27

Psychologie (Fach) / Entwicklungspsychologie (Lektion)

2. VL Der kompetente Säugling

Diese Lektion wurde von RahelMauss erstellt.

Lektion lernen

Anzeige
  • Overview 1. Wahrnehmung– Was sehen, hören, schmecken und fühlen Säuglinge in den ersten Lebensmonaten?2. Lernen– Auf welche Weise lernen Säuglinge über ihre soziale und nicht-soziale Umwelt?3. Kognition– Können Säuglinge schon denken? Was?
  • Wahrnehmung overview 1) Visuelle Wahrnehmung Sehschärfe Visuelle Suche (scanning) Mustererkennung Objektwahrnehmung Tiefenwahrnehmung 2) Hören3) Intermodal
  • Sehschärfe (Visus) (visuelle Wahrnehmung) • Säuglinge bevorzugen kontrastreiche Muster– Schwache Kontrastempfindlichkeit, Zapfen sind noch nicht ausgereift• Sehschärfe liegt in den ersten Monaten bei etwa 0,1 Dezimalvisus (Normalwert 1)• Mit 8 Monaten sehen Säuglinge ähnlich scharf wie Erwachsene, mit 6 Jahren kein Unterschied
  • Farbwahrnehmung • Säuglinge sehen zunächst schwarzweiß bzw. können Farben noch nicht differenzieren• Mit 2-4 Monaten– ähnliche Farbpräferenzen wie Erwachsene (rot & blau)– Ähnliche Farbdifferenzierungen wie Erwachsene (noch blau, schon grün) ⇒ Wie hat man das herausgefunden? Was würden Sie versuchen? (Blickzeitparadigmen: Blickpräferenz, Habituationsparadigma)
  • Blickzeitparadigmen • Blickpräferenz– Zwei Reize werden zeitgleich präsentiert: Wird einer systematisch länger betrachtet, geht man davon aus, dass die Säuglinge (1) die Reize unterscheiden und (2) einen davon bevorzugen• Habituationsparadigma– Derselbe Reiz wird wiederholt dargeboten, bis das Kind habituiert (die Aufmerksamkeit lässt nach)– Ein neuer Reiz wird dargeboten: nimmt die Aufmerksamkeit wieder zu (Dishabituation), hat das Kind den Unterschied wahrgenommen Untersuchungsbeispiel BlickpräferenzDie Sehschärfe des Säuglings kann untersucht werden, indem man vergleicht, wie lange das Baby auf ein solches gestreiftes Muster im Vergleich zu einer gleichmäßig grauen Fläche gleicher Luminanz schaut. ⇒ Je feinere Streifenmuster noch von der grauen Fläche unterschieden werden, umso höher die Sehschärfe
  • visuelles Suchen (visuelle Wahrnehmung) • Scanning zuerst an Ecken und Rändern, ab dem 2. LM auch innerhalb • Tracking: Von Geburt an folgen Säuglingen Reizen, die sich bewegen
  • Das Gesicht • Ab Geburt großes Interesse an Gesichtern• Schlüsselreiz– Konfigurationen, in denen die obere Hälfte mehr Elemente enthält („natürliche“ Anordnung)• Ab 12 Stunden Blickzeit– Präferenz für das Gesicht der primären Bezugsperson• Mit 3-6 Monaten werden – Gesichter unterschieden– Geschlecht und Ethnie der primären Bezugsperson bevorzugt• Der Gesichts-Prototyp wird zunehmend differenzierter– Ab 9 Monaten können Gesichter andere Spezies i.d.Regel nicht mehr unterschieden werden
  • Mustererkennung (visuelle Wahrnehmung) • Analyse und Integration einzelner Elemente• Mitte 1. LJ: – Aktive Integration separater Elemente: Scheinkonturen– Wahrnehmung menschlicher Fortbewegung (5. LM): point-light walker
  • Objektwahrnehmung (visuelle Wahrnehmung) • Wahrnehmungskonstanz: Stabilität unserer Wahrnehmung (z.B. Größenkonstanz) ab Geburt• Objekttrennung⇒ Woher weiß der Säugling, wo ein Objekt aufhört und das nächste anfängt?- Ab 4. LM: Gemeinsame Bewegung (Kellman & Spelke, 1983)- Später zusätzliche Informationsquellen, z.B. Schwerkraft ab 8. LM
  • Tiefenwahrnehmung • Frühe Studien: visual cliff• Tiefenhinweise– Objektausdehnung: Blinzeln ab 1. LM– Stereopsis: ab 4. LM verrechnet der visuelle Kortex binokulare Disparität zur Tiefenwahrnehmung– Mitte 1. LJ: monokulare Tiefenhinweise (Bildindikatoren), z.B. relative Größe und Verdeckung
  • Anzeige
  • Hören • Bei Geburt schon relativ gut entwickelt• Säuglinge sind etwas schwerhörig• Akustische Lokalisation: schon Neugeborene wenden sich einer Schallquelle zu• Menschliche Sprache: Präferenz für (Mutter-) Sprache, können fast alle Laute unterscheiden• Musik: Sensibilität für Konsonanz, Rhythmus, Pausen (alles Mitte 1. LJ) und Melodien
  • Intermodale Wahrnehmung • Kombination von Informationen aus mehreren Sinnessystemen• (Ab wann) sind Säuglinge dazu in der Lage?– Akustische Lokalisation– 1. LM: visuell-oral (familiarity preference)– 4. LM: Taktil-visuelle Integration bei Objektmanipulation (Streri & Spelke, 1988), Auditiv-visuelle intermodale Wahrnehmung (Spelke, 1976)
  • Lernen • Säuglinge sind täglich mit einer Fülle neuer Informationen konfrontiert– Wie lernen sie aus ihren Erfahrungen?– Welche Formen des Lernens lassen sich unterscheiden?– Gibt es sensible Phasen?– Gibt es Dinge, die sich einfacher lernen lassen?
  • Kognitive Fähigkeiten • Bereichsübergreifend– Unabhängig von spezifischen Inhalten⇒ Gedächtnis, Lernen und Problemlösen• Bereichsspezifisch– Beziehen sich auf bestimmte Gegenstandsbereiche und deren Inhalte⇒ z.B. Objekt-Kognition, naive Physik, soziale Kognition
  • Formen des Lernens 1. Habituation2. Wahrnehmungslernen3. Statistisches Lernen4. Klassisches Konditionieren5. Operantes Konditionieren6. Beobachtungs- und Nachahmungslernen
  • Habituation • Früheste Form des Lernens: Habituation (Gewöhnung) als Reaktion auf wiederholte gleichartige Stimulation– Man erkennt den Reiz als vertraut wieder– Lernen (Gedächtnisrepräsentation) hat stattgefunden• Eine Veränderung bewirkt, dass die Reaktionsbereitschaft / Aufmerksamkeit wieder steigt (Dishabituation bzw. Blickerholung)⇒ Säuglinge werden von Neuem angezogen (novelty preference)
  • Wahrnehmungslernen • Ab Geburt suchen Kinder aktiv nach Ordnung & Regelmäßigkeit in ihrer Umwelt• Zentrale Prozesse– Differenzierung: Unterscheiden & Herausfiltern stabiler und unveränderter Reizmuster (z.B. Welcher Tonfall gehört zu welchem Gesichtsausdruck?)– Affordanzen: Handlungsmöglichkeiten, die Gegenstände und Situationen bieten (Was kann ich alles damit machen?)
  • Statistisches Lernen • Unsere Umwelt ist regelhaft und redundant• Durch statistisches Lernen bilden Säuglinge (2. - 8. LM) Assoziationen zwischen Reizen, die in einem vorhersagbaren sequentiellen Muster auftreten (z.B. Laut- oder Bildsequenzen)⇒ Spielt eine entscheidende Bedeutung beim Spracherwerb
  • Klassisches Konditionieren • Wichtig beim Erlernen von bedeutsamen Umweltereignissen im Alltag des Kindes• Viele emotionale Reaktionen werden durch klassische Konditionierung erlernt
  • Operantes Konditionieren • Def.: Das Lernen der Beziehung zwischen dem eigenen Verhalten und den daraus resultierenden Folgen • Zeigen Säuglinge bereits ab Geburt • i.d.R. Einsatz positiver Verstärker in der Säuglingsforschung• Hohe Sensitivität für soziale und nicht-soziale Kontingenzen– Kontrolle und Selbstwirksamkeit
  • Nachahmungslernen • Imitation bei Neugeborenen (Meltzoff & Moore, 1977)⇒ Evidenz für Beobachtungslernen?• Ab 6. LM ist Imitation wichtiger Lernmechanismus– Imitation neuartiger und ungewöhnlicher Handlungen– Verzögerte Imitation• Ab 14. LM rationale Imitation (Gergely et al., 2002)• Ab 18. LM intentionale Imitation (Meltzoff, 1995)
  • Kognition • Objekt-Kognition• Naive Physik• Naive Biologie• Naive Psychologie / soziale Kognition• Verstehen von Kausalität• Vorformen numerischen Denkens
  • Objekt-Kognition 1. Objektpermanenz– Sind Kinder imstande, unsichtbare Objekte mental zu repräsentieren?– Die Welt besteht aus Objekten, die in Zeit und Raum fortbestehen2. Objektindividuierung– Sind Kinder imstande, unsichtbare Objekte mental als das zu repräsentieren, was sie sind (z.B. Ball)?
  • Objektpermanenz • Anfänge:– Jean Piagets Aufgaben zur Objektpermanenz: Suchen Kinder nach einem Objekt, das verschwunden ist?– Ja, aber erst ab ca. 8 Monaten⇒ Ist so heute nicht mehr haltbar!Explizite und implizite Maße• Nachweis erfolgt über Dishabituationsmaße im Paradigma der Erwartungsverletzung (violation of expectation)• Säuglinge scheinen schon mit 3,5 Monaten unsichtbare Objekte zu repräsentieren ...
  • Naive Physik • Was „wissen“ Kinder über physikalische Gesetze, z.B. Schwerkraft?– Können Objekte schweben?– Unter welchen Bedingungen bleibt ein Objekt auf einem anderen liegen (Lagestabilität)?• Konzepte von Kontinuität, Solidität & Schwerkraft• Zunehmende Differenzierung im 1. LJ
  • Numerisches Denken • Wirkliches Zahlverständnis ist ohne Sprache (formales Symbolsystem) nicht möglich• 2 Vorformen numerischen Denkens1. Spontane exakte Erfassung kleiner Mengen (subitizing): kleine Mengen bis 3 bzw. 4 können voneinander unterschieden werden2. Analoge, approximative MengendiskriminationAddition & Subtraktion mit 5 MonatenApproximative Mengendiskrimination• Näherungsweise Erfassung der Anzahl der Elemente einer Menge• 6. LM: Diskrimination im Verhältnis 1:2• 10. LM: Diskrimination im Verhältnis 2:3• Erwachsene: Diskrimination im Verhältnis 7:8
  • Der kompetente Säugling IMPORTANTE • Erstaunliche Kompetenzen und rasante Entwicklung in den ersten Lebensmonaten– Wahrnehmung und Kognition• Bereichsübergreifende und bereichsspezifische kognitive Kompetenzen• Diese Befunde stehen teilweise im Widerspruch zu klassischen Theorien der kognitiven Entwicklung (z.B. Piaget)• Wichtige Paradigmen der Säuglingsforschung– Blickzeitstudien: Präferenz, (Dis-)Habituation & violation of expectation