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RAAP Klinische Psychologie (Fach) / 12 Essstörungen (Lektion)
Symptome & Diagnostik, Epidemiologie & Verlauf, Ätiologie, Therapie
Diese Lektion wurde von PsychologieSemester6 erstellt.
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- Wie lauten die Klassifikationen nach dem ICD-10? F50.0 Anorexia nervosa F50.1 atypische Anorexia nervosa F50.2 Bulimia nervosa F50.3 atypische Bulimia nervosa F50.9 nicht näher bezeichnete Essstörungen (u.a. Binge Eating Störung) E66 Adipositas durch übermäßige Kalorienzufuhr BMI 30-35 E66.01 BMI 35-40 E66.02 BMI >40 E66.09
- Kriterien für Anroexia nervosa nach ICD-10 A. Gewichtsverlust min. 15 % des Körpergewichts (BMI<17.5) B. Gewichtsverlust selbst herbeigeführt durch Vermeidung "fettmachender" Speisen C. Körperschemastörung: Selbstwahrnehmung als "zu fett"; Angst, zu dick zu werden D. Endokrine Störung Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse Frauen: Amenorrhoe, Männer: Interessenverlust an Sexualität & Potenzverlust E. Ausschluss: Kriterien A & B für Bulimia nervosa nicht erfüllt
- Subtypen der Anorexia nervosa nach ICD-10 F50.00 Anorexie ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme - restriktiver Typus: Reduktion der Nahrungszufuhr F50.01 Anorexie mit aktiven Maßnahmen zur Gewichtsabnahme - (Binge Eating)/Purging Typus: Essanfälle & Purging-Verhalten
- Kriterien für Bulimia nervosa A. Essanfälle (Zufuhr großer Nahrungsmengen in kurzer Zeit & Kontrollverlust) -> min. 2x pro Woche, min. 3 Monate B. andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehlicher Gier, Zwang zu essen C. Maßnahmen, um Gewichtszunahme zu verhindern - selbstinduziertes Erbrechen - Missbrauch von Abführmitteln - zeitweilige Hungerperioden - Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten & Diuretika D. Selbstwahrnehmung als "zu fett"; Angst dick zu werden (bei Normalgewicht/leichtem Untergewicht)
- Kriterien für Binge Eating Störung (nach DSM-5) A. Essanfälle (Zufuhr erheblich größerer Nahrungsmengen in kurzer Zeit + Kontrollverlust) B. Essanfälle treten zusammen mit min. 3 der folgenden Symptome auf: - wesentlich schneller essen als normal - essen bis zu unangenehmen Völlgefühl - essen ohne hungrig zu sein - allein essen aus Verlegenheit über Menge - negativer Affekt nach übermäßigem Essen C. deutliches Leiden wg. d. Essanfälle D. keine unangenehmen kompensatorischen Verhaltensweisen, Ausschluss v. Anorexia nervosa & Bulimia nervosa
- Methoden zur Diagnostik essbezogener Störungen • Medzinische Abklärung -> stationäre Behandlung? • Interviews: SKID oder DIPS • Eating Disorder Examination (EDE): Strukturiertes Interview - Subskalen: gezügeltes Essen / essbezogene Sorgen / Gewichtssorgen / Figursorgen • Eating Disorder Inventory (EDI/ EDI-29): Selbsteinschätzung (91 Items) - 11 Subskalen: Schlankheitsstreben / Bulimie / körperliche Unzufriedenheit / Ineffektivität / Perfektionismus / zwischenmenschliches Misstrauen / Interozeption / Angst vor Erwachsenwerden / Askese / Impulsregulation / soziale Unsicherheit
- Differenzialdiagnosen essbezogener Störungen, gleiche Merkmale & Unterschiede • Depression: Gewichtsverlust und Veränderung des Appetits - Unterschied: ungewollter vs. gewollter Gewichtsverlust • Zwangsstörung: Rituale bzgl. Essen bzw. Nahrungsaufnahme - Rituale zur Abwehr gefürchteter negativer Konsequenzen • Körperdysmorphe Störung: Beschäftigung mit eigenem Aussehen - kein gestörtes Essverhalten, Fokus auf einzelne Aspekte (nicht generell Figur/Gewicht) • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Hungern/Fasten/Essanfälle - selbstschädigendes Verhalten, wenn keine Esstörung vorliegt
- Epidemiologie und Verlauf - Allgemeine Fakten - Symptome gestörten Essverhaltens haben hohe Prävalenz in Allgemeinbevölkerung - z.B. Unzufriedenheit mit Figur/Gewicht, gezügeltes Essverhalten, Heißhungeranfälle - 2/3 Frauen in Adoleszenz -> Maßnahmen zur Gewichtsreduktion/chronische Diät
- Epidemiologie und Verlauf - Vergleich Anorexia n., Bulimia n. & Binge Eating - Anorexia nervosa: 0.8% Lebenszeitprävalenz, m:w = 10:1, Beginn 10-19 Jahre, Mortalität 5%, Suizidrate 0.6% Verlauf: Remission 47%, Besserung 33%, chronischer Verlauf 20% - Bulimia nervosa: 1-2% Lebenszeitprävalenz, m:w = 10:1, Beginn 18-19 Jahre, Mortalität 3.9%, Suizidrate 0.9% Verlauf: Remission 50-75%, Besserung 30%, chronischer Verlauf 20% - Binge Eating: 3-4% Lebenszeitprävalenz, m:w = 2:1, Beginn 20-30 Jahre Verlauf: Remission 60-80%
- Welche körperlichen Folgeschäden können Esstörungen haben? Erbrechen → Zahnprobleme → Speicheldrüsenstörung → Pankreatitis → Elektrolytstörungen Mangelernährung → Amenorrhoe → niedrige Körpertemperatur → niedriger Blutdruck, verlangsamter Puls → geringe Knochendichte → Stoffwechsel & Elektrolytstörungen → Herzprobleme/Herzstillstand → Veränderung der Haut (trocken, rissig, rau) der Nägel → Haarausfall
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- Welche psychischen Folgen können Essstörungen haben/ mit welchen anderen psychischen Störungen sind sie komorbid? ⊗ affektive Störungen generell (50-75%) ⊗ Zwangsstörungen/zwanghafte Züge (30-60% Anorexia n.-Patienten prämormid vorhanden, Bulimia n. weniger) ⊗ Angststörungen bei Bulimie (bis zu 90%) ⊗ Substanzmissbrauch (häufiger bei Bulimia n. als bei Anorexia n.) ⊗ Persönlichkeitsstörungen (Borderline-Persönlichkeitsstörung ca. 90% Essgestörter, histrionische Persönlichkeitsstörung häufiger bei Bulimie)
- Ätiologie - warum sind viel mehr Frauen betroffen? - Unterschiede im Schönheitsideal → Männer: muskulös, stark, breite Schulter (aber Männer mit Essstörungen wünschen sich auch mageren, dünnen Körper → Frauen: dünn, schlank, leicht untergewichtig - Diagnosebias (Scham, Verkennung der Symptome bzw. andere Symptome) - unterschiedliche Methoden zur Gewichtreduktion → Männer: Sport → Frauen: Diät
- Welche Risikofaktoren birgen gesellschaftlicher Druck und familiäre Faktoren zur Entwicklung einer Esstörung? Gesellschaftlicher Druck - Wandel des Schönheitsideals in d. letzten 50 Jahren - ↑ Prävalenz Essstörungen bei Models, Schauspielern, Tänzern, bestimmten Sportarten - ↑ Prävalenz weiße amerikanische Frauen Oberschicht (Unterschiede verschwinden langsam) - Vorurteile gegenüber übergewichtigen Personen: faul, undiszipliniert, zügellos, willensschwach, genusssüchtig, wenig leistungsbereit - Zunahme Essstörungen in nicht westlichen Länder Familiäre Faktoren - mütterlicher Perfektionismus, Schlankheitsvorstellungen - systemische Theorien: verstrickte Familienmuster, unklare Interaktion & Kommunikation
- Biologische Faktoren - Welche Bedeutung hat die Genetik? - Verwandte 1. Grades von Patienten mit Essstörungen → erhöhtes Risiko für Essstörungen im Vgl. zu Verwandten von gesunden Personen (Anorexia nervosa 11x, Bulimia n. 4-10x, Binge Eating Disorder 2x) - Konkordanzraten: • Bulimie: MZ 23%, DZ 9%; subklinisch MZ 47%, DZ 7% • Anorexie: Erblichkeit 58% (aber zu selten: 11 Fälle in N=597 MZ, N=433 DZ)
- Biologische Faktoren - Einfluss des Hormons Serotonin - reduzierte Aktivität bei Patienten mit Essstörungen - unklare Kausalität, da auch bei Zwang und Depression - niedrige Serotoninaktivität → Verlangen nach stärkehaltigen Nahrungsmitteln - alternativ: ursprünglich erhöhter Serotoninspiegel → durch Nahrungsrestriktion reduziert
- Biologische Faktoren - Inwiefern kann die Dysregulation des Hypothalamus zu Essstörungen führen (lateraler und ventromedialer Hypothalamus)? ⇒ lateraler Hypothalamus: Hunger - Stimulation → unkontrollierte Nahrungsaufnahme - Läsion → totale Nahrungsverweigerung ⇒ ventromedialer Hypothalamus: unterdrückt Hunger - Stimulation → Beendigung der Nahrungsaufnahme - Läsion → Zunahme Verdauungsgeschwindigkeit und Gewichtszunahme
- Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen Essstörungen und Entscheidungsverhalten bzw. wie wurde dieser untersucht? - Probanden mit Anorexia nervosa (AN) → n=21, BMI 15.7 (innerhalb von 24h nach Aufnahme in Klinik) - gesunde Kontroll-Probanden (HC) → n=21, BMI 22.7 - Entscheidung zwischen fettreichen und fettarmen Speisen/Items → AN-Patienten wählten seltener fettreiche Items → AN-Patienten zeigen stärkere Aktivität im dorsalen Striatum (Caudate) bei Essensauswahl • dorsales Striatum: Automatisierung von Verhalten (habits, Gewohnheiten)
- Was besagt die "Set Point-Hypothese"? - genetisch determiniertes "ideales Körpergewicht" - dauerhaftes Über-/Unterschreiten führt zu Störungen von Hunger, Appetit & Sättigung; Befind- lichkeitsstörungen - Minnesota-Studie (1944) - 50% Kalorienreduktion für 6 Monate & 15h körperliche Arbeit/d - Gewichtsverlust ca. 25% - Heißhungerattacken, ständige Beschäftigung mit Nahrung - Depression, Angst, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen - anschließend rasche Gewichtszunahme (v.a. Fett- & weniger Muskelmasse)
- Ätiologie - Diätverhalten und Essstörungen - Punktprävalenz: 39% Frauen, 21% Männer - Ursache für Essstörungen - aber: konfundiert mit Unzufriedenheit mit eigenem Körper
- Erklären Sie das kognitiv-verhaltenstherapeutische Störungsmodell! Soziokultureller Kontext wirkt auf Risikofaktoren (z.B. genetische Faktoren, Geburts-komplikationen, kindliche Ess- & gastroinstenstinale Probleme) ein → haben beide Einfluss auf Selbstwertgefühl, dieses wird niedrig/labil → dies erzeugt zusammen mit spezifischen Auslösern einen Teufelkreis ... ... für Anorexia nervosa: Nahrungsrestriktion → Gewichtsverlust/unrealistisch niedriges Gewicht → Steigerung Selbstkontrolle & Selbstwirksamkeit → Nahrungsrestriktion ... für Bulimia nervosa: Steigerung der Selbstkontrolle & Selbstwirksamkeit bei Anorexia → Heißhungeranfälle → kompensatorische Maßnahmen (Erbre- chen, Laxanzieneinnahme etc.) → Spannungsreduktion → wieder zur Nahrungsrestriktion bei Anorexia nervosa - sowohl Anorexia nervosa als Bulimia nervosa erzeugen/begünstigen psychische & soziale Folgeschäden → diese führen wiederum zu einer wahrscheinlichen Reduktion des Selbst- wertgefühls
- Therapie - Unter welchen Bedingungen sollte eine stationäre Behandlung erfolgen? - Verlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts/ BMI<14 - somatische Komplikationen → Elektrolytentgleisungen → Hypothermie → kardiovaskuläre Komplikationen → Niereninsuffizienz - (komplizierte) psychische Komorbidität - starker Kontrollverlust - Suizidalität
- Nennen und erklären Sie Behandlungselemente der Therapie von Esstörungen! - Informationsvermittlung - Selbstbeobachtungsphase: Essprotokolke - Essverhalten und Gewicht normalisieren • Normalisierung des Essverhaltens & Abbau der "schwarzen Liste" • Umgang mit Essanfällen und Erbrechen • Stimuluskontrolle und Reaktionverhinderung - Bearbeitung mit verbundenen Problemfeldern (Familiäre Situation, ↓ Selbstbewusstsein, ...) - Identifikation/Modifikation dysfunktionaler Gedanken & Einstellungen - Bearbeitung der Körperschemastörung (u.a. Figurexposition) • Körperübungen, Körpererfahrungen • kognitive Techniken - Stabilisierung und Rückfallprophylaxe