18
HUMANGEO_neue Kulturgeo (Fach) / kulturgeo (Lektion)
Anzeige
- - Was ist die Neue Kulturgeographie? - Kulturgeographie als (inzwischen sehr vielfältige) theoretisch-analytische Perspektive bzw. „Zweig von Paradigmen und Perspektiven“ in der Humangeographie - Aus der klassischen Kulturgeographie entwickelt (Sauer, Berekley School) - Vorläufer : Humanistische Geographie ab den 1970ern: Infragestellung der Ortsgebundenheit der Identitäten von Gruppen und Gesellschaften - 1980er Durchsetzung der "New Cultural Geography" im angloamerikanischen Raum: "cultural turn" -
- - Was ist das nicht-repräsentationale Paradigma? Fokus auf Prozesse, die jenseits des Sprachlichen und Bewusstseins ablaufen und unterbewusst, präkognitiv und prädiskursiv sind: v.a. Affekte Kernbegriffe : Emotionen und Affekte Hauptfokus: Entwicklung auf neue methodologische Zugänge: nicht repräsentationale Methoden Teil einer umfassenden Wende in den Sozial- und Geisteswissenschaften weg von Bedeutungen und Texten hin zu Praktiken und Performativität Von Nigel Thrift (1996, 2004, 2008) geprägter Sammelbegriff für eine Vielzahl von Paradigmen/ Perspektiven, beispielsweise:- • Geographien des Affektiven • Akteur-Netzwerk-Theorien • Geographien des Performativen usw. Deren Gemeinsamkeiten sind ein Fokus auf: • Alltagspraktiken • Körperlichkeit • Materialitäten • Performativität • Affekte und Emotionen • Bewegung und Mobilität Zunehmende Bedeutung in der angloamerikanischen Humangeographie seit den 1990ern, in der dt.-sprachigen Humangeographie seit den 2000ern - - - -
- - Was kennzeichnet den Kulturbegriff nach Franz Boas? • Historisch gewachsene, unverwechselbare, homogene Einheit • Bestimmung mit Geburt, kulturelle Verhaltensweisen werden erlernt • Form der „Kultivierung“ ("cultivation" i.S. von wachsen, sich entwickeln) • Umfasst alle „Lebensweisen“ ("way of life") einer "Gruppe" (Regeln, Institutionen, Religion, Techniken etc.) • Korrespondiert mit einem stabilen, abgrenzbaren Raum („Containerraum“) • Jeder Mensch hat eine feste Identität Kulturdeterminismus Diverse Kritik ab den 1960er und 70ern
- - Was kennzeichnet die Konzepte Kultur und Identität aus Sicht der New Cultural Geography? - Kultur und Identität sind: - nicht „gegeben“ und „erlernt“, sondern konstruiert und zugeschrieben - nicht räumlich zu „verorten“ (relationaler Raum/ Bedeutungsraum) - hybrid: extrem heterogen, verschmolzen - multipel: Individuen haben nicht nur eine Identität, sondern viele zugeschriebene Identitäten
- - Was ist ein Paradigma nach Kuhn? - Thomas S. Kuhn: „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen: - Wissenschaft schreitet nicht gleichmäßig und anhäufend fort, sondern wird von Zeit zu Zeit durch grundlegende Änderungen der Auffassung der metatheoretischen Perspektiven „revolutioniert“ - Dann formiert sich ein neues „Paradigma“, d.h. eine neue Art des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens
- - Nenne jeweils 2 repräsentationale und 2 nicht-repräsentationale Methoden (4 Punkte). - Repräsentationale Methoden: • Qualitative Sozialforschung (Interviews, Beobachtungen, Kognitive Karten, mental maps) • Quantitative Sozialforschung (Befragungen, Beobachtungen, Kartierungen) • Diskursanalyse (qualitative/quantitative Verfahren) Grundlagen für die Auswertung sind „Repräsentationen“ (Text, Karten) - Nicht-repräsentationale Methoden: - • Videotechnologien - „Bio-sensing Technologien“: tragbare EEGs (Elektroenzephalografie: elektrische Hirnströme), tragbare GSRs (Galvanic Skin Response; elektrodermale Aktivität: „Lügendetektoren“) Auswertung von Handlungspraktiken, Emotionen, Affekten während sie „passieren“
- - Was ist der Unterschied zwischen repräsentationalen und nicht-repräsentionalen Methoden? - Nicht-repräsentationale Methoden: - Auswertung von Handlungspraktiken, Emotionen, Affekten während sie „passieren“ - Repräsentationale Methoden: - Grundlagen für die Auswertung sind „Repräsentationen“ (Text, Karten) -
- - Beschreibe die jüngeren Trends in der Humangeographie (5 Punkte) - In den letzten 3-4 Jahrzehnten: - 1. Naiv-deutende Erklärungen primär physiognomischer Elemente ► Verstehen der Zusammenhänge zwischen Mensch, Gesellschaft und Raum - 2. Beschreibende Gesamtdarstellungen ► Analytischer Szientismus ► Multiperspektiven-Wissenschaft und Methodenpluralismus - 3. Empirischer Deskriptivismus ► theoriegeleitete Forschung - 4. Disziplinäre Verengung ► interdisziplinäre Öffnung hin zu Nachbarwissenschaften und transdisziplinäre Öffnung hin zu großen gesellschaftlichen Themen - 5. Ausdifferenzierung in Teildisziplinen ► problem- und themenzentrierte Querschnittsforschung
- - 1 Frage zu den Kernbegriffen: Aus Sicht der Diskurstheorie: Diskurs, Raum • Diskurs • Bezeichnet „die Verbindung von symbolischen Praktiken (Sprach und Zeichengebrauch), materiellen Gegebenheiten und sozialen Institutionen“ Stellt durch eine spezifische Art und Weise, Verknüpfungen zwischen „Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen“ (Foucault) her • Hat Machteffekt: definiert bestimmende und nachgeordnete Themen und produziert damit bestimmte soziale Wahrheiten und Wirklichkeiten • Raum • Nicht gegeben, sondern immer wieder neu in und durch Diskurse konstituiert • Raum ist also nicht nur das Resultat bestimmter sozialer Strukturen und Prozesse, sondern immer Teil der Konstitution von Gesellschaft • Temporär: Gesellschaftliche Strukturen der Akteure stehen niemals fest, sondern sind widersprüchlich, instabil, brüchig und verändern sich • „Die Konstitution bestimmter Räume [ist] eng verknüpft mit der hegemonialen Durchsetzung bestimmter sozialer Wirklichkeiten
- Kernbegriffe :Aus Sicht der postkolonialen Theorie: Identität, Differenz - Identität - Entsteht durch diskursive Zuschreibungen - Entsteht oft in Abhängigkeit von Bildern und Vorstellungen von „Anderen“ eher als in direkten Begegnungen - Bezieht sich auf Identität von Einzelpersonen aber auch von kollektiv sozialen Identitäten von Rasse, Klasse, des sozialen Geschlechts und der Nation - Identitäten von individuellen Subjekten können sich entlang dieser kollektiven Identitäten positionieren - Wird oft im Zuge von „binären Identitäts- und Kulturkonzepten“ zugeschrieben (otherness, othering) - Identitäten erlangen ihre vermeintliche Stabilität erst durch Verortung in vermeintlich natürlichen, homogenen, stabilen Räumen - Zuschreibungen mit spezifischen Machtinteressen verbunden • Differenz - Ziel der postkolonialen Perspektive: Denken in Identitäten (z.B. wir Österreicher/wir Tiroler/wir Deutschen versus die Türken) durch Denken in Differenzen zu ersetzen - Differenz = die Vielfalt von Weltbildern, Lebensentwürfen und kulturellen Selbst- und Fremdzuschreibungen innerhalb der alten Identitätskategorien - Differenz ist nicht beschreibbar; würde man sie beschreiben, wäre das ein Prozess durch den man eine Identität konstruiert
- Anzeige
- - 1 Frage zu den Kernargumenten der Paradigmen: Nenne mindestens 4 Kernargumente des Paradigmas XYZ! - DISKURSTHEORETISCHES PARADIGMA - Macht und Sprache sind zentral in der Konstitution von gesellschaftlichen Realitäten, müssen dekonstruiert werden - Auch Wissenschaft ist eine soziale Praxis; Erhebungen und ihre Interpretationen sind nicht neutral, durch sie wird eine scheinbare Wirklichkeit, fremde Kulturen und Symbolsysteme erst produziert - Diskurs hat Machteffekt: definiert bestimmende und nachgeordnete Themen und produziert damit bestimmte soziale Wahrheiten und Wirklichkeiten - Raum Nicht gegeben, sondern immer wieder neu in und durch Diskurse konstituiert
- - 1 Frage zu den Kernargumenten der Paradigmen: Nenne mindestens 4 Kernargumente des Paradigmas XYZ! Kernargumente des postkolonialen Paradigmas - Beschreibung anderer Kulturen nicht neutral; durch die Zuschreibung spezifischer und homogener Eigenschaften erst geschaffen - Im Zentrum: konstruierter Gegensatz zwischen einem modernen, rationalen Westen und einem passiven, rückständigen außereuropäischen Rest - Strukturen kolonialen Herrschaftsdenkens und Zuschreibungen von Identität noch heute in Ländern des Süden erkennbar - Erbe des Kolonialismus: rassistische Wissensformen, eurozentrische Raumordnungen, asymmetrische globale Wirtschaftsbeziehungen, (neo)imperiale Politikformen Prägt, z.B.: - Das allgemeine Verständnis „anderer/fremder“ Kulturen - Außenpolitische Strategien und Interventionen, v.a. in den muslimischen Staaten des Nahen Ostens - Allgemein kulturelle Begegnungen mit Menschen aus diesen Staaten - Keine Region dieser Erde ist den Wirkungen kolonialer Herrschaft, Diskursen und Praktiken entkommen (Beispiel Schweiz)
- - 1 Frage zu den Forschungsschwerpunkten der Paradigmen: Nenne drei Forschungsschwerpunkte des Paradigmas XYZ in Stichworten (3 Punkte). Erläutere zu einem Forschungsschwerpunkt im Detail: Was genau wurde erforscht? Was sind die Schlussfolgerungen? (3 Punkte) - DISKURSTHEORETISCHES PARADIGMA • Ziele: Zusammenhänge zwischen sprachlichen (zunehmend auch nichtsprachlichen) Zeichensystemen, Bedeutungen und Machtverhältnissen „überindividuelle Muster des Denkens, Sprechens, Sich-selbst Begreifens und Handelns“ verstehen 1.Diskursive Grenzziehungen und Territorialisierungen aufzeigen • ERLÄUTERUNG IM DETAIL UND SCHLUSSFOLGERUNGEN • Beispiel 1: George W. Bush: Zuschreibung „Achse des Bösen“ (Rede vom 29.01.2002: bezugnehmend auf Nordkorea, Iran, Irak), „Schurkenstaaten“ (vielmals verwendet für Staaten, die nach Definition der USA Terrorismus unterstützen und Massenvernichtungswaffen herstellen) • Kann Auswirkungen auf zwischenstaatliche Beziehungen haben (bis hin zu militärischen Interventionen) • Kann relevant sein für die Identifikation und Fremd- und Eigenwahrnehmungen von Individuen (Produktion von Angst) • Beispiel 2: Grenze zwischen Mensch und Natur bzw. Gesellschaft und Umwelt • Spezifischer Diskurs zum Verhältnis von Mensch/Natur bzw. Gesellschaft/Umwelt • China: Maos Kampf gegen die Natur (1949-1976): „Der Mensch muss die Natur besiegen“ • 2. Steuerung menschlichen Verhaltens im Raum verstehen • Verstehen des Verhältnisses von Zwang, Disziplinierungen und Formen der Selbststeuerung, die auf Überzeugungen und der Verinnerlichung von Normen und Wertvorstellungen basieren (Glasze and Mattissek 2009: 18) • • 3. Verknüpfung von räumlichen und sozialen Differenzierungen • Räumliche Differenzierungen, z.B. „hier/dort“ • Soziale Differenzierungen, z.B. „wir/andere“, „eigen/fremd“ •
- Forschungsschwerpunkte des Paradigmas XYZ in Stichworten (3 Punkte). Erläutere zu einem Forschungsschwerpunkt im Detail: Was genau wurde erforscht? Was sind die Schlussfolgerungen? (3 Punkte) POSTKOLONIALES PARADIGMA 1.ORIENTALISMUS UND IMAGINATIVE GEOGRAPHIEN ERLÄUTERUNG IM DETAIL UND SCHLUSSFOLGERUNGEN Orientalismus nach Said • Konstruktion des „Orients“ durch europäische Kolonialmächte seit dem 19. Jh. bis heute • Diskursive Abgrenzung: „Okzident“ und „Orient“ • Eurozentrische Sicht: - Europa/Europäer: „Anderen“ überlegen, zivilisiert, rational, fortschrittlich und modern - „Andere“ Staaten/Menschen: primitiv, barbarisch, wild • Orientalismus in den frühen Arbeiten Saids: Überbegriff für die Gesamtheit der europäischen (später USamerikanischen) Konzepte, Ideen, kulturellen Darstellungen, Militärberichten und Ansprüche einer Überlegenheit über den Nahen Osten (hierbei v.a. arabische/muslimische Staaten Nordafrikas und dem Mediterranraumes) 2. SUBALTERNITÄT Bedeutungen des Begriffs „Subalterne“ Seit den 1980ern von postkolonialen Theoretikern verwendete Bezeichnung für jegliche Person, die aufgrund ihres niedrigen sozialen Status nicht angehört („rendered voiceless“) oder bewusst ignoriert werden und die daher eine geringe/keine Handlungsmacht („agency“) haben 3. HYBRIDISIERUNG UND DER DRITTE RAUM Kritisiert Konstruktion von Identitäten im postkolonialen Diskurs selber • Argument: Verschärft binäre Konstruktion vom Kolonialherrscher als Unterdrücker versus dem Kolonisierten als Unterdrücktem
- - 1 Frage zur Kritik an den Paradigmen: Nenne mindestens vier Kritikpunkte am Paradigma XYZ in Stichworten! (4 Punkte) • Kritik an der Diskurstheorie • Mangelnde methodologische Schärfe („'anything goes' subdiscipline“) • Gebrauch einer exkludierenden Sprache und von Jargons • Von Theorie getrieben wurde die Welt in eine neue konstruierte Welt umgewandelt • Textliche Analyse und kulturellen Diskursen werden überhöht; ethnographische Arbeiten nötig um zu verstehen, wie sich diese Repräsentationen wirklich im Alltag auf Leute, Gesellschaftspolitik und die materielle Umwelt auswirken
- - 1 Frage zur Kritik an den Paradigmen: Nenne mindestens vier Kritikpunkte am Paradigma XYZ in Stichworten! (4 Punkte) • KRITIK POSTKOLONIALISMUS • Postkoloniale Kritiker beschäftigen sich vornehmlich mit der Rolle des Westens • Die meisten Schriften postkolonialer Wissenschaftler werden in Englisch publiziert • Historische Forschung kann weitestgehend nur auf Materialien in Archiven zurück greifen, die von Geschichtsschreibung der Kolonialmächte beeinflusst sind • Kritik am Orientalismuskonzept von Said: - Lässt den „Subalternen“ keine Raum sich selber zu äußern - Saids politisches Engagement schwäche seine analytische Position
- : Diskutiere: Welchen Beitrag hat das diskurstheoretische Paradigma zur Humangeographie geleistet? (4 Punkte) • Entwicklung in der Humangeographie: angloamerikanischer Raum seit Ende der 1980er, deutschsprachiger Raum seit Mitte der 1990er • Inzwischen in beiden Räumen akzeptiertes theoretisches und methodisches Verfahren • Soziale Wirklichkeit und Räume werde durch Zeichensysteme wie Sprache konstituiert • Politische Ziele der Diskursforschung: • Gesellschaftliche Produktion spezifischer Wahrheiten und spezifischer sozialer und räumlicher Wirklichkeiten sowie die damit verbundenen Machteffekte konzeptionalisieren • Prinzipielle Veränderlichkeit aufdecken und damit Grundlagen für ihre mögliche Veränderung schaffen • „zeigen, dass auch andere Wahrheiten gedacht und gelebt werden können (z.B. Problemquartiere) • Politische Widersacher kein„ein wesenhaft anderer „Feind“, sondern ein legitimer Gegner in einer offenen Auseinandersetzung“ • Untersucht aktive Rolle der Wissenschaft in der Konstruktion von Diskursen, Räumen, Identitäten • Gesellschaftliche Diskurse über Homo-, Bi- und Transsexualität in den USA beeinflussen wie diese als „kulturelle Möglichkeit“ („cultural possibility“) akzeptiert werden und offen gelebt werden können • Eher genealogische Perspektive • Judith Butler (geb. 1956, amerikanischen Philosophin und Philologin)
- Diskutiere: Welchen Beitrag hat das postkoloniale Paradigma zur Humangeographie geleistet? (4 Punkte) - POSKOLONIALES PARADIGMA - Politischer Kontext muss reflektiert werden: • Wer, produziert, von welchem Standpunkt aus und nach welchen Kriterien Wirklichkeiten? - Wer profitiert davon? - Wessen Wahrheit wird dadurch marginalisiert? - Eigene Situiertheit und Positionalität im Forschungsprozess berücksichtigen - (Post)koloniale Gehalte des eigenen Arbeitens müssen reflektiert werden - Geographische Wissensproduktionen müssen möglichst entkolonialisiert werden - Geographische Geschichtsschreibung muss revidiert werden um Rolle Subalterner gerecht zu werden