18

Allgemeine Psychologie I (Fach) / Gedächtnis VL 11 Langzeitgedächtnis (Lektion)

11. Vorlesung

Diese Lektion wurde von Linjks erstellt.

Lektion lernen

Anzeige
  • Das Langzeitgedächtnis Im Langzeitgedächtnis (LZG) sind alle Informationen und Fertigkeiten gespeichert, die wir uns im Laufe des Lebens angeeignet haben. Unterteilung des LZG in: - Deklaratives (Explizites) Gedächtnis: Beschreibbares/ benennbares Wissen - Non- Deklaratives (implizites) Gedächtnis: Verbalisierung kaum zugänglich, Ausdruck eher im Verhalten
  • Deklaratives Gedächtnis: Episodisches vs. Semantisches Gedächtnis  Bis heute unklar, wie genau die beiden Gedächtnissysteme miteinander interagieren Semantisches Gedächtnis zum Teil Abstraktion episodischer Erinnerungen Hinweise auf eine funktionale Dissoziation beider Systeme durch Patienten mit selektiver Beeinträchtigung des episodischen oder semantischen Gedächtnisses Dennoch, bislang keine zwingende Evidenz für funktionale Unterscheidbarkeit; deskriptiv sinnvolle Einteilung
  • Non-deklaratives Gedächtnis: Prozedurales Gedächtnis  Das non-deklarative Gedächtnis umfasst gelerntes Verhalten, das kaum verbalisierbar ist (z.B. motorische Fertigkeiten oder Regelhaftigkeiten in Reizabfolgen)  Implizites Wissen kann auch explizit erworben sein (z.B. Autofahren, Klavier spielen) Experimentelle Untersuchung: Implizites Sequenzlernen (Nissen & Bullemer, 1987)
  • Dissoziation von deklarativem und non-deklarativem LZG Neuropsychologische Evidenz zur funktionalen Dissoziierbarkeit: Der Fall H.M. 1953, im Alter von 27 J. aufgrund schwerer, nicht behandelbarer epileptischer Anfälle Bilaterale Resektion der mediotemporalenStrukturen des Gehirns:- 2/3 des Hippocampus- größter Teil der Amygdala- Anteile der angrenzenden Rindenfelder entfernt Nach der OP:  schwere anterograde Amnesie: „Jeder Moment erscheint mir klar, aber was war gerade davor?“ (keine Speicherung neuer Informationen) Gewisse retrograde Amnesie für ca. 2 (bis 10 Jahre) vor dem operativen Eingriff  Aber:  Weitgehend normale Intelligenz, Wahrnehmung, Sprache  Intaktes Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis (normale Gedächtnisspanne)  Intaktes prozedurales, non-deklaratives Gedächtnis (z.B. Spiegelzeichnen) Vielfache Replikation durch Folgestudien: Patienten mit hippocampaler Läsion entwickeln anterograde Amnesie bei gleichzeitig erhaltenem impliziten Fertigkeitserwerb in unterschiedlichen Aufgaben (z.B. Labyrinthlernen)
  • Wissensrepräsentation  Wissen ist in Kategorien repräsentiert Kategorie: Klasse von Objekten, die aufgrund von Gemeinsamkeiten definiert sind Ursprüngliche, „klassische“ Annahme: Kategorie zeichnet sich durch definierende Merkmale aus  Beispiel 1: Quadrat = geometrische Figur mit 4 gleichen Seiten und 4 rechten Winkeln Beispiel II: Junggeselle = unverheirateter erwachsener Mann Aber: Der Papst? Auch ein Junggeselle? Definition auf Basis bestimmter Merkmale häufig unscharf! Daher: alternative Theorien zur Repräsentation von Wissen und Mechanismen der Kategorisierung: Prototyp-Theorie und Exemplar-Theor
  • Prototyp-Theorie  Kategorien weisen charakteristische Merkmale auf Eigenschaften eines neuen, zu kategorisierenden Objektes werden mit einer Standardrepräsentation verglichen Standardrepräsentation = Prototyp Prototypen entstehen aus Mittelungen bzw. Abstraktionen über spezifische Lernexemplare einer Kategorie, die charakteristische Merkmale enthalten Wenn eine bestimmte Anzahl der Merkmale eines „neuen“ Objektes mit denen eines best. Prototypen übereinstimmt, wird das Objekt der entsprechenden Kategorie zugeordnet.Typikalität eines Exemplar einer Kategorie im Vergleich zum Prototyp beeinflusst Zuordnung:„Ein Pinguin ist ein Vogel“ versus„Ein Spatz ist ein Vogel
  • Exemplar-Theorie Exemplar-Theorie Neue Objekte werden zur Kategorisierung nicht mit einem abstrakten Prototypen verglichen, sondern mit im LZG gespeicherten (parallel aktivierten) Exemplarenunterschiedlicher Kategorien. Aber! Annahme einer Vielzahl gespeicherter Einzel-Exemplare stellt unrealistische Annahmen an unsere Speicherkapazität Warum gibt es überhaupt Kategorien?
  • Wissensrepräsentation Unscharfe Grenzen von Kategorien Labov (1973): Probanden sollen Gefäße danach klassifizieren, ob sie als Tasse, Vase oder Schale zu bezeichnen sind. Danach sollten sich die Probanden vorstellen, dass alle Gefäße mit Kaffee bzw. Blumen gefüllt wären.  Starker Einfluss auf die Kategorisierung der Gefäße (auch untypische Beispiele als Tasse, z.B. flach, kein Henkel) Typikalitäten können kontextabhängig sein!
  • Wissensrepräsentation Prototyp-Theorie versus Exemplar-Theorie? Globale Gedächtnismodelle (z.B. MINERVA 2; Hintzman, 1986) Erinnerungen an Ereignisse werden durch alle im Gedächtnis repräsentierten Inhalte mitbestimmt Globaler „Matching-Prozess“, der Ähnlichkeit aller im Gedächtnis repräsentierten Items mit dem Prüfitem abgleicht und als Ähnlichkeitswert (Vertrautheit) ausgibt. Sowohl Abruf von konkreten Einzelexemplaren als auch Abruf von Abstraktionen (Prototypen) möglich.
  • Wissensrepräsentation Probleme ähnlichkeitsbasierter Ansätze  Was definiert Ähnlichkeit? Ähnlichkeitsstrukturen durch Umwelt vorgegeben (Tiere vs. Pflanzen) Lernprozesse  Erwerb von Kategorien, Kategorisierung mehr als einfacher Ähnlichkeitsabgleich, sondern auf Basis und (intuitiver) Anwendung von Hintergrundwissen Kategorien sind keine Bündel unabhängiger Merkmale, sondern Merkmale sind untereinander durch kausale oder funktionale Relationen miteinander verbunden (z.B. Rotkehlchen: „kann fliegen“, „baut Nest“, „hat Flügel“----> Regel- oder theoriebasierte Ansätze der Kategorisierungsforschung
  • Anzeige
  • Wissensrepräsentation Hierarchische Netzwerkmodelle: Semantische, propositionale Netzwerke (Quillian, 1967; Collins & Quillian, 1969) Ebene 2: Basisebene (Mervis & Rosch, 1981): Größte Übereinstimmung mit proto-typischen Exemplaren einer Kategorie (erlernt); leichter zuzugreifen als übergeordnete (Ebene 1) und untergeordnete Ebene (Ebene III)
  • Wissensrepräsentation Theorie der Aktivierungsausbreitung (Spreading Activation Network; Collins & Loftus, 1975; Anderson, 1983) - Assoziative Vernetzung von Repräsentationen - Qualitativ unterschiedliche Assoziationen (vgl. Miller, 1951)- Organisation ist nicht hierarchisch, sondern folgt u.a. Prinzip der Häufigkeit der Aktivierung, Prinzip der Ähnlichkeit (individuelle Lerngeschichte!)- Aktivation breitet sich über assoziative Verknüpfungen im Netzwerk aus (Funktion der assoziativen Distanz)
  • Semantische Bahnungsexperimente Bahnung (Priming)? Semantische Bahnung? Bahnung (Priming): Erleichterung einer Reaktion auf einen Zielreizdurch einen vorher dargebotenen Bahnungsreiz (prime) Unterschiedliche Formen der Bahnung je nach inhaltlicher Beziehung zwischen Bahnungs- und Zielreiz. --> Semantische Bahnung: Erleichterung einer Reaktion auf einen Zielreiz auf Grund der vorherigen Darbietung eines semantisch verwandten Bahnungsreizes (Neely, 1991)
  • Semantische Bahnungsexperimente Zwei Mechanismen zur Erklärung von Bahnungseffekten im semantischen Gedächtnis (Neely, 1977)  Bahnung durch automatische Aktivationsausbreitung Bahnung durch strategische/kontrollierte Aktivierungsausbreitung
  • Semantische Bahnungsexperimente Bahnung durch automatische Aktivationsausbreitung:  Bahnungsreize (bewusst oder unbewusst verarbeitet) aktivieren entsprechenden Konzeptknoten. Aktivierung breitet sich schrittweise um diesen Knoten aus; Knoten semantisch verwandter Wörter werden stärker aktiviert als Knoten semantisch nicht verwandter Wörter. Identifikation des Zielreizes, sobald die Aktivierung des zugehörigen Knotens eine kritische Schwelle erreicht hat.
  • Bahnung durch strategische/kontrollierte Aktivierungsausbreitung:  Strategische Mechanismen, die von einer konkreten Aufgabe abhängen Erwartungsabhängige Bahnung: Versuchspersonen erwarten bestimmten Zielreiz aufgrund bestimmten Bahnungsreizes Zeitlicher Abstand zwischen Bahnungs- und Zielreiz (Stimulus-Onset-Asynchrony, SOA) > 700ms; Ausbildung einer Erwartung benötigt Zeit „Bewusste“ Wahrnehmung des Bahnungsreizes als Voraussetzung
  • Schemata:  Schemata (z.B. Rumelhart & Ortony, 1976): Wissensstrukturen, die Informationen über ein bestimmtes Objekt, Konzept, Menschen oder Situationen in abstrakter, generalisierter Form enthalten  Kennzeichen eines Schemas: enthält Eigenschafts -“leerstellen“ (slots), die entweder durch die gegebene Information oder durch Voreinstellungswerte (defaults) gefüllt werden.
  • Skript = Skript (Schank & Abelson, 1977): Konzept für typische Ereignissequenzen (z.B. Restaurantbesuch, Zugfahrt)