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Sozialpsychologie (Fach) / 12. Aggression und Gewalt (Lektion)

Aggelresaion und Gäwlld

Diese Lektion wurde von MarienkEva erstellt.

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  • Aggression = Verhalten, das in der unmittelbaren Absicht ausgeführt wird, jemandem zu schaden– langfristiges, übergeordnetes Ziel kann ein anderes sein• Aggression oft Folge von Konflikt
  • Konflikt = wahrgenommene Unvereinbarkeit der Ziele zweier oder mehrerer Parteien– Oft um Kontrolle über materielle oder soziale Ressourcen
  • Interpersonelle Aggression • Zwei Arten der Aggression:– instrumentelle Aggression = Aggression als "Mittel zum Zweck", um Belohnungen zu erhalten• Motiv: Kontrolle (mastery)– feindselige Aggression (auch: "emotionale Aggression","Ärger‐Aggression") = Aggression, die durch Ärger über Provokation ausgelöst ist• Motive: Selbstwertschutz (valuing me and mine), Verbindung mit anderen (connectedness)• Nicht immer scharf zu unterscheiden
  • Wodurch wird instrumentelle Aggression ausgelöst? • Wahrgenommenes Verhältnis von Nutzen und Kosten– Persönliche Fähigkeiten (Körperkraft) reduzieren Kosten– Kosten geringer für Männer als für Frauen– "Gelegenheit macht Diebe" (oder Räuber)– Wahrgenommene Alternativen• Wer nichts mehr zu verlieren hat, handelt eher aggressiv
  • Wodurch wird feindselige Aggression ausgelöst? • Emotionale Reaktion auf Provokation oder auf Bedrohung des Selbstwertgefühls oder einer Gruppenidentität– Extreme Emotion kann zu völliger Missachtung offensichtlicher Risiken und Kosten führen• Ärger als Reaktion auf Mangel an Respekt oder auf Beleidigung– besonders, wenn öffentlich• Individuelle Unterschiede:– Personen mit geringem Selbstwertgefühl und– Personen mit narzisstischer Persönlichkeit (= hohem, aber instabilem Selbstwertgefühl) reagieren auf soziale Zurückweisung besonders häufig mit Aggression
  • Methoden der Aggressionsforschung • Beobachtungsstudien, z.B. mit Kindern• Laborexperimente– Vpn setzen im Rahmen einer Coverstory andere (KonfidentInnen) einer negativen Behandlung aus (Elektroschocks, Lärm etc.)• Konstruktvalidität?• Gute Übereinstimmung zwischen Labor und Feld
  • Aggression = Menschliche Natur? – Aggression nur eine von vielen Verhaltensweisen, die Anpassungsvorteile bringen– Geschlechtsunterschiede u.a. biologisch erklärbar
  • Katharsis‐Hypothese Aggressives Handeln reduziert ärgerliche Gefühle und nachfolgende Aggression--> empirisch klar widerlegtBushman (2002): „Does venting anger extinguish or feed the flame? The results from the present research show that venting to reduce anger is like using gasoline to put out afire – it only feeds the flame.“
  • Instinktlehre der Humanethologie, Konrad Lorenz (1963). Das sogenannte Böse. Analogie zum Dampfkessel:• Aggression als angeborener Instinkt• Permanenter Energieaufbau• Wenn keine Energieabfuhr, dann niedrigere Schwelle für Aggression• Spontane Aggressionsentladung
  • Kritik an Trieb‐ und Instinktansätzen • Zirkularität: Weil es Aggression gibt, gibt es einen Aggressionstrieb ‐‐ weil es einen Aggressionstrieb gibt, gibt es Aggression.• Vernachlässigung des Lernens und interindividueller Unterschiede• Vernachlässigung des Kontextes• Geringe oder keine Vorhersagekraft• Mangelnde empirische Evidenz
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  • Frustrations‐Aggressions‐Theorie (FAT) Yale Gruppe: Dollard, Doob, Miller, Mowrer, & Sears (1939) • Annahme der angeborenen Disposition zur Aggression wird aufrechterhalten• Aber: Aktivierung eines aggressiven Ziels (Instigation zur Aggression) ist abhängig von Kontextereignissen• Definition Frustration: Blockade einer Zielreaktion• Annahme: jede Frustration führt zu Aggression; jede Aggression ist Folge einer Frustration. Revision der FAT durch Leonard Berkowitz (1964, 1974)• Theorie der aggressiven Hinweisreize (Cue Arousal Theory)• Frustration → negativer Affekt → Ärger + Cue → Aggression– Experiment zum Waffeneffekt • Nicht nur Ärger, sondern auch andere negative Gefühle verursachen feindselige Aggression:• “We’re nasty when we feel bad” (Berkowitz, 1993)– Frustration– Schmerz– Furcht– Gereiztheit (z.B. ausgelöst durch hohe Außentemperatur)
  • Temperatur und Gewaltverbrechen (Anderson, 1987) • Temperatur wird assoziiert mit ...– Mord– Vergewaltigung– schwerer Körperverletzung• Temperatur wird nicht assoziiert mit ...– Diebstahl– Einbruch– Autodiebstahl• Einfluss des Klimawandels auf Gewalt? (Hsiang et al., 2013)
  • Vorbilder für Aggression • Andere, die sich aggressiv verhalten, aktivieren aggressive Gedanken• Aggressive Vorbilder vermitteln auch, dass Aggression angemessen und erfolgreich ist (oder zumindest straflos bleibt)– Mediengewalt– Kinder als Zeugen häuslicher Gewalt
  • Soziale Lerntheorie (Bandura): – Lernen durch Beobachtung ("observational learning") als Abfolge von 4 Schritten, die kognitives und operantes Lernen kombinieren. Aufmerksamkeit --> P nimmt die Handlung eines anderen wahr. Behalten --> P speichert das Wahrgenommene im Gedächtnis. Reproduktion --> P führt eine Handlung aus die das Wahrgenommene kopiert. Motivation --> Konsequenzen bestimmen die Wahrscheinlichkeit, dass P die Handlung erneut ausführt.
  • Mediengewalt und Aggression • Befund: Positive Korrelation zwischen Konsum von Mediengewalt und Gewaltbereitschaft (Metaanalyse: Comstock & Paik, 1991). Erleichternde Bedingungen: • Wirksamkeit ("efficacy")• Normativität ("normativity")• Relevanz ("pertinence")• Empfänglichkeit ("susceptibility")• Problem bei korrelativen Studien: Selbstselektion (Kausalrichtung unklar!) • Kausaler Einfluss belegt durch‐ Meta‐Analysen über experimentelle Befunde, z.B. Wood, Wong & Chachere (1991) zu Studien mit Verhalten in unstrukturierten Situationen:‐ Mittlere Effektstärke: Cohen's d = 0.40‐ Längsschnittstudien, z.B. Huesmann (1986):‐ Präferenz für gewalthaltige Fernsehprogramme im Alter von 8 Jahren guter Prädiktor für Aggressivität und Gewaltkriminalität im Alter von 30 Jahren.
  • Vielfältige Einflussfaktoren – zur Rolle der Verarbeitungstiefe • Aggressive Handlungstendenzen und Normen können einander widersprechen– Oberflächliche Verarbeitung: Leicht zugängliche Einstellung oder Norm bestimmt das Verhalten– Systematische Verarbeitung: P versucht herauszufinden, was das angemessenste Verhalten ist– Verarbeitungsmotivation und ‐kapazität beeinflusst von:• Ärger, emotionaler Erregung• Alkohol• Zeitdruck• kognitiven und sozialen Fertigkeiten
  • Theorie der aggressiven Hinweisreize Aggression (nach Frustration) wird gefördert, wenn in einer Situation Hinweisreize (aggressive cues), vorhanden sind, die in der Lerngeschichte des Individuums mit aggressiven Gedanken verbunden wurden (aggressive associative networks).
  • Studie zu aggressiven Hinweisreizen: Der "Waffeneffekt" (Berkowitz & LePage, 1967) • Hypothesen (Präzisierung des Frustrations‐Aggressions‐Modells von Dollard et al., 1939):– Frustration bewirkt Ärger und damit erhöhte Aggressionsbereitschaft– Aggressionsbezogene Hinweisreize (z.B. Waffen) in der Situation bewirken  aggressives Verhalten• Coverstory: Experiment über "physiologische Reaktionen bei Stress"– Vpn werden von "Mit‐Vp" (Konfident) durch Elektroschocks "bewertet"(Skala von 1 Schock, = sehr gut, bis 10 Schocks, = sehr schlecht")– Danach Ärger‐Messung, dann Rollentausch • Versuchsplan mit den Faktoren:– Ärger niedrig (Konfident gibt 1 Schock) hoch (Konfident gibt 7 Schocks) – aggressive Hinweisreize Schusswaffen, "die der anderen Vp gehören" Schusswaffen "aus einem früheren Experiment" keine Waffen Federballschläger und Federbälle (nur in Kombination mit hohem Ärger) • Abhängige Variablen: Anzahl und Dauer der Schocks, welche die Vp dem Konfidenten verabreicht • Ergebnisse– Aggressive Hinweisreize erhöhen die Anzahl der verabreichten Schocks nur dann, wenn Ärger hoch ausgeprägt.– Aber: Auch ohne Hinweisreize führt hoher Ärger schon zu mehr Schocks als geringer Ärger.• Kritikpunkte– Repräsentiert die AV wirklich Aggression?– Aufforderungscharakter der experimentellen Situation?• Replikationsstudien, auch im Feld, zeigen ähnliche Befunde
  • Testosteron und Aggression Testosteron moderiert die Effekte von Provokation auf Aggression
  • Gesellschaftliche Normen können Aggression fördern oder einschränken • Schutz der Privatsphäre der Familie macht Gewalt gegen Partnerin oder Kinder zur "Privatangelegenheit"• das Recht, Schusswaffen zu tragen (in vielen Staaten der USA)• “Kultur der Ehre”
  • • “Kultur der Ehre” „Culture of honour“↓Frustration: aggressive                           ————→                       Hinweisreize Aggression Kultur der Ehre im Labor• Cohen et al. (1996)• Nordstaatler vs. Südstaatler• Teilnehmer eines Experiments wurden von Konföderiertem beleidigt• Südstaatler nach Beleidigung:– waren mehr verärgert (Kodierung des Gesichtsausdrucks)– beendeten eine Geschichte eher gewalttätig– zeigten erhöhte Cortisol‐Werte im Speichel sowie erhöhte Testosteron‐Spiegel
  • Konflikte zwischen Gruppen • Gruppen sind aggressiver als Individuen in derselben Situation– Laborexperimente (z.B. Insko & Schopler, 1998)– Kriege und Konflikte• Mehrere Erklärungen für dieses Muster• Kampf um materielle Ressourcen und um Respekt • Theorie des realistischen Konflikts: Feindseligkeit zwischen Gruppen als Folge von Konflikt um objektiv knappe Ressourcen• Konflikt kann aber auch entstehen, wenn die Ressourcen insgesamt reichhaltig sind• Theorie der relativen Deprivation: Gruppen stellen soziale Vergleiche an um festzustellen, ob sie "genug" haben– Weniger zu haben als die Fremdgruppe führt zu Konflikt • Konflikte um Respekt und Wertschätzung oft schwieriger beizulegen als Konflikte um materielle Ressourcen– Wenn beide die "Nummer 1 sein" wollen, ist Kompromiss nicht möglich• Gruppen oft besonders kompetitiv, weil sie Respekt höher bewerten als materielle Güter • Konflikt‐Eskalation: Kommunikation kann Konflikte verschärfen– Kommunikation innerhalb jeder Eigengruppe führt zu polarisierten und verfestigten Standpunkten– Konflikt intensiviert die Identifikation mit der Eigengruppe und stabilisiert Führungspositionen– Kommunikation zwischen Gruppen oft negativ und kontraproduktiv• Gruppen setzen Drohungen ein in der Annahme, damit ihr Ziel zu erreichen• Drohungen verfestigen aber die Position der anderen Gruppe• Besonders schädlich: Wechselseitige Drohpotentiale Weitere Gründe für Konflikteskalation• Stellvertretende Vergeltung:– Gruppenmitglieder bestrafen die gegnerische Gruppe, obwohl ihnen persönlich kein Schaden zugefügt wurde• Koalitionsbildung:– In einem Konflikt versuchen Gruppen (v.a. die schwächere Partei) Hilfe von außen zu erhalten– Mehrere Parteien polarisieren in zwei entgegengesetzte Lager
  • Studie von Deutsch & Krauss (1960) ‐ Wenn eine Partei die Möglichkeit hat, Drohungen einzusetzen, macht sie hiervon meist Gebrauch‐ In Situationen, die ohne Drohpotential schnell zu naheliegenden kooperativen Lösungen führen, verhindern v.a. bilaterale Drohpotentiale eine Lösung und bewirken Verluste für beide Parteien‐ Kommunikation allein hebt die negativen Wirkungen von Drohpotentialen nicht auf
  • Soziale Wahrnehmung in Konflikten • Polarisierte Wahrnehmung von Eigen‐ und Fremdgruppe:– Eigengruppe wird wahrgenommen als  moralisch vollkommen und unfähig, Unrecht zu tun mächtig, stark, gerecht, siegessicher – Femdgruppe wird gesehen als böse, oft sogar weniger menschlich – Attributionen für Verhalten der Eigengruppe sind positiv verzerrt• Unsere aggressiven Handlungen sind vernünftige Reaktionen auf schwierige Umstände– Attributionen für Verhalten der Fremdgruppe sind negativ verzerrt• Deren aggressive Handlungen reflektieren ihre natürliche Bosheit und verwerflichen Ziele• Furcht als Motiv der anderen Seite wird nicht erkannt • Intensive negative Emotionen verschlimmern diese kognitiven Verzerrungen• Vereinfachtes Denken oft zu beobachten kurz bevor ein Konflikt eskaliert (Suedfeld & Tetlock, 1977) • Erwartungen: Wir erwarten von Gruppen, dass sie kompetitiv sind– "self‐fulfilling prophecy"– "Lieber die Fremdgruppe angreifen, bevor sie uns angreift"
  • Prozesse, die zur Konflikteskalation beitragen Eigengruppen Polarisierung Austausch von gegenseitigen Drohungen Koalitionsbildung fördert Ängste Wahrnehmungsverzerrungen bilden Fehlannahmen Verzerrte Bewertungen bewirken Vorurteile ---> Konflikt nimmt zu • Das Extrem der Konflikteskalation: Vernichtung der Fremdgruppe, Völkermord– Machtunterschied ermöglicht es einer der Gruppen, ihren Willen durchzusetzen– Moralische Exklusion / Dehumanisierung der Fremdgruppe dient als "Rechtfertigung" für Misshandlungen – Desensibilisierung durch "Routine"• vgl. Milgram‐Studie zum Gehorsam– Beispiele aus der Geschichte:• Deutschland 1933‐1945• Ruanda 1994• Sudan (Darfur‐Region) 2003 – 2005• Syrien 2011 ‐ ?
  • Konfliktlösung und Aggressionsminderung 1. Dieselben Prozesse, die zur Konflikteskalation beitragen, können umgekehrt werden, um De‐Eskalation zu erreichen• Wahrnehmungen und Reaktionen verändern– Normen von “Nicht‐Aggression” fördern– Aggressive Hinweisreize entfernen• weniger aggressive Vorbilder, Verfügbarkeit von Waffen– Alternative Interpretationen fördern (systematische Verarbeitung)– Empathie fördern (z.B. Feshbach & Feshbach, 1982)• erfolgreiche Umsetzung in schulischen Trainingsprogrammen 2. Konflikte durch Verhandlungen lösen– Verhandlung = Wechselseitige Kommunikation zwischen Konfliktparteien mit dem Ziel, eine Vereinbarung zu erreichen– Verschiedene Arten der Konfliktlösung:• Auferlegte Lösung ("win‐lose")• Verteilungslösung (Kompromiss, distributive Lösung)• Integrative Lösung ("win‐win") • Parteien sind zufriedener bei distributiven und integrativen Lösungen• Integrative Lösung zu finden erfordert Zeit und ausgiebige Kommunikation– Hindernisse: Zeitdruck, verzerrte Wahrnehmung der Ziele der Gegenpartei ("reaktive Abwertung")• Aufbau von Vertrauen notwendig– Konflikt in handhabbare Teilprobleme aufgliedern; Erfolg bei Teilvereinbarung erhöht Vertrauen und macht weitere Einigungen wahrscheinlicher– Norm der Gegenseitigkeit: GRIT‐Strategie wechselseitiger Konzessionen (Osgood, 1962) 3. Intervention durch Dritte– "Mediation" = Dritte als Vermittler helfen Kommunikationsprobleme zu überwinden– "Arbitration" = Dritte als Schiedsrichter oder Schlichter entscheiden oder schlagen Lösung vor– Vorteile:• Neutrale Zeiten / Treffpunkte, etc.• Weniger Kompetition• oft kreative Lösungen, da keine Verzerrung durch Eigeninteresse• von beiden Parteien leichter zu akzeptieren (auch Zugeständnisse oder Rückzug)• Weniger Stress und Frustration 4. Kooperation zwischen Gruppen: die soziale Identität verändern (vgl. Allports Kontakt‐hypothese)• Bedingungen für Konfliktlösung durch Kooperation (Pettigrew & Tropp, 2006):– übergeordnetes Ziel, das nur durch Kooperation beider Parteien erreicht werden kann– wiederholte Gelegenheit zur Widerlegung negativer Stereotypen– Kooperation muss erfolgreich sein– gleicher Status der beiden Gruppen– Unterstützung durch institutionalisierte Normen • Diese Bedingungen tragen zur Bildung einer neuen, positiv bewerteten gemeinsamen sozialen Identität bei• Nützlich, wenn die ursprünglichen Gruppen weiter als Quellen sozialer Identität dienen können– z.B. unterschiedliche Rollen / Teilaufgaben für die beiden Gruppen– Bewertung der Beiträge sowohl insgesamt als auch auf der Ebene der Teilgruppen