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Praxisforschung I (Fach) / 2. Alltagswissen und Sozialforschung (Lektion)

2. Alltagswissen und Sozialforschung

Diese Lektion wurde von Drawen erstellt.

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  • 2.1 Der Alltagsmensch als Forscher: Gemeinsamkeit Alltagsmensch - Forscher Forscher tun, was Alltagsmenschen als Problembewältiger und "naive Forscher" tun: auf der Suche nach Wahrheit oder nach einer gelingenden Änderung/Bewältigung => Wenn Handlungsroutine versagt/neuartiges Problem , dann: Innehalten - Reflektieren - Beobachten - Weiterbehandeln - Prüfen Orientieren: Was ist das Problem, wieso funktioniert das nicht Suche nach Erklärung/Theorie Formulierung von Hypothesen Prüfen Bestätigen/Verwerfen (Weiter-) Handeln oder Weitersuchen
  • 2.1 Der Alltagsmensch als Forscher: Kulturelle Deutungsmuster; Alltagsmensch Kulturelle Deutungsmuster: empirisch nicht prüfbar, aber dennoch immer bestätigt => sehr festgefahren, schwer durch positive Empirie auflösbar (Bsp.: ein netter Ausländer wird als Ausnahme gesehen, um Theorie aufrechtzuerhalten) Alltagsmensch: beobachtet Umwelt mehr oder weniger systematisch, um Wahrheit zu finden, d.h. er sucht Regel- oder Gesetzmäßigkeiten in der empirisch erfahrbaren Welt beobachtet Umwelt um handlungsfähig zu sein
  • 2.1 Der Alltagsmensch als Forscher: Forscher tut dasselb, wie Alltagsmensch nur beobachtet systematischer und kontrollierter nach Regeln und nach expliziten (verbalisierbaren) Denk- und Entdeckungsmustern Ergebnisse werden explizit formuliert und dokumentiert; intersubjektiv nachvollziehbar versucht Kriterien für wahr und falsch anzugeben; sucht den "richtigen Weg" zur Wahrheit Mit Bezug auf Sozialforschung fraglich, was Wahrheit eigentlich ist = erkenntnistheoretische Vorbehalte gg Idee, dass es eine letzte Wahrheit gibt, wenngleich Realität objektiv real Wahrheit relativ i.S. einer immer stärkeren Annäherung an absolute Wahrheit => v.a. in Bezug auf soziale Realität Skepsis, da Wahrheit perspektivenabhängig, also relativ ist Aussage des Beobachter) über Beobachtungsggstand sagt auch immer etwas über Beobachter aus => intersubjektiver Konsens => kollektive Täuschung Erkenntnistheoretischer Teufelskreis: Moderne Systemtheorie Wissenschaft verkündet nicht ewige/absolute Wahrheit, sondern ist Beobachtung 2. Ordnung (beobachte Alltagsmenschen, wie er beobachtet - welche Unterscheidungen er trifft, welche Ordnung er baut und darin/damit handelt => vermag seine blinden Flecken zu erhellen Wissenschaft als Beobachtung 2. Ordnung kann ihrerseits beobachtet werden => Wissenschaftstheorie und Methodologie (Regeln, wie Wissenschaft betrieben werden soll) dies kann wiederum betrachtet werden (als unterschiedliche Auusagen darüber
  • 2.2 Die Funktion der Sozialforschung Was nützt Sozialforschung im Alltag? Dem gesunden Menschenverstand überlegen? => Sozialwissenschaften im Vgl zu Naturwissenschaften vielleicht auf Stand von Medizinmännern/Schamanen. Nicht bezogen auf Forschungsmethodik und Wissenschaftstandarts, sondern vielleicht in Bezug auf Ergebnisse Aber: Orientierung an NaWi sinnvoll? Vermutlich andere Funktion: reflexives Wissen vs. instrumentelles Wissen
  • 2.2 Die Funktion der Sozialforschung: Bestätigung Bestätigt das, was wir schon wissen wenig spektakulär, aber nicht unbedingt trivial => Wissen wird sicherer Wir wissen zwar oft, dass Dinge so sind, aber nicht warum => Voraussetzung um Dinge zu ändern/beeinflussen Naive Theorien für richtig erklärt Dennoch: In Sozialwissenschaft viele Trivialitäten bestätigt (Relevanzproblem)
  • 2.2 Die Funktion der Sozialforschung: Entdeckung Deckt unerwartete oder nicht für möglich gehaltene Tatsachen auf, mit denen man im Alltag nicht gerechnet hätte z.B. Milgram-Experiment
  • 2.2 Die Funktion der Sozialforschung: Entmystifizierung und Auflklärung Entmystifiziert Selbstverständlichkeiten oder deckt für wahr gehaltene Zusammenhänge als falsch oder relativ auf für wahr gehaltene Zsh. falsifiziert für falsch gehaltene Zsh. verifiziert Bsp.: liberale Scheidungsgesetze => Anteil verheirateter Personen steigt (Schwelle zu Heiraten sinkt; aber Abgleich mit Scheidungsraten nötig) Todesstrafe: fördert Schwerstkriminalität => Staat zeigt, dass er Töten bewilligt (die meisten Morde im Affekt, Streit, aufgrund psych. Erkrankungen => Täter denken nicht über Folgen nach) Dissonanztheorie: 2 Gruppen mit sinnloser Tätigkeit, eine gut bezahlt, die andere schlecht => schlecht bezahlte beschrieb Tätigkeit als interessanter - ABER: nur unter bestimmten Bedingungen gültig, nämlich freiwillig etwas Idiotisches tun und dafür wenig Geld zu bekommen muss kompensiert werden und löst Dissonanz aus
  • 2.2 Die Funktion der Sozialforschung: Selbstaufklärung und Reflexion Instrumentelle vs. reflexive Vernuft bei Erforschung sozialer Zsh. ist Forsher Teil der Studie (klärt sich somit selbst auf) Instrumentelles Wissen/Vernunft (Naturgesetze, Technologie) vs. refelxive Vernunft (Beobachtung 2. Ordnung, Selbstdistanzierung)
  • 2.3 Grenzen des Alltagsdenkens als Fallstricke der empirischen Sozialforschung Grenzen des Alltagsdenkens (als Fehler und Trugschlüsse) schränken dessen Gültigkeit und Zuverlässigkeit ein, aber auch die empirischen SF, die ja auch von Menschen betrieben wird, zu schaffen machen Einschränkung der Wahrnehmung aber auch des Handelns sollen durch Wissenschaftlichkeit aufgehoben bzw. kontrollierbarer gemacht werden
  • 2.3 Grenzen des Alltagsdenkens als Fallstricke der empirischen Sozialforschung: Pseudoregelmäßigkeiten Bsp.: Ergänzung der Zahlenfolge: 1, 1, 2, 3, 5, 8 ... (die zwei vorhergehenden werden zur Dritten aufsummiert) 3, 12, 35, 36, 38, 44, 48 - Lottozahlen Wir sind offenbar geneigt, auch dort Regelmäßigkeiten  zu entdecken, wo objektiv gar keine sind Bsp.: Parapsychologie, Astrologie, Verknüpfung zufällig auftretender Ereignisse (erlernte Neurosen)
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  • 2.3 Grenzen des Alltagsdenkens als Fallstricke der empirischen Sozialforschung: Scheinkorrelationen Korrelation zwischen Schuhgröße und Einkommen. Wieso? keine Scheinkorrelation, sondern Scheinkausalität, wenn geschlussfolgert, dass Schuhgröße Einkommen determiniert => Unsinn, aber bei Beispiel noch offensichtlich sog. Drittvariable (z.B. Geschlecht determiniert Einkommen): Männer haben größere Füße, deshalb höheres Einkommen  =>Einkommen geschlechtsabhängig/angeboren => Unsinn! gesellschaftliche Verhältnisse mitbedenken, dass Männer besser bezahlte Jobs haben => aus aufgedeckter Erkenntnis wird Bestätigung von schon Gewusstem
  • 2.3 Grenzen des Alltagsdenkens als Fallstricke der empirischen Sozialforschung: selektive Wahrnehmung Bestätigung von naheliegenden/favorisierten Hypothesen können selbst hergestellt werden (Selbsterfüllende Prophezeiung) glauben z.B. Richter, dass Täter aus Unterschicht höheres Rückfallrisiko haben bekommen sie vielleicht höhere Gefängnisstrafe, was das Rückfallrisiko aufgrund der Härte der Strafe erst erhöht Psycholog. Forschung: Wenn Vpn und Versuchsleiter haben die Neigung sich bei Kenntnis der Hypothesen hypothesenkonform/-konträr zu verhalten experimentelle Prüfung: Wenn Versuchsleiter wussten, dass bestimmte Mäuse intelligenter waren, hatten diese bessere Lernresultate, als wenn VL es nicht wusste => "Sozialpsychologie des Experimentes" => Doppelblindversuch als ideales Design) Bsp. aus Anthropemetrie (Phrenologie von Broca & Gall im 19. Jh.) => positiver Zsh. zw. Schädelvolumen/Gehirnmasse und Intelligenz Annahme einer Rangordnung der Rassen; Europäer besonders großes Hirnvolumen => vermeintlich höhere Intelligenz => alle widersprechenden Beispiele als Sonderfälle aussortiert/wissenschaftlich methodisch heruntergespielt => Idologie/Rassismus hat in Wissenschaft nichts zu suchen
  • 2.3 Grenzen des Alltagsdenkens als Fallstricke der empirischen Sozialforschung: bewußte Täuschung von Guttenberg etc. (Karrierestreben, Wissenschaftsbetrieb) => kein Einfacher Gegensatz zwischen Alltagsdenken und emp. SF: Tücken des Alltagsdenkens auch Fallstricke der emp. SF Allerdings Anliegen der emp. SF diese Fallstricke durch methodische Sicherung  und bestimmte Forschungsdesigns zu minimieren, auszuschließen sind sie wohl kaum Also Kirterien: Wahrheit vs. Wahrhaftigkeit Tranzparenz und Nachvollziehbarkeit Selbstkontrolle Negative Ergebnisse sind auch Ergebnisse herrschaftsfreier Diskurs als Ideal Grundanliegen der emp. SF: bis jetzt wissen wir nur, dass sie das Alltagsdenken erhellen will und sich dazu Kriterien unterwerfen muss
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung 3 Ziele: Erkennen sozialer Zsh. Hilfe Probleme des sozialen Miteinanders zu lösen Folgen von sozialen - gezielten und entstandenen - Veränderungen abschätzen => 4/5 Fragen/Typen von Forschungsfragen: explorative Untersuchungen deskriptive Untersuchungen Prüfung von Hypothesen und Theorien Prognose Evaluationsstudien, -forschung
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Explorative Untersuchungen notwendig, wenn sozialer Bereich unbekannt, nur vage Vermutungen über Struktur des sozialen Raumes oder sozialer Handlungen vorliegen Hypothesen formuliert, aber noch nicht geprüft methodisches Vorgehen offen und eher qualitativ orientiert Vorgehen dennoch nicht voraussetzunglos: von impliziten Hypothesen, Vorwissen, Erwartungen gesteuert z.B. als Zugang zu unbekannten sozialen Milieus, Randgruppen, subkulturelle Milieus, zu denen Forscher normalerweise wenig Zugang hat Es gibt Merkmale A, B, C und sie sind dadurch charakterisiert
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Deskriptive Untersuchungen v.a. Schätzung und Erfassung von Häufigkeiten, Anteilen oder Durchschnittswerten der Verteilung eines sozialen Merkmals/sozialer Aktivitäten z.B. Wählerverhalten, Einstellungen ggüber Minderheiten, Durchschnittseinkommen, Einschaltquoten Demoskopie, Sozialbericherstattung geben Ist-Zustand wieder, eine Art momentane "Gesellschaftsdiagnose", allerdings ohne Aussage über Gründe und Ursachen Mglk. Verläufe oder Entwicklungen zu erfassen, als Veränderung von Statistiken Verteilung eines Merkmals A
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Explikation - Prüfung von Hypothesen und Therorien Prüfung vermuteter Zsh. zwischen Merkmalen z.B. Schichtzugehörigkeit und bestimmten sozialen Einstellungen, Einstellungen und ein bestimmtes Wahl-, Kauf- oder sexuelles Verhalten Hauptanliegen emp. SF, deswegen auch hier Hauptgewicht auf methodologische und methodische Verfeinerung und Kontrolel der Prüfung von Hypothesen und Theorie (oft synonym mit emp. SF) v.a. sog. Grundlagenforschung als eigentliche Wissenschaft auch hier Relevanz von Interesse und nicht nur reine Wahrheit: Wer hat Interessse, ob Schwulsein oder Fremdgehen biologisch bedingt oder Existenz von Vergewaltigungsgenen Explikation: B weil A oder immer wenn A wenn B (korrelativ vs. kausal)
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Prognose Trendforschung, Jahresgutachten etc. mit Prognosen (Wirtschaftsweisen) extrapoliert Aussagen aus empir. Zsh aus der Vergangenheit in die Zukunft keine Hellseherei, sondern emp. begründet Auf A wird B folgen
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Evaluationsstudien, -forschung Abschätzung der (Un)Wirksamkeit von praktisch-politischen, sozialplanerischen oder Bildungsmaßnahmen, sozialer und bildungsbezogener Reformen oder auch von beraterischen Interventionen anhand bestimmter Erfolgskriterien daneben auch Erfassen von (un)beabsichtigten Nebeneffekten auch Hypothesenprüfung => bestimmte Intervention hat bestimmte Wirkung Maßnahmen und Evaluation oft interessengeleitet => heikles Problem, dass bestimmte Maßnahmen bestimmte Wirkung haben sollen => wer stellt Erfolgskriterien auf und wer gibt dafür Geld aus? => hier schneiden sich auf besondere Weise Objektivität der Forschung und Interessengeleitetheit hier sog. Anwendungsforschung i. Vgl zur Grundlagenforschung, welche aber auch nur scheinbar interessenfrei (z.B. NaWi - Forschung zur Atombombe, Genforschung) Veränderung von B durch A
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Fazit Hypothesenprüfende Forschung sozusagen Herzstück auch in der emp. SF am meisten profiliert => Entwicklung eines eigenen Forschungszweiges: Wissenschaftstheorie (andere Forschungsformen allerdings eingeschlossen) Stellt sich verkürzt die Fragen: Wie ist es mit Hilfe der Forschung mgl. Wahrheit zu finden Was ist Wahrheit überhaupt? Was muss man beachten, wenn man ihr auf der Spur ist? Wie sind Fehler methodisch kontrollierbar? Womit muss man auch bei hoher methodische Exaktheit noch leben?
  • 2.4 Ziele und Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung: Wissenschaft als Theorie-Praxis und Theorie-Empiriezush. Theorie <=> Praxis Anwendung von Theorie/Reflexion von Praxis Theorie <=> Empirie Prüfung von Theorie "Wahrheit" Empirie <=> Praxis Wahrnehmung von Realität "Beobachtbarkeit"