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Sozialwissenschaftliche Forschung (Subject) / 5. Grundlagen und Kontroversen in der Wissenschaftstheorie (Lesson)
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- a) 1. Wissenschaftstheoretische Grundlagen der empirischen Sozialforschung Wissenschaft versucht Ereignisse in der Natur / menschlichem Zusammenleben zu sammeln - ordnen - Aussagen über Verbundenheit zu machen (auf Grundlage dessen ist planende Gestaltung des Lebens möglich) Resultate sollen nachvollziehbar, kritisierbar und 'wahr' (Übereinstimmung mit Realität) sein Lehre von der Vorgehensweise bei wissenschaftlichen Tätigkeiten: Methodologie
- b) 2. Wissenschaftstheoretische Grundlagen der empirischen Sozialforschung - Begriffliche Präzisierung Voraussetzung zur Beschreibung und Erklärung eines sozialen Zustandes, damit alle Beteiligten den verwendeten Begriffen die gleiche Bedeutung zuschreiben Zwei Begriffsarten: Logische Begriffe: beschreiben keine realen Dinge; Bedeutung wird als bekannt vorausgesetzt Empirische/außerlogische Begriffe: in Forschung zu präzisierende Begriffe -> durch Nominaldefinition mit zwei Komponenten:- Definiendum: Begriff, dessen Bedeutung festgelegt wird- Definiens: Begriff, der Definiendum bestimmt Nominaldefinition umfasst intensionale (Begriffsinhalt:Menge der Merkmale/Eigenschaften, die gegeben sein müssen, damit Objekt mit diesem Begriff bezeichnet werden kann) und extensionale Bedeutung (Begriffsumfang, Ausdehnungsbereich: Menge der Objekte, die die Intension des Begriffs erfüllen) definitorische Arbeit hat weitereichende Konsequenzen für weitere Forschung Kritische Betrachtung: Definiens kann selbst zum Definiendum werden, wenn Begriffe unklar sind -> Definitionen führen zu immer mehr Definitionen (Poststrukturalismus) um infinitien Regress zu vermeiden, muss Definitionsprozess an einer Stelle abgebrochen werden bestimmte Begriffe müssen in ihrer Bedeutung als allgemein verständlich akzeptiert werden (Voraussetzung: Existenz einer Sprachgemeinschaft)
- d) 5. Gesetze strukturell identisch zu Hypothesen jedoch bereits häufig in Realität bewährt z.B. Gesetz der großen Zahl, juristische Gesetze
- e) 6. Theorien System von Aussagen, das mehrere Hypothesen/Gesetze umfasst Definition -> Gesetz/Hypothese (Formulierung von Aussagen): nach Grad ihrer Allgemeinheit geordnet, höchster Grad: Axiome -> Proposition/Theorem Axiome müssen untereinander widerspruchsfrei und logisch unabhängig zu einander sein Proposition/Theorem: selbstevident aus Axiomen ableitbare Aussagen diese Art der Formulierung einer Theorie (mit Forderung deduktiver Ableitbarkeit) hat die explizite Nennung von Hypothesen zur Konsequenz -> Zugang zur Theorie wird erleichtert, Kritisierbarkeit gesteigert, Steigerung des Wissenschaftsfortschritts
- h) 10. Induktiv-statistische Erklärung Erklärung von Phänomenen durch Gesetze mit probabilistischen Aussagen (die Wahrscheinlihckeit berücksichtigend) G1 (Gesetz): für 90% aller Fälle gilt: wenn personen ein Monatseinkommen über 3000€ haben, besuchen sie regelmäßig die Oper Randbedingung: Person X hat ein Einkommen von 3200€ Explanandum: Person X besucht Regelmäßig die Oper l: Ausmaß, in dem es rational ist, zu erwarten, dass das Explanandum aus dem Explanans folgt Man könnte zwar vermuten, dass X regelmäßig die Oper besucht, aber das Gesetzt lässt auch die Möglichkeit zu, dass sie es nicht tut. Je höher die induktive Wahrscheinlichkeit ist, umso eher würde man zwar das Explanandum erwarten, aber es ist weder deduzierbar noch mit Sicherheit prognostizierbar (Unterschied zu deduktiv-nomologisch) bei I-S-Erklärungen entfallen sowohl Verfikation als auch Falsofikation als Überprüfungsoptionen von 1000 Personen mit Einkommen über 3000 gehen 400 (40%) nicht regelmäßig zur Oper -> widerlegt nicht Hypothese Resultat bezieht sich auf endlichen Personenkreis, Hypothese macht Aussagen über potenziell unendliche Population
- i) 11. Unvollständige Erklärungen Hypothetische Erklärung / ad-hoc-Erklärung (zur Sache passend): singuläre Ereignisse (bzw. unerwartete Ergebnisse einer Untersuchung) werden mit Hilfe von Gesetzen 'erklärt' deren empirische Bestätigung (noch) aussteht ad-hoc-Erklärungen führen nur zur Aufstellung immer neuer Theorien mit niedrigem Informationsgehalt, über deren empirische Gültigkeit nur wenig bekannt ist Partielle Erklärung: Explanans erklärt Explanandum-Phänomen nicht mit der Bestimmtheit, mit der es durch den Explanandumsatz beschrieben wird und deshalb ist Erklärungsvermögen des Arguments kleiner, als es zu sein scheint (Selbsthilfegruppe) Erklärung mit impliziten Gesetzen: häufige Vewendung von Globalvariablen (Geschlecht, Schicht, Wohnort, Alter) als Wenn-Komponente einer Erklärung mögliche Verkennung von u.U. vorhandenen empirischen Zusammenhängen Frauen wählen häufiger als Männer christliche Parteien -> biologische Geschlechtszugehörigkeit determiniert Wahlverhalten?
- j) 12. Werturteilsstreit / Positivismusstreit - Hintergründe Frage: Welchen Einfluss haben Werte (persönliche Meinungen, politische Anschauungen, ideologische Ziele) auf die wissenschaftliche Arbeit? besitzen solche normativen Vorstellungen Relevanz für die Begründung von Theorien? gibt es also für die vorläufige Akzeptierung einer Theorie andere Gründe als die Übereinstimmung einer Theorie mit der Realität?
- k) 13. Werturteilsstreit - Webers Position allein durch die Wahl des Gegenstandes und der Forschungsfrage ist jede wissenschaftliche Arbeit wertend sie sollen jedoch objektiv und wertfrei sein und somit für jedermann, der über das entsprechende Fachwissen verfügt, nachvollziehbar sein -> wissenschaftliche Aussagen über die Realität dürfen nicht durch die Wunschvorstellung des Wissenschaftlers beeinflusst sein aus wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt kein logischer Hinweis, wie ein bestimmtes Ergebnis zu verwenden ist (aus Seins-Aussagen folgen keine Sollens-Aussagen) -> Sein-Sollen-Dichotomie Wertungen können Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit sein - so kann man z.B. wertende Aussagen auf ihre logische Konsistenz prüfen, die Werthaltungen von Personen (gegenüber politischen, ethnischen und praktischen Problemen) beschreiben und erklären Trennung von Begründungszusammenhang und Verwertungszusammenhang Werturteilsfreiheit / Parteilichkeit sowie Methodenmonismus / Methodendualismus Frage der rationalen Begründung von Normen und Wertungen
- l) Konträre Positionen im Werturteilsstreit / Positivismusstreit 1. Kritische Rationalisten (u.a. Popper, Albert): Anerkennung des Postulats der Wertfreiheit Plausibilität eines a-priori ist objektiv nicht begründbar sowie logisch nicht zwingend Forderung nach methodischer Strenge > Wertungen und Wunschvorstellungen dürfen (wissenschaftliche!) Tatsachenbeschreibungen und -erklärungen nicht beeinflussen > alleine Prüfinstanz ist die faktische Realität (Falsifizierung) 2. Frankfurter Schule (u.a. Habermas, Adorno): Parteinahme und Methodendualismus; Frage nach ‚übergeordneten‘ Kriterien Erhebung einer ‚faktischen Realität‘ bestätigt Verdinglichung, Unterdrückung, Knechtschaft Wissenschaft bestätigt Status Quo > Forderung eines praktischen Begründungsbegriffs sowie normativer Strenge > rationale Normengründung ist methodisch nicht möglich
- m) Folgen des Werturteilsstreits / Positivismusstreits analytisch-nomologische inspirierte Forschung tendiert zur quantitativen Sozialforschung-> Kritik: Pseudoobjektivität, Wissenschaft als Selbstzweck, geringes Innovationspotenzial hermeneutisch-dialektische inspirierte Forschung tendiert zur qualitativen Sozialforschung-> Kritik: keine Objektivität, Wissenschaft als Ideologie, Wissenschaft entzieht sich selbst die Existenzgrundlage
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- n) Kontroverse 2: Konstruktivismus und methodischer Anarchismus Frage des Zusammenspiels von Beobachtungen, Instrumenten und Kerntheorie bei der Überprüfung von Theorien Zwei Ansätze: 1. radikale Konstruktivisten (Foerster, Glasersfeld) Übereinstimmung von Realität und Theorie irrelevant Zugang zur Wirklichkeit ist nicht möglich, da menschliche Wahrnehmung beschränkt ist > Begründung von Hypothesen, Methoden, Theorien erfolgt nach dem Kriterium der Nützlichkeit 2. methodischer Anarchismus keine wissenschaftliche Regeln, die Bestand haben wissenschaftliche, erkenntnistheoretische Methoden lösen einander ab, werden nicht integriert > Fortschritt nur über Befreiung/Entfesselung von Traditionen > Wissenschaft muss Alltagsbezug haben und Elitarität entsagen > kontrainduktives Vorgehen: gängigen Theorien widersprechende Hypothesen