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organisationssoziologie (Fach) / Luhmann und Folgestudien (Lektion)
Formalisierung und Komplexitätsbewältigung
Diese Lektion wurde von Cathrice erstellt.
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- Wo liegt die Unterscheidung zwischen System und Umwelt? System: Organisation als System, das seinen Bestand in einer veränderlichen Umwelt invariant (nicht veränderlich) hält System versucht die Grenzen invariant zu halten, Ordnung des Systems ist invariantUmwelt: konkrete Personen sind Umwelt für Handlungssysteme
- Was sind Handlungssysteme? Handlungssysteme: sind ein Zusammenhang von mehreren Handlungen, die durch ihren gemeinten Sinn aufeinander verweisen -> schließen keineswegs alle Handlungen der beteiligten Personen ein- sind Ereigniskomplexe, die durch stabile Erwartungen Sinn und Begrenzung erhalten - konkrete Handlungen können mehreren Systemen zugleich zugerechnet werden - konkrete Personen gehören nicht zu einem Handlungssystem und verknüpfen nicht Personen mit anderen Personen, sind nicht relevant in Handlungssystem, nur in wechselseitiger Verhaltenserwartung -> konkrete Personen nur Umwelt für die Handlungssysteme- Einzelne Handlungen können mit verschiedenen Systemen korrelieren: Beispiel: Buch lesen/lernen und Buch kaufen -> Transaktions-/Wirtschaftssystem
- Was sind konkrete Personen? Personen sind Aktionssysteme eigener Art, die durch einzelne Handlungen in verschiedene Sozialsysteme hineingeflochten sind, als System jedoch außerhalb des Sozialsystems stehen -> sind Umwelt für Handlungssysteme - gehören nicht zu einem Handlungssystem
- Was sind formale Erwartungen? Erwartungen sind formalisiert, wenn:- sie in einem sozialen System durch die Mitgliedschaftsregel gedeckt ist,- wenn erkennbar Konsens darüber besteht, dass die Nichtanerkennung oder Nichterfüllung dieser Erwartung mit der Fortsetzung der Mitgliedschaft unvereinbar ist Bei formalen Erwartungen geht es nicht um einfache Erwartungen konkreter Personen, sondern um besonders herausgehobene Erwartungen -> Mitglieder einer Organisation können diesen herausgehobenen Erwartungen die Anerkennung nicht verweigern, ohne ihre Mitgliedschaft zu risikieren Beispiel: Wenn eine Prüfung 3x wiederholt wird, 2x nicht bestanden wird, dann sind die Erwartungen nicht erfüllt worden -> Mitgliedschaft (bei eingeschränkt wiederholbaren Prüfungen), bei diesem Studiengang, beendet
- Was bedeutet eine Asymmetrie in den Erwartungen? Asymmetrie in Erwartungen: Andere Verteilung von ErwartungenBeispiel: Der Professor richtet mehr Erwartungen an den Student
- Was ist eine Mitgliedsrolle? Mitgliedsrolle: sie ist ein Derivat, also eine Ableitung zu anderen Rollen Besonderheiten: andere Rollen können nur in Kombination mit der Mitgliedrolle übernommen werden: Eintritt oder Austritt in die Organisation setzt eine Entscheidung voraus; - entweder werde ich Mitglied oder nicht- entweder verlasse ich die Organisation oder ich bleibe Die Eintrittsentscheidung führt zu einer homogenen Mitgliedschaftsmotivation; die Organisation kann von ihren Mitgliedern mit Folgebereitschaft rechnen, ohne diese fallweise motivieren zu müssen Die Festigkeit dieser homogenen Mitgliedschaftmotivation beruht nicht auf der inneren Anerkennung oder äußeren Sanktionen, sondern auf der Möglichkeit, bei Nichterfüllung der formalen Erwartungen einzelne Mitglieder jederzeit auswechseln zu könnenBeispiel: Studenten schreiben sich in einen Studiengang ein, wollen Studium bestehen, Professor kann auf Motivation seitens der Studenten ausgehen - bei Nichtbeachtung würde eine Exmatrikulation erfolgen -> Platz würde neu vergeben werden (Ausweckselbarkeit) -> "Entledigung von Dauerlast" -> homogene Mitgliedschaftmotivation vereinfachen das Leben
- Welche Funktionen der Formalisierung gibt es? 1. Generalisierung von Verhaltenserwartungen 2. Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion3. Systemdifferenzierung4. Motivation der Organisationsmitglieder
- Worauf zielt die Generalisierung von Verhaltenserwartungen? Welche drei Generalisierungen gibt es diesbezüglich? Verhalten der Mitglieder gegen: - einzelne Abweichungen und Enttäuschungen,- Zusammenhangslosigkeit und Widersprüche,- Dissens abzusichern Zeitliche Generalisierung Sachliche GeneralisierungSoziale Generalisierung
- Was ist die zeitliche Generalisierung? -> dient dazu das Verhalten der Mitglieder abzusichern gegen einzelne Abweichungen/EnttäuschungenZeitliche Generalisierung:- Erwartungen erhalten den Charakter einer Norm, wenn eine Erwartung die Qualität einer Norm aufweist, kann man an ihr festhalten, auch, wenn sie im Einzelfall enttäuscht wirdBeispiel: Dozent weiß, dass ein Buch nicht gelesen wurde, geht aber trotzdem davon aus, dass dies noch geschieht oder: Angestellter kommt an Tag X 2 Stunden zu spät zur Arbeit, Chef geht trotzdem davon aus, dass er am nächsten Tag wieder pünktlich erscheinen wird
- Was ist die sachliche Generalisierung? -> dient dazu das Verhalten der Mitglieder abzusichern gegen Zusammenhangslosigkeit/ WidersprücheSachliche Generalisierung:- die normativ gestützte Erwartung wird sachlich in Typen zusammenhängender Verhaltensweisen, also in Rollen stabilisiertBeispiel: Professor muss in vielen verschiedenen Bereichen aktiv/gut sein: Lehre, Forschung, Teams leiten etc. oder: Lehrer erscheint zu spät zum Unterricht: deswegen ist er noch kein schlechter Lehrer
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- Was ist soziale Generalisierung? -> dient dazu das Verhalten der Mitglieder abzusichern gegen Dissens (Meinungsverschiedenheiten)Soziale Generalisierung: Das Ausmaß an Konsens, der über bestimmte Rollen erreicht werden kann, ist Ausdruck der Institutionalisierung normativ verankerter Verhaltenserwartungen Beispiel: Abschaffung von Prügelstrafe, da Kinder nicht zu schlagen als Konsens gilt
- Was bedeutet Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion? - Komplexität soll durch formale Strukturen reduziert werden, um Spielraum und Bewegungsfreiheit für die Bewältigung neuer, komplexer Anforderungen zu gewinnen - Organisationen reduzieren Komplexität, indem sie durch Formalisierung der Erwartungen davon entlastet sind, die Mitglieder fallweise zur Erfüllung der Erwartungen zu motivieren: dadurch sind sie in der Lage, komplexere Strukturen aufzubauen und komplexere Aufgaben in Angriff zu nehmen - Organisationen machen sich (ein Stück weit) unabhängig von den Mitgliedern und ihren schwankenden Interessen und Launen, um hierdurch Flexibilität im Umgang mit anderen Teilen der Umwelt zu erlangen
- Systemdifferenzierung: Welchen Vorteil bringen intern differenzierte Systeme? Intern differenzierte Systeme:- können mehr Komplexität abbilden und sind daher umweltangepasster als nicht differenzierte Systeme - entlasten die Organisation davon, ihr Handeln laufend auf Widerspruchsfreiheit hin zu überprüfen
- Wodurch wird die Motivation der Organisationsmitglieder erreicht? Formalisierung trennt die Motivation der Mitglieder vom Organisationszweck, heißt:- Mitglieder akzeptieren, die mit der Mitgliedschaft verbundenen formalen Erwartungen, weil ihnen ein festes Gehalt bezahlt wird (nicht durch Übereinstimmung mit Organisationszweck)-> Organisation stattet ihre Mitglieder mit allgemeiner Zahlungsfähigkeit aus - im Gegenzug - statten die Mitglieder die Organisation mit allgemeiner Handlungsfähigkeit aus-> Mit der Mitgliedschaft ist ein bestimmtes Grundkapital an Motivation garantiert; das heißt, die Vorgesetzten werden davon entlastet, bei jeder Entscheidung zu bedenken, ob sie ihren Mitarbeitern gefallen oder nicht
- Worin unterscheiden sich die Teilnahmemotivation und die Leistungsmotivation? Welches Problem geht bei der Leistungsmotivation einher? Teilnahmemotivation: wird durch eine gewisse Indifferenz bei der täglichen Arbeitseinstellung erkauft: Zahlung des Gehaltes (Grundgehalt) : Dienst nach Vorschrift Leistungsmotivation: Boni/Extrazahlungen = Leistungssteigerung/ Höheres Maß an Leistung Problem bei der Leistungsmotivation: ist, dass sie sich nicht formalisieren lässt- mit formalen Erwartungen lässt sich bloß ein gewisser Bereich abstecken: Vorgesetzten gehorchen, zur Arbeit erscheinen, pünktlich sein etc. -> solche Regeln können das Mitglied aber nicht darüber hinaus verpflichten, bestmögliche Leistungen zu erbringen
- Was sind Grenzstellen? Grenzstellen sind spezialisierte Rollen oder Organisationseinheiten, die für den Verkehr mit einem bestimmten Umweltsektor zuständig sind - handeln stellvertretend für das Gesamtsystem und interpretieren die Umwelt für das System: "müssen Umweltinformationen sichten/sieben und sie in eine Sprache bringen, die im System verstanden/akzeptiert wird"Aktivitätsspektrum von Grenzstellen sind nur begrenzt formalisierbar:- Einrichtungen besonderer Kontaktstellen ohne vollen Mitgliederstatus (z.B. Kultusministerkonferenz)- Kommunikationswegregelungen: Recht auf Beteiligung an allen Vorgängen, bei denen Umweltkontakt entsteht - hoher formaler Status: erleichtert systeminterne Kommunikationen und die Übernahme von Verantwortung Grenzstelle im Hochschulkontext: StudierendensekretariatGrenzstellenmanagement funktioniert häufig nicht, da falsch kalkuliert wird (z.B. 150 Plätze an der Universität frei, 180 bekommen aber eine Zusage, in der Hoffnung weniger sagen zu -> kann durchaus nach hinten losgehen)
- Was ist brauchbare Illegalität? Welche Nachteile bringen sie mit sich? - Adaptive Strategien in einer sich ändernden Umwelt und infolge inkompatibler Erwartungen durch interne Differenzierung, heißt:- der strategische Wert von Regeln liegt nicht darin, dass sie exakt befolgt werden müssen, sondern darin, dass sie bestimmten Personen/Positionen die Möglichkeit geben über Befolgung/Nichtbefolgung (und dazwischen liegenden Nuancen) zu entscheiden (und sich hierdurch Vorteile zu sichern)- sind mit hohen Kosten verbunden Mind. 2 Nachteile: - Hilfshandlungen des Schützens und Versteckens sind notwendig, die jedoch nicht den normalen Betrieb stören dürfen- Personalwechsel in Ämtern sind sensible Angelegenheiten, da man von Neulingen oder von zeitweiligen Vertretern nicht erwarten kann, dass sie diese Praktiken fortsetzen
- Folgestudie von Kloke&Krücken; Untersuchung von Grenzstellen - Es wurden Technologie und Weiterbildungszentren als Grenzstellen von Hochschulen untersucht:- Einrichtungen der wissenschaftlichen Weiterbildung und des Technologietransfers sind schwache Formen von Grenzstellen, die als Bindeglied zwischen Universität und Privatwirtschaft fungieren- Empirischer Befund:-> keine Grenzstellen im Sinne Luhmanns, aber stellen Puffer dar, die verhindern, dass Erwartungen von Politik/Wirtschaft direkt und ungefiltert auf die Organisation (Hochschule) einwirken
- Folgestudien Klinkhammer - Brauchbare Illegalität im Fall von Siemens -> Bürokratie vs. mafiaähnliches Verhalten Fakten zum Korruptions-/Schmiergeldskandal bei Siemens:- ca. 1.3 Mrd. Euro als Schmiergeldzahlungen verwendetFinanzielle und personelle Konsequenzen:- Strafzahlungen in Höhe mehrerer Millionen, Rücktritt, Festnahmen, Verurteilungen und sogar Selbstmord Illegale Geschäftspraktiken:- Formular, bei dem das "Vier-Augen"-Prinzip" gilt: zwei Vorgesetzte unterschreiben auf einem Klebezettel, welcher auf dem Formular angebracht wird- Unterredungungen finden in nicht-dienstlichen Räumen (z.B. Wirtshäusern) statt und beinhalten schriftlose Entscheidungen (Augenkontakt, Schweigen)Interessant hierbei: Manager veruntreuen Geld nicht für sich, sondern setzen das Geld im Interesse von Siemens ein, um auf ausländischen Märkten Aufträge zu erhalten -> Manager wussten von Illegalität und dachten Siemens würde sie schützen
- Welche Besonderheiten kennzeichnen die Systemtheorie? -> Systemtheorie ist fern ab von der Realität-> in der Systemtheorie sind Begriffe reziprok (ineinaner verschachtelt)-> Handlungen sind zentral-> Erwartungen sind Bestandteil eines formalen Systems
- Wodurch werden Systeme gebildet? Wodurch abgegrenzt? - Systeme werden durch Verhaltenserwartungen gebildet, nicht durch einzelne Handlungen. - Systeme grenzen sich selbst ab, können für sich alleine stehen
- Wodurch können Systeme zerfallen? Systeme können zerfallen, wenn die Erwartungen, die das System konstituieren, nicht vorhanden sind.
- Wodurch wird eine Mitgliedschaft verinnerlicht, woran ist sie geknüpft? - Mitgliedschaft wird durch Rollenerwartung verinnerlicht, Erwartungen und Regeln müssen eingehalten werden - Mitgliedschaft ist bewusst an Erwartungen geknüpft
- Warum hat ein System Mitglieder? - um Theorie in Praxis zu wandeln, Handlungen zu konzipieren -> System wird hierdurch handlungsfähig
- Unterschied zwischen Informellen und formalen Erwartungen? Formale Erwartungen: Pünktlichkeit, "seinen Job machen" -> formalisierbarInformelle Erwartungen: Leistung -> ist nicht formalisierbarBeispiel: Todesfall in der Familie und der Vorgesetzte beschwert sich, da die Leistung nicht so (hoch/gut) wie sonst war -> Erwartungen werden also nicht erfüllt? -> Nein, die Verhaltenserwartungen von dem Vorgesetzten waren nicht richtig.