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Persönlichkeitsppsychologie WiSe17/18 (Fach) / 2. Vorlesung (Psychoanalyse) (Lektion)
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- Wissenschaftsparadigma (Definition) Wie verändern sich jeweils dominante Paradigmen meist? Wissenschaftsparadigma = Einigermaßen kohärentes, von vielen Wissenschaftlern geteiltes Bündes aus theoretischen Leitsätzen, Fragestellungen und Methoden, das längere Perioden in der Entwicklung einer Wissenschaft überdauert (Kuhn, 1967) Wie verändern sich jeweils dominante Paradigmen meist? "Normale Wissenschaft" Anomalien (erwartungswidrige Befunde) Leichte Modifikation oder Krise Paradigmenwechsel
- Menschenbild: Dynamisches Modell Dynamisches Modell Psyche als abgeschlossenes Energiesystem Energie aus angeborenen Trieben gespeist (körperliche Spannungszustände) Drängen auf Entladung durch Triebbefriedigung an Triebobjekten (auch: Aufschiebung, Modifizierung) Spezifisches Interesse für: Sexualtrieb Eros und sexuelle Energie Libido, Todestrieb Thanatos und aggressive Energie Destrudo Hoffnung Freuds: Psychische Energie und Triebimpuse physiologisch messbar zu machen
- Menschenbild: Strukturmodell (Prinzipien nicht vergessen) Menschenbild: Topografisches Modell Strukturmodell Über-Ich: Verinnerlichte Normen der Kultur; Gebote und Verbote, Ich-Ideal und Gewissen; folgt dem Moralitätsprinzip Ich: Kontakt zur Außenwelt; Ich-Funktionen; folgt dem Realitätsprinzip Es: Bei Geburt vorhanden; Sitz der Triebe, Energiereservoir; folgt dem Lustprinzip Topografisches Modell Bewusst: Inhalte des momentanen Bewusstseins Vorbewusst: Prinzipiell dieselben Inhalte, nur reicht die Stärke nicht aus, das Bewusstsein zu erreichen Unbewusst: Inhalte der bewussten Ebene auch bei großer Anstrengung nicht offen zugänglich
- Ängste und Angstverarbeitung Angst entsteht, wenn das ICH durch Reize überflutet wird, die es nicht mehr bewältigen kann Realangst: Reize aus der Umwelt Neurotische Angst: Triebimpulse des ES Moralische Angst: Ansprüche des ÜBER-ICHs Angstabwehrmechanismen, z.B.: Verdrängung ins Unbewusste Projektionen auf Andere Verleumdung Sublimierung (Ersatzhandlungen) Reaktionsbildung (Umkehr ins Gegenteil) Rationalisierung (Umdeutung eigenen Verhaltens)
- Persönlichkeitskonzept: Mögliche Ursachen von Persönlichkeitsunterschieden Bisher gesagtes: Universelle Prozesse Mögliche Ursachen von Persönlichkeitsunterschieden: Unterschiedliche Stärke der Es-Ansprüche / Triebstärke (Konstitution) Unterschiedliche Stärke der Ich-Funktion und der Über-Ich-Ansprüche (Erfahrung) Tpische Triebdynamik einer Person (Charakter) als gemeinsame Funktion von angeborener Konstitution und Erfahrung Bewusste und unbewusste Anteile
- Charaktertyp >> Merkmale Oraler Charakter Einnehmend (Oral vermittelte Genüsse, materielles Gewinnstreben, Sensationslust, Wissbegierde), Aggressiv (Sarkasmus, Streitlust) Analer Charakter Retentiv (Geiz, Ordnungsliebe, Zwanghaftigkeit), Expulsiv (Verschwenderisches Verhalte, Mangel an Selbstkontrolle) Phallischer Charakter Mann (Männlichkeitsbetonung, übermäßiges Erfolgsstreben), Frau (Kokettes, gleichzeitig naives, sexuelle Absichten leugnendes Verhalten)
- Persönlichkeitskonzept: Differentielle Bevorzugung von Abwehrmechanismen Individualtypische Bevorzugung bestimmter Abwehrmechanismen im Verlauf der Ich-Entwicklung z.B. typische Verdränger, Projizierer oder Verleugner
- Methodik Erwachsene Patienten durch freies Assoziieren dazu bringen, unbewusste Triebimpulse verbal zu äußern >> Datenmaterial: Freie Assoziationen (und ggf. faktische Erlebnisse, schriftlich fixierte Gedanken) Deutung dieses Materials aufgrund Theorie Interpretation kommuniziert Akzeptanz oder Abwehr durch Patienten Überzeugung (auf beiden Seiten) Einsicht in unbewusste Motive gewonnen zu haben
- Empirische Bewährung Für persönlichkeitspsychologisch relevante Anteile der Pyschoanalsye: Überprüfung negativ Entweder unmöglich, da zu unklar definiert, um klar operationalisierbar zu sein Falls möglich: Negative Evidenz >> >> frühkindliche Phasenlehre >> Frustrationen und Charakterentwicklung >> Ähnlichkeit mit Elternteil
- Bewertung psychoanalytisches Paradigma Psychoanalytisches Menschenbild überbetont irrationale auf Kosten rationaler Prozesse und sexuelle und aggressive Motive auf Kosten anderer Motive Methodik inakzeptabel für empirische Wissenschaft Fehlende empirische Bestätigung Empirische Wissenschaft oder orthodoxes Glaubenssystem
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- Bewertung Methodik/Vorgehensweise Immunisierung der Theorie: Akzeptanz = Bestätigung, Wiederstand = Wirken von Abwermechanismen Analytiker als Autorität: Gefahr der Suggestion Fehlende Operationalisierung zentraler Begriffe (z.B. Fixierung? Triebstärke? Unbewusste Anteile?) Fehlende Diagnose-Regeln (Angstabwehr? Fixierung?) Erinnerungen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse als alleinige Datenquelle Beschränkung auf neurotische Patienten Aber: heuristisch fruchtbar für Persönlichkeitspsychologie Konzept unbewusster Prozesse und Motive (z.B. Zweiprozesstheorien) Bedeutung früher Objektebeziehungen (z.B.Bindungsstilforschung) Angst und Angstabwehr (z.B. Angst- und Stressbewältigungsforschung)
- Zusammenfassung Es, Ich und Über-Ich als drei psychische Instanzen Psychische Prozesse bewusst, vor- oder unbewusst Abwehrmechanismen zur Angstweiterverarbeitung Persönlichkeitsunterschiede aufgrund von... Differentielle Stärke der Instanzen Es, Ich, Über-Ich Differentielle Fixierung auf Entwicklungsphasen Differentielle Bevorzugung von Abwehrmechanismen
- Differentielle Fixierung von Entwicklungsphasen Erfahrungen in den ersten drei frühkindlichen Entwicklungsphasen prägen den späteren Charakter Fixierung von frühkindlichen Triebimpulsen durch zu große Triebbefriedigung oder -einschränkung >> Orale Fixierung (Stillen, Saugen), Anale Fixierung (Sauberkeitserziehung), Phallische Fixierung (Lösung Ödipuskonflikts) Fixierung bestimmt den Charakter