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Modul 2 03607 Empirische Sozialforschung (Fach) / 2 Forschungsfragen, Forschungsdesign, Forschungsprozess (Lektion)
2.1 Fragestellungen und Forschungsansätze
2.2 Der Forschungsprozess als eine Reihe ineinander verzahnter Entscheidungen
2.3 Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang
2.4 Forschungsplanung und Forschungsdesign
Diese Lektion wurde von HSchorr erstellt.
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- Empirische Sozialforschung ist im Regelfall dadurch charakterisiert, dass es Patentrezepte, die für alle Fälle gültig sind, nicht gibt.
- Mit Exploration verbindet man im Kontext analytisch-nomologisch orientierter Forschung die Vorstellung einer Vorstudie zur Vorbereitung einer danach folgenden „ernsthaften“ Untersuchung oder von Pretests zur Entwicklung eines anspruchsvollen Erhebungsinstruments
- „Explorative Studien wird man durchführen, wenn der soziale Bereich, den es zu erforschen gilt, relativ unbekannt ist und nur recht vage oder gar keine spezifischen Vermutungen über die soziale Struktur und die Regelmäßigkeiten sozialer Handlungen vorliegen“ (Diekmann 1995, 30).
- In der qualitativen Sozialforschung dagegen wird unter Exploration eine methodologische Perspektive innerhalb des Prozesses von Informationssammlung und -analyse verstanden
- Das Konzept von Herbert Blumer bezeichnet „Exploration“ als das umfassende, in die Tiefe gehende, detektivische Erkunden des Forschungsfeldes, das Sammeln möglichst vielfältiger und das ganze Spektrum von Sichtweisen repräsentierender Informationen im Unterschied zur „Inspektion“, womit das – die Exploration begleitende – Deuten und Analysieren der Informationen gemeint ist (Blumer 1973, 122 ff.).
- Das Erkenntnisinteresse kann aber auch darauf gerichtet sein, eine möglichst exakte Beschreibung eines komplexen Sachverhalts zu gewinnen, über den im Prinzip hinreichendes (Rahmen-)Wissenbereits existiert, über den man jedoch für einen bestimmten Ze In einem solchen Fall kann das Untersuchungsthema genau abgegrenzt und können die relevanten Themenaspekte sowie die zu erhebenden Merkmale im Voraus angegeben werden. Hierfür wird der Forscher zweckmäßigerweise auf hoch standardisierte Erhebungsinstrumente zurückgreifen.
- Panel-Analyse Geschehen die wiederholten Datenerhebungen immer wieder bei den gleichen Untersuchungseinheiten (z.B. den gleichen Personen, Haushalten oder Organisationen), dann spricht man von einer Panel-Analyse.
- vergleichend-statische (komparativ-statische) Analysen Werden bei jeder der wiederholten Erhebungen die Untersuchungseinheiten neu ausgewählt und bei der Auswertung lediglich die statistischen Merkmalsver-teilungen verglichen, handelt es sich um vergleichend-statische (komparativ-statische) Analysen.
- Querschnittuntersucheungen Man spricht bei „statischen“ Ansätzen auch von Querschnittuntersuchungen
- Längsschnittuntersuchungen. Man spricht bei „dynamischen“ Ansätzen auch von Längsschnitt-untersuchungen.
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- Trend- oder Zeitreihenanalysen Stehen Daten aus hinreichend vielen Wiederholungszeitpunkten zur Verfügung, können Trend- oder Zeitreihenanalysen vorgenommen werden.
- Realzeituntersuchung Für den Spezialfall zeitlicher Übereinstimmung von Ereignissen/Prozessen und ihrer Erhebung spricht man von einer Realzeituntersuchung
- „ex post facto“ Oft kann aber die Ermittlung der Informationen auch im Nachhinein („ex post facto“) durchgeführt werden. Dabei wird versucht, die Abfolge von Ereignissen und Situationen zu rekonstruieren, etwa durch Auswertung von Dokumenten aus dem in Betracht kommenden Zeitraum oder durch Sekundäranalyse früher erhobener Daten oder durch Interviews mit Personen, die die interessierenden Ereignisse miterlebt haben.
- Das Experiment Während es im Falle deskriptiver Forschung um die Erhebung von Daten im sozialen „Feld“ geht (Daten über den Alltag von Personen bzw. über existierende Haushalte, Gruppen, Organisationen, Regionen etc.), kann es bei theorietestenden Analysen notwendig werden, Untersuchungssitu-ationen künstlich zu schaffen, in denen die zentralen Bedingungen, wie sie in den zu testenden Hypothesen benannt werden, vom Forscher beeinflusst oder zumindest exakt Situationen nennt man „Labor“-Untersuchungen; das Forschungsdesign ist im Allgemeinen das des Experiments.
- anwendungsbezogene Forschung - Evaluationsstudien Häufig kommt es bei anwendungsbezogener Forschung vor, dass das Erkenntnisinteresse darauf gerichtet ist, den Erfolg oder Misserfolg einer Maßnahme bzw. eines Handlungsprogramms mit Hilfe empirischer Informationen zu beurteilen, das Programm also im Lichte empirischer Daten zu bewerten. In diesem Fall haben wir es mit Evaluationsstudien zu tun.
- anwendungsbezogener Forschung - die Technikfolgen- bzw. Technologiefolgen-Abschätzung (TA) Geschieht diese Bewertung mit Blickrichtung auf potentielle zukünftige Konsequenzen eines Vorhabens, muss die Untersuchung auch eine Prognose künftiger Entwicklungen mit einschließen. Da dieses in die Zukunft gerichtete Erkenntnisinteresse besonders oft bei anstehenden Entscheidungen über das Weiterverfolgen technologischer Entwicklungen und Programme besteht, ist um diesbezügliche Fragestellungen herum ein eigener Forschungstyp mit vielfältigen Differenzierungen und Schwerpunkten entstanden.
- Der Forschungsprozess als eine Reihe ineinander verzahnter Entscheidungen (idealtypischer Verlauf) a) Klärung des „Entdeckungs-“ und des „Verwertungszusammenhangs“ b) Präzisierung der Problemformulierung, „dimensionale Analyse“ des Forschungsgegenstands c) Zuordnung von geeigneten Begriffen zu den als relevant angenommenen Dimensionen d) Einordnung der Problemstellung in vorhandene Kenntnisse (Theorien, Forschungsergebnisse, Methoden); Hypothesenbildung unter Verwendung der definierten Begriffe; Entscheidung über das Forschungsdesign e) Auswahl von „Indikatoren“ für die verwendeten Begriffe (falls erforderlich) f) Festlegung des erforderlichen Differenzierungsgrades der Informationen sowie Angabe der Messinstrumente („Operationalisierung“ der Begriffe) g) Festlegung der Objekte (Merkmalsträger), bei denen die Merkmale gemessen werden sollen; Definition der Grundgesamtheit; ggf. Entscheidung über Art und Umfang der Stichprobe h) Erhebung und Aufbereitung der Daten i) Verringerung der Unübersichtlichkeit der Informationsfülle, Straffung und Verdichtung von Informationen (Anwendung statistischer Modelle und Verfahren) j) Interpretation der Ergebnisse; Rückbezug zu den Punkten a bis i. Im Interpretationsprozess sind folgende Fragen zu klären k) Dokumentation des Forschungsprozesses und der Ergebnisse (Forschungsbericht) sowie Präsentation der Befunde
- Der Forschungsprozess als eine Reihe ineinander verzahnter Entscheidungen (idealtypischer Verlauf) a) Klärung des „Entdeckungs-“ und des „Verwertungszusammenhangs“ b) Präzisierung der Problemformulierung, „dimensionale Analyse“ des Forschungsgegenstands c) Zuordnung von geeigneten Begriffen zu den als relevant angenommenen Dimensionen d) Einordnung der Problemstellung in vorhandene Kenntnisse (Theorien, Forschungsergebnisse, Methoden); Hypothesenbildung unter Verwendung der definierten Begriffe; Entscheidung über das Forschungsdesign e) Auswahl von „Indikatoren“ für die verwendeten Begriffe (falls erforderlich) f) Festlegung des erforderlichen Differenzierungsgrades der Informationen sowie Angabe der Messinstrumente („Operationalisierung“ der Begriffe) g) Festlegung der Objekte (Merkmalsträger), bei denen die Merkmale gemessen werden sollen; Definition der Grundgesamtheit; ggf. Entscheidung über Art und Umfang der Stichprobe h) Erhebung und Aufbereitung der Daten i) Verringerung der Unübersichtlichkeit der Informationsfülle, Straffung und Verdichtung von Informationen (Anwendung statistischer Modelle und Verfahren) j) Interpretation der Ergebnisse; Rückbezug zu den Punkten a bis i. Im Interpretationsprozess sind folgende Fragen zu klären k) Dokumentation des Forschungsprozesses und der Ergebnisse (Forschungsbericht) sowie Präsentation der Befunde
- Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang Die Klärung des Entdeckungs- und des Verwendungszusammenhangs (Punkt a) in Abschnitt 2.2) stellt den Ausgangs-punkt und das Ziel der Forschung dar.
- 3 Probleme mit Wertungen für das Wissenschaftskonzept des Kritischen Rationalismus Erstens: Erfahrungswissenschaft soll über die Realität, so wie sie unabhängig vom wissenschaftlichen Beobachter existiert, informieren, soll sie beschreiben und erklären. Wertende Aussagen jedoch können nicht aus Tatsachenaussagen logisch abgeleitet werden; Zweitens: Bei der Beobachtung der Realität wird die Wahrnehmung von den Zielen der beobachtenden Person beeinflusst. Die Wahrnehmungspsychologie hat nachgewiesen, dass man tendenziell vor allem das erkennt, was man zu erkennen hofft. (Wahrnehmungsverzerrungen) Drittens: Kein Forschungsprojekt kann soziale Realität in ihrer „Ganzheit“ untersuchen; jedes Projekt muss vielmehr außerordentlich selektiv vorgehen. Es ist immer nur ein kleiner Ausschnitt (ein eng abgegrenztes Thema, ein relativ kleiner Gegenstandsbereich) aus im Wesentlichen nur einer Perspektive analysierbar.
- Aus den drei Problemen folgt für die Erfahrungswissenschaft die Forderung nach strikt interessenneutralem und unparteiischem Vorgehen, das zugespitzt als Postulat der Wertneutralität bzw. der Wert(urteils)freiheit formuliert wurde.
- Das Postulat der Wert(urteils)freiheit – ursprünglich formuliert von Max Weber (1904) – wird allerdings häufig missverstanden. Es bedeutet nicht, dass Wissenschaftler als Personen sich jeder Wertung enthalten müssten, sondern lediglich, dass ihre subjektiven Wertungen ihre Entscheidungen innerhalb des Forschungsprojekts nicht beeinflussen dürfen.
- Das Postulat der Wert(urteils)freiheit bedeutet: Werturteile sind erfahrungswissenschaftlich nicht begründbar Im Begründungszusammenhang der Forschung haben subjektive Werturteile keinen Platz; hier haben sich die Wissenschaftler auf methodologisch begründbare Schlussfolgerungen und intersubjektiv nachprüfbare Aussage zu beschränken.
- Für das Feld des Begründungszusammenhangs empirischer Forschung soll also – zusammengefasst – gelten: a) Werturteile (normative Aussagen) können nicht Inhalt erfahrungswissen-schaftlicher Aussagen sein. Werturteile sind nicht intersubjektiv nachprüfbar, sie informieren nicht über einen Gegenstandsbereich, sondern über die wertende Person. Bei identischen Sachverhalten können verschiedene Personen zu unterschiedlichen Wertungen gelangen. b) Werturteile können dagegen sehr wohl zum Gegenstand sozialwissenschaft-licher Untersuchungen und erfahrungs-wissenschaftlicher Aussagen gemacht werden (z.B. Analyse des Ideologiegehalts von Propagandasendungen). c) Vorab zu fällende Werturteile schließlich sind Grundlage jeder wissenschaft-lichen Aussage. Wissenschaftstheorie und Methodologie sind Bestandteile der Wertbasis, sind somit explizit normativ: Sie setzen fest, welche Aussagen als zum Bereich der definierten Wissenschaft zugehörig gelten sollen und welche nicht (s.o.: „Abgrenzungskriterium“). Sie setzen z.B. fest, unter welchen Bedingungen eine Aussage als wahr oder zumindest vorläufig bestätigt akzeptiert bzw. wann sie als falsch zurückgewiesen werden soll.
- Definition: Wert(urteils)freiheits-Postulat Innerhalb des Begründungszusammenhangs erfahrungswissenschaftlicher Forschung ist auf andere als wissenschafts-immanente Wertungen zu verzichten!
- Auswirkungen von Forschungsentscheidungen auf die Untersuchungsergebnisse die Art der Präzisierung einer Fragestellung, die Wahl einer theoretischen Perspektive, unter der die Untersuchung in Angriff genommen wird, Begriffsdefinitionen und Operationalisierungen – um nur einige Punkte zu nennen – unbestreitbar Auswirkungen auf die Ergebnisse (und sei es auch nur dadurch, dass bestimmte Realitätsaspekte in den Blick geraten, andere ausgeblendet werden).
- Aus logischen Gründen ist es nicht möglich alle diese F-Entscheidungen ausschließlich unter Rückgriff auf die methodologischen Regeln und auf empirisch gesicherte Kenntnisse über den Gegenstandsbereich der Untersuchung zu treffen. Zu Ende gedacht, würde dies nämlich voraussetzen, dass bereits vollständiges Wissen über den Untersuchungsgegenstand vorhanden ist – dann aber wäre die Forschung überflüssig.
- Praktisch wird also vielfach auch innerhalb des Begründungszusammen-hangs des Projekts auf Argumente aus dem Entdeckungs- und dem Verwertungszusammenhang Bezug zu nehmen sein (= wissenschaftsexterne Wertungen als Basis von Entscheidungen) oder wird die Intuition der Forscherin bzw. des Forschers weiterhelfen müssen (= subjektive Überzeugungen).
- Entdeckungszusammenhang „der Anlass zu verstehen, der zu einem Forschungsprojekt geführt hat“ (Friedrichs 1977, 50).
- Insbesondere bei Auftragsforschung sollte also bei der Lektüre von Forschungsberichten immer die Frage geklärt werden, wessen Probleme und Interessen aufgegriffen worden sind (bzw. wessen Probleme/Interessen ausgeklammert wurden!).
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- Insbesondere bei Auftragsforschung sollte also bei der Lektüre von Forschungsberichten immer die Frage geklärt werden, wessen Probleme und Interessen aufgegriffen worden sind (bzw. wessen Probleme/Interessen ausgeklammert wurden!).
- Wirkungszusammenhang darunter werden die „Effekte einer Untersuchung verstanden ... , ihr Beitrag zur Lösung des anfangs gestellten Problems“ (Friedrichs 1977, 54).
- Jede Untersuchung erweitert Wissen über soziale Zusammenhänge, kann zur Lösung sozialer Probleme beitragen (wenn die neu gewonnenen Kenntnisse mit diesem Ziel eingesetzt werden) oder diese Lösung verhindern bzw. zumindest verzögern (wenn Kenntnisse bewusst zurückgehalten werden, oder wenn durch die Untersuchung bestimmter sozialer Fragen andere Probleme unbeachtet bleiben).