Einführung in die qualitative Sozialforschung (Subject) / Qualitative Sozialforschung (Lesson)

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  • Kennzeichen qualitativer Forschung 1) Gegenstandsangemessenheit von Methoden und Theorien: - Orientierung der Methodenauswahl am zu untersuchenden Gegenstand- Erhaltung der Komplexität und Ganzheit des Gegenstands im alltäglichen Kontext- Gewährleistung von Offenheit der Methoden gegenüber dem GegenstandZiele:- Entdeckung von Neuem- Entwicklung empirisch begründeter TheorienZentrale Kriterien für die Gültigkeit:- Erkenntnisgewinn- Angemessenheit der Auswahl und Anwendung der Methoden- Relevanz des Gefundenen und Reflexivität des Vorgehens 2) Perspektiven der Beteiligten und ihre Vielschichtigkeit - Verdeutlichung der Unterschiedlichkeit der Perspektiven, die die Beteiligten auf ein-und  dasselbe Phänomen (z.B. Erkrankungen) haben können- qualitative Forschung fragt nach subjektiven und sozialen Bedeutungen und- Hintergründen des jeweiligen Phänomens- untersucht Wissen und Handeln der Beteiligten- analysiert Interaktionen und Umgangsweisen (z.B. mit Erkrankungen) im jeweiligen FeldQualitative Verfahren 3) Reflexivität des Forschers und der Forschung - Kommunikation des Forschers mit dem Feld/den Beteiligten ist Bestandteil der Erkenntnis (versus „Störfaktor“)- Subjektivität des Untersuchten und des Untersuchers wird zum Bestandteil des Forschungsprozesses- Reflexionen des Forschers über Handlungen und Beobachtungen im Feld, Eindrücke, Irritationen fließen in die Interpretation ein 4) Spektrum der theoretischen Ansätze und Methoden qualitativer Forschung - kein einheitliches theoretisches und methodisches Verständnis, sondern verschiedene Ansätze, die sich aus unterschiedlichen Traditionen entwickelt haben- Subjektive Sichtweisen (Interviews)- Herstellung und Ablauf von Interaktionen (Ethnographie)- Rekonstruktion von Strukturen in sozialen Feldern und von latentem Sinn von Handlungen (Aufzeichnung und Analyse von Interaktionen)
  • Forschungsethik • Informierte Einwilligung• Vermeidung von Schädigungen für die Beteiligten in der Datensammlung• Teilnehmenden in der Analyse der Daten gerecht werden• Vertraulichkeit und Anonymität in der Darstellung der Forschung• Das Problem des Kontextes bei qualitativer Forschung und ihren Daten
  • Ethische Theorie • Nicht-Schädigung – Forscher sollten eine Beschädigung der Teilnehmer vermeiden.• Nutzen – Forschung an menschlichen Subjekten sollte einen positiven und identifizierbaren Nutzen haben anstatt nur um ihrer selbst willen durchgeführt zu werden.• Autonomie bzw. Selbstbestimmung – die Werte und Entscheidungen der an Forschung Teilnehmenden sollten respektiert werden.• Gerechtigkeit – alle Menschen sollten gleich behandelt werden
  • Typen von Fragestelltungen Prozessbeschreibungen• Welche Ursachen, Prozesse?• Welche Konsequenzen?• Welche Strategien? Zustandsbeschreibungen• Welcher Typ, wie häufig?• Welche Ursachen, Strategien?• Welche Struktur?
  • Qualitative Forschungsdesigns (1) Fallstudien,-analyse (2) Vergleichsstudien (3) RetrospektiveStudien (4) Momentaufnahmen (5) Längsschnittstudien
  • Sampling Theoretisches Sampling- Umfang der Grundgesamtheit ist vorab unbekannt - Merkmale der Grundgesamtheit sind nicht vorab bekannt - Mehrmalige Ziehung von Stichprobenelementen nach jeweils neu festzulegenden Kriterien - Stichprobengröße vorab nicht definiert - Sampling beendet, wenn theoretische Sättigung erreicht ist Statistisches Sampling - Umfang der Grundgesamtheit ist bekannt- Merkmalsverteilung in der Grundgesamtheit ist abschätzbar- einmalige Ziehung einer Stichprobe nach einem vorab festgelegten Plan- Stichprobengröße vorab definiert - Sampling beendet, wenn die gesamte Stichprobe untersucht ist
  • Was ist mit Feld gemeint? • eine bestimmte Institution/Organisation• eine Subkultur• öffentliche Orte• eine bestimmte Gruppe/Stammesgruppe• eine Familie• besondere Biographieträger• Entscheidungsträger in Verwaltungen/Unternehmen
  • Zugang zu Institutionen - Berücksichtigung der Beteiligung mehrerer Ebenen   - Verantwortliche (Genehmigung; „Türöffner“)   - Befragte/Beobachtete (Zeit und Bereitschaft)- Herstellung von Vertrauen- Verortung des Forschers in institutionelle Abläufe- Mögliche Problematik:   - Misstrauen gegenüber der Forschung durch deren Mitglieder   - Störung der Abläufe
  • Zugang zu Einzelpersonen - Schwierigkeit, zentrale Figuren zu finden- Herstellung von Beziehungen, Vertrauen- Mögliche Problematik:    - Angst vor Sanktionen    - Erreichbarkeit von Personen außerhalb von Institutionen- Mögliche Strategien:    - Schneeballprinzip    - Nutzung von Medien
  • Weitere Samplingstrategien • Convenience-Sampling (Auswahl von Fällen, die am leichtesten zugänglich sind)• Sampling extremer Fälle• Samplingt ypischer Fälle (typisch für Durchschnitt/Mehrzahl der Fälle)• Sampling maximaler Variation (Einbezug weniger, sehr unterschiedlicher Fälle)
  • Rollendefinition beim Einstieg ins Feld Forscher*in im qualitativen Forschungsprozess–zentrales Instrument der Erhebung und Erkenntnis:- kein Neutrum im Feld/- im Kontakt mit Untersuchungsteilnehmern Zugang ins Feld beinhaltet mehr als ‚einfach dort zu sein‘:- komplexer Aushandlungsprozess der Selbstverortung und des Verortetwerdensim Feld- Einnahme und Zuweisung von bestimmten Rollen und Positionen- zwischen Forschern und Beteiligten (Studienteilnehmern und ‚Türöffnern‘) -> Einfluss auf Zugang oder Verweigerung von Informationen
  • Wissen Experteninterviews Kontextwissenbezieht sich auf andere Felder, in denen die befragenExpertennicht selbst Akteure sind:- WissenüberdieLebensbedingungender Zielgruppe,aufdie sichdas Expertenhandelnbezieht;- KenntnissederenCharakteristika Betriebswissenbezieht sich auf den eigenenHandlungszusammenhangder Experten:- Betriebsabläufe, institutionsinterne Entscheidungsabläufe;- Handeln des Professionellen in seiner institutionellen Einbindung, seinen Grundsätzen und Orientierungen
  • Verwendung von Experteninterviews • als eigenständige Methode oder• als ergänzende Methode eingesetzt• Damit wird Kontextwissen analysiert oder• Betriebswissen erhoben und analysiert
  • Typen von Experteninterviews • Exploratives Expert*inneninterview• systematisierendes Expert*inneninterview• Theoriegenerierendes Expert*inneninterview
  • Misslingen von Experteninterviews Der Experte blockiert das Interview in seinem Verlauf, etwa weil er für dasThema gar kein Experte ist, wie zuvor angenommen wurde Der Expertemacht den Interviewer zum Mitwisser in aktuellen Konflikten und spricht über Interna  und Verwicklungen seines Arbeitsfeldes statt über das Thema des Interviews. Er wechselt häufig die Rollen zwischen Experte und Privatmensch, wodurch mehr über ihn als Person denn über sein Expertenwissen deutlich wird.
  • Bestandteile des narrativen Interviews Anwendung vor allem in der Biographieforschung Hintergrund: Analyse von Verläufen vor dem Hintergrund konkreter und allgemeiner Umstände • Erzählaufforderung• Haupterzählung des/der Interviewten• Koda: So, das war‘s eigentlich ....• Narrativer Nachfrageteil• Bilanzierungsphase: auch Fragen, die auf theoretische Erklärungen für das Geschehene abzielen und auf die Bilanz aus der Geschichte: der/die Interviewte "als Experte und Theoretiker seiner selbst" Haupterzählung wird nicht durch Verständnisfragen, direktive oder bewertende Interventionen seitens Interviewer*in unterbrochen
  • Zugzwänge des Erzählens • Der Gestaltschließungszwang• der Kondensierungszwang• der Detaillierungszwang
  • Leitfadenkonstruktion Warum wird diese Frage gestellt bzw. der Erzählstimulusgegeben (theoretische Relevanz, Bezug zur Fragestellung)? Wonach wird gefragt/Was wird erfragt (inhaltlicheDimension)? Warum ist die Frage so (und nicht anders) formuliert(Verständlichkeit, Eindeutigkeit, Ergiebigkeit der Frage)? Warum steht die Frage, der Fragenblock, der Erzählstimulusan einer bestimmten Stelle (Grob- und Feinstrukturdes Leitfadens, Verteilung von Fragetypen,Verhältnis zwischen einzelnen Fragen)?
  • Interviewführung Machen Sie Ihrer Gesprächspartnerin rechtzeitig den Rahmen klar Schaffen Sie im Interview ein gutes Klima Schaffen Sie Ihrem Gegenüber Raum, sich zu zeigen Geben Sie dem ‚Drama‘ die Möglichkeit, sich zu entwickeln Versuchen Sie im Interview nicht, theoretische Begriffe zu entdecken, sondern die Lebenswelt Ihrer Gesprächspartner
  • Formen der Gruppe natürliche Gruppe- d. h. auch im Alltag bestehend künstliche Gruppe- d. h. zu Forschungszwecken nach bestimmten Kriterien zusammengestellt reale Gruppe- d. h. die "vom Gegenstand der Gruppendiskussion unabhängig von der Diskussion als in derZusammensetzung identische Gruppe betroffen sind" homogene und heterogene Gruppen
  • Formen des Beobachtung (1) verdecktevs. offeneBeobachtung:Inwieweit werden die Beobachteten über den Vorgang der Beobachtung informiert?•keine Information:verdeckte Beobachtung–ethisch fragwürdig im Fall von überschaubaren Feldern, wenn Einholung des Einverständnisses möglich•häufig in öffentlichen Räumen (Bahnhöfe,Cafés)–Einverständnis nicht einholbar (2) Unvermitteltevs. VermittelteBeobachtung:Wie werden die Beobachtungsdaten gesammelt und festgehalten? (3) nicht-teilnehmende vs. teilnehmende BeobachtungInwieweit wird der Beobachter zum aktiven Teil des beobachteten Feldes?Typologie von Beobachterrollen Gold (1958) unterscheidet:•den vollständigen Teilnehmer,•den Teilnehmer-als-Beobachter,•den Beobachter-als-Teilnehmer und•den vollständigen Beobachter 4)Systematischevs. unsystematischeBeobachtung:Wird ein Beobachtungsschema verwendet oder werden eher offen die Verläufe beobachtet? (5)Beobachtung in natürlichenvs.in künstlichen(Labor-) Situationen:Wird im Feld beobachtet oder werden Interaktionen in einen speziellen Raum „verlegt“? (6)Selbst-vs. Fremdbeobachtungreflektierende Selbstbeobachtung des Forschers zur stärkeren Fundierung der Interpretation des Beobachteten
  • Drei Phasen teilnehmender Beobachtung 1. «Deskriptive Beobachtung» dient zu Beginn der Orientierungim Untersuchungsfeld und liefert unspezifischeBeschreibungen. Sie wird dazu genutzt, die Komplexität desFeldes möglichst vollständig zu erfassen und dabeikonkretere Fragestellungen und ‹Blickrichtungen› zuentwickeln. 2. In «fokussierter Beobachtung» verengt sich die Perspektivezunehmend auf die für die Fragestellung besondersrelevanten Prozesse und Probleme, während die 3. «selektive Beobachtung» gegen Ende der Erhebung mehrdarauf gerichtet ist, weitere Belege und Beispiele für die imzweiten Schritt gefundenen Typen von Verhaltensweisenoder Abläufen zu finden
  • Ethnographie Ethnographie = Methode/Strategie zur Erforschung sozialer Lebenswelt, dem kulturellen Alltagsleben einer Gruppe Übertragung der Ethnographie als Forschungsstrategie aus der Anthropologie in Forschungsfelder anderer Disziplinen Ursprünglich: Untersuchung entfernter Kulturen als Sinnbild des Neuen, Unvertrauten, Fremden Aktueller Fokus: Untersuchung von Randgruppen, Sozialmilieus und kleine Lebenswelten in der jeweils eigenen Kultur Aufzeigenvon Besonderheiten dessen,was auf den ersten Blick vertraut erscheint Von zentraler Bedeutung: „Fremdheitspostulat“ bzw. Haltung der „Befremdung“
  • Charakteristika ethnographischer Forschung Ein starker Akzent auf der Erkundung der Eigenschaften eines speziellen sozialenPhänomens, anstatt sich auf den Weg zu machen, Hypothesen über dieses Phänomen zu testen. Eine Tendenz, vor allem mit ‹unstrukturierten› Daten zu arbeiten, d. h. Daten, die nicht während der Datensammlung bereits anhand eines festen Satzes analytischer Kategorien kodiert wurden. Erforschung einer kleinen Zahl von Fällen, gegebenenfalls nur eines Falls, im Detail. Eine Analyse der Daten, die die explizite Interpretation der Bedeutungen und Funktionen menschlicher Handlungen, deren Ergebnis vor allem die Form verbaler Beschreibungen undErklärungen annimmt, wobei Quantifizierung und statistische Analysen eine höchstens untergeordnete Rolle spielen.
  • Fallstudien, -analyse - Beschreibung und Rekonstruktion eines einzelnen „Falls“ (z.B. Person, soziale Gemeinschaft, Institution, Organisation)Problem- Fallauswahl nach welchen Kriterien –inwieweit allgemeinere Schlüsse?
  • Vergleichsstudien - Vergleich einer Vielzahl von Fällen in Hinblick auf bestimmte Ausschnitte (z.B. Krankheitserleben von Asthma)Probleme- Auswahl der ‚richtigen‘ Vergleichsdimensionen;- Konstanthaltung von Bedingungen, die nicht Gegenstand des Vergleichs sind (z.B. Alter und Einkommen der Interviewten);- Berücksichtigung der Komplexität des Falls
  • Retrospektive Studien - Rekonstruktion von Fällen –Reihe von Fallanalysen in vergleichender, typisierender oder kontrastierender Weise- biographische Forschung: rückblickende Analyse (vom Studienzeitpunkt aus) von Ereignissen und Prozessen in ihrer Bedeutung für den Lebenslauf von Personen oder GruppenProblem- Überlagerung der Einschätzung der früheren Situation, die erinnert werden soll, durch heutige Ereignisse
  • Momentaufnahme - Zustandsbeschreibung zum Zeitpunkt der Forschung- Forschung nicht primär an der Rekonstruktion von Prozessen in rückblickender Perspektive orientiert- häufig prozessorientiertes Vorgehen –Ablauf von aktuellen Geschehnissen aus zeitlich paralleler Perspektive- (Beispiel: ethnographische Studien –Teilnahme am Alltag von Organisationen/Person/Gruppen und Dokumentationen)Problem- Verläufe und Veränderungen kaum zu erfassen (höchstens retrospektiv); sinnvolle Begrenzung des einbezogenen Materials
  • Längsschnittstudien - mehrere Erhebungszeitpunkte (z.B. wiederholte Interviews, um mögliche Veränderungen in subjektiven Sichten oder Einstellungen zu erfassen) oder- sehr lange Zeiträume (v. a. Beobachtungen) der DatenerhebungProbleme- hoher organisatorischer Aufwand,- großer zeitlicher (und finanzieller) Ressourceneinsatz
  • Ziele ethnographischer Forschung Ziele:- Beschreibung sozialer Wirklichkeiten- Entwicklung von Theorien