährungsgewohnheiten, Selbsteinschätzung Vorteile+ Für Senioren validiert+ Abfrage multipler Faktoren+ Nicht-invasiv, einfach in der Handhabung Nachteile– Beurteilung im Krankheitsfall fast immer positiv– Hoher Zeitaufwand (10-15 min)– Kooperation erforderlich