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Einführung Politikwissenschaft (Fach) / Internationale Beziehungen I: Gegenstände, Fragestellungen; Theorien (Lektion)
4. Dezember 2018
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- Definition des doppeldeutigen Begriffs "Internationale Beziehungen" (IB) 1. Bezeichnung eines Forschungsgegenstands der PoWi - das Geflecht der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Beziehungen, wie es in der Interaktion zwischen den Staaten, den staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren geformt wird 2. Bezeichnung eines Teilbereichs der PoWi - Analyse der Außenpolitik von Staaten, internationale Systeme und der internationalen Politik - internationales System = Summe aller dauerhaften grenzüberschreitenden Beziehungen und Aktionsmuster (Czempiel 2004)
- Internationale Politik (IP) - alle Politik, die staatliche Grenzen überschreitet - IP ist "Politik unter den Bedingungen der Anarchie (Schimmelfennig 2016) - im Unterschied zu nationalstaatlicher Politik fehlt im internationalen System eine übergeordnete, gewaltbewehrte Zentralinstanz - Anarchie vs. Hierarchie - in eine anarchischen System stehen die Akteure in einem formal gleichrangigen Verhältnis zueindern: "keiner von ihenen ist berechtigt zu befehlen; keiner ist verpflichtet zu gehorchen" (Kenneth Waltz) - grundsätztlich gelten die gleichen substantiellen Anforderungen an die Leistungserbringungen wie auch innerstaatlich: Gewährleistung von Sicherheit, Wohlfahrt und Freiheit - besondere Herausforderung: Erbringung dieser Leistung unter Anarchie - Kooperationsprobleme und Vorraussetzung für eine politische Marktkorrektur sind ungünstig - Unfreiheit innerhalb von Staaten, da innere Souveränität auch für Nicht-Demokratien gilt
- 3 Forschungsparadigmen 1. Friedensparadigma ( Krieg und Frieden als zentrales Explanandum ) 2. Kooperationsparadigma ( Zusammenarbeit als zentrales Explanandum ) 3. Ordnungsparadigma ( Strukturen und Inhalte von Global Governance)
- Forschungsgegenstände alle Bereichte und Dimensionen der Poltik, in der Staaten bzw. nichtstaatliche Aktuere in Interaktion mit anderen Staaten bzw. nichtstaatlichen Akteuren stehen konkrete Forschungsgegenstände: - Internationale Sicherheit (dominiert in D; vgl. Risse und Wemheuer-Vogelaar 2016) - Konflikt (Ost-West, Nord-Süd) - Handel - Globalisierung - Entwicklungspolitik - Globale Herausforderung wie Umweltschutz oder die Bekämpfung des Klimawandels
- Theoriedebatten Def. + 4 IB-Theorien unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Reichweite und ihren Gegenstand - empirische Generalisierungen (geringe Reichweite, konkreter Bezug auf eng definierten Gegenstand der IB) - Bereichstheorie (mittlere Reichweite, Kategorien oder Teilbereiche wie Macht und Integration) - Groß- oder Metatheorien (große Reichweite, Bezug auf die gesamte IP) 1. Idealisten vs. Realisten (1940/50er Jahre) - Glaube an die Möglichkeit des Friedens durch Aufklärung, Erziehung und Herstellung einer internationalen Friedensordnung vs. Unsicherheit und Angs als Strukturmerkmal der IP und Machterwerb/-erhalt als Ziel der Außenpolitik 2. Szientisten vs. Traditionalisten (1960er) - Sozialwissenschaftlich-analytische, nomothetisch orientierte Herangehensweise vs. traditionalistisches Wissenschaftsverständnis 3. Positivisten vs. Post-Positivisten (1980er) - Herausforderung der positivistischen Orthodoxie durch post-positivistische / post-strukturalistische Theorien 4. Rationalisten vs. Konstruktivisten (1990/2000er) - Auseinandersetzung über die Rolle von Ideen, Werten und Normen, erkenntnistheoretische und ontologische Debatt
- Kritik der vier "großen Debatten" in der IB Schmidt 2013 1. Trägt eher zur Verwirrung als zur Strukturierung des theoretischen Pluralismus bei 2. Debatten (insbesondere 1. Debatte) haben als solche nicht stattgefunden; nachträgliche Konstruktion 3. Natur der Debatten wesentlich komplexer, zugleich werden andere Kontroversen ausgeblendet 4. Tatsächliche Diskussionslandschaft sehr viel pluralistischer und heterogener als dies die Debatten-Literatur suggeriert
- IB-Großtheorien anarchisches System souveränder Staaten und die klassischen Theorieschulen 1. (Neo-)Realismus 2. Libearlismus / Institutionalismus 3. Marxismus / Kritische Theorie 4. (Sozial-)Konsturktivismus
- Klassischer Realismus Vertreter: Hans Morgenthau - Zenrale Kategorie ist Macht - Macht ist der zentrale Antrieb außenpolitischen Handelns - Ergebnis der Machtkonkurrenz zwischen den Staaten : eingeschränkte Möglichkeiten zwischenstaatlicher Kooperation
- Neorealismus (struktureller Realismus) Vertreter: Kenneth Waltz - verortet das Kernproblem "nicht in der Natur des Menschen, sondern in der Natur des internationalen Systems, die für die Staaten ein SIcherheitsdilemma erzeugt" (Deitelhoff/Zürn 2013) - Machtkampf von Staaten wird auf die Struktur des internationalen Systems zurückgeführt - Streben nach Sicherheit bewirkt "Sicherheitsdilemma" - nicht nur Macht- oder Sicherheitsstreben von Staaten verhindern Kooperation, sondern auch die Strukturellen Bedingungen des internationalen System -> Anarchie: asymmetrische Information, Unsicherheit - Dennoch: Staaten im internationalen System können und werden alternative Handlungsoptionen entwickeln und nutzen
- Liberalismus / Institutionalismus Vertreter: Woodrow Wilson - Ausgangspunkt: Immanuel Kants Schrift zum ewigen Frieden - keine übergeordnete Zentralinstanz - Schaffen wechselseitiger Abhängigkeiten ("Interdependenzen") auch durch transnationale Verflechtungen - Institutionen (sollen) die Interessen der Akteure in kooperative Bahnen lenken - neben Staaten auch Bevölerkung als zentrale Akteure - Originär liberaler Strang - Struktur der innenpolitischen Interessenvermittlung entscheidet über das außenpolitische Verhalten von Staaten im internationalen System (vgl. "two-level games" von Putnam 1993) - Institutionalistischer Strang - Instituitionen und Organisationen ermöglichen stabilden Kooperationsrahmen - internationale Institutionen können Zusammenarbeit stabilisieren, indem sie Unsicherheit reduzieren Institutionen = dauerhaftes, formal oder informell verregeltes Muster sozialer Beziehungen (Gewohnheiten, Praktiken) mit Ordnungs- und Reglungscharakter, gilt als legitim u. wird mit Sanktionen durchgesetzt - Staaten suchen auch ohne legitimes internationales Gewaltmonopol nach Kooperationsmöglichkeiten - Ziel: Wohlfahrts- und Sicherheitsmaximierung, Stabilität Zentrale Prinzipiel/(un)geschriebene Regeln der internationalen Politik - wechselseitige Annerkennung von Souveränität - Einhaltung von Vereinbarung - Vertraulichkeit - Regeln, die den Einsatz von Gewalt regeln bzw. einschränken
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- Neuer Liberalismus seit Ende 1970/80er Jahre; Vertreter: Ernst-Otto Czempiel, Thomas Risse, Andrew Moravcsik Verlagerung des Analyse Fokuses - von der Staatenwelt zu Gesellschaftswelt - vom Staat als unitarischer Akteur im festen Set an "ewigen" Präferenzen, hin zu innergesellschaftlichen Präferenzbildungsprozessen - Schwerpunktsetzung auf den Zusammenhang von Regierungsform und Gewalt (Czempiel: partizipatorische Herrschaftssysteme beruhen auf einem breiten Konsens und sind deshalb weitestgehend gewaltfrei nach innen und außen -> Theorem des "demokratischen Friedens")
- Marxismus / Kritische Theorie "Politisch-ökonomische Analyse" Vertreter: Karl Marx Ausgangspunkt sind i.d.R Imperialismustheorien - Imperialismus: Politik der Herrschaftsausdehnung jenseits der eigenen Staatsgrenzen durch direkte Eroberung fremder Territorien oder indirekter Kontrolle dieser Territorien - Imerialismus ist eine Konsequenz kapitaistischer Produktionsweise -> krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus macht es notwendif, nichtkapitalistische Gebiete zu erobern, um überhaupt noch Mehrwert für die kapitalistischen Klassen zu erwirtschaften; d.h. die sinkenden Profitrate motiviert Imperialismus "aufgeklärte Varianten" sind Dependenztheorien und die Weltsystemtheorie - Dependenztheorien sind in den 1960er ursprünglich in Lateinamerika entstanden und betonen die Existenz hierarchischer Abhängigkeiten (Dependenzen) zwischen Industrie- und Entwicklungsländern - Weltsystemtheorie (Immanuel Wallerstein) geht davon aus, dass sein Jahrhunderten eine soziale Ordnung des Weltsystems besteht, die fort besteht. Zentrum, Semi-Peripherie, auf dieser Perspektive ist ein Aufstieg von Staaten prinzipiell möglich
- (Sozial)Konstruktivismus Kostitutiv, nicht nur Normen, sondern auch Akteure und Interessen sind sozial konsturiert und mithin veränderlich - Handlungsleitende Selbstverständlichkeiten, von denen ausgehend soziale Wirklichkeit und politische Strukturen überhaupt hervorgebracht und aufrechterhalten werden - System der IB als sozio-kulturelle Konstruktion Alexander Wendt 1992, Anarchy is what states make of it: the social construction of power politics - "Macht" und "Bedrohung" sind nicht absolut; keine Automatismen im staatlichen Handeln; Bedeutung von Perzeptionen und (strategischen) Reaktionen und Staaten nimmt zu anderen Theorien der IP zwei zentrale Gegnpositionen ein 1. nicht materielle Strukturen (Machterteilung, Technologie, Interdepenz), sondern idelle Strukturen sind für die IP von primärer Bedeutung 2. nicht zweckrationales sondern "angemessenes Handeln", also Orientierung an Werten, Normen, Rollen und ähnlichem Entwicklung einer Literatur, die sich mit der Frage beschäftigt ob der EU eine normative "Führungsrolle" in der IP zukommt (Pace 2007)
- Akteure Nationalstaaten (Vereinte Nationen. 193, aber nicht alle "de facto"-Staaten "Drei-Elemente-Lehre" von Georg Jellinek: Was ist ein Staat? - soziales Gebilde, dessen konstituierende Merkmale ein von Grenzen umgebenes Territorium (Staatsgebiet), eine darauf als Kernbevölkerung ansässige Gruppe von Menschen (Staatsvolk) sowieo eine auf diesem Gebiet herrschende Staatsgewalt kennzeichnen Internationale Organisationen (IOs) - staatliche (intergouvernementale) Organisationen (IDOs): NATO - nichtstaatliche Organisationen: (I)NGOs: z.b. Attac - Hybride Formen, die staatliche und nichtstaatliche Organisationen umfassen Supranationale Organisationen: EU wachsende Bedeutung nichtstaatlicher, transnationaler AKteure wie etwas transnationale Unternehmen (Facebook, Coca Cola) -> Litertur "Corporate Social Responsibility internationale Regime (kooperative Insitutionen zwischen Nationalstaaten/Organisatinen auf der Basis informeller und formaler Strukturen, Verträge, Normen und Entscheidungsverfahren) z.b. Weltklimaregime (Keohane, Victor 2011) - International: Beziehungen zwischen Staaten und Regierungen - zwischenstaatlich ( teilweise wird der Begriff auch verwendet im Sinne von "über die Staatsgrenze hinaus") - Transnational: alle wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, etc. grenzübergreifende Beziehunge, die nicht über Staaten vermittelt werden (z.b. NGOs, aber auch Terrorakteure oder Kriminalität: "transnationaler Terrorismus / organisiertes Verbrechen") - überstaatlich - Supranantional: Oraganisationen, Zusammenschlüsse oder Vereinbarungen, die durch völkerrechtliche Verträge begründet und deren Entscheidungen und Regelungen für die einzelnen Mitglieder (Staaten, Nationen) übergeordnet und verbindlich sind Supra- und transnational werden mitunter synonym verwendet (nicht!) -Supranational als "Überstaatlichkeit" im staatlich-politischen Kontext -Transnational als "Überstaatlichkeit" im gesellschaftlich-nichtstaatlichen Bereich (Wirtschaft)
- Zusammenfassung Realismus Handlungsziele: Macht / Sicherheit Handlungslogik: Zielorientiert Grundprinzip IB: Machtkonkurrenz Hauptaktuere IB: Regierungen (Staaten) Grundposition: empirisch Eindämmung von Anarchie: Machtgleichgewicht/Hegemonie Ideengeschichtliche Referenz: Hobbes
- Zusammenfassung Liberalismus Handlungsziele: Werterealisierung Handlungslogik: Normorientiert Grundprinzip IB: Wertegemeinschaft Hauptaktuere IB: Staatliche und nichtstaatliche Akteure / Organisationen Grundposition: erst normativ, später empirisch Eindämmung von Anarchie: Insitutionen / Demokratie Ideengeschichtliche Referenz: Kant
- Zusammenfassung Marxismus Handlungsziele: Profitstreben Handlungslogik: Zielorientiert Grundprinzip IB: Profit- und Kapitalkonkurrenz Hauptaktuere IB: Klassen Grundposition: Normaltiv-analytisch Eindämmung von Anarchie: - Ideengeschichtliche Referenz: Marx
- Zusammenfassung Konstruktivismus Handlungsziele: Ideen / Werte / Normen Handlungslogik: Angemessenheit Grundprinzip IB: Kultur Hauptaktuere IB: Staatliche und nichtstaatliche Akteure / Organisationen Grundposition: empirisch Eindämmung von Anarchie: Gemeinschaft Ideengeschichtliche Referenz: Wendt