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sozialstrukturanalyse (Fach) / 3- Pluralisierung der Lebensform (Lektion)
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- Lebensform Hunink – Aspekt der sozialen Beziehungsstruktur einer Gesellschaft– „Der Begriff kennzeichnet einen sozialen Beziehungszusammenhang, derdurch Muster der Organisation des alltäglichen Zusammenlebensrepräsentiert wird. Diese Muster spezifizieren unter anderem denInstitutionalisierungsgrad der Lebensgemeinschaft (ehelich oder nicht, imHaushalt zusammenlebend oder nicht), die Haushaltsform und dieGenerationenzusammensetzung des Haushalts. Je nach Verwendungkönnen auch weitere Merkmale (etwa zur Erwerbsbeteiligung)aufgenommen werden.“
- Privater Haushalt Alleinlebende oder Personen, die zusammenleben undgemeinsam wirtschaften (nicht private Haushalte sind z.B. Altersheime,Gefängnisse u.ä.)
- Unterscheidung der Lebenformen • Lebensformen lassen sich nach zahlreichen Merkmalen unterscheiden, z.B.– Haushaltsform (z.B. alleinlebend, Wohngemeinschaft), Zusammensetzungdes Haushalts, Haushaltsgröße und Kinderzahl– Familienstand und Beziehungsform (mit oder ohne Paarbeziehung)– Zahl der Generationen im Haushalt– Sozialrechtliche Stellung bzw. Erwerbsstatus der Personen im Haushalt
- Definition Paarbeziehung – Intime, persönliche Beziehung zweier Individuen (Lebenspartner)– Lebenspartner in einem gemeinsamen Haushalt bilden eineLebensgemeinschaft; Lebenspartner in getrennten Haushalten bildeneine LAT-Beziehung („living apart together“) oder bilokalePaarbeziehung– Man unterscheidet eheliche und nicht eheliche Lebens- oderPaargemeinschaften
- Definition Ehe – Sozial anerkannte Verbindung zwischen Personen unterschiedlichenGeschlechts (Linton 1964 [1936]: 173) oder eine von "einerRechtsordnung anerkannte Verbindung von Mann und Frau zurLebensgemeinschaft" (Gernhuber 1980: 24).– "Im alltäglichen Sprachgebrauch versteht man unter Ehe sowohl dielegitimen, d.h. durch Heirat zustande gekommenen dauerhaftenPaarverhältnisse, als auch den Komplex von Normen, der diesespezifische Art sozialer Beziehungen regelt“
- Institution der Ehe • Von besonderem Interesse ist der Institutionalisierungsgrad vonPaarbeziehungen, jede Gesellschaft kennt bestimmte sozialeBeziehungen zwischen Mann und Frau, die sozial bevorzugt werden.• Institution der Ehe: Normen, die in unserer Gesellschaft gemeinsam dieInstitution der Ehe ausmachen:(1) das Konsensprinzip,(2) die Monogamie,(3) die Geschlechterverschiedenheit,(4) die grundsätzliche Unauflöslichkeit.• Ehenormen regeln z.B. auch Heiratsalter oder -zeremonien,Ehegattenunterhalt, Pflichten gegenüber Kindern (Röhl 1987: 365).• Deutschland: seit 2001 eingetragene Lebenspartnerschaft (auch inÖsterreich und Schweiz)
- Definition Familie • Definition „Familie“ (Huinink/Schröder 2014: 79 f.): Familie alsLebensgemeinschaft von Eltern und Kindern, wobei Eltern rechtlich undmateriell für Kinder verantwortlich sind.– Sofern „Lebensgemeinschaft“ bedeutet, dass Eltern und Kinder zusammenleben, spricht man voneiner „Haushaltsfamilie“; Familienmitglieder müssen nicht in einem Haushalt zusammenleben; beieiner „weiten“ Definition bilden Eltern und Kinder in getrennten Haushalten ebenfalls eine Familie.• Kinderlose Ehepaare sind keine Familie• Es kommt nicht darauf an,– ob es sich um leibliche Eltern handelt,– ob die Erwachsenen verheiratet sind,– ob es sich um einen oder mehrere Erwachsene handelt. Es gibt keine einheitliche Definition von „Familie“Häufig grenzt man „Familie“ durch folgende Merkmale von anderenLebensformen ab (vgl. auch Nave-Herz 2004: 30):• „biologisch-soziale Doppelnatur“: Übernahme von Reproduktions- undSozialisationsfunktionen• Generationendifferenzierung (Großeltern, Eltern, Kinder)• Spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen denMitgliedern, aus dem heraus die Rollendefinitionen festgelegt sind (vgl.auch Hradil 2004:88):– „Geben und Nehmen“ wird nicht gegeneinander aufgerechnet (kein Lohn für Familienarbeit, fürLeistungen wird keine unmittelbare Gegenleistung erwartet)– Jedes Mitglied gibt nach seinem Vermögen und erhält nach seinen Bedürfnissen im Maße desinsgesamt Vorhandenen– Gemeinsames Eigentum („Familienkommunismus“); wenig/keine Konkurrenz– Einbindung der Individuen mit ihrer ganzen Persönlichkeit
- zusammengefasste erstheiratsziffer Analog zur zusammengefasstenGeburtenziffer werden für jedesAltersjahr zwischen 15 und 50Jahren altersspezifischeEheschließungsziffern für einKalenderjahr errechnet, wobei dieledigen eheschließenden Frauenund Männer im jeweiligen Alter aufdie gesamte Personenzahl(unabhängig vom Familienstand) inder entsprechenden Altersgruppebezogen werden. Die altersspezifischenEheschließungsziffernwerden zur zusammengefasstenErstheiratsziffer addiert.
- Scheidungsziffer Die Scheidungsziffer der Ehenberechnet sich aus der Zahl derEhescheidungen, multipliziertmit 10.000 und dividiert durchdie Zahl der bestehenden Ehen(= verheiratete Frauen amJahresanfang).
- Wander der Lebensformen 1. Phase • 1. Phase der Veränderung – Neuzeit bis Mitte 20. Jahrhunderts:– Industrialisierung: Trennung von Produktion und Familienhaushalt(Mann ist außerhalb des Familienhaushalts erwerbstätig)– Partnerwahl: Partnerschaft basiert auf persönlicher Zuneigung undLiebe vs. instrumentelle Interessen und Standesregeln– Ehe wird institutionelle Grundlage von Partnerschaft/Familie– Akzeptanz der Kinder als Persönlichkeiten, Kindheit wirdeigenständige Lebensphase– Geschlechtsspezifische Rollenteilung in der Partnerschaft,– Rückgang der Kinderzahl leicht über dem Reproduktionsniveau;materielle Kosten der Kinder erhöhen sich, emotionale und sozialnormativeBedeutung nimmt zu– „Hochzeit“ der bürgerlichen Familie in Westdeutschland in den1950 und 1960er Jahren; in Ostdeutschland eingeschränkt, dahohe Erwerbsbeteiligung der Frauen
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- Wandel der lebensform 2. Phase 2. Phase der Veränderung – ab 1960er Jahre: Modell derbürgerlichen Familie verliert an Bedeutung:– Abkopplung von Sexualität und Ehe sowie Elternschaft und Ehe– Rückgang der Eheschließungen,– Zunahme der NELs und Einpersonenhaushalte,– Destabilisierung von Paarbeziehungen und Ehen, (weiterer)Anstieg der Ehescheidungen, Rückgang der Wiederverheiratungen– Anstieg des Alters bei Heirat und Familiengründung– Geburtenrückgang auf Größenordnung unter Reproduktionsniveau,Zunahme der Kinderlosigkeit– Rückgang der traditionellen Geschlechtsrollendifferenzierung;Zunahme der Bildungs- und Erwerbschancen von Frauen
- Aktuelle Situation, Lebensformen • Ökonomisch unabhängige Lebensführung vom Partner wirdselbstverständlich für Männer und Frauen – aber immer nochunterschiedliche Vorstellungen zur Lebenslaufplanung• Probleme der Vereinbarkeit von Beruf und Familie; Kinderbetreuungimmer noch Privatsache• Frauen: Ehe unattraktiv, sofern dies zu traditioneller Arbeitsteilungführt; Männer: Ehe unattraktiv, sofern traditionelle Arbeitsteilungwegfällt?• Höhere Ansprüche an Partnerschaft, abnehmende Stabilität?• Offenheit von Lebensläufen und unsichere berufliche Perspektivenverhindern frühzeitige Festlegungen auf Ehe oder Familie• Ökonomische Unabhängigkeit der Partner verstärkt Instabilität, waswiederum Zwang zur eigenständigen ökonomischen Absicherungerhöht
- Pluralisierung der Lebensformen • Pluralisierung: zunehmende Vielfalt oder Heterogenität vonMerkmalsausprägungen/Zuständen – hier: Lebensformen• Vielfalt von Lebensformen kann sich auf zwei Arten verändern:– Strukturelle Vielfalt: Zahl der tatsächlich existierendenverschiedenen Lebensformen. Es kommt darauf an, wie viele(verschiedene) Lebensformen es gibt (andere Beispiele: Zahl derParteien oder Religionsgruppen).– Distributive Vielfalt: eine Klassifikation von Lebensformen wirdvorausgesetzt und die Verteilung der Individuen/Haushalte über dieKategorien betrachtet. Die distributive Vielfalt ist minimal, wenn alleElemente in eine Kategorie fallen, sie ist maximal, wenn alleElemente gleichmäßig über die Kategorien verteilt sind.
- Messung der Heterogenität ; entropie und diversifikation • Standardisierung: Entropiewert dividiert durch max. Entropiewert. • Ein weiteres Maß qualitativer Varianz ist die Diversifikation D (index ofdiversity). Sie gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass zwei zufälligausgewählte Untersuchungseinheiten zwei verschiedenen Kategorienentstammen (Lieberson 1969).• Das Diversifikationsmaß D ist definiertD=1 - Σ pi 2,– mit pi als Anteil der Fälle in Kategorie (Lebensform) i ist• Der Ausdruck Σ pi 2ist auch ein Konzentrationsmaß und wird alsHirschman- oder Herfindahl-Index bezeichnet (Coulter 1989: 67 ff.).• Entropie und Diversifikation korrelieren hoch.
- Vielfalt an Lebensformen, Haushaltsebene Westdeutschland: Pluralisierung zwischen 1970er und 1990er Jahren,seitdem konstant; Dominanz von Ehepaaren mit Kindern wurde abgelöstdurch Dominanz der Einpersonenhaushalte– Pluralisierung im familialen Bereich 2000 bis 2007, vor allem wegen desRückgangs von Ehen mit Kindern– Ostdeutschland: Leicht abnehmende Pluralisierung seit 1990er Jahre;Zunahme im familialen Bereich
- Vielfalt der Lebensformen, Individualebene (incl. Erwerbsstatus) Kontinuierlicher, leichter Trend zunehmender Pluralisierung
- Kritik (Pluralisierung der Lebensformen) • Schwierigkeiten– Ausmaß der Vielfalt hängt ab vom gewählten Lebensformkonzept– Heterogenitätsmaße sind neutral gegenüber Art der Lebensform– Veränderungen in der Vielfalt der Lebensformen können durchmehrere voneinander unabhängige Prozesse zustande kommen– Abhängigkeit vom historischen Zeitraum und vom Lebensalter
- Makroansatz Pluralisierung – Beck: Erste Individualisierung (v.a. Männer im Zuge der Industrialisierung),zweite Individualisierung (Abhängigkeit v.a. der Frauen vom Arbeitsmarktnimmt zu)– Institutionalisierung bzw. Ausdifferenzierung der bürgerlichen Familie,Deinstitutionalisierung und weitere Differenzierung zum Teilsystem „privaterLebensformen“)
- Mirkoansatz Pluralisierung – Übergang zur Partnerschaft: Unter welchen Bedingungen findet eineVerstetigung der Interaktion statt (Austauschtheorie)?– Unter welchen Bedingungen wird ein gemeinsamer Haushalt gegründet?Transaktionskosten (mehr gemeinsame Zeit, Arbeitsteilung)– Übergang von der NEL zur Ehe: Warum wird geheiratet? Absicherung vonInvestitionen in die Partnerschaft, symbolischer Status
- Diffussionstheorie Pluralisierung Verbreitung neuer Lebensformen: SozialeInnovationen diffundieren in der Gesellschaft nach bestimmten Regeln
- Pluralisierung Gesell Rahmenbed. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Rückgang derEheschließungen/Geburten und die „Entstehung“ neuer Lebensformen:– Bildungsexpansion, längere Bildungsdauer (insbes. für Frauen)– Steigende Löhne und zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen, Anstiegder Opportunitätskosten der Hausfrauenrolle und der Betreuung für Kinder– Soziale Bewegungen (Studenten- und Frauenbewegung)– Wertewandel– Anstieg des gesellschaftlichen Wohlstands• Zunahme der Wahlfreiheit?
- Deinstitutionalisierung der Ehe • Differenzierungs- und Individualisierungstheoretiker sehen aucheine Deinstitutionalisierung der Ehe, also einen Rückgang dernormativen Zwänge und Verpflichtungen, die daspartnerschaftliche Leben regulieren.• Indikatoren für die Deinstitutionalisierung der Ehe, z.B.– Anstieg der Geburten außerhalb der Ehe– Rückgang der Eheschließungen
- Erklärung der Vielfalt der Lebensformen: Theorie funktionaler Differenzierung Zwei historische Phasen der Differenzierung– Etablierung der modernen Kernfamilie (Meyer 2006: 332)- Trennung von Berufs- und Wohnstätte- Dieser Funktionsverlust führt zur Emotionalisierung der Familie- Ideal der romantischen Liebesehe- Geschlechtsrollen: Mann wird zum „Haupternährer“ der Familie, dieFrau zur „Hausfrau“– Aufhebung der Monopolstellung der modernen Kernfamilie,Teilsystem „Familie“ wird zum Teilsystem „privater Lebensformen“- Anpassung durch „innere“ Differenzierung an Umweltveränderungen- Ausbildung von drei Subsystemen: individualistisch (Alleinwohnende),partnerschaftsorientiert (nichteheliche Lebensgemeinschaft,kindorientiert (Lebensformen mit Kindern)
- Nichteheliche Lebensgemeinschaft • Verbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften (NEL) hat inDeutschland deutlich zugenommen• Eine der wichtigsten Veränderungen der privaten Lebensführung in denletzten 30 Jahren• NELs waren auch früher relativ häufig, insbesondere in ökonomischenNotsituationen, gegenwärtig werden NELs aber freiwillig eingegangen• Es gibt Länder/soziale Gruppen, in denen NELs eine dauerhafteLebensform darstellen, und solche, in denen NELs mehrheitlich in eineEhe münden.
- Individualisierung bei Beck • Individualisierung: Herauslösung der Menschen aus traditionalen sozialenBindungen (Familie, Nachbarschaft, Klassenmilieus etc.)• Erste Phase der Individualisierung: Im Zuge der Industrialisierung,müssen sich vor allem Männer für den Arbeitsmarkt qualifizieren, wo sieindividuell konkurrieren und mit Ressourcen ausgestattet werden (Hradil2004: 93)• Zweite Phase der Individualisierung: Durch Wohlstandssteigerung undAusbau des Wohlfahrtsstaates erneute Individualisierung, Abhängigkeitauch der Frauen vom Arbeitsmarkt und vom Staat nehmen zu• Zunahme der Wahlfreiheiten („Bastelbiographie“)
- Familie Leistung Fkt Folgende Leistungen/Funktionen kommen Familien nicht mehr in demAusmaß zu wie früher:– Produktion (früher v.a. in der Landwirtschaft: Nahrungsmittel,Gebrauchsgegenstände, Dienstleistungen, aber auch heute wird nochgekocht, gepflegt etc.)– Konsumption (vollzog sich früher ausschließlich in Familien)– Fortpflanzung (Reproduktion der Bevölkerung, immer mehr Kinder leben inFamilien, in denen sie nicht geboren wurden)• Folgende Leistungen/Funktionen kommen Familien heute verstärkt zu:– Psychische Reproduktion der Mitglieder (da Familien auf emotionalenGrundlagen beruhen, stellen sie „Gegenwelten“ zur funktionalspezialisierten „Außenwelt“ dar)– Sozialisation von Kindern (trotz Schulen und anderenSozialisationsinstanzen kommt der frühkindlichen Sozialisation in derFamilie eine herausragende Bedeutung zu)
- Familie als ideale Solidargemeinschaft Solidargemeinschaft, der Personen vor allem aus gefühlsmäßigen undnicht aus rationalen Gründen angehören• „Geben und Nehmen“ wird nicht gegeneinander aufgerechnet (keinLohn für Familienarbeit, für Leistungen wird keine unmittelbareGegenleistung erwartet)• Jedes Mitglied gibt nach seinem Vermögen und erhält nach seinenBedürfnissen im Maße des insgesamt Vorhandenen• Gemeinsames Eigentum („Familienkommunismus“); wenig/keineKonkurrenz• Einbindung der Individuen mit ihrer ganzen Persönlichkeit