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Psychologie (Fach) / Kognitionspsychologie: Prosopagnosie (Lektion)
Gesichtererkennung und Prosopagnosie
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- Definition Prosopagnosie = Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen Die sensorischen Fähigkeiten sind vollständig vorhanden, aber die Wahrnehmungsfähigkeit ist eingeschränkt. Visuelle Information kann aufgenommen werden, d.h. die Gesichtszüge einer Person können genau beschrieben werden, aber Gesichter können nicht wiedererkannt werden. Autonomes Nervensystem reagiert auf bekannte Gesichter mit messbarer Schweißbildung, aber trotzdem werden sie nicht erkannt. --> aufgrund des Hirnschadens kann keine Verbindung zwischen dem gespeicherten Wissen und dem sensorischen Input hergestellt werden.
- Welche Präsentationsdauer reicht bei effizienter Verarbeitung für eine korrekte Identitätserkennung aus? Bei stark limitierter Reizdarbietung: PT = 26 ms --> 80% korrekte Identitätserkennung PT = 34 ms --> 96% korrekte Identitätserkennung (relativ) stabile Erkennung (trotz Bildmanipulation)
- Welche Merkmale des Gegenübers werden innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde erkannt? Geschlecht Alter Emotionen Dynamik, Blickwinkel Verbaler Ausdruck Physischer Zustand --> zurückzuführen auf eine komplexe Reizverarbeitung
- Erklären Sie das Funktionale Modell der Gesichtsverarbeitung von Bruce & Young (1986) = das bis heute einflussreichste heuristische Modell zum Verständnis der kognitiven Prozesse während der Verarbeitung von Gesichtern. Basierend auf einer Vielzahl empirischer und neurophysiologischer Befunde zur Gesichtsverarbeitung nehmen Bruce und Young in ihrem Modell unterschiedliche Prozesse an, die parallel und hierarchisch-sequentiell ablaufen: 1. Stufe: Strukturelles Verarbeiten Der 1. Verarbeitungsschritt stellt die strukturelle Verarbeitung dar, wodurch ein Gesicht auch als Gesicht wahrgenommen und klassifiziert wird. Die weitere Verarbeitung des Gesichtsreizes kann dann in verschiedenen Teilprozessen gleichzeitig stattfinden. Eine zentrale Annahme ist hierbei, dass eine Trennung zwischen veränderbaren und ausdrucksunabhängigen Gesichtsmerkmalen vorgenommen wird, die als qualitativ verschieden eingestuft werden. Als Resultat der Perspektivischen Verarbeitung erhält man je nach wahrgenommener Blickrichtung des Stimmulus blickrichtungsabhängige Informationen. Die veränderbaren Aspekte eines Gesichts, also die Sprechmimik, der emotionale Ausdruck und visuell kodierte semantische Informationen, wie z.B. Alter, werden als parallele Module praktisch gleichzeitig verarbeit (links). Durch die Ausdrucksunabhängige Beschreibung erhält man merkmalsbezogene und konfigurale Informationen über das Gesicht. Dieser Prozess läuft separat ab und ist von der Verarbeitung der veränderbaren Aspekte völlig unabhängig (unten). 2. Stufe: FRU Die Identifizierung eines bekannten Gesichts findet in der 2. Stufe des Modells statt, in der die wahrgenommenen ausdrucksunabhängigen Merkmale eines Gesichts mit vorhandenen "Face Recognition Units" (FRUs) abgeglichen werden. In den FRUs wird jedes einzelne bekannte Gesicht gespeichert, das im Langzeitgedächtnis gespeichert ist, wodurch die Wiedererkennung eines Gesichts unabhängig von der aktuellen Darbietung ermöglicht wird. "Ich kenne diese Person, weiß aber nicht woher" 3. Stufe: PIN Die 3. Stufe des Modells stellt den Prozess der Gesichtswiedererkennung dar, in dem Informationen, die mit einem identifizierten Gesicht assoziiert sind, semantisch aktiviert werden. Dies führt über die "Person Identity Nodes" (PIN) zum Abruf von abstraktem Wissen über dieses Gesicht und die dazugehörige Person --> Zuordnung/Einordnung 4. Stufe: Benennung Anschließend kann das Gesicht bzw. die Person benannt werden. --> Erinnern an jeweiligen Beruf (PIN) schneller als an Namen der Person!
- Arbeitsdefinitionen "Expertise" Populäre Definition: Eine Person, die ein hohes Maß an Wissen oder Fähigkeiten (skills) in einem bestimmten Gebiet besitzt. Bsp.: Schach, Radiologie, Problemlösen, Autofahren Kognitionspsychologische Forschung: Mind. 10 Jahre Erfahrung mit Objekt der Expertise ca. 50.000 chunks (Einheiten des Gedächtnisses) Domänen-spezifisches Wissen nötig; kein allgemeines Wissen oder höhere intellektuelle Fähigkeiten. Spezifische Verarbeitungsform, nicht generell schnellere oder bessere Verarbeitung. Schnelle spezifische Verarbeitung unter stark reduzierter kognitiver Kapazitätsnutzung. "Unspezifische" Kandidaten für Expertise: Gesichter verarbeiten: Gesichter erkennen Emotionen lesen können
- Warum gehört "Gesichter erkennen" zu den "unspezifischen" Kandidaten für Expertise? Die Gesichtserkennung bildet sich natürlich, nicht systematisch heraus (--> nicht wie z.B. Experte in Zahnheilkunde). Man muss nicht wahnsinnig gut sehen, um Gesichter erkennen zu können. Gesichtsverarbeitungsprozesse sind sehr komplex und entwickeln sich über eine Lebensspanne; sie sind nicht unabhängig von anderen kognitiven Prozessen! Kinder werden mit dem Alter deutlich besser im Gesichtsverarbeiten/-erkennen --> Fehlerquote nimmt mit 10 Jahren deutlich ab (von ca. 38% mit 8 auf ca. 19% mit 10 Jahren). Alte Menschen (z.B. 80-Jährige) werden wieder deutlich schlechter --> Expertise steigt und sinkt mit dem Alter wieder!
- Holistische Verarbeitungsform von Gesichtern Holistisch Gesichter werden ganzheitlich gelernt. --> wenn Augen, Nase und Mund einzeln gelernt werden sollen, wird das Gesicht nicht so häufig erkannt. --> wird auf Foto Augen oder Mund oder Nase ausgetauscht mit denen von anderer Person, wird bekanntes Gesicht (/berühmte Persönlichkeit) trotzdem erkannt. Problem: Holistische Effekte verhindern systematischen Aufbau eines Gesichts auf der Basis von Gesichtsteilen. Inversionseffekt: rotierte Gesichter sind schwieriger zu erkennen als andere mono-orientierte Objekte (z.B. Häuser) --> Gesichter müssen aufrecht sein, Häuser können auch invertiert sein um erkannt zu werden. Thatcher-Effekt: der groteske Gesichtsausdruck durch das umdrehen von Augen und Mund ist kaum mehr zu erkennen, wenn das Bild/Gesicht auf dem Kopf steht, also um 180 Grad gedreht wurde --> diese Veränderungen werden sehr deutlich wahrgenommen, wenn das Gesicht richtig herum präsentiert wird. Mooney-faces Test (Carbon, Grüter & Grüter 2013): 312 Vpn Probanden werden zweifarbige Bilder von Gesichtern mit wenig Bildinformationen präsentiert --> sollen Merkmale identifizieren und zwischen echten und falschen Gesichtern unterscheiden --> geprüft werden soll die Fähigkeit, kohärente mentale Bilder mit sehr wenig visueller Information zu bilden. Ergebnis: zwischen 11 und 80 Jahren ist der Correcness-Score am höchsten (zwischen 75 und 85%); vorher und nacher fällt die Rate stark ab.
- Welche entscheidenden Verarbeitungsformen von Gesichtern werden unterschieden? Holistisch Konfigural
- Konfigurale Verarbeitungsform von Gesichtern First-Order Relations: Anordnung der Gesichtsmerkmale (Augen über der Nase, Nase über Mund…) --> interpersonell identisch. Second-Order Relations: beschreibt Abstände auf horizontaler bzw. vertikaler Achse zwischen den Gesichtsteilen (Abstand Auge-Mund…) --> tragende Rolle bei der konfiguralen Wahrnehmung, da First-Order Relations bei allen identisch und nicht zur eindeutigen Identifikation von Gesichtern ausreicht. Leder & Carbon 2006: Lokale Veränderung von Gesichtern und Häusern (z.B. Augenfarbe, Haarfarbe, unterschiedliche Dachziegel... bei gleicher Anordnung) Relationale Veränderung von Gesichtern und Häusern (z.B. lange vs. kurze Nase, eng vs. weit auseinanderstehende Augen, Anordnung von Tür und Fenstern bei Häusern...) Komponentiale Veränderung von Gesichtern und Häusern (unterschiedliche Augen, verschiedene Nasen, verschiedene Haustüren, unterschiedliche Fenster...) --> Häuser und Gesichter aufrecht und invertiert dargeboten Ergebnisse: Gesichter bei lokaler Veränderung aufrecht und invertiert am besten erkannt Größter Leistungsabfall zwischen aufrechten und inverierten relational veränderten Gesichtern. Komponential veränderte Häuser aufrecht und invertiert am besten erkannt.
- Was versteht man unter dem Anderer-Ethnien Effekt (Cross-Race-Effect)? Gesichter (und Gesichtsausdrücke), die nicht der eigenen Ethnie entstammen, werden im Vergleich zu Gesichtern der eigenen ethnischen Gruppe schlechter wiedererkannt. Besonders schwerwiegend bei Augenzeugenberichten von Kapitalverbrechen (Alltagsrelevanz).
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- Beschreiben Sie das Experiment von Young, Hay & Ellis (1985) zur Schwierigkeit der Gesichtererkennung 22 Vpn Tagebuchaufzeichnungen über 8 Wochen Systematische Erfassung von Alltagsschwierigkeiten beim Erkennen von Menschen (bezogen auf Gesicht und Stimme) Ergebnis: Ca. 900 Fehler beim Erkennen von Personen --> >40 Fehler pro Person --> ca. 1 Fehler pro Tag Kein einziges Auftreten von „Gesicht nicht erkannt, aber Name gewusst"
- Beschreiben Sie das Experiment von Thomson (1986) zur Schwierigkeit der Gesichtererkennung Ökologisch valide Testung Vpn: Eltern einer Studentin aus Australien Eltern flogen von Australien nach London Tochter folgte unbemerkt und positionierte sich an Bushaltestelle in der Nähe des Hotels; verhielt sich teilnahmslos Vater „erkannte“ sie und grüßte sie; Tochter reagierte nicht --> Vater entschuldigte sich für Fehlerkennung
- Nennen Sie einige Tests bzw. Effekte zur Gesichtsexpertise! Mooney Faces Test (schwarz-weiß Bilder, stark reduzierte Informationen) Composite Face Effect (Zusammensetzung von Gesichtsteilen unterschiedlicher Personen zu einem Gesicht --> wird trotzdem als Gesicht wahrgenommen/erkannt) Inversionseffekt / Thatcher-Effekt (--> Gesicht auf dem Kopf, Augen und Mund umgedreht --> wird als normales Gesicht wahrgenommen) Famous Faces in Unfamiliar Poses Test (Kontexteffekte --> bekannte Gesichter werden in unerwartetem Kontext nicht sicher wiedererkannt) Anderer-Ethnien-Effekt (--> schlechtere Wiedererkennungsleistung von Gesichtern, die nicht der eigenen Ethnie entstammen) Bild-Fallacy (--> Zeigen von ein-identischen Bildern einer Person (interne Validität) vs. unterschiedlichen Bildern einer Person (externe Validität) --> 90% vs. 60% korrekt)
- Nennen Sie zwei Studien zur Schwierigkeit der Erkennung von Gesichtern! Young, Hay & Ellis, 1985: Systematische Erfassung von Alltagsschwierigkeiten beim Erkennen von Menschen (Gesicht und Stimme) über Tagebuchaufzeichnungen. Thomson, 1986: australische Eltern sehen Tochter in London, keine Reaktion von ihr --> Vater entschuldigt sich für Fehlerkennung.
- Beschreiben Sie den Versuch von Bruce (1982) zur Bild-Fallacy! Fallacy = Trugschluss/Irrtum/Täuschung Probanden werden Bilder zweier verschiedener Kriterien vorgelegt: interne vs. externe Validität Verwendung von ein-identischen Bildern einer Person = interne Validität Verwendung von unterschiedlichen Bildern einer Person (--> Gesichtsausdruck und/oder Blickwinkel verändert) = externe Validität Ergebnis: auf Bildern mit interner Validität werden Personen zu 90 % korrekt wiedererkannt, auf Bildern mit externer Validität nur zu 60%.
- Wie werden nicht persönlich bekannte Gesichter gespeichert? Nicht persönlich bekannte Gesichter werden eher "ikonisch" verarbeitet und im Ikonischen Gedächtnis (oder auch "Ikonischem sensorischen Speicher" genannt) gespeichert. Das Ikonische Gedächtnis = der Teil des sensorischen Gedächtnisses (auch sensorisches Register oder Ultrakurzzeitspeicher), der für visuelle Wahrnehmungen zuständig ist. speichert alle ankommenden visuellen Informationen zwischen und macht sie für die weitere Verarbeitung zugänglich (--> läuft unbewusst ab).
- In welchen Situationen bekommt die Gesichtserkennung Alltagsrelevanz? bei Augenzeugenberichten von Kapitalverbrechen Passkontrolle Betrugsszenarien
- Wie gut werden berühmte Gesichter im Vergleich zu persönlich bekannten Gesichtern in unterschiedlichen Settings wiedererkannt? Carbon (2008): Berühmte Gesichter werden auf Originalbildern deutlich besser wiedererkannt, als persönlich bekannte Gesichter (75% vs. 45%). Wurden die Bilder modifiziert, werden persönlich bekannte gesichter etwas besser wiedererkannt als berühmte Gesichter (um die 40%). Sind die Bilder ungewöhnlich, werden persönlich bekannte Gesichter mit 40% deutlich besser wiedererkannt als berühmte Gesichter mit 25%.
- Gibt es einen Widerspruch zwischen der Gesichtererkennung im Labor und im Alltag? Ja, denn der Kontext stellt viele Informationen bereit die Situation stellt zusätzliche Informationen bereit Erwartungen bereiten Selektion von Informationen vor man sieht eine Person (evolutionär gesehen) nur zu einer bestimmten Lebenszeit: der aktuellen! Gesichter sind oft unterschiedlich genug
- Kann man bei der Gesichtserkennung von Expertise sprechen? Echte "Expertise" zeigt sich nur für persönlich vertraute Gesichter. Die Gesichtserkennung von persönlich vertrauten Gesichtern ist ein Expertise-basierter Prozess. Viele andere Prozesse der Gesichtsverarbeitung laufen ebenfalls Experise-basiert ab. Jedoch: Identitätsfestellung von persönlich nicht bekannten Gesichtern läuft eher ikonisch als strukturell bzw. Expertise-basiert ab! ABER selbst bezogen auf persönlich bekannte Gesichter können wir diese "Gesichtsklasse" nicht alle adäquat verarbeiten --> Prosopagnosie!
- Was versteht man unter Prosopagnosie? Prosopon = Gesicht; agnosia = nicht wissen/erkennen --> Beeinträchtigte Gesichtserkennung bei intakter Objekterkennung --> selbst die Erkennung persönlich vertrauter Gesichter ist kaum möglich. Unterscheidung zwischen erworbener und kongenitaler (angeborener) Prosopagnosia. Erste Fallbeschreibung (erworbener) Prosopagnosia durch Bodamer im Jahr 1947. Nicht adäquate Bezeichnungen: "face blindness" "Gesichtsblindheit"
- Welche Klassifikationen von Prosopagnosie werden unterschieden? Erworbene Prosopagnosia Ursachen: Unfall, Hirnschlag, Gasvergiftung Meist Verletzungen im ventralen Pfad zwischen Okzipital- und Temporallappen. Bouvier & Engel 2006: von 100 untersuchten Fällen 32% unilateral rechts 3% unilateral links 65% bilateral Kongenitale (angeborene) Prosopagnosia Keine Krankheit sondern Dysfunktion Von Kindheit an --> bei Kindern schwer zu erkennen (--> durch Blickrichtung), weil sie noch im Lernen sind. Massive Probleme der Erkennung von Personen über reinen Gesichtsreiz. Sind deutlich schlechter darin, Identität, Blickrichtung und Auffälligkeit von Personen einzuschätzen/ zu erkennen. Keine Einschränkungen der Erkennung von Objekten. Unsicherheiten der Erkennung (Grüter & Carbon, 2010): sowohl positive Negative ("Falsche Alarme"), als auch negative Positive ("Missings") Wird als hereditär (=vererbt/erblich) angesehen (Grüter, Grüter & Carbon, 2008). Viele entschuldigen sich ständig oder finden Ausrreden, um sozial nicht aufzufallen. ca. 2,5% der Weltbevölkerung betroffen.
- Warum fällt Prosopagnosie im Alltag kaum auf? Multimodale Kompensierbarkeit vielfältige Vermeidungsstrategien Entschuldigungs-/Erklärungsstrategien Tests erfassen oft nicht das ganzheitliche Verhalten Lernhistorie wird meist nicht berücksichtigt Verwechslung mit Namensgenerierungs-Problem