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Klinische Psychologie (Erwachsene) (Fach) / Essstörungen Vorlesung + Zsfassung (Lektion)
Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Diagnostik, Therapie, Kriterien
Diese Lektion wurde von Bunterregen erstellt.
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- Anorexia Nervosa - Patientinnen empfinden sich trotz eines sehr niedrigen Gewichts als zu dick→ verzerrte Wahrnehmung des Körperschemas (Beeinträchtigung des Selbstwertes) - Hunger wird geleugnet, andere Symptome nicht beachtet oder fehlinterpretiert - als Folge der Mangelernährung eine Vielzahl somatischer Folgen: - Hypothermie (niedrige Körpertemperatur) - Hypotonie (niedriger Blutdruck) - Bradykardie (persistierender Ruhepuls von <= 60) - Lanugo (Flaumhaarbildung) - Oedeme - weitere metabolische/neuroendokrine Veränderungen - sekundäre Amenorrhö (ausbleibende Regelblutung) - Patientinnen verleugnen/minimalisieren über lange Zeit Schwere ihrer Krankheit und sind uninteressiert an Therapie
- Bulimia Nervosa - Hauptmerkmale - Hauptmerkmal: wiederholtes Auftreten von Essattacken (binge eating) → rasches und hastiges Herunterschlingen größerer Nahrungsmengen → dabei subjektives Empfinden, Kontrolle über das eigene Essverhalten verloren zu haben → Essattacken meist im Geheimen → unmittelbar nach der Essattacke regulierende Maßnahmen → Erbrechen, Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Appetitzüglern → vorwiegend hochkalorische (fetthaltige), leicht essbare Nahrung mit geringemProteinanteil, leicht zuzubereiten → Anfälle können mehrmals pro Woche bis hin zu mehrmals täglich auftreten → Dauer: ca. 1,5 h , auch halber Tag möglich - zwischen Essattacken restriktives Essverhalten- Extreme Sorge um Gewicht und Figur
- Bulimia Nervosa - Folgen des Erbrechens - Störung Mineralstoffwechsel (Kaliumverlust) → Gefahr Herzrhythmusstörung - Entzündungen/Schwellungen Speicheldrüsen - kariöse Schädigung des Zahnschmelzes - Veränderungen der Haut - Haarausfall
- Bulimia Nervosa - weitere Merkmale - Erbrechen funktioniert nach einiger Zeit fast automatisch (teilweise „Hilfen“ wie lange Holzstäbe, die die Speiseröhre verletzen können) - trotz Normalgewicht im biologischen Zustand der Mangelernährung (restriktiv zwischen Anfällen) - innerhalb weniger Tage Gewichtsschwankungen mehrerer Kilogramm (abwechselnd Fasten,Essanfälle) - oft Stimmungsschwankungen mit bulimischem Anfall verbunden→ kurzfristigem Gefühl der Erleichterung, durch Erbrechen Gewichtszunahme verhindertzu haben, folgen Niedergeschlagenheit und Schuldgefühle
- Komorbidität Essstörungen - Essstörungen treten meist im Jugendalter auf Komorbiditäten (am häufigsten):- affektive Störungen (Major Depression, Dysthymie)- Angststörungen (Sozialphobie, Zwangsstörungen und kindliche Angststörungen)- Substanzmissbrauch und -abhängigkeit- Persönlichkeitsstörungen (insbesondere die Borderline, die ängstlich-vermeidende und diezwanghafte Persönlichkeitsstörung)
- Differenzialdiagnostik Essstörungen - Schizophrene Menschen können auch bizarre Essgewohnheiten zeigen oder aufgrund vonWahnvorstellungen ihre Nahrungsaufnahme einschränken → ungewollter Gewichtsverlust - bei differenzialdiagnostisch auszuschließenden Störungen fehlen im Allgemeinen: - Störung des Körperschemas - übersteigerte Angst, dick zu werden - übermäßige Bedeutung von Gewicht und Figur für das Selbstwertgefühl - ärztliche Untersuchung zum Ausschuss körperlicher Erkrankungen
- Somatische Folgeerscheinungen - Anorexie - gestörte Funktion Nebennierenrinde, Keimdrüsen, Schilddrüsen, zentrale Regulation dieser Drüsen durch Hypophyse und Hypothalamus - Veränderungen im sympathischen Nervensystem - Veränderungen in Körperzusammensetzung (Fettanteil und fettfreie Körpermasse) - Veränderungen in der Temperaturregulation - Veränderungen im Stoffwechsel - Veränderungen im Wasser-/Mineralstoffhaushalt
- Somatische Folgeerscheinungen - Bulimie - niedriger Glucosespiegel- erhöhte Konzentration freier Fettsäuren und deren Metaboliten- Beeinträchtigung der Stimmung, Konzentration- Müdigkeit- Zahnschädigungen: Erosion des Zahnschmelzes, Verlust der Zahnhartsubstanz- drastische Verringerung der Zahngröße- Elektrolytstörung- Nierenschädigungen Missbrauch Abführmittel zusammen mit Elektrolytverlust)- rektale Blutungen- Wasserverlust- Dehydration- lebensbedrohliche Erschlaffungszustände des Dickdarms
- Prädisponierende Faktoren - soziokulturell vorgegebenes Schlankheitsideal und Diätverhalten → Dicksein negativ bewertet, positive Bewertung eines schlanken, mageren Körpers - körperliche Attraktivität wesentliche Rolle für weibliches Selbstwertgefühl → starker Druck, der sozialen Norm unabhängig von der individuellen Konstitution zu entsprechen - negative Bewertung des Körpers führ zu Maßnahmen zur Gewichtsreduktion → häufiges Diätverhalten einer der am besten gesicherten Risikofaktoren für die Entstehung einer Essstörung
- Prädisponierende Faktoren - Niedriges Selbstwertgefühl - erfolgreiche Gewichtsreduktion: kurzfristige pos. Konsequenzen in sozialer Umgebung - soziokulturelle Bedingungen begünstigen, dass während der Adoleszenz erfolgreiche Gewichtsreduktion und Schlanksein zur einzigen Quelle des Selbstwertgefühls werden → extreme Form: Anorexie → empirisch bestätigt, dass bei anorektischen/bulimischen Patientinnen ein beeinträchtigtes Selbstkonzept vorliegt
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- Prädisponierende Faktoren - Bedingungen in der Familie - Interaktionsmuster gekennzeichnet von: - Verstrickung - Rigidität - Überbehütung - Konfliktvermeidung - wechselnde Koalitionsbildung → systemisches Modell: Familienmitglied wird Symptomträger, um Stabilität desFamiliensystems aufrechtzuerhalten und offene Konflikte (zwischen Eltern) zu vermeiden
- Prädisponierende Faktoren - Lernerfahrungen - individuelle Lernerfahrungen im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme - Anorexie: Nahrungsverweigerung im frühkindlichen Stadium als Mittel der Umgebungsmanipulation → kommt im Anfangsstadium zum Tragen - Bulimie: Ausmaß, indem Essen als Mittel der Ablenkung, Belohnung oder Entspannung verwendet wird, um unangenehmen Gefühlen zu entgehen - häufige von physiologischen Bedürfnissen abgekoppelte Nahrungsaufnahme kann zumVerlernen normaler Hunger- und Sättigungsgefühle führen
- Prädisponierende Faktoren - Biologische Faktoren Anorexie:- primäre hypothalamische Dysfunktion, empirisch nicht bestätigt Bulimie:- primäre Störung/spezifische Vulnerabilität des serotonergen Systems → nicht bestätigt,eher als Konsequenz - höheres Gewicht bei normaler Nahrungsaufnahme → Ideal nur mit eindeutigen Einschränkungen erreichbar → empirisch gestützt: Viele Patientinnen vor Entwicklung der Bulimie leicht übergewichtig
- Prädisponierende Faktoren - Kognitive Faktoren - Denkstil essgestörter Patientinnen charakterisiert durch Verzerrungen u. IrrationaleAnnahmen, die zu Determinanten des gestörten Essverhaltens werden können
- Denkprinzipien essgestörter Patient*innen - Selektive Abstraktion: Eine Schlussfolgerung berücksichtigt nur isolierte Details und ignoriert gegenteilige Argumente, z. B. »Ich bin nur etwas Besonderes, wenn ich dünn bin.«- Übergeneralisierung: Ableitung von Regeln auf der Basis eines einzigen Ereignisses, z. B. »Früher habe ich Fleisch gegessen, und es hat mich fett gemacht. Deshalb darf ich jetzt kein Fleisch mehr essen.«- Übertreibung: Die Bedeutung von Ereignissen oder Tatsachen wird überschätzt, z. B. »Wenn ich 2 Pfund zunehme, kann ich keine Shorts mehr anziehen.«- Dichotomes bzw. Alles-oder-Nichts-Denken: z. B. »Wenn ich einmal die Kontrolle über Essen verliere, verliere ich sie für immer und werde fett«.- Personalisierung: z. B. »Jemand lachte, während ich an ihm vorbeiging. Sicher hat er sich über meine dicke Figur lustig gemacht.«- Magisches Denken: z. B. »Wenn ich ein Stück Schokolade esse, verwandelt es sich sofort in Fettpolster.«
- Essstörungen - Prädiktor - Ausmaß Körperschemastörung als bedeutsame Prädiktor für weiteren Verlauf (schlechter bei ausgeprägter Körperschemastörung - In vielen Fällen kritisches Lebensereignis vor Beginn einer Anorexie oder Bulimie→ Anpassungsanforderungen, denen Patientinnen zu diesem Zeitpunkt nicht gewachsen waren
- Faktoren der Aufrechterhaltung - selbstperpetuierender Kreislaufprozess (Circulus vitiosus) → mehrmonatige Mangelernährung führt zu einer ständigen gedanklichen Beschäftigung mit Essen und löst bizarre Verhaltensweisen im Umgang mit Nahrungsmitteln aus. → auch werden Veränderungen im affektiven (depressive Verstimmung, Reizbarkeit) und im kognitiven Bereich (Konzentrationsmangel, Entscheidungsfähigkeit) beobachtet → vegetative Funktionen (Schlaf, Sexualität) erheblich negativ beeinflusst - psychosoziale Ebene:durch abnormales Essverhalten bedingte Isolation und geminderten Interesse an anderenBereichen vergrößern sich die Defizite im Selbstwertgefühl und der Selbstwahrnehmung - metabolische Veränderungen, die Kalorienverbrauch herab setzen (normales Essverhalten führt zu Gewichtszunahme)
- Diagnostik Essstörung - Eating Disorder Examination EDE- Eating Disorder Inventory EDI- Body Shape Questionnnaire BSQ- Fragebogen zum Essverhalten FEV - Bulimia Nervosa: Behandlung wird aus eigener Motivation ausgesucht - Anorexia Nervosa: deutliche Ambivalenz gegenüber Behandlung
- Therapeutisches Vorgehen - Kurzfristig/langfristig - Kurzfristig: rasche Modifikation des Körpergewichts (untergewichtige anorektische Patientinnen) bzw. des Essverhaltens (normalgewichtige bulimische Patientinnen) → schnelle Rückbildung körperlicher Veränderungen - langfristig: Patientinnen in Lage versetzen, psychologische und psychosozialen Bedingungen zu erkennen und zu modifizieren, die im Zusammenhang mit dem gestörten Essverhalten stehen
- Kriterien für stationäre Behandlung - medizinisch - Kritischer Gewichtsverlust (< BMI 14)- Schwangerschaft (v.a. erstes Drittel)- massiver Laxanzien-/Diuretikaabusus
- Kriterien für stationäre Behandlung - Psychosozial - Spezifische psychosoziale Belastungsfaktoren (familiäre/partnerschaftlicheInteraktionsmuster, berufliche Belastung, soziale Isolation)
- Kriterien für stationäre Behandlung - Psychotherapeutisch - Latente/akute Suizidalität- Komorbide depressive Störungen, Störungen der Impulskontrolle, Persönlichkeitsstörungen- starke Hyperaktivität- Massive Vernachlässigung sozialer und beruflicher Bereiche- Scheitern bisheriger ambulanter Behandlungsversuche
- Therapeutisches Vorgehen (I) - Informationsvermittlung, individuelles Störungsmodell - Normalisierung Essverhalten (Erlernen der Wahrnehmung von Signalen für Hunger & Sattheit) - Gewichtssteigerungsprogramm bei Anorexia Nervosa → operante Prinzipien, die Patientin gewisse Privilegien in Abhängigkeit von erfolgreicher Gewichtszunahme gewährleisten → Vertragsschluss, maximale Transparenz für Patientin → erst ab BMI >= 18 körperlichen Folgen und Komplikationen zurückgebildet - Selbstkontrollprogramm - Psychoedukation - Therapievertrag - Bearbeitung zugrunde liegender Problembereiche
- Therapeutisches Vorgehen (II) - Fremdkontrollprogramm Phase 1 : Mahlzeit im Zimmer, Telefonate/Besuche nur am Wochenende, kein Verlassen der Station Phase 2: Mahlzeiten im Speiseraum unter Supervision, Aufenthalt in der gesamten Klinik, Klinik darf nicht verlassen werden, Besuche am Wochenende möglich Phase 3: Mahlzeiten ohne Supervision, keine Einschränkungen Bewegungsfreiheit, Besuche jederzeit
- Therapeutisches Vorgehen (III) - Ernährungsmanagement bei Bulimia Nervosa → Ziel: gezügeltes Basisessverhalten→ Essverhalten zwischen Attacken so, dass keine psychologischen/physiologischenDeprivationszustände auftreten (begünstigen Attacken)
- Therapeutisches Vorgehen (IV) - Kognitive Interventionen → Patientinnen sollen lernen, verzerrte Einstellungen zum Körper und Gewicht, aber auch zu anderen Themen wie u. a. Sinn des Lebens, Glücklichsein, Leistungsdenken, Partnerschaften oder Familie zu identifizieren und durch rationalere Einstellungen zu ersetzen→ hinterfragen der Einstellungen→ Erarbeitung neuer angemessener Einstellungen→ Überprüfung neuer Einstellungen und deren Konsequenzen in der Realität - Interventionen zur Veränderung der Körperschemastörung