9
Sozialpsychologie I (Fach) / 7 Einstellungen (Lektion)
- 7.1 Einstellungen: Komponenten, Stärke, Funktionen 7.1.1 Begriffsbestimmung Seit hrer Etabilierung als akademische Disziplin ist die Erforschung von Einstellungen ein Kernthema der Sozpsy. Ein Grund für dieses anhaltende Interesse besteht in der Annahme, dass Einstellungen menschliche Handlungen und Verhaltensentscheidungen leiten. Begriffsbestimmung Einstellung: die Einstellung einer Person zu einem Objekt ist die subjektive Bewertung dieses Objekts. Einstellungsobjekte sind nichtsoziale oder soziale Stimuli (Produkte, Personen etc.) Verhaltensweisen (Rauchen, soziales Engagement etc) Symbole (Flaggen, Embleme etc) Begriffssysteme (Islam, Kommunismus etc) Einstellungen lassen sich anhand zweier Dimensionen charakterisieren: ihrer Valenz (pos/neg) ihrer Stärke (beobachtbar,z.B. daran, wie schnell ein Einstellungsobjekt eine wertende Reaktion auslöst) Der Begriff Überzeugung bezieht sich in Abgrenzung zum Einstellungsbegriff auf die Informationen, das wissen oder die Kognitionen, die eine Person mit einem Einstellungsobjekt verbindet. Über jedes Einstellungsobjekt kann man eine Reihe von Überzeugungen haben, die ihrerseits zu einer positiven oder negativen Einstellung gegenüber dem Objekt beitragen können.
- 7.1.2 Einstellungskomponenten und -struktur Sozialpsychologen gehen davon aus, dass Einstellungen: eine kognitive, eine affektive und eine verhaltensbezogene Komponente... aufweisen, die auf entsprechenden Erfahrungen im Umgang mit dem Einstellungsobjekt beruhen In welchem Ausmaß diese Komponenten die Einstellung bestimmen, kann von Person zu Person und von Einstellung zu Einstellung variieren. Kognitive Einstellungskomponente: die Überzeugung, die eine Person über ein Einstellungsobjekt hat (z.B. ihre Kenntnis seiner positiven und/oder negativen Eigenschaften) bilden die kognitiven Komponeten ihrer Einstellung. Kognitionen in Form von Überzeugungen sind der elementare Bestandteil des EInstellungsmodells von Martin Fishbein und Icek Ajzen: Diesem Modell zufolge lässt sich die Einstellung gegenüber einem Einstellungsobjekt mathematisch als eine Summe von Erwartungs-x-Wert-Produkten modellieren: A0= ∑n i= 1 b∙ ei A0 = Einstellung (attitude) gegenüber dem Objekt O Produkt b∙ ei = beschreiben die einzelnen Überzeugungen über O ei = steht für die Subjektive Wahrscheinlichkeit oder Meinungsstärke (belief strength) mit der eine Person annimmt, dass ein Objekt O das Merkmal i besitzt. (oder die Konsequenz i mit sich bringt) Die Einstellung resultiert aus der Addition der im Hinblick auf jedes Attribut des Einstellungsobjekts ermittelten Erwartungs-x-Wert Produkte. Affektive Einstellungskomponente: werden die Gefühle/Emotionen bezeichnet, die eine Person mit einem Einstellungsobjekt assoziiert. Affektive oder emotionale Reaktionen, dei im Umgang mit dem Einstellungsobjekt auftreten, spielen für die Herausbildung einer Einstellung eine wichtige Rolle: Treten positive Affekte auf, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine positive Einstellung manifestiert (und vice versa bei negativen Affekten) Interessanterweise können Affekte oder Emotionen die Valenz einer einstellung auch dann beeinflussen, wenn sie ursprünglich garnicht durch das Objekt ausgelöst wurden. Klassische Konditionierung: ist ein Lernprinzip, durch das Affekte oder Emotionen mit Einstellungsobjekten verbunden werden können. Die zentralen Merkmale dieses Prinzips sind wie folgt: Ein unbedingter Stimulus (UCS) löst als REflex eine unbedingt Reaktion (UR) aus. wird im Zusammenhang mit dem UCS mehrfach ein bislang neutraler Stimulus dargeboten (Kopplung) so wird dieser zum bedingten Stimulus (CS) Dieser CS löst nun ebenfalls (und auch ohne den UCS) die Reflexreaktion aus (oder eine sehr ähnliche Reaktion). B: die Präsentation eines Sportwagens wird systematisch wiederholt mit der Präsentation eines Reizes gekoppelt, der beim Zuschauer spontan starke positive Emotionen auslöst (z.B: Musik) Infolge der Kopplung wird das Produkt (oder allein der Gedanke an das Produkt) zunehmend selbst zu einem Auslöser positiver Emotionen. Diese positiven Emotionen dienen dem Zuschauer schließlich als Information bzgl. seiner Einstellung gegenüber dem Produkt. Immer wenn ich an den sportwagen der Marke X denke, fühle ich mich gut.Offenbar mag ich Sportwagen dieser Marke) Untersuchungen zeigen, dass das Prinzip der klassischen Konditionierung die Einstellung gegenüber einem Objekt sogar dann beeinflussen kann, wenn der UCS unterhalb der Wahrnehmungsschwelle (d.h. unbemerkt vom Betrachter) in Verbindung mit dem CS präsentiert wird Interessanterweise kann allerdings auch die bloße Häufigkeit der Konfrontation mit einem ursprünglich neutral bewerteten Einstellungsobjekt dazu führen, dass Menschen eine pos Einstellung dem Objekt gegenüber entwickeln Dieses Phänomen wird auch Mere-Exposure- Effekt genannt: Mere-Exposure-Effekt: Das Phänomen, das allein durch die mehrfahre Darbietung eines neutralen Reizes eine positive Einstellung gegenüber diesem Reiz erzeugt werden kann. Eine Erklärung für den Mere-Exposure-Effekt besteht darin, dass das aus dem wiederholten Kontakt resultierende Gefühl der Vertrautheit Menschen offenbar als ein Hinweisreiz dafür dient, dass sie dem Objekt positiv (oder zumindes negativ) gegenüberstehen, da sie es andernfalls - so die implizite Schlussfolgerung - schon längst gemieden hätten. Konative Einstellungskomponente: die konative oder verhaltensbezogene Komponente von Einstellungen bezieht sich auf Informationen bezüglich des Einstellungsobjekts, die aus dem eigenen Verhalten im Umgang mit diesem Objekt abgeleitet werden. Menschen ziehen, wenn sie noch über keine feste Einstellung gegenüber einem Objekt verfügen, ihr eigenes Verhalten als eine Informationsquelle für ihre Einstellung heran - eine zentrale Annahme der Selbstwahrnehmungstheorie. Nehmen wir an, sie studierten erst seit kurzem und Sie würden gefragt, wie ihre Einstellung gegenüber der Sozialpsychologie ist. Falls sie noch keine feste Einstellung gebildet haben, könnten sie die letzten Tage Revue passieren lassen und sich erinnern, wie oft Sie Lehrbuchtexte gelesen und über sozialpsychologische Themen nachgedacht haben. Wenn sie feststellen, Sie haben dies häufig getan, und dies obwohl dazu keine unmittelbare "externe" Veranlassung bestand (z.B. eine bevorstehende Klausur), so könnte Ihnen dies als Information dienen, dass Sie eine positive Einstellung zur Sozialpsychologie haben. In der forschung bestehen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die positiven oder negativen Bewertungen, die auf kognitiven, affektiven oder konativen Inforamtionen berungen, repräsentiert sein. Eindimensionale Konzeptionen gehen davon aus, dass positive und negative Informationen auf einer einzelnen Dimension (sehr positiv bis sehr negativ) abgespeichert werden. Personen haben daher entweder eine Einstellung, die sich einem der beiden Pole nähert oder dazwischen liegt. bei der zweidimensionalen Konzeption wird davon ausgegangen, dass pos und neg Elemente auf getrennte Dimensionen (po vs neg) abgespeichert werden. DIe zweidimensionale Konzeption ist der eindimensionalen insofern überlegen, als sie auch Einstellungsambivalenz erklären kann: Auf der positiven Dimension sind viele positive, auf der negativen Dimension viele negative Informationen abgespeichert, was dazu führt, dass die Person dem Objekt sowohl positiv als auch negativ (d.h. insgesamt ambivalent ) gegenübersteht. Einstellungsambivalenz ist ein wichtiges Konstrukt, um scheinbar in sich widersprüchliche Verhaltensweisen von Menschen erklären zu können.
- 7.1.3 Einstellungsstärke Einstellungen unterscheiden sich nicht nur darin, inwieweit sie auf kognitiven, affektiven oder konativen Erfahrungen beruhen, sonder sie variieren auch hinsichtlich ihrer Stärke. Der Begriff Einstellungsstärke wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich Verwendet u.a. im Sinne von Wichtigkeit, Stabilität oder innere Konsistenz einer Einstellung. Trotz dieser unterschiedlichen Auffassung herrscht in der Literatur in Bezug auf folgende vier Aspekte weitgehend Konsens: Starke Einstellungen sind im Allgemeinen zeitlich stabiler sie sind schwerer zu verändern, und sie wirken eher auf die Informationsverarbeitung und das Verhalten aus als schwache Einstellung. Einstellungsstärke: Die Stärke einer Einstellung hat einen Einfluss darauf, wie schnell ein Mensch seine Einstellung ändert. In der Regel gilt: je stärker die Einstellung, desto schwieriger lässt sie sich durch Überzeugungsversuche seitens anderer Personen verändern. starke Einstellungen sind in der Regel leichter aus dem Gedächtnis abrufbar als schwache Einstellungen Einstellungszugänglichkeit: der Begriff der Einstellungszugänglichkeit bezieht sich darauf, wie leicht eine Einstellung aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann: schnell abrufbare Einstellungen werden als leicht zugänglich bezeichnet. Ein Indikator für die Zugänglichkeit einer Einstellung ist die Geschwindigkeit, mit der eine Person ihre Bewertung eines Einstellungsobjekts artikulieren kann. Legt man einer Person z.B. das Bild einer Spinne vor, könnte man erfassen, wie lange sie braucht, um ihre Einstellung gegenüber diesem Objekt anzuzeigen. Jekürzer die Reaktionszeit desto besser zugänglich ist die (in diesem Fall vermutlich negative) Eisntellung.
- 7.1.4 Einstellungsfunktionen Die bekanntesten Modelle zu Einstellungsfunktionen wurden in den 1950er und 1960er Jahren entwickelt Die Frage der Eistellungsfunktionen steht auch in jüngerer Forschung wieder um Blickpunkt des Interesses (z.B. im Bereich der Stigmaforschung) In seinem einflussreichen Ansatz schlägt Katz vier basale psychologische Funtkionen von Einstellungen vor: 1. Instrumentelle, Anpassungs- oder utilitaristische Funktion: Menschen entwickeln positive Einstellungen gegenüber Objekten, die persönliche Bedürfnisse befriedigen und zu positiven Konsequenzen führen MEnschen entwickeln negative Einstellungen gegenüber Objekten, die mit Frustration oder negativen Konsequenzen einhergehen. Die Valenz der Einstellung dient dann zukünftig als Hinweisreiz für die Verhaltensanpassung: eine positive Einstellung fördert Annäherung, eine negative Einstellung fördert Vermeidung des Einstellungsobjekts. 2. Ich-Verteidigungsfunktion: Unter Rückgriff auf psychodynamische Theorien postulierte Katz, dass Einstellungen auch dazu dienen, Angst und Unsicherheit, die aus inneren unerwünschten Impulsen, bzw. äußeren Gefahren resultieren, zu reduzieren. Dies erfolgt dadruch, dass negative Attribute, die man an sich selbst wahrnimmt, auf andere Personen (oder Gruppen) projiziert werden, was sich wiederum in einer negativen Einstellung gegenüber diesen Personen oder Gruppen niederschlägt. 3. Wertausdrucksfunktion: Menschen ziehen Befriedigung daraus, zentrale Werte oder Aspekte des eigenen Selbst auszudrücken, da sie dadurch ihr eigenes Selbst und ihren Platz in der sozialen Welt "verifizieren" 4. Wissensfunktion: Einstellungen vereinfachen die Organisation, Strukturierung und Verarbeitung von Informationen und die Handlungsplanung, indem sie es erlauben, neue Ereignisse und Erfahrungen anhand bereits bestehender evaluativer Dimensionen zu interpretieren.
- 7.2. Einstellungsmessung 7..2.1 Explizite Maße Einstellungen sind hypothetische Konstrukte und damit nicht direkt beobachtbar. Verfahren zur Erfassung von Einstellungen fallen in zwei breite Kategorien: explizite Maße, die darauf beruhen, dass Personen gebeten werden, ihre Einstellung anzugeben (sog Selbstberichtsverfahren) implizite Maße, Verfahren mittels derer die Einstellungen erfasst werden, ohne die Personen direkt um eine verbale Angabe zu ihren Einstellungen zu bitten Explizite Maße: Eine potentielle Einschränkung der Messung von Einstellungen durch explizite Verfahren wie die Likert-Skala besteht darin, dass die Angaben der Befragten durch die Motivation beeinflusst sein können, die Items in einer sozial erwünschten Weise zu beantworten und/oder sich in einem positiven Licht zu präsentieren. Möglicherweise besitzen die Befragten vor der Messung auch gar keine klare Einstellung gegenüber dem Objekt, und werden erst durch den Vorgang der Befragung darauf gestoßen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ("Reaktivität der Messung) Reaktivität: unter Reaktivität wird verstanden, dass der Messvorgang selbst die Ausprägung dessen was gemessen wird, beeinflusst. Um diese potenziellen Einschränkungen der Validität der Einstellungsmessung zu umgehen , haben Sozpsy eine Reihe subtiler impliziter Verfahren entwickelt Eines der gebräuchlichsten Verfahren ist der Implict Association Test (IAT) Der IAT ist eine Methode zur Messung individueller Unterschiede in der Stärke der mentalen Assoziationen zw Einstellungsobjekten und ihren Bewertungen. Die Logik des Verfahrens wird am Beispiel eines IAT zur Ermittlung der Einstellung gegenüber ethnischen Kategorien illustriert ("Weiße" vs "Schwarze") In diesem IAT müssen die Versuchspersonen Bilder oder Namen von schwarzen oder weißen Personen (Objekt-Stimuli) durch den Druck zweier Tasten so schnell wie möglich den Kategorien schwarz/ weiß zuordnen. Im Wechsel mit dieser Objekt- Diskriminationsaufgabe muss eine evaluative Entscheidungsaufgabe ausgeführt werden, in der normativ positive und negative worte (Attribut-Stimuli) so schnell wir möglich den Kategorien pos und neg zugeordnet werden. Für die Auswertung ist der Vergleich der Reaktionszeiten der Teilnehmer im Hinblick auf zwei Varianten dieser Diskriminationsaufgaben entscheidend: in einem Fall müssen die Teilnehmer mit jeweils der gleichen Taste auf weiße Personen und pos Worte, bzw. schwarze Pers und neg Worte reagieren. Im anderen Fall müssen sie dagegen mit der gleichen Taste auf weiße Personen und negative Worte bzw. schwarze Personen und positive Worte reagiert werden. Stellen sie sich einen weißen Teilnehmer vor, der weißen gegenüber im Allgemeinen positiver eingestellt ist als Schwarzen. Für diese Person ist die erste Variante kongruent mit seiner Assoziation zw. Objekt und Bewertung, die zweite hingegen inkongruent. Im ersten Fall (Assoziationskongruenz) sollten die Zurodnungen daher mit einer höheren Geschwindigkeit ausgeführt werden können als im zweiten Fall (Assoziationskongruenz). Der Unterschied in den mittleren Reaktionszeiten zwischen assoziationskongruenter und assoziationsinkongruenter Zuordnung wird üblicherweise als Indikator für die Stärke der relativen Präferenzen von Weißen gegenüber Schwarzen (oder vice versa) interpretiert. der ursprünglich in der Sozialpsychologie entwickelte IAT und andere Varianten impliziter Messmethoden werden mittlerweile in vielen Bereichen der Psychologie, wie z.B. der Persönlichkeitspsychologie, der Gesundheitspsychologie und der Werbepsychologie verwendet. Die Validität des IAT wird allerdings nach wie vor kontrovers diskutiert. Wichtige Kritikpunkte sind u.a. das die dem IAT zugrunde liegenden psychologischen Prozesse nach wie vor nicht hinreichend erklärt sind. Zudem bestehen bisweilen lediglich geringe Korrelationen zw expliziten und impliziten Einstellungsmaßnahmen, was den Schluss nahe legt, dass beide Verfahren unterschiedliche psychologische Konstrukte messen: Einerseits explizite (und bewusste zugängliche) Einstellungen und andererseits implizite (und unbewusste Einstellungen) Diese Schlussfolgerung wird auch dadurch unterstützt, dass explizite und implizite Einstellungen offenbar in unterschiedlichen Situationen verhaltenswirksam sind explizite Einstellungen in Situationne, in denen die PErson Zeit hat, systematisch zu überlegen, implizite Einstellungen hingegen in Situationen unter Zeitdruck. Die Beziehung zwischen expliziten und impliziten Einstellungen bedarf daher weiterer Klärung
- 7.3 Einstellung und Verhalten In der Einleitung zu diesem Kapitel wurde die Erwartung formuliert, dass man aus der Einstellung einer Person ihr Verhalten vorhersagen kann. Aber ist dies tatsächlich der Fall? Setzt sich eine Person, die eine positive Einstellung gegenüber bestimmten sozial-politischen Zielen hat (umweltschutz, soziale Gerechtigkeit etc.) tatsächlich aktiv für deren Realisierung ein? Ernährt sich jemand gesund, treibt Sport und hört auf, zu rauchen, weil er eine positive Einstellung gegenüber dem eigenen Körper hat? Erste systematische Sichtungen von Stufien zum Zusammenhang zw. Einstellungen und Verhalten gegen Ende der 1960er Jahre kamen zu einer ernüchternden Schlussfolgerung: Die Korrelation zwischen Einstellungen und Verhalten war häufig nur gering. In den darauf folgenden Jahren hat sich die Forschung v.a. darauf konzentriertm wann und wie sich auf der Grundlage von (expliziten) Einstellungen das Verhalten vorhersagen lässt.
- 7.3.1 Methodische Aspekte Ajzen und Fishbein: haben daruf hingewiesen, dass sich die Maße für Einstellungen und Verhalten im Hinblick auf vier Elemente entsprechen müssen, um eine zuverlässige Verhaltensvorhersage zu gewährleisten. TACT bzw Korrespondenzprinzip: Target = Zielelement: Auf welches Objekt bzw. Ziel ist das Verhalten gerichtet? Action = Handlungselement: Welches Verhalten soll untersucht werden? Context = Kontextelement: In welchem Kontext wird das Verhalten ausgeführt? Time = Zweitelement: zu welchem Zeitpunkt soll das Verhalten ausgeführt werden? Diese Korrespondenz zwischen Einstellungs- und Verhaltensmaßen war in vielen der bis zum damaligen Zeitpunkt durchgeführten Studien nicht gegeben. Ajzen und Fishbein argumentieren, dass bei hoher Korrespondenz von einstellungs- und Verhaltensmaßen bzgl. der oben genannten Aspekte eine zuverlässige Verhaltensvorhersage möglich ist - eine Schlussfolgerung, die in der nachfolgenden Forschung breite Unterstützung fand. Wenn man also vorhersagen möchte, ob sich eine Person an einer Protestaktion der Antiglobalisierungsbewegung beteiligt, sollte man nicht ihre Einstellung zu globaler Gerechtigkeit messem (geringe Korrespondenz zw Einstellungs- und Verhaltensmaß) Stattdessen sollte man ihre Einstellung gegenüber dem konkreten Verhalten (Teilnahme an einer Demonstration der Bewegung - Handlungs- und Zielelement) unter Berücksichtigung der Kontextbedingungen (hohe Polizeipräsenz - Kontextelement) und dem Zeitpunkt (beim nächsten G-8 Gipfel - Zeitelement) erfassen.
- 7.3.2 Interindividuelle Unterschiede Wie die Forschung zeigt, beeinflussen auch bestimmte Persönlichkeitsfaktoren die Stärke des Zusammenhangs zw. (expliziten) Einstellungen und Verhalten. Das Persönlichkeitskonstrukt das vielleicht am häufigsten in diesem Kontext untersucht wurde, ist die Tendenz zur Selbstüberwachung Personen mit einer geringen Tendenz zur Selbstüberwachung zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihr Verhalten in sozialen Situationen stark an ihren eigenen Gefühlen, Dispositionen oder Einstellungen orientieren. Personen mit einer starken Tendenz zur Selbstüberwachung orientieren sich hingegen in ihrem Verhaltensentscheidungen stark an Anforderungen der Situation und den antizipierten Reaktionen ihrer Interaktionspartner. In einer Reihe von Studien konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten bei schwachen Selbstüberwachern stärker ist als bei starken Selbstüberwachern. In einer dieser Studien untersuchten Snyder und Kendzierski das Verhalten von Studierenden, die entweder pos oder neg Einstellungen gegenüber Programmen zum Nachteilsausgleich für Mitglieder gesellschaftlich benachteiligter Gruppen hatten (sog. Affirmative Action Programme) Im Rahmen der Untersuchung wurde den Vp die Möglichkeit geboten, an einem Treffen teilzunehmen, das darauf angelegt war, positiven Einstellungen zu "affirmativ Action" durch eigenes Verhalten Ausdruck zu verleihen. Wie erwartet zeigte sich, dass die Entscheidung zur Teilnahme (oder Nichtteilnahme) bei schwachen Selbstüberwachern aus ihrer zuvor gemessenen Einstellung zu Affirmative-Action-Programmen vorhersagt werden konnte: Personen mit einer positiven Einstellung gegenüber diesem Programm → nahmen mit höherer Wahrscheinlichkeit teil, als Pers mit negativer Einstellung. Bei den starken Selbstüberwachern war diese Vorhersage hingegen nicht möglich, da sie sich bei ihrer → da sie sich bei ihrer Entscheidung offenbar weniger an ihrer zuvor geäußerten Einstellung, sondern vielmehr an den aktuell wahrgenommenen Erwartungen anderer Teilnehmer orientierten. Wenn sie vermuteten, es würde von ihnen erwartet, entschieden sie sich für die Teilnahme an dem Treffen, selbst wenn sie eigentlich eine negative Einstellung gegenüber der Thematik hatten. ein weiterer wichtiger Prsönlichkeitsfaktor ist das Selbstschema, das eine Person in einem bestimmten einstellungsrelevanten Bereich entwickelt hat. Wenn die Einstellung gegenüber einem bestimmten Verhalten (z.B: Sport zu treiben) integraler Bestandteil des Selbstschemas einer Person ist (ich bin ein aktiver, sportlicher Typ) dann ist es wahrscheinlicher, dass sie ein einstellungs- bzw. schemakonsistentes Verhalten zeigt, als wenn die entsprechende Einstellung für ihr Selbstschma von einer peripherer Bedeutung ist.
- 7.3.3 Modelle zum Einstellungs-Verhaltens-Zusammenhang Menschliches Verhalten wird nicht nur durch individuelle Einstellungen, sondern auch durch soziale Faktoren beeinflusst eine wichtige soziale Einflussgröße sind die wahrgenommenen oder antizipierten Erwartungen und Reaktionen anderer Personen bzgl. des Verhaltens bzw. vorherrschende soziale Normen. Im folgenden werden wir einige Modelle erläutern, die die Einflüsse von Einstellungen und wahrgenommenen normativen Erwartungen auf das Verhalten berücksichtigen. Theorie des überlegten Handelns und die Theorie des geplanten Verhaltens: Theorie des überlegten Handelns und ihre Weiterentwicklung: die Theorie des geplanten Verhaltens stellen zwei der am besten empirisch untersuchten Einstellungs-Verhlatens-Modelle dar beide Modelle gehen davon aus, dass die unmittelbare psychologische Determinante des Verhaltens die Verhaltensabsicht (oder -intention) ist. In der Theorie des überlegten Handelns wird die Verhaltensintention von zwei psychologischen Faktoren beeinflusst. 1. Zum einen ist dies die Einstellung gegenüber dem Verhalten Die Einstellung gegenüber dem Verhalten z.B. sich für Umweltschutz zu engagieren resultiert - im Einklang mit dem weiter oben erläuterten Erwartungs-x-Wert-Modell - aus der eingeschätzten Auftretenswahrscheinlichkeit bestimmter Verhaltenskonsequenzen (z.B. im Einklang mit eigenen Werten zu handeln, weniger Freizeit zu haben) und der Bewertung dieser Verhaltenskonsequenz (Einklang mit eigenen Werten= sehr positiv, weniger Freizeit zu haben = sehr negativ) Für jede Konsequenz wird das Produkt aus Erfahrung und Wert gebildet, diese Produkte werden dann zu einem Wert aufsummiert, das die Einstellung der Person modelliert. 2. psychologische Determinante der Verhaltensabsicht in dem Modell ist die subjektive Norm. sie wird wiederum durch zwei Faktoren bestimmt: die wahrgenommenen normativen Erwartungen signifikanter Anderer (Partner, Familie, Freunde etc.) bzgk des Verhaltens durch die Motivation der Person, diesen Erwartungen zu entsprechen. Zur Modellierung der subjektiven Normen werden die subjektiven Einschätzungen bezüglich dieser beiden Komponenten wiederum multiplikativ miteinander verknüpft und dann aufsummiert Im Hinblick auf das Verhalten, sich für Umweltschutz zu engagieren, wäre die subjektive Norm also hoch, wenn die Partner/in, die Familie und die Freunde einer Person positive Erwartungen im Hinblick auf dieses Verhalten hätten und die Person motiviert wäre, diesen Erwartungen zu entsprechen. Obwohl sich eine Reihe von Verhaltensweisen mit Hilfe der Theorie des überlegten Handelns gut vorhersagen lässt, hat das Modell seine Grenzen. Nehmen wir an, wein ePErsn mlchte das Rauchen aufgeben, → in diesem Fall sind eine positive Einstellung gegenüber diesem Verhalten und eine pos subjektive Norm höchst wahrscheinlich notwendig, aber nicht hinreichend, damit die PErson dieses Vorhaben tatsächlich in Angriff nimmt. eine weitere wichtige Variable zur Verhaltensvorhersage ist die Erwartung, das gewünschte Verhalten tatsächlich ausüben zu können, bzw. über entsprechende Verhaltenskontrolle zu verfügen. Wahrgenommene Verhaltenskontrolle: die Wahrnehmung einer Person, dass sie über die erforderlichen Fähigkeiten und Ressourcen verfügt, um ein bestimmtes Verhalten ausführen zu können, wird als wahrgenommene Verhaltenskontrolle bezeichnet. Die Integration der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle in das Modell sellt die entscheidende theoretische Erweiterung der Theorie des geplanten Verhaltens dar. Die Verhaltensjontrolle kann das Verhalten auf zwei Arten beeinflussen; die Absicht, ein Verhlaten auszuführen kann durch die Erwartung bestärkt werden, dass man das Verhalten tatsächlich ausüben kann. Andererseits kann die wahrgenommene Verhaltenskontrolle sich auch direkt auf die Ausführung bzw. Nicht-Ausführung des Verhaltens auswirken. Wenn eine Person ein bestimmtes Verhalten de facto nicht ausführen kann (z.B. weil eine unüberwindbare Barriere sie daran hindert) bleibt die Wahrscheinlichkeit , dass sie es trotzdem versucht, mangels wahrgenommener Verhaltenskontrolle gering, selbst wenn ihre Verhaltensabsicht (aufgrund der Einstellung) stark ist. Mittlerweile liegt eine Vielzahl an Studien vor, die bestätigen, dass die Einbeziehung der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle eine bessere Verhaltensvorhersage erlaubt als die Theorie des überlegten Handelns, und dies v.a. in Situationen, in denen Personen bestimmte Schwierigkeiten oder Barrieren überwinden müssen um das Verhalten erfolgreich ausführen zu könnne.
Anzeige