Genderforschung (Fach) / 3. Akte XY ungelöst (Lektion)

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Diskurs um Un-/Ähnlichkeiten der Geschlechter

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  • Welche Einstellung vertritt die Persönlichkeitspsychologische Perspektive? „Geschlechterunterschiede [sind] der bisher am weitesten erforschte und am breitesten theoretisch bearbeitete Gegenstandsbereich der Persönlichkeitspsychologie“. (Jens Asendorpf 1999, S.384) Fast alle psychologischen Phänomene sind schon auf Geschlechterunterschiede untersucht worden. Besonders häufig: u.a. Aggression, Fürsorglichkeit, verbale Fähigkeiten, kognitive Fähigkeiten, Sexualität, Partnerwahl, Durchsetzungsfähigkeit. Jens Asendorpf & Neyer Franz (2012)
  • Nehmen Sie Stellung zu Paradigmatische Positionen. Gehen Sie dabei auf den Differenzansatz und Ähnlichkeitsansatz ein. Differenzansatz - Geschlechtsunterschiede sind groß Es wird argumentiert dass Männer und Frauen in ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften unterschiedlich sind --> Maximalistische Positionen  Ähnlichkeitsansatz - Geschlechtunterschiede sind minimal Es wird argumentiert, dass Frauen und Männer in ihren psychischen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften ähnlich/gleich sind. --> Minimalistische Positionen  Grundsätzlich gilt: Der nach wie vor aktuelle Widerstreit verdeutlicht, dass Geschlechtsunterschiede „als solche“ nicht entdeckt werden, sondern nur durch eine mehr oder weniger stark fokussierte „Brille“ eines bestimmten theoretischen (...) Ausgangspunktes betrachtet werden können (Eckes, 1997, S.34) 
  • Was gilt es zu berücksichtigen beim Hinblick auf Geschlechtsunterschiede? Studien zu Geschlechtsunterschieden innerhalb der Psychologie haben eine lange Tradition  Mehrheitlich Geschlecht als (vorgefundenes) individuelles Merkmal einer Person (unabhängige Variable)  Ergebnisse, Erklärungsansätze und gesellschaftliche Auswirkungen der Interpretationen sind sehr vielfältig  oft verschiedene (anthropologischen) Grundannahmen, Vorannahmen oder generalisierte Einstellungen zu Geschlechtsunterschieden  Die Frage nach der Bedeutsamkeit von Geschlechtsunterschieden steht heute im Fokus 
  • Welche Probleme stellen sich beim berücksichtigen der Unterschiede? • Welche Methode und welches Auswertungsverfahren wurden eingesetzt? • Versuchpersonen: Die meisten Studien wurden an weißen Personen aus westlichen Ländern durchgeführt. Weltweit gesehen sind aber Genusgruppen sehr inhomogen ! ethnische Herkunft/Rasse, Religion, Bildung, Beruf, sexuelle Identität usw. • Publikationsbias und die fehlende Suche nach Gemeinsamkeiten • Interpretation von signifikanten Geschlechtsunterschieden 
  • Was sagt der Begriff Genus Gruppen aus? Der Begriff Genus-Gruppe signalisiert, dass Frauen und Männer soziale Gruppen einer Gesellschaft darstellen, die in Relation zueinander stehen (vgl. Becker-Schmidt & Knapp, 1995, S.17). 
  • Defintion: Geschlechtsdifferenzierende Merkmale u.a. Verhaltensweisen und Eigenschaften/Fähigkeiten, die Mädchen/Frauen und Buben/Männer im statistischen Sinne voneinander unterscheiden. „Differenz“ wird meist synonym gebraucht mit „Unterschied“, bezeichnet also eine Relation: Das Verhältnis von Frauen und Männer in ihrer Unterschiedlichkeit Die Bezeichnung lässt Gemeinsamkeiten zwischen Geschlechter verblassen!! 
  • Geschlechtstypisch VS Geschlechtsspifisch geschlechtstypisch sind alle jene Merkmale, die relativ häufiger oder intensiver bei einem Geschlecht angetroffen werden. Statistisch ausgedrückt: die zwischen den Geschlechtern deutlich stärker variieren als innerhalb eines Geschlechts.  geschlechtsspezifisch  geschlechtsspezifisch ist ein Merkmal, wenn es ausschließlich nur bei einem Geschlecht (Genus-Gruppe) vorkommt (bipolar-dichotom). Dies trifft auf die wenigsten Merkmale zu (i.R. physiologische Merkmale, die direkt mit der Reproduktion in Zusammenhang stehen) 
  • Warum ist es sinnvoll die Geschlechtsunterschieden qualitativ zu erfassen? Welche Rollen spielen hier dabei die Alpha- und Beta-Bias? Da sich die Verteilung bei psychologischen Merkmalen fast immer überlappen ist es sinnvoll die Größe (Ausmaß) von Geschlechtsunterschieden quantitativ zu erfassen. Alpha-Bias und Beta-Bias bei GU Konsistente T endenz, bestimmte Aspekte von Erfahrungen, Beobachtungen oder Forschungsergebnisse zu betonen, andere Aspekte dagegen zu vernachlässigen. Alpha-Bias (T endenz zur Maximierung), Beta- Bias (Tendenz zur Minimierung)
  • Was waren die Ergebnisse von Eleanor Maccoby & Carol Jacklin (1974) von der Zusammenstellung mehrerer Untersuchungen? (2000 Studien) Ergebnisse = signifikante Geschlechtsunterschiede (a) Mädchen haben größere verbale Fähigkeiten als Jungen (b) Jungen sind Mädchen in der Fähigkeit zum räumlichen Denken überlegen (c) Jungen haben eine größere mathematische Begabung als Mädchen (d) Jungen/Männer sind aggressiver als Frauen keine Unterschiede in anderen Merkmalsbereichen wie Geselligkeit, Leistungsmotivation, usw. 
  • Effektstärke nach Cohen (1988) gibt welche Maßwerte an? geringer Effekt 0.01 < d < 0.35 Mittlerer Effekt  0.36 < d < 0.65 Großer Effekt 0.66 < d < 1.00  Sehr großer Effekt d > 1.00 
  • Was sagt eine Moderatorvariable aus? Ergebnisse werden oft kausal dem Geschlecht zugerechnet, obwohl es andere Variablen gibt, die den Geschlechtsunterschied erklären können. Moderatorvariablen = Variablen die Größe und/oder Richtung des Geschlechtseffekts beeinflussen sehr häufig: sozialer Kontext/ Situation sowie Untersuchungsmethode vor allem Aufgabenstellung 
  • Welches Ergebnis brachte die Studie von Janet Hyde, 2005 in ihrer Megaanalyse von bereits 46 durchgeführten Megaanalysen? Hauptvariablen –  Kognitive Fähigkeiten (z.B.: mathematisches Problemlösen, Wahrnehmungsgeschwindigkeit) –  Kommunikationsverhalten (z.B. Unterbrechen, Lächeln) –  Sozialverhalten (z.B. aggressives Verhalten, Hilfeverhalten) –  Persönlichkeitsvariablen (z.B. Extraversion, Neurotizismus) –  Psychologische Gesundheit (z.B. Selbstwert, Lebenszufriedenheit) 78% der gefundenen Effektstärken waren gering bis nahe Null (d < 0.35) " „Gender Similarities Hypothesis“ 
  • Was beschreibt Sozialverhalten? Beschreibt Variablen wie beispielsweise aggressives Verhalten, Hilfeverhalten (Prosoziales Verhalten), Nonverbales Verhalten, Führungsverhalten wie Führungsstil und Führungseffektivität, Beeinflussbarkeit, Partnerschaft und Sexualität, usw. Alle sozialen Verhaltensweisen können auch als Rollenverhalten betrachtet werden, das sozialen Normen und Erwartungen unterliegt. 
  • Welche Erkenntnisse gibt es im Bereich des Nonverbalen Verhaltens? F>M: Dekodierung nonverbaler Signale, Lächeln, Blickkontakt, expressiverer Ausdruck (Effekt = mittel/groß) M>F: Räumliche Distanz zu anderen Personen, Raumgebrauch, Sprechpausen (Effekt = groß) 
  • Welche Ergebnisse gibt es im Hinblick auf Aggressives Verhalten? M>F: Global betrachtet neigen Männer etwas mehr zu Aggression als Frauen (Effekt = gering / -0.29) und Buben etwas mehr als Mädchen (Effekt = mittel) Variable: physische Aggression (-0.40, mittlerer Effekt), Gewaltkriminalität = großer Effekt (d=1). F>M: psychische Aggression (v.a. verbale Aggression) ) (0.18) 
  • Was entscheidet stärker über das Ausmaß der Aggression? Kontext entscheidet stark über das Ausmaß mit: –  Beobachtungen im Feld " „indirekte Aggression“ ist nicht feststellbar, –  Selbstbeurteilungen " Selbstdarstellung im Sinne von Geschlechtsrollenerwartungen –  Fremdeinschätzung " Stereotypen und diverse Bias (implizite Stereotypen durch VL) 
  • Was wird über die Emotion gesagt? Frauen und Männer fühlen „Basisemotionen“ (Paul Eckman) gleich häufig. Gleichzeitig unterscheiden sie sich in der Art und Weise, wie sie diese Emotionen ausdrücken, gegenüber wem und wo. Von männlichen Personen wird mit größerer Wahrscheinlichkeit entsprechend des Stereotypes Aggressivität erwartet. Zusätzlich bestehen biologische Determinanten vor allem in der Jugend. 
  • Wie steht es um das Entwicklungsniveau bei Mann und Frau? Entwicklungsniveau: Geschlechtsunterschied nimmt mit Erwachsenenalter tendenziell ab (mündet in einer geringen/mittleren Effektstärke) 
  • Erkenntnisse im Bezug zur Körperliche und sexualisierte Gewalt. Männer sind deutlich häufiger als Täter vertreten als Frauen. Etwas 90% aller Tötungsdelikte werden von Männern begangen. Männer sind aber auch häufiger Opfer, mit Ausnahme von Sexualdelikten, wo Mädchen und Frauen die Mehrheit der Opfer stellen. 
  • Wie steht es um Prosoziales Verhalten im Geschlechtervergleich? Global betrachtet zeigt sich eine größere Bereitschaft zur Hilfeleistung von Männern (geringer Effekt). Ausmaß und Richtung der Bereitschaft werden allerdings von einer Reihe anderer Variablen moderiert: stark Kontextabhängig (Spricht eine Situation Tapferkeit, Mut und Risiko an M>F (-.84)) 
  • Welche Effekte gibt es beim Sexuellen Verhalten? Unterschiede in der Bedeutsamkeit der Sexualität: Männer gewichten Sexualität höher als Frauen (Effekt = gering). Frauen betonen Liebe als wichtiger Wert für eine Partnerschaft. GU nehmen immer mehr ab M>F: Masturbation (-.96), Sexualität ohne emotionale Bindung (-.81) 
  • Gibt es Unterschiede in den Persönlichkeitsvariablen? (B) PERSÖNLICHKEITSVARIABLEN Beschreibt Variablen wie bspw. Ängstlichkeit, Geselligkeit, Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Vertrauen, Selbstenthüllung, Selbstwertgefühl u.a. Mehrheitlich nur sehr geringe Unterschiede feststellbar bis auf... M>F: Selbstbehauptung - Durchsetzungsfähigkeit (-.50) F>M: Einfühlungsvermögen - Fürsorglichkeit (.97) 
  • Wie steht es um die Kognitiven Fähigkeiten bzw. Intelligenz? Beschreibt Variablen wie bspw. verbale Fähigkeiten, Mathematische Fähigkeiten, Räumliches Vorstellungsvermögen, usw. M>F: Mathematische Intelligenz (geringer Effekt), mentales Rotieren (großer Effekt) F=M: sprachliche Fähigkeiten (Unterschiede nur mehr vereinzelt nachweisbar, allerdings unterschiedlicher Verlauf ) 
  • Gibt es Unterschieden in der Psychischen Gesundheit? Beschreibt Variablen wie bspw. Selbstwert, Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Lebenserwartung, Mortalität Große Effekte bei den Variablen: Langlebigkeit, Selbstmord, Wohlbefinden mit dem Körper Wohlbefinden mit dem Körper: F>M: Insbesondere im Jugendalter, Mädchen sind unzufrieden mit ihrem Körper Selbstbewusstsein: M>F (geringer Effekt) Altersabhängig Darüber hinaus zeigen sich geschlechtstypische Unterschiede in der Landschaft der Psychischen Störungsbilder (bspw.: Essstörungen, Depressionen, Abhängigkeiten, usw.) 
  • Welche Tendenzen gibt es bei der Berufswahl? Interesse/Berufwahl: F>M: Umgang mit Menschen (großer Effekt), M>F: Umgang mit Material (großer Effekt) 
  • Wie steht es um die Konformität? Konformität: Unterschiede abhängig von Aufgabe bzw. Kontext 
  • Gesammelte Erkenntnisse aus Megaanalysen zu Unterschieden UND Ähnlichkeiten lassen wie folgt zusammenfassen: a)  Es gibt Unterschiede UND Ähnlichkeiten (78% der untersuchten Attribute sind statistisch sehr klein oder sogar nahe null d=0 bis d<0.35). D.h. Hydes Metaanalyse bestätigt EHER Ähnlichkeitshypothese ("gender similarities hypothesis") b)  Unterschiede sind quantitativ eher gering c)  Über die gesamte Lebensspanne auffallende Fluktuationen d)  Unterschiede nehmen mit Selektivität der Stichprobe tendenziell zu e)  Unterschiede nehmen  ...geschlechtstypische Merkmale können je nach Kontext große Bedeutung erhalten oder auch Bedeutung verlieren (qualitativer Unterschied, Bedeutsamkeit von Moderatorvariablen). ...die Unterschiede werden tendenziell überschätzt Damit werden Konzepte wie Geschlechtsrollen, Geschlechtseinstellungen, Geschlechtstereotypen und weitere soziale/sozialpsychologische Phänomen (Verzerrungseffekte) wichtig. 
  • Bei einer Analyse einer Studie von 1993 mit über 10.000 Probanden gab es welche Ergebnisse? Detaillierte Analyse einer Studie von 1993 • Selbsteinschätzung von 10.000 Probanden • 15 Persönlichkeitspsychologische Kategorien (16-PF, Cattell): Wärme, Lebhaftigkeit, Perfektionismus und Dominanz Ergebnisse: 90% der Eigenschaften sind geschlechtstypisch, 10% sind Gemeinsamkeiten • Frauen besitzen signifikant mehr Wärme und Zuneigung, bauen eher Vertrauen auf, reagieren emotionaler und sind sensibler und fürsorglicher als Männer • Männer sind emotional stabiler, dominanter, reservierter und wachsamer und achten dabei mehr auf Nützlichkeit und Regeln 
  • Wie ist der aktuelle Stand der Forschung bez. Unterschieden? a)  Es gibt keine globale Antwort auf die Unterschiedsfrage. Die feststellbaren Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten variieren von Merkmal zu Merkmal hinsichtlich Größe und Richtung. b)  Die Varianz innerhalb der Gruppe der Frauen und Männer sind weitaus größer als die Varianz zwischen den Gruppen c) Auf einen Nenner zu bringende Unterschiede – wie etwa in Bezug auf Emotionalität – sind in Frage zu stellen.  d)  Geschlechtsdifferenzierende psychologische Merkmale/Variablen sind weitaus häufiger geschlechtstypisch als geschlechtsspezifisch verteilt.  e)  Es gibt zahlreiche Moderatorvariablen (sozialer Kontext/Situation, Aufgabenstellung, Untersuchungsmethode usw.) f)  Selbst bei signifikanten Effekten ist die Frage offen, ob dieser Effekt groß, klein, wichtig oder unwichtig ist. (Interpretation wird wichtig!) Die Frage nach der Bedeutsamkeit von Geschlechtsunterschieden steht heute im Fokus 
  • Nennen Sie populistische Argumente bez. den Unterschieden. Alltagswissen! –  absolute Argumentation(en) –  fehlende Verweise auf zeitlich, örtlich und kulturell gebundener „Stand des Wissens“ –  Fehlende Hinweise auf Urheberschaft (keine Verortung der Zitate) ! Darstellung von Wissen als unhinterfragbare Fakten –  Durch Auswahl wissenschaftlicher Erkenntnisse suggerieren sie ein homogenes Feld der Wissenschaften –  Widersprüchliche und kontroverse Ansichten kommen nicht vor.