27
Allgemeine Psychologie I (Fach) / Gedächtnis VL 13 Abruf (Lektion)
Anzeige
- Abruf Erinnerung und Nutzung gespeicherter Informationen
- Abruf aus dem Gedächtnis … Zugriff auf Informationen? Wir speichern mehr Informationen, als wir unter bestimmten Bedingungen abrufen können (z.B. „Tip-of-the-tongue“ Phänomen ) Auf Gedächtnisinhalte, die prinzipiell verfügbar sind, kann mitunter nicht zugegriffen werden.Zugriff hängt ab von Art des Gedächtnistests Abrufhinweisen (retrieval cues) Kontext Interaktion von Enkodier- und Abrufprozessen ---> Verfügbarkeit (availability) vs. Zugreifbarkeit (accessibility)
- Arten von Gedächtnistest: + die Bedeutung von Abrufhinweisen Art des Gedächtnistests:- Freie Reproduktion (Free Recall): keine bzw. sehr unspezifische Hinweisreize; offene Fragen- Unterstützte Reproduktion (Cued Recall): Hinweisreiz (z.B. Nennung der Kategorie von gelernten Wörtern)- Wiedererkennen (Recognition): Gelernte Items dienen als spezifische Abrufhinweise (z.B. alte und neue Wörter; Multiple Choice – Fragen) Abrufhinweise (retrieval cues), beeinflussen entscheidend die Behaltensleistung!
- Bedeutung von Abrufhinweisen Versuch: Selbstgenerierte Abrufhinweise: Bower & Clark (1969): Vpn lernten 12 Listen mit je 10 Worten Gruppe 1: Geschichte aus den Worten bilden Gruppe 2: Gleiche Lernzeit, keine weitere Instruktion Zusammenhänge zwischen Lernitems herstellen = Generierung zusätzlicher Abrufhinweise -> besseres Erinnern Effekte von Enkodierstrategien (z.B. Organisation, Elaboration) beruhen teilweise auf Generierung zusätzlicher Abrufhinweisen Strategien haben (meist) stärkere Effekte beim freien Reproduzieren als beim Wiedererkennen
- Bedeutung von Abrufhinweisen Reproduktion versus Rekognition: Typische Ergebnisse Typischerweise ist die Behaltensleistung in einem Rekognitions-Test der Behaltensleistung in einem Test zur freien Reproduktion überlegen. Aber! Es gibt Ausnahmen: Die Reproduktion kann besser als die Recognition sein, wenn der Reproduktionstest „bessere“ Abrufhinweise beinhaltet
- Bedeutung von Abrufhinweisen Generate-Recognize-Theory Annahme zweier Prozesse beim freien Reproduzieren: 1. Generieren: Items, die in der Liste gewesen sein könnten, werden generiert (z.B. Worte, die einem spontan einfallen; Exemplare von Kategorien etc.) 2. Wiedererkennen: Die generierten Items werden einem Rekognitionsurteilunterzogen und reproduziert, wenn sie wiedererkannt oder vertraut erscheinen. Strategien (Organisation, Elaboration) verbessern freies Reproduzieren, weil sie das Generieren von Items erleichtern
- Kontexteffekte: Nicht die Tiefe der Verarbeitung ist für die Behaltensleistung entscheidend, sondern der Grad der Überlappung/Passung von kognitiven Prozessen bei Enkodierung und Abruf. --> Je größer die Überlappung, desto besser die Gedächtnisleistung (Transferangemessene Verarbeitung) Ähnlicher Ansatz: Prinzip der Enkodierspezifität (Tulving & Thomson, 1973): Die Gedächtnisspur eines Items besteht aus der eigentlichen Information UND der Kontextinformation (items-in-context) ----> Erinnerungen können am besten abgerufen werden, wenn die Umstände des Abrufs denen des Erwerbs ähneln (allgemein: Kontexteffekte)
- 2 Kontexteffekte für die es experimentelle Nachweise gibt: - Raum-zeitlicher Umgebungskontext - Zustandsabhängige Kontexteffekte
- Raum-zeitlicher Umgebungskontext Experiment von Godden & Baddeley (1975): Taucher lernen Wortliste an Land oder unter WasserGedächtnistest an Land oder unter WasserErgebnis: Übereinstimmung zwischen Lern- und Testphase führt zu besserer Behaltensleistung
- Zustandsabhängige Kontexteffekte - Physiologische Zuständez.B. lernen einer Wortliste unter physiologischer Belastung (Ergometer) vs. entspannter Zustand: Bessere Gedächtnisleistung bei gleichem Enkodier-und Abrufkontext (Miles & Hardman, 1998)- Emotionale ZuständeÜbereinstimmung der Stimmung bei Enkodierung und Abruf fördert Gedächtnisleistung (Eich et al., 1994)- Kognitive Zuständez.B. zweisprachige Menschen (Englisch-Spanisch), die Inhalte in Spanisch gelernt haben, können diese in Spanisch besser abrufen als in Englisch (Marian & Fausey, 2006)
- Anzeige
- Einschränkende Bemerkungen über Kontexteffekte: Kontexteffekte sind oft relativ klein (wenngleich signifikant). Kontexteffekte sind stärker bei der freien Reproduktion als bei Tests mit spezifischen Abrufhinweisen (Cued Recall, Rekognition). Kontexteffekte sind stärker, wenn die Kontextinformation aktiv mit der Lerninformation assoziiert wurde.
- Abrufprozesse: Familiarität vs. Rekollektion Zwei-Prozess Theorie der Rekognition Zwei-Prozess Theorie der Rekognition (Dual-Process-Theory, z.B. Jacoby & Dallas, 1981, ;Mandler, 1980) Rekognitionsprozesse lassen sich in zwei unabhängige Subprozesse unterteilen: Familiarität (familiarity): Stimulus kommt einem „vertraut“ vor („Butcher-in-the-Bus“ -Phänomen) = automatischer ProzessRekollektion (Recollection): bewusstes Erinnern von früheren Ereignissen, das mit dem Abruf zusätzlicher episodischer Informationen einhergeht = bewusster, intentionaler Prozess Rekognition auf Basis von Familiarität schneller zugänglich Erst Rekognition auf Basis von Familiarität, dann Rekollektion
- Abrufprozesse: Familiarität vs. Rekollektion Experimentelle Untersuchung von Familiarität und Rekollektion (typischerweise in Verbindung mit neurowissenschaftlichen Verfahren z.B. EEG oder fMRT) Source-Memory Paradigma z.B. Vpn sehen Objekte und sollen bei jedem Objekt nach Hinweisreiz entscheiden: (1) Belebt oder unbelebt (z.B. Baum = belebt)(2) Passt das Objekt in einen SchuhkartonDanach Rekognitionstest: Alt/Neu EntscheidungWenn Antwort ‚Alt‘ wird Vp befragt: „Welche Aufgabe haben sie während der Enkodierung vorgenommen?“ (1 oder 2)Wenn die Vp sich an Aufgabe erinnert: RekollektionWenn die Vp sich nicht an die Aufgabe erinnert: Familiarität Aber: Mglw. auch bei als Familiarität klassifizierte Recognition Erinnerung an episodische Inhalte, die nicht vom Experiment erfasst wurden. Remember /Know - Paradigma Vpn werden explizit befragt, ob sie aufgrund von Rekollektion z.B. ein Wort als ‚alt‘ (d.h. erkannt) klassifizieren (Remember) oder ob Ihnen der Stimulus lediglich bekannt vorkommt (Know; Familiarität)Aber! Entscheidungen können erst nach intensivem Training zuverlässig getroffen werden; Entscheidungen sind subjektiv Assoziative RekognitionVpn lernen Wortpaare (z.B. Haus-Auto, Tier-Sonne, Welt-Trommel)danach Rekognitionsaufgabe: (A) Sind die Wortpaare in der ursprünglichen Paarung präsentiert (z.B. Haus-Auto) oder (B) ist eine Rekombination vorgenommen worden (z.B. Sonne-Trommel)Alle Wörter unterliegen Familiarität, deswegen muss eine erfolgreiche Unterscheidung zwischen korrekten und inkorrekten Paarungen auf Rekollektionbasieren. Tip-of-the-Tongue („es liegt mir auf der Zunge“) Vpn sollen allgemeine Wissensfragen beantworten (z.B. „Wie hieß der erste Mensch, der einen Fuß auf den Mond gesetzt hat?“) Korrekt beantwortete Fragen werden nicht weiter beachtet, sondern nur Fragen, die falsch beantwortet wurden oder die Vp die Antwort nicht geben konnte. Zu letzteren Fragen sollten die VpnFeeling-of-knowing – Urteile abgeben: „Können Sie die korrekte Antwort in einem Multiple-Choice Test geben?“ MC-Test wird durchgeführt Zentraler Befund: VPN können mit hoher Treffsicherheit vorhersagen, ob Sie zur Rekognition fähig sind oder nicht. Vpn wissen offenbar, welche Antwort im Gedächtnis verfügbar ist, auch wenn sie sie nicht direkt abrufen konnten
- Abrufprozesse: Familiarität vs. Rekollektion Zwei-Prozess versus Ein-Prozess Theorie der Rekognition: - Familiarität als schwache Form der Rekollektion- Ausdruck unterschiedlicher Verarbeitungstiefe (bei weniger tiefen Verarbeitung Erkennung aufgrund Familiarität, bei tieferen Verarbeitung Rekollektion) --> Debatte! Mehrzahl der publizierten Befunde scheint Zwei-Prozess Theorie zu stützen…
- Vergessenskurven von Ebbinghaus: Vergessenskurve (Ebbinghaus, 1885): Lern-Ersparnis (% der ursprünglichen Lernzeit) beim erneuten Lernen sinnloser Silben Vergessenskurven für unterschiedliches Material: Gedichte, Prosatexte, Sinnlose Silben Vergessenskurven für alltägliches MaterialNeun Jahre lang (1978-1986) wurden bei jeweils anderen Gruppe von Versuchspersonen die Erinnerung an Fernsehserien getestet, die 1 bis 15 Jahre zuvor ausgestrahlt worden waren (Squire, 1989)
- Vergessen Unterschiedliche Mechanismen - Nichteinprägung- Spurenzerfall (decay)- Interferenz (retroaktiv – proaktiv)
- Vergessen: Interferenz (Hemmung) Interferenz (Hemmung)Retroaktive Interferenz: Neu erlernte Information stört den Abruf älterer Information (rückwärtsgerichtet)Proaktive Interferenz: Ältere Information stört den Abruf neuer Information (vorwärtsgerichtet) Je ähnlicher das Lernmaterial, desto stärker mögliche Interferenzeffekte. -->Interferenztheorie empirisch gut belegt! (z.B. Paar-Assoziationslernen)
- Vergessen Paar-Assoziationen: VPn lernen erst eine Liste mit Wortpaaren, dann eine 2te Liste mit anderen, teilweise ähnlichen Wortpaaren Aufgabe 1: Abruf Liste 2 --> Proaktive Interferenz Aufgabe 2: Abruf Liste 1 --> Retroaktive Interferenz
- Rekonstruktion und Fehlleistungen des Gedächtnisses Warum kommt es zur Fehleranfälligkeit (konstruierter) Erinnerungen? Abrufen von Informationen als rekonstruktiver Prozess, d.h. Zusammenspiel zwischen augenblicklich verfügbarer und im Gedächtnis gespeicherter Information. Reale Gegebenheiten werden durch eigenes Wissen, Erfahrungen und Erwartungen ergänzt. -----> Fehleranfälligkeit (konstruierter) Erinnerungen!
- Die „sieben Sünden des Gedächtnisses“ (Schacter, 2001) Vergänglichkeit (Verlust / Zerfall von Information über die Zeit) Zerstreutheit (z.B. Fehlleistungen) Blockade (misslungener Abruf gespeicherter Information) Fehlattribution (Zuschreibung einer Erinnerung zur falschen Quelle) Suggestibilität (induzierte Erinnerung z.B. durch suggestive Fragen) Verzerrungen (Einfluss von Überzeugungen, Erwartungen oder Wünschen auf Erinnerungen) Intrusionen (automatischer, aber ungewollter Abruf)
- Fehlattribution Experimentelle Induktion - Roediger & McDermott (1995) FehlattributionExperimentelle Induktion - Roediger & McDermott (1995) Probanden lasen Serie von Listen mit jeweils 15 Worten Nach jeder Liste freier Reproduktionstest Am Ende (nach allen Listen) folgte ein Rekognitionstest Testliste enthielt Wort, das mit Lernliste thematisch assoziiert war, aber nie gezeigt worden war (z.B. ‚Schlaf‘ in Originalliste, ‚Bett‘ in Recognitionsliste) Bei einem Teil der falsch wieder erkannten Worte hatten Vpn offenbar den Eindruck, sich an das Wort zu erinnern (nicht einfach Gefühl der Vertrautheit!)
- Mögliche Erklärungen des “False Memory Effects” Automatische Assoziationen Zielitem wird beim Einprägen der Liste mit aktiviert Als Folge davon haben Vpn Schwierigkeiten, beim Test die Quelle (intern vs. extern) der Items zu diskriminieren (“source confusions”) Vertrautheit der Zielitems Zielitem erscheint aufgrund semantischer Assoziiertheit vertraut Vp attribuiert die Vertrautheit fälschlich darauf, das das Item in der Liste war ---> Erklärt die falschen “know”-Reaktionen
- Rekonstruktion und Fehlleistungen des Gedächtnisses Suggestibilität - Fehlinformationseffekte Loftus & Palmer (1974): Studenten sahen einen Film, der einen Autounfall zeigte.Danach sollten sie die Ereignisse wiedergeben und Fragen beantworten: “How fast where the cars going when they “smashed into” “collided with” “bumped into” “hit” “contacted” each other?” (systematische Variation des Kollisionsverbs) Eine Woche später Frage: “Haben Sie zerbrochenes Glas gesehen?” Film zeigte kein zerbrochenes Glas! “smashed” 32% der Studenten antworteten “ja” “hit”: 14% der Studenten sagten “ja”
- Suggestibilität - Fehlinformationseffekte Kindheitsfotos: Erinnerungen an die eigene Vergangenheit können inhaltlich durch nachträgliche (falsche) Informationen beeinflusst werden…Echte Fotos aus der Kindheit der Probanden wurden in einen falschen Kontext montiert
- Schlussfolgerungen: Gedächtnis ist ein (re)konstruktiver Prozess Erinnerungen können verzerrt werden, wenn Personen neue Information in bestehende Gedächtnisschemata integrieren. Nachträglich verarbeitete Information kann das Gedächtnis an das ursprüngliche Ereignis verzerren, ohne dass der Person dies bewusst wird. Erinnerungen sind keine getreue Kopie früherer Ereignisse und Erinnern ist kein Abruf statischer Inhalte aus einem passiven Speicher. Erinnerungen sind mehr oder weniger exakte Rekonstruktionen früherer Erfahrungen.
- Rekonstruktion und Fehlleistungen des Gedächtnisses Wie entstehen falsche Erinnerungen? Quellenüberwachung (source monitoring) und Fehlattribution Wie entstehen falsche Erinnerungen? Quellenüberwachung (source monitoring) und FehlattributionJohnson (1988, 2001): Viele Erinnerungsfehler beruhen auf einer Quellenverwechslung (source confusion) und Fehlattribution von Erinnerungen auf die falsche Quelle - False memory effect: Mangelnde Quellen-Diskrimination bei fälschlich erinnerten Items (gelesen vs. selbst generiert) - False fame effect: Irrtümliche Attribution der Vertrautheit als Berühmtheit - Fehlinformationseffekt: Irrtümliche Attribution der nachträglichen Information auf falsche Quelle - Unbewusste Übertragungseffekte und Photo-Bias: Irrtümliche Attribution der Vertrautheit einer Person auf falsche Quelle - Vorstellungsinflation: Mangelnde Diskrimination der Quelle der Vertrautheit (Tatsächliches vs. nur vorgestelltes Erlebnis)
- Rekonstruktion und Fehlleistungen des Gedächtnisses Praktische Implikationen Validität von Zeugenaussagen Gegenüberstellungen mit potentiellen Tätern Unbewusste Plagiate Erinnerungen an traumatische Erlebnisse in der Kindheit (z.B: Kindesmissbrauch): Aufdeckung verdrängter Erlebnisse oder Implantierung falscher Erinnerungen?