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Einführung Politikwissenschaft (Fach) / Internationale Beziehungen II: Krieg und Frieden (Lektion)

11. Dezember 2018

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  • Einleitende Gedanken - Friedensparadigma (Krieg und Frieden als zentrales Explanandum) - Kontroverse um den "demokratischen Frieden" - Puzzle: Doppelbefund zum "demokratischen Frieden" (Geis 2001)   - Demokratien führen gegeneinander (fast) keine Kriege   - Demokratien sind nicht inhärent friedlicher; sie sind nahezu ebenso häufig wie Nicht-Demokratien in Kriege verwickelt   - Befund von "demokratischen Separatfrieden" und dem "externen Bellizismus" der Demokratien
  • Kant "Zum ewigen Frieden" (1795) Ideele Grundlage des Theorems vom demokratischen Frieden: Immanuel Kant (1724-1804)  und die Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) - Ziel: Überwindung des permanenten Krieges und Etablierung einer stabilen internationalen Friendensordnung - Kant: Idee einer vernunftbasierten grenzüberschreitenden Rechtsgemeinschaft, die zur Befriedung der zwischenstaatlichen Beziehungen führt - 1. Definitivartikel: "wenn die Bestimmung des Staatsbürger dazu erfordert wird, ob Krieg sein solle oder nicht, so ist nichts natürlicher als dass .. sie sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen (Kant) - 2. Definitivartikel: "Für Staaten im Verhältnis untereinander kann es nach der Vernunft keine andere Art geben aus dem gesetzlosen Zustand, der lauter Krieg enthält, herauszukommen, als dass sie ebenso wie einzelne Menschen ihre wilde (gesetzlose) Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgesetzen bequemen und so einen (freilich immer wachsenden) Völkerstaat (civitas gentium), der zuletzt alle Völker der Erde befassen würde, bilden" (Kant)
  • Forschung zum "demokratischen Frieden" in der IB - stellt den Zusammenhang von Herrschaftsform und Konfliktverhalten in den internationalen Beziehungn auf den empirischen Prüfstand: der Doppelbefund - neben IB-Debatten über die Ursache zwischenstaatlicher Kreige und Konflikte auf der Systemebene (Neorealismus) und der Ebende des Staates (Demokratischer Frieden) lassen sich auch rationalistische Konflikttheorien benennen - ob es sich um eine "Theorie" handeln, ist strittig: zwar gibt es eine unabhängige Variable (Demokratie) und eine abhängige Variable (zwischenstaatlicher Krieg), aber es fehlen Aussagen darüber, wie die unabhängige auf die abhängige Variable wirkt - monadische Variante: Betrachtet wird nur der Regimetyp "Demokratie" unabhängig davon, welche Herrschaftsform ein anderer Staat hat (Bed.: allein, einzeln: Demokratien an sich als einzelne Entität friedfertig sind, unabhängig vom Herrschaftstyp gegenüber) - dyadische Variante: es wird unterschieden zwischen "Demokratiedyaden" und "gemischte Dyaden" (Bed.: Zweitheit: Demokratien in Zweierbeziehung mit anderen Demokratien friedfertig sind   
  • Forschung zum "demokratischen Frieden" in der IB - Neorealistischer Ansatz - Anarchi-Theorem - Relatives Machtgleichgewicht zwischen den Staaten reduziert eher die Wahrscheinlichkeit für Konflikt (balance of powers) - Relative Ungleichgewichte (power proponderence) erhöhen eher aggressives Verhalten Aber: Kriegswahrscheinlichkeit höher bei etwa gleichstarken Konfliktpartnern
  • Demokratie und Nicht-Demokratie - erstaunlicherweise hat die Forschung zum "demokratischen Frieden" keine eigene Demokratiedefinition - zurückgegriffen wird in der Regel auf Demokratiemaße, in der empirischen Forschung Verwendung finden und den "Demokratie-" oder "Freiheitsgrad" politischer Systeme untersuchen - gängige Demokratiedatensätze in der Forschung zu Krieg, Konflikt und Frieden    - Freedom House (Skala politischer und bürgerlicher Freiheiten, von 1-7, je höher desto unfreier; 1973 bis heute   - Polity (Skala demokratischer und autokratischer Institutionen, Regeln und Verfahren von -10 bis +10; je höher, desto demokratischer, Polity IV: 1800 bis 2015)
  • Polity Project Monty Marshall, Keith Jaggers, Ted Gurr - 4 Runden der Aktualisierung (Polity I bis Polity IV - 2 Dimensionen (Demokratie, Autokratie), 3 Variablen, 5 Indikatoren, 21 Punktbewertungen - Punktzuweisung, ca 10 Experten; 2 Messschritte 1. der Demokratiegrad eines politischen Systems 2. der Autokratiegrad (jeweils Skala von 0-10) - Polity Score liegt zwischen +10 und -10:   - -10 bis -6: intern kohärente Autokratie   - -5 bis +5: Anokratie ("Mischsystem")   - +6 bis +10: intern kohärente Demokratie - in der empirisch-vergleichenden Demokratieforschung werden die Polity-Daten mehrheitlich als wenig valide und reliabel beurteilt - in der Konflikt- oder Kriegsursachenforschung hingegen sind die Polity-Daten die Grundlage der meisten quantitativen Studien zum demokratischen Frieden
  • Krieg und Frieden Begriffe Frieden (umstrittene) Prämisse: - Frieden als Abwesenheit von Krieg entspricht einem Begriff des negativen Friedens (Fehlen direkter Gewalt) - Friede als "Nicht-Ereignis" (Friede = "Nicht-Krieg") - Frieden als Abwesenheit von struktureller Gewalt entspricht dem Begriff des positiven Friedens (The Extended Concepts of Violence and Peace - Galtung 1969) - zwischenstaatlicher "Krieg ist ein zwischenstaatlicher Gewalteinsatz, an dem reguläre Truppen min. zweier Staaten beteiligt sind, der von der Regierung angeordnet wurde und der min. tausend Tote unter den Streitkräften gefordert hat" (Correlates of War; Small/Singer 1982) - (einige) Probleme der Definition: Schwellenwertbestimmung, direkter Bezug (was ist mit zivilen Opfern in Folge von Hunger, Vertreibung etc.), Wandel des Kriegsgeschehens, neue Kriege, neue Formen des Einsatzes militärischer Gewalt durch Demokratien Krieg als Teilmenge gewaltsamer Konflikte -> was ist mit den anderen (gewaltsamen) Konflikten? Gewaltlose Konflikte: Stufe 1 + Stufe 2 Konflikte mittlerer Intensität: Stufe 3 Hich gewaltsame Konflikte: Stufe 4 + Stufe 5 
  • Doppelbefund Empirie - der Doppelbefund ist robus, wenn wir mit den Konzepten und Indikatoren arbeiten, wie sie in der Literatur verwendet werden - je feiner bzw. je differenzierter wir "Demokratie" und "Krieg" messen, desto schwächer wird die Robustheit des empirischen Bildes
  • Doppelbefund Theorie 1. Strukturell-instituionalistische Erklärungen - interne Zwänge und strukturelle Barrieren, insbesondere freier politischer Wettbewerb und schwerfällige, komplexe politische Entscheidungsprozesse 2. Normativ-kulturelle Erklärungen - Internalisierung der Anti-Kriegsnorm wird auch in den Interaktionen mit anderen Staaten externalisiert 3. Sozialkonstruktivistische Erklärungen - Demokratien nehmen sich gegenseitig als Demokratien wahr, was Vertrauen stärkt und Sicherheitsdilemmata abbaut 4. Interdependenz als (funktionalistische) Erklärung - Konsten von Nicht-Kooperation übersteigen Kosten der Kooperation, da ökonomische Interdependenz und spill-over-Effekte (Übergreifen) auf andere Politikfeldet besteht 5. Rationalistische Erklärung - Friedfertigkeit zwischen Demokratien als rationale Erwartungsnutzen-Kalkulation
  • Doppelbefund - zum Separatfrieden - Demokratien brauchen "gute Gründe" für die Kriegführung: kriegsaverse Einstellung - Kontrolle des Entscheidungsprozesses: willkürliches Handeln wird unterbunden - Transparenz: schafft Vertrauen - Ähnlichkeit führt zu Erwartungssicherheit  - Innen-Außen-Analogie: interne Rechtsstaatlichkeit führt zu externem Rechtsgehorsam - Interdependenz-Ansätze: Politische und wirtschaftliche Interdependenz, die als externe Zwänge im Sinne von Kosten auf die Konfliktakteure und ihre Handlungskalküle zurückwirken (Demokratien stellen sich in Kriegen gegen andere Demokratien aufgrund höherer Vernetzung schlechter, als bei Aufrechterhaltung des Status quo) - zugespitzt in der These vom triangulierten Frieden: Ursache für Frieden in die triadische Verknüpfung von Demokratie, ökonomischen Interdependenzen und Mitgliedschaft in internationalen Organisationen - Demokratien vermeiden eher lange Kriege, wählen Kriege mit höheren Erfolgsaussichten (Grund: regelmäßig stattfindende Wahlen) und versuchen, die eigenen materiellen und personellen Kosten möglichst gering zu halten
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  • Doppelbefund - zum externen Bellizismus - Demokratien sind reich und wehrhaft: Demokratien gewinnen die meisten Kriege (81% vs. 19% zu ihren Ungunsten) und sind deswegen wenig kriegsscheu - Demokratien sehen sich durch Aggressionen und Autokratien bedroht (Doyle 2005) - "Demokratischer Expansionismus" nach dem 2. Definitivartikel von Kant - "Duty to protect"
  • Kritk 1. Statistisches Artefakt (Spiro 1994): Demokratien sind historisch so selten, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie Krieg gegeneinander führen könnten 2. Selektiver Blick auf Konflikt- und Gewalteinsatz durch Demokratien: Zu enge Friedensdefinition (= "Nicht-Krieg" nach klassischer Kriegsdefinition) definiert die Formen demokratishen Gewalteinsatzes "weg" 3. "Near misses" (Layne 1994): Fälle von "fast Krieg" können andere Theorien besser erklären 4. Aktuelle Relevanz:    - Demokratien im Zeitalter des Terrorismus, von "Demokratisierungskriegen" und "duty to protect" zu moralisitischen Gewaltexporteuren?   - Neue Kriege (z.b. Aufstandskriege): ist der internationale Zugriff noch zeitgemäß?   - Neue Formen der Kriegsführung durch Staaten (Aufgabe der Wehrpflicht, Drohnenkrieg) - aus de Augen, aus dem Sinn?